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Eat this!

25. März 2017 14:42; Akt: 07.04.2017 17:08 Print

Die Schweiz ist unterernährt

Sie essen wenig und nehmen doch zu? Kolumnist Jürg Hösli erklärt, warum Dauerstress unsere grösste Problemzone ist.

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Abstinent durch den stressigen Alltag, Heisshunger nach Feierabend: Frontalangriffe auf den Kühlschrank machen dick. (Bild: Artfoliophoto)

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Zugegeben, der Titel beinhaltet eine drastische Aussage, aber ich hoffe Sie werden mir die Wortwahl verzeihen, wenn ich sie unten erklären werde.

Umfrage
Nehmen Sie sich Zeit für Ihr Mittagessen?
72 %
12 %
10 %
6 %
Insgesamt 4816 Teilnehmer

Es gibt kaum ein Jahr, in dem uns nicht von irgendwelchen Statistikern vor Augen geführt wird, dass wir uns falsch ernähren. Vor rund einer Woche kam die neuste Ernährungserhebung heraus. Sie scheint klar aufzuzeigen, dass wir zu viel essen und erst noch komplett falsch. Der Anteil an Fleisch, Salz und Zucker sei viel zu hoch.

Vor etwas über einem Jahr hat Bundesrat Berset zudem den heiligen Gral gefunden und Zucker in Joghurts und Müesli dafür verantwortlich gemacht, dass unsere Kosten im Gesundheitswesen explodieren. Das müsse geändert werden, damit wir alle wieder gesund würden.

Genau solche Aussagen ergeben wenig Sinn und sind äusserst kurzsichtig, wenn wir die gelebte Ernährungwirklichkeit etwas realistischer betrachten. Unsere Gesellschaft hat kaum ein Ernährungsproblem, wir haben vielmehr ein Stressproblem. Der Druck im Alltag nimmt immer mehr zu, Firmen erwarten immer mehr Einsatz. Pausen oder die Mittagszeit werden immer mehr als Besprechungszeit verwendet, der Leistungsdruck nimmt zu, die allgegenwärtige Erreichbarkeit ebenfalls. Die Frage «Könntest du noch?» wird nicht mehr als Frage, sondern als Aufforderung verstanden. Pflichterfüllung steht über eigenen Bedürfnissen.

Die Zeit, die wir über den Tag für uns haben, wird immer weniger, und somit auch unsere bewusste Essenszeit. Über den Tag folgen wir der Tasklisten-Struktur und weniger dem Wunsch unseres eigenen Körpers, in Ruhe hochwertige Lebensmittel zu essen. Wir sind immer mehr in Eile, und die bewusste Lebensmittelauswahl verschiebt sich vom Müesli-Frühstück zum Znüni-Kaffee mit Gipfeli am Arbeitsplatz.

Die Mengen, die wir über den Tag essen, werden immer weniger. Immer weniger Menschen frühstücken, Znüni scheint ebenfalls überbewertet. Zum Mittagessen muss ein Sandwich reichen. Einige treiben über Mittag Sport, danach ist nur Zeit für etwas Kleines, die Zeit reicht ja kaum fürs Training. Am späteren Nachmittag kommt dann der Heisshunger. Wer Selbstdisziplin hat, schafft es gerade noch nach Hause ohne den Gang zum Kiosk. Wenn wir Tiere wären, würden Tierschützer für uns demonstrieren – wegen nicht artgerechter Haltung.

Kaum zu Hause, starten viele einen Frontalangriff auf den Kühlschrank. Endlich sind die Wünsche des Körpers nicht mehr zugedröhnt von Aufgaben des Alltags. Der Körper meldet endlich seinen Bedarf und will am Abend nachholen, was er tagsüber verpasst hat. Und nun kommt es dick. Wir essen weit über das Fassungsvermögen unserer Speicher.

Niemand würde von Zürich nach Hamburg mit dem Auto fahren, an allen Tankstellen vorbeifahren und dann dafür in Hamburg doppelt tanken. Natürlich gäbe dies eine Sauerei. Aber es ist genau das, was viele von uns machen, nur dass unsere Sauerei am Bauch landet.

Genau dieses Bauchfett ist verantwortlich für die Mehrheit der Erkrankungen, welche jedes Jahr die Gesundheitskosten in die Höhe treiben. Die Schweiz ist über den Tag unterernährt, am Abend gibt es eine Überkompensation. Dies ist ein wichtiger Grund für Übergewicht und Zivilisationserkrankungen.

Ich persönlich empfinde es als äusserst unbefriedigend, wenn das Bundesamt für Gesundheit und Herr Berset Ernährungsaufklärung predigen und ein paar Gramm Zucker in den Müesli als Urheber entlarven, wenn die wirklichen Probleme und Ursachen im Alltag unbesprochen bleiben. Essen und die Zeit dazu sollte ein Teil der Firmenkulturen werden, und wir alle sollten unsere gedrängten Tage zwischen Pflichterfüllung und Stress zumindest überdenken.

(seh)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hocke bim Ässe am 25.03.2017 15:01 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr schön geschrieben

    Das deckt sich mit meiner Erfahrung. Ich habe bei uns durchgesetzt, dass es keine Meetings mehr über den Mittag gibt und wir alle gemeinsam in Ruhe essen gehen.

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  • No name am 25.03.2017 14:58 Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Endlich mal ein Artikel der unsere tägliche Situation sehr treffend beschreibt. Stress ist der Auslöser für viele Krankheiten. (Aber der Titel hat mich zuerst schon etwas verwirrt)

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  • Melanie Meier am 25.03.2017 15:04 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo

    Bravo! Ich bin ganz Ihrer Meinung!

Die neusten Leser-Kommentare

  • mr. right am 26.03.2017 17:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gute Sache

    Super Artikel. Endlich spricht jemand mal die wahren Ursachen an!

  • Est This am 26.03.2017 16:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hoch preis Insel

    Ich esse nur kaum. Nur unter der Woche esse ich immer am Mittagsessen. Zu teuer zum Lebensmittel einkaufen. In D ist viel günstiger und viel davon. Lebensmittel ist ein Lebenswichtig. In der CH soll die Preise runter.

  • Thü Ringer am 26.03.2017 10:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Logisch

    Wird doch ständig um neue Trenn-Diäten, Food-Porns und sonstigen blöden Schnickschnack geworben,was uns mehr schadet als hilft. Ausgewogen ernähren ist und bleibt immer noch das einzig Wahre.

    • Thuringer am 26.03.2017 16:18 Report Diesen Beitrag melden

      Thueringer

      ..., aber Hoesli verkauft seine Ideen verd....., teuer, nicht im Interesse der Gesundheit...., es geht auch hier nur um Kohle!....Schade!

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  • Swissgirl am 26.03.2017 08:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    No Carb

    Mangelernährt! Ja das ist treffend. Nehmen wir uns die Naturvölker, die sich immer noch so ernähren wie früher. Sie sind gesund und klagen nicht über Übergewicht. Was ist da anders? Sie essen keine billigen Produkte aus hochgezüchtetem glutenhaltigem Weizen. Wer weiss den heute noch, dass das Urgetreide, welches der Mensch in den Anfängen des sesshaft werdens rar und arm an Gluten war? Der heutige Weizen hat uns Übergewicht, Diabetes, Krebs und Co. beschert, genauso wie der Zuckersirup, mit dem alles Fertige gesüsst ist. Doch es gibt einen Weg zurück. Er fängt mit dem ersten Schritt an!

  • Leica Sutter am 26.03.2017 07:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    A guata Selbstverantwortung

    Ich muss sagen es erstaunt mich wie man das " Pro" blem begründet! Jeder ernährt sich selber und muss auch lernen selbstverantwortung tragen! Mal versuchen den Tagesablauf zu verändern und aus der eigenen Komfortzone austreten... die Schuld bei anderen Dingen/ Regeln zu suchen und zu erklären sind einfach.Oder besser begründet warum bewirkt es was nach einem Besuch bei Ernährungsberatern? Wir wissen es aber tun es doch