Krankenversicherung

06. Oktober 2010 10:49; Akt: 13.10.2010 13:30 Print

Managed Care - das Modell der Zukunft?

von Gérard Moinat - Ärztenetzwerke könnten schon 2012 das Standardmodell der Grundversicherung werden. Was bedeutet das für die Versicherten konkret?

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Managed Care hat für die Versicherten viele Vorteile. (Bild: Keystone)

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Im Juni hat der Nationalrat der Managed-Care-Reform zugestimmt. In dieser Wintersession kommt die Vorlage nun in den Ständerat. Es geht - grob gesagt - darum, Anreize zu schaffen, damit sich möglichst viele Versicherte in integrierten Ärztenetzwerken behandeln lassen. In einem derartigen Netzwerk wird die medizinische Betreuung zentral gesteuert. Dies soll nicht nur Kosten sparen, sondern wegen der besseren Koordination auch die Behandlungsqualität erhöhen.

Umfrage
Käme ein Managed-Care-Modell in Frage?
22 %
16 %
25 %
37 %
Insgesamt 593 Teilnehmer

Als Anreiz für einen Wechsel in ein Managed-Care-Modell steht die Erhöhung des Selbstbehaltes bei freier Arztwahl von heute 10% auf künftig 20% zur Diskussion. Wer sich mit einem Managed-Care-Modell versichern lässt, soll dagegen weiterhin bloss 10% der Behandlungskosten selbst tragen müssen.

Bereits 2012 könnten die neuen Spielregeln für Managed Care Realität werden - wenn niemand die 50 000 für ein Referendum nötigen Unterschriften sammelt. «Doch», bedauert Felix Schneuwly, Kommunikations-Verantwortlicher von Santésuisse, «diverse Kreise wollen diese für die Versicherten wichtige Reform verzögern.» Santésuisse ist der Branchenverband der schweizerischen Krankenversicherer.

Chronisch Kranke verhalten positiv eingestellt

Managed Care gibt es bereits heute. Und jedes Jahr entscheiden sich mehr Versicherte für dieses Modell. Bereits haben rund 10% der Versicherten eine Managed-Care-Lösung mit eigener Budgetverantwortung gewählt. Fasst man den Managed-Care-Begriff weiter, zählt auch das Hausarztmodell dazu. Damit sind es laut Bundesamt für Gesundheit sogar 30%. Erste Anlaufstelle ist hierbei immer der Hausarzt. Managed Care ist bisher vor allem unter dem Label «günstigere Prämien» verkauft worden. «Doch vor allem chronisch Kranke vermag man mit dem Argument günstigerer Prämien nicht zu überzeugen. Dort muss die Qualität der Medizin stimmen», so Schneuwly.

Und genau das könne Managed Care besser als das freie Ärztehopping, argumentieren die Befürworter. Gleichzeitig würde das Kostenwachstum gebremst, weil Doppelspurigkeiten vermieden werden könnten. Schneuwly räumt ein, dass es für viele Versicherte paradox sei, dass das günstigere Produkt gleichzeitig das bessere sei. Doch es sei vergleichbar mit Individualreisen oder Pauschalangeboten.

Vorteile von Managed Care

Der Trick an Managed Care ist: Der Informationsfluss wird verbessert. Heute werden Kranken-Dossiers zwischen Ärzten nicht optimal weitergeben. Der Bruch zwischen Ärzten und Spitälern ist gross - ständig müssen Unterlagen ausgedruckt und weitergeschickt werden. Schneuwly: «Deshalb kommt man als Patient nur zögerlich weiter und es ist vor allem eins: teuer».

Neben unzuverlässigen und unterbrochenen Informationsflüssen machen auch Mehrfachuntersuchungen oder gar Mehrfachbehandlungen das jetzige System teuer. Gerade bei Notfällen müsse das Spital neu anfangen, weil das Patientendossier beim Hausarzt in der Schublade sei, erklärt er.

Alle gegen einen soll ein Ende haben

Mit Managed Care haben jedoch alle behandelnden Fachleute Einsicht in das elektronische Patientendossier. Ein Patient muss nicht mehr unzähligen Fachleuten seine Beschwerden von neuem schildern. Der Ablauf aller Behandlungen wird geplant, abgesprochen und bei Bedarf korrigiert. Teamwork statt Einzelkämpfertum ist das Erfolgsrezept des Modells.

«Der Versicherer muss ein Interesse an einem solchen Versorgungssystem haben, mit dem effektiver und effizienter gearbeitet wird», glaubt Schneuwly.

«Der springende Punkt ist», und spätestens hier gerät Schneuwly ins Schwärmen, «Leistungserbringer werden mit Managed Care nicht mehr über den Umsatz bezahlt.» Sondern sie würden belohnt, wenn sie das Budget mit guter Qualität einhalten oder gar unterschreiten.

Ein zusätzliches Röntgenbild, eine Blutuntersuchung mehr zu machen, bringt einem Hausarzt in einem Netzwerk — anders als heute — nicht mehr Einkommen. Sondern die Qualität der Behandlung entscheidet.

Und diese ist mit Netzwerkangeboten besser dokumentiert. Netzwerke sind in puncto Dokumentation und Weiterentwicklung der Qualität schon heute besser als einzelne, unabhängige Spitäler und Ärzte.

Misstrauen in der Bevölkerung

Doch das Misstrauen gegenüber dem System ist gross: Die Angst vor Missbrauch digitaler Daten steckt tief in den Köpfen der Menschen. «Aber da täuschen sie sich. Denn nur befugte Fachpersonen haben Einsicht in das elektronische Patientendossier», ist Schneuwly bemüht, derlei Ängste zu zerstreuen.

Ausser den Datenschützern und umsatzorienterten Ärzten hat Managed Care noch andere Gegner: Auch die Pharma- und Medizinaltechnikindustrie sind an Einzelarztpraxen interessiert, da dort über den Umsatz verdient wird.

Mit Managed Care besteht aber laut Gesetzesentwurf künftig ein Globalbudget für alle Versicherten einer Versicherung im gleichen Netzwerk. Nicht mehr medizinische Leistungen, sondern die wirksameren und kostengünstigeren werden belohnt.

Der Gesetzgeber sieht eine Übergangsfrist von drei Jahren vor, bis alle Versicherer ein solches Angebot anbieten müssen. «Wir aber finden einen solchen staatlichen Zwang nicht gut», so Schneuwly. Wichtig ist die Freiwilligkeit der Kassen, der Leistungserbringer, aber auch der Patienten. «Sonst kommt es zu Pseudo-Managed-Care-Angeboten», so Schneuwly.

Das Problem am Managed-Care-Modell ist zudem die noch fehlende Unterstützung in der Bevölkerung: Nur 28 Prozent aller Stimmberechtigten in der Schweiz erwägen gemäss dem «Gesundheitsmonitor 2010» die Einschränkung der freien Arztwahl mit Managed Care. Doch eine weitere Umfrage zeigt: Die Skepsis gegenüber Managed Care nimmt ab, je besser die Befragten informiert sind.