Psychologie von Managern

06. März 2018 22:13; Akt: 06.03.2018 22:13 Print

Darum ist Macht wie eine Droge für Chefs

von V. Blank - Der Fall von Pierin Vincenz zeigt: Ein hoher Posten kann den Blick für das eigene Verhalten verschleiern. Experten erklären, wie Macht blind machen kann.

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Die Staatsanwaltschaft untersucht die früheren Deals von Pierin Vincenz, dem ehemaligen CEO der Raiffeisen-Gruppe. Vincenz sitzt in Untersuchungshaft – laut Medienberichten im Gefängnis an der Kasernenstasse in Zürich. Blick auf das Wohnhaus von Pierin Vincenz in Niederteufen am Freitag, 2. März 2018. Patrik Gisel, CEO der Raiffeisen Gruppe, an der Bilanzmedienkonferenz vom Freitag, 2. März 2018: «Ich bin erschüttert von den Ereignissen im Fall Vincenz.» «Einen Rücktritt schliesse ich aus», sagte der Bank-CEO und langjährige Wegbegleiter von Vincenz. Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat die Untersuchungshaft von Vincenz am Donnerstag, 1. März 2018, beantragt. Das Verfahren der Zürcher Staatsanwaltschaft wurde bereits am Vortag eröffnet: Sie ermittelt gegen Vincenz wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung. Am Dienstag, 27. Februar 2018, führte die Zürcher Staatsanwaltschaft zusammen mit der St. Galler Staatsanwaltschaft Hausdurchsuchungen an Vincenz' Wohnsitz durch. Für den Ex-Banker kam die Razzia völlig überraschend. «Als gestern Morgen früh die Polizei vor der Tür stand, war das für mich ein Schock», sagte er. In Bedrängnis kommt durch die Untersuchungen auch der aktuelle Raiffeisen-Chef Patrik Gisel. Raiffeisen - im Bild nochmals Raiffeisen-Chef Patrik Gisel - hat am 28. Februar 2018 selbst Strafanzeige gegen ihren ehemaligen Chef Pierin Vincenz eingereicht. Vincenz, hier am Zürcher Sechseläuten 2013, war von 1996 bis 2015 für die Raiffeisen-Bank tätig. Der Bündner galt lange Zeit als Vorzeigemanager der Schweizer Bankenszene. Gefeiert wurde er auch wegen seiner lockeren Art und seiner gewissen Coolness.

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Von seinem einstigen Ansehen als Bankchef wird Pierin Vincenz in diesen Tagen nicht mehr allzu viel spüren. Der ehemalige Raiffeisen-CEO sitzt in Zürich in U-Haft. Die Staatsanwaltschaft untersucht, ob er sich durch private Beteiligungen persönlich bevorteilt hat.

Vincenz ist nicht der erste Manager, der von ganz oben tief fällt. Dem Firmensanierer Hans Ziegler flogen seine mutmasslichen Insidergeschäfte um die Ohren, dem Ex-Novartis-Chef Daniel Vasella seine Abgangsentschädigung von 72 Millionen Franken. Die Fälle mögen anders gelagert sein als derjenige von Vincenz – gemeinsam ist den ehemaligen Wirtschaftsstars, dass sie in einer Spitzenposition waren und man in der Branche ehrfürchtig zu ihnen aufschaute.

Weniger Sinn für die Realität

Warum erliegen mächtige Chefs immer wieder der Verlockung der Macht – genau sie, die ohnehin schon genug Geld haben? Es sei eine Art Scheinwelt, in der viele Manager leben würden, so Milan Kalabic, Facharzt für Psychiatrie an der Klinik Teufen Group: «Dort ernten sie ständig Beifall, und diese Bestätigung verleitet sie dazu, immer mehr zu wollen – fast wie eine Droge.» So würden etwa persönliche Bereicherungen nicht als problematisch erachtet, sondern als Normalität.

Der ZHAW-Psychologe Simon Hardegger ist auf Führungskräfteentwicklung spezialisiert. Auch er glaubt fest daran, dass eine Machtposition den Menschen verändert. «Viel Macht entfernt Führungskräfte ein Stück weit von der Realität», sagt er zu 20 Minuten. Chefs stünden unter enormem sozialen Druck. «Das kann das Verhalten negativ beeinflussen», so Hardegger.

Diese Beeinflussung äussert sich beispielsweise darin, dass ein Manager Dinge tut, die «nicht mehr okay sind», wie es der Psychologe formuliert. Will heissen: Weil plötzlich andere Ziele in den Vordergrund rücken – etwa der finanzielle Gewinn –, bleiben Anstand oder Ehrlichkeit auf der Strecke. «In einer Machtposition ist es oft schwierig, dass man seinen Prinzipien treu bleiben kann», erklärt Hardegger.

Bei Personen auf oberster Managementebene kommt aus psychologischer Sicht auch der Rechtfertigungsmechanismus zum Tragen. «Auch wenn sie wissen, dass sie eigentlich etwas Schlechtes machen – etwa Betrügereien –, legen sie für sich Gründe zurecht, damit sie damit leben können.»

Trügerisches Gefühl von Integrität

Chefarzt Kalabic spricht in diesem Zusammenhang von einer Wahrnehmungsstörung. Der Facharzt für Psychiatrie kennt die Persönlichkeit vieler Manager, die er unter anderem bei Burn-outs behandelt. «Auch wenn ein ranghoher Chef einen Fehler begeht: Solange die Geschäftszahlen stimmen, hat er oft noch das Gefühl, integer zu handeln – er empfindet sein Verhalten nicht als aussergewöhnlich.»


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gilly am 06.03.2018 23:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und Tschüss

    Und genau darum ist es gut wenn Politiker, VRs, CEOs nach einer gewissen Zeit abtreten und sich wo anders wieder Bewähren müssen...

  • Flørigni am 06.03.2018 22:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hätte, hätte, Fahrradkette

    Nur weil jemand über hunderte von Millionen entscheidet ist seine Arbeit nicht hunderte Millionen Wert. Manager sollten sich als diejenigen Verstehen, welche der arbeitenden Bevölkerung dienen, indem sie die Arbeit in sinnvolle Bahnen lenken. Wenn es so wäre hätten sie immer noch viel Kohle und sie hätten einen so guten Ruf wie ihn Ärzte einst hatten.

  • Waterpolo1s am 06.03.2018 22:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meine Meinung Nr. 1

    Meine Meinung: 1. Wenn Manager nie von der Picke auf arbeiten mussten, dann fehlt ihnen (verständlicherweise) der Bezug zur Arbeit mit wenig Lohn. Fortsetzung folgt ....

Die neusten Leser-Kommentare

  • anna am 08.03.2018 12:17 Report Diesen Beitrag melden

    Macht korrumpiert !

    Alter Spruch noch immer wahr : Macht korrumpiert !

  • Dan y el am 08.03.2018 07:33 Report Diesen Beitrag melden

    Macht vor Geldgier

    Der Titel trifft voll ins Schwarze.

  • rakete am 07.03.2018 18:52 Report Diesen Beitrag melden

    an die Macht

    Wer ein bisschen die Kommentare und Interviews von Herrn Vincenz über die letzten Jahre verfolgt hat, dem wurde bewusst dass hier eine Veränderung vor sich ging, man nennt es Machtstreben.

  • Delphin64 am 07.03.2018 17:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    VIPs? Das ich nicht lache

    Man sollte eh Berufe (ob jetzt in der realen Arbeitswelt oder in der Unterhaltung, sprich Sport, usw.) abschaffen, bei denen man soviel verdient, dass man gar nicht alles realistisch ausgeben kann. Diese Grossverdiener sind nicht wichtiger als wir. Das haben wir aber aus den Medien, dass es ohne sie nicht funktionieren würde und sie deshalb so hohe Löhne beziehen dürften. Ein Beispiel: Wir ziehen für nur zwei Monate alle Handwerker ab. Keine Heizung mehr, kein WC funzt mehr, wir hätten keinen Strom mehr und der Kehricht bleibt liegen. Und wir arbeiten für einen Lohn ...... Naja, Sie wissen, was ich meine. Wer sind jetzt die VIP's?

  • panzerknacker am 07.03.2018 16:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    psychologie?

    die grössten räuber sind zumeist schon im haus. die anderen wollens nur mal probieren und werden dann von genf bis sanktmargreten, mit musik und blaulicht begleitet