Profiteur Lufthansa

28. September 2011 17:16; Akt: 02.10.2011 11:12 Print

Als die Schweiz ihre Lufthoheit verlor

von Lukas Hässig - Milliarden für Deutschland, ein hübsches Logo für die Schweiz: Von der durchstartenden Swiss profitiert in erster Linie ihre Muttergesellschaft Lufthansa.

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Infografik zum Grounding der Swissair.

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Die Swiss verpasst sich derzeit einen neuen Auftritt, mit angepasstem Logo und neuer Botschaft. Das kann man unnötig finden, doch macht es deutlich, dass die Swiss wirtschaftlich floriert. Sonst könnte sie kaum Geld für solche Äusserlichkeiten aufwerfen.

Was sich als Erfolgsgeschichte entpuppt, hat seine Anfänge in einem der grössten Traumen der Nation. Vor zehn Jahren, als die New-Yorker Zwillingstürme von Terroristen zerstört und Tausende von Leben ausradiert wurden, ging der Swiss-Vorgängergesellschaft Swissair buchstäblich der Sprit aus. Drei Wochen nach 9/11 blieben deren Flieger am Boden; sie waren gegroundet.

«Phoenix» kostete 4 Milliarden

Überleben sollte hingegen die Swissair-Tochter Crossair. Doch der Plan des «Phoenix», in Anlehnung an das griechische Sagentier, das aus der Asche auferstand und hoch in den Himmel flog, scheiterte am nationalen Protest. Die Schweiz wollte keine regionale Crossair, sondern eine interkontinentale Swissair. Zudem stand der wirtschaftliche Erfolg der kleineren Crossair ebenfalls in den Sternen.

So kam es zu einem einzigartigen Schulterschluss von öffentlicher Hand und Wirtschaft. Zusammen warfen sie rund vier Milliarden auf, um aus dem Europa-Carrier Crossair eine nur leicht abgespeckte Swissair mit Langstreckenverbindungen und Drehkreuz in Zürich-Kloten zu machen. Im Frühling 2002 hob der «Phoenix» mit 26 Lang- und 26 Mittelstrecken-Jets unter dem Namen Swiss ab.

Es folgte ein drei Jahre dauerndes Trauerspiel mit horrenden Verlusten, gescheiterten Kooperationen, gnadenlosen Konkurrenten, weltfremden Gewerkschaften und überforderten Managern. Bis im März 2005 das nächste Grounding vor der Tür stand. Da endlich zogen Bundesrat und Swiss-Verwaltungsrat die Notbremse und akzeptierten eine Übernahmeofferte der deutschen Lufthansa zum Schnäppchenpreis. Für 300 Millionen Euro gaben sie die milliardenteure Swiss aus der Hand.

Vom Minus zum Rekord-Plus in sechs Jahren

Danach gings steil bergauf. Während die neue Lufthansa-Tochter für das Geschäftsjahr 2005 noch einen Vorsteuerverlust von 14 Millionen Franken auswies, flossen ein Jahr später bereits 231 Millionen Betriebsgewinn in die Erfolgsrechnung des deutschen Luftfahrt-Konzerns. Danach zündete die Swiss den Nachbrenner. Für das Geschäftsjahr 2007 lag ihr Vorsteuergewinn bei 571 Millionen, 2008 bei 507 Millionen, 2009 bei 146 Millionen, 2010 bei 368 Millionen.

In sechs Geschäftsjahren verdiente die deutsche Lufthansa-Gruppe mit ihrer Schweizer Airline-Tochter vor Steuern 1809 Millionen Franken. Abzüglich des Kaufpreises von rund 300 Millionen Euro bleiben unter dem Strich je nach Wechselkurs rund 1,4 Milliarden Franken.

Die Frage stellt sich, ob die Schweiz im dümmsten Moment verkauft hat — kurz bevor es mit der Airline-Branche weltweit aufwärts ging. Damals waren viele Beobachter, auch der Schreibende, der Meinung, dass die Swiss im Alleingang keine Chance im Markt haben würde. Nur wenige, allen voran der «Blick», lehnten den «Ausverkauf der Heimat» ab.

Ob sich die Swiss ohne Verbündete gegen die harte Konkurrenz hätte durchsetzen können, bleibt auch im Rückblick unklar. Recht kriegten die Kritiker des Verkaufs bei der Einschätzung, dass die Swiss als Qualitäts-Airline sehr wohl eine Chance hatte. Was sie brauchte, war eine professionelle Führung und Geld, um in neue Flugzeuge zu investieren. Dazu war die Lufthansa bereit, die Schweiz hingegen nicht.

Luft-Infrastruktur in deutscher Hand

Ein zweiter Punkt schlägt negativ auf die Gesamtrechnung: Die Luftinfrastruktur der Schweiz hängt nicht allein vom Beton auf dem Boden ab, sondern auch vom Home-Carrier. Es brauchte die Swissair, respektive ab 2002 die Swiss, um im teuer gebauten Zürich-Kloten-Airport ein Luftdrehkreuz betreiben zu können. Ohne die nötige Masse lässt sich dies nicht bewerkstelligen.

Der Hub, wie das Drehkreuz in der Fachsprache heisst, führt auf der Aktivseite zu einem attraktiven Flugangebot. Ab Zürich gelangen die Flugreisenden heute in praktisch alle wichtigen Geschäftszentren der Welt, direkt oder mit einem einfachen Umsteigeflug. Das ist nicht nur praktisch, sondern stärkt Zürich und damit weite Teile der Schweiz im Standortwettbewerb.

Negativ zu Buche schlägt der Lärm. Diese Geschichte steht aber auf einem anderen Blatt Papier und wird in nächster Zeit an der Urne - mit der Abstimmung über ein Pistenmoratorium - und in Verhandlungen mit Deutschland - über die Maximal-Zahl von Anflügen - entschieden.

Als Fazit bleibt, dass die Swiss eine Erfolgsstory ist, von der in erster Linie die Mutterfirma Lufthansa und damit Deutschland als Heimatstaat des Airline-Konzerns profitieren. Die Schweiz kann insofern zufrieden sein, als sie ihr Drehkreuz Zürich retten konnte. Doch die Nachteile wiegen schwer: Das Land hat die Lufthoheit über einen wichtigen Teil ihrer Infrastruktur verloren. Sie wird dort zunehmend von Deutschland aus fremdbestimmt.