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Reportage
09. Dezember 2011 09:00; Akt: 12.12.2011 15:13 Print
Generation Alleskönner
Sie reisen viel, machen mehrere Ausbildungen, haben Freunde auf der ganzen Welt und wollen alles machen – ausser sich festlegen: Die Super-Opportunisten.
Natasa Susilo, 22, Zürich
Ausbildung: Fachfrau Hauswirtschaft
Traumberuf: Eigenes Altersheim führen
Wohnsituation: Bei den Eltern
Nettoeinkommen: 4000 bis 5000 Franken pro Monat
Facebook-Freunde: 699
Echte Freunde: 5 bis 7
Das macht und ist sie:
> Gruppenleiterin der Hauswirtschaftsabteilung in einem Altersheim (100%)
> Organisiert Fashionshows, Ausstellungen, offene Bühnen, Flohmärkte, Sound Battles und Partys
> Singt an Hochzeiten
«Ich möchte mal ein Altersheim gründen», sagt Nataša. Sie sieht aus wie jemand, der in der Modewelt arbeitet: gross, blond, knallrote Lippen. Mit 17 hat sie einen Streetstyle-Blog gegründet, bald organisierte sie Fashionshows, Ausstellungen, eine offene Bühne und Partys im Zürcher Club Cabaret. «Mich interessiert alles ein bisschen, ich möchte mich gar nicht festlegen», sagt sie. Nur ihre Arbeit im Altersheim, die würde sie nie aufgeben. «Dadurch bin ich finanziell abgesichert. Ausserdem gibt mir die Arbeit mit den alten Menschen viel, da zählen Dinge wie Dankbarkeit und Mitgefühl.» Ihre Projekte sieht sie mehr als Hobby, wenn auch ein stressiges. Aber auch beim Organisieren von Konzerten, Ausstellungen und Modeschauen gefällt ihr der soziale Aspekt am besten: «Ich gebe jungen Künstlern die Chance, ihr Talent zu zeigen, das ist grossartig.» Früher habe sie es vor allem der Coolness wegen gemacht: «Wer will als Teenager schon sagen, dass er Fachfrau Hauswirtschaft lernt?» Aber das ist ihr heute egal, Sicherheit und Stabilität sind wichtiger geworden. «Ich will Geld sparen und mal eine Familie gründen. In den letzten Jahren habe ich viel über mich gelernt. Ich weiss jetzt, wer ich bin. Warum soll ich mit 40 noch Partys organisieren? Da habe ich doch eh keine Ahnung mehr, welcher DJ gerade angesagt ist.»
Simon Heussler aka Bandanna, 26, Zürich
Ausbildung: Schreiner, kaufmännische Weiterbildung zum Projektassistenten, studiert jetzt Style und Design
Berufsziel: Unternehmer
Wohnsituation: WG
Nettoeinkommen: 1000 bis 10 000 Franken pro Monat
Facebook-Freunde: Über 1000
Echte Freunde: Eine Handvoll
Website: happenings.ch
Das macht und ist er:
> Party- und Eventveranstalter
> Produktionsleitung bei Aroma Dekorationsgestaltung
> DJ, DJ-Booker für den Zürcher Club Plaza
> Publisher von Zines
> Marketing/Werbung für American Apparel
> Kurator
«Frauen beruhigen mich. Deshalb verbringe ich gern Zeit mit meiner Freundin oder meiner Grossmutter. Organisiere ich einen grossen Anlass, holt mein Bruder meine Oma ab und bringt sie an den Veranstaltungsort. Erst wenn ich ihren Segen habe, kann die Party steigen. Ich komme aus einer kulturinteressierten Familie, deshalb unterstützen alle meinen Lebensstil. Sie wissen auch, dass ich ein klares Ziel habe: In zwei Jahren möchte ich meine eigene Firma gründen. Alle meine Projekte hängen irgendwie zusammen, es geht um Events, Partys, Ausstellungen und ihre Platzierung in der Subkultur. Die Subkultur fasziniert mich, sie entwickelt sich ständig und ist mit Trends immer voraus. Deshalb setzen grosse Firmen wie Nike und American Apparel vermehrt auf Marketing in der Alternativkultur. Und da komme ich ins Spiel. Mit meinen Veranstaltungskonzepten schaffe ich die Verbindung zwischen den grossen Konzernen und den Szenis. Ich nehme übrigens keine Drogen, rauche nicht und trinke nie an meinen Anlässen. Das ist ganz wichtig. Ich mache keine halben Sachen, bin sehr hartnäckig. Wenn ich etwas will, bleibe ich so lange dran, bis ich es habe. Für mich fliessen Arbeit und Freizeit ineinander. Ich bin jemand, der lieber kreiert, anstatt zu konsumieren. Als ich in New York war, habe ich angefangen, Schmuck zu produzieren, einfach weil mich die Stadt so inspiriert hat. Vor meinem Studium war ich Projektleiter bei Ikea. Dort konnte ich aber meine Kreativität nicht voll ausleben. Also hab ich gekündigt, ging nach Berlin und fing an, Partys zu organisieren, eigentlich aus einer Geldnot heraus. So folgte eins nach dem anderen. Jetzt liebe ich es, selbständig zu sein, auch wenn ich permanent arbeite und das Studium auch mal zu kurz kommt.»
«So ein Leben hat viele Vorteile»
Die Trendforscherin Mirjam Hauser, 31, weiss, warum die Super-Opportunisten nicht erwachsen werden wollen und trotzdem sehr verantwortungsbewusst sind.
Friday: Mirjam Hauser, können Sie mir einen Supper-Opportunisten beschreiben?
Mirjam Hauser: Das ist eine Person zwischen 20 und 30, die das Erwachsen-werden noch hinausschieben will. Sie reist viel und absolviert meist mehrere Ausbildungen. Das Experimentieren ist ihr Lebensstil.
Klingt doch erst mal super!
Ja, so ein Leben hat viele Vorteile. Diese Leute probieren viel aus und kommen dadurch auch mal an ihre Grenzen. Sie lernen, mit Rückschlägen umzugehen, und sind bestens gewappnet, falls es ihren Job schon morgen nicht mehr gibt. Sie haben ständig einen Plan B parat.
Und die Nachteile?
Die Erwartung der Gesellschaft ist hoch, die Arbeitgeber fordern immer mehr, und die Jungen wurden von ihren Eltern ermuntert, aus ihrem Leben etwas Besonderes zu machen. Das setzt sie unter grossen Leistungsdruck.
Gibt es deshalb immer häufiger Burnouts bei Jugendlichen?
Nein, das hat damit nichts zu tun. Klar, Leistungsdruck ist ein Faktor, der zu einem Zusammenbruch führen kann. Super-Opportunisten haben aber gelernt, mit diesem Druck umzugehen.
Sind diese Leute dadurch selbstbezogener?
Im Gegenteil, sie sind sehr sozial. Durch Facebook sind sie ständig mit anderen in Kontakt. Sie wollen es auch allen recht machen, den Eltern, Freunden und Mitarbeitern, das haben wir bei unserer Studie bemerkt. Sie sind harmoniebedürftig und wünschen sich, dass alle ebenbürtig und mit gegenseitigem Respekt behandelt werden.
Ändert sich durch die Super-Opportunisten die Arbeitswelt?
Ja, der Arbeitgeber muss sich mehr um sie kümmern. Die Super-Opportunisten haben eine Menge in ihre Ausbildung, in Praktika und Auslandaufenthalte investiert. Da wollen sie auch etwas zurück. Sind sie gelangweilt oder haben ein besseres Angebot, kündigen sie.
Man könnte auch sagen, sie halten nichts durch, oder?
Diesen Vorwurf würde ich nicht gelten lassen. Heute wird erwartet, dass sich die Jungen im Job immer voll engagieren. Gerade in kreativen Jobs fliesst das Private oft mit dem Beruflichen zusammen. Deshalb wollen sie sich voll mit dem identifizieren, was sie machen.
Manche haben keinen festen Job, machen alles gleichzeitig und verdienen dabei wenig Geld. Wie geht das?
Die meisten wohnen länger bei den Eltern, verzichten auf Ferien oder schauen, dass sie einen Städtetrip gleich mit einer Arbeit verbinden können.
Sind Sie auch eine Super-Opportunistin?
Ich habe so eine Phase auch durchgemacht. Dadurch habe ich herausgefunden, was zu mir passt. Jetzt hat mein Leben eine gewisse Richtung eingeschlagen – ein Einfamilienhaus würde ich mir aber trotzdem nicht kaufen.
Friday: Florian, wie ist es, so jung Vater zu werden und keinen festen Job zu haben?
Florian: Damals war es ein Schock, ich war erst 21, als meine damalige Freundin schwanger wurde. Ich hatte gerade eine wilde Partyzeit und hätte nie im Leben an so was gedacht. Heute finde ich es schön, Vater zu sein, und kann auch mal auf Partys verzichten.
Wenn du nicht gerade selber eine schmeisst oder an einer auflegst ...
Ja, aber dann bin ich ja am Arbeiten, sozusagen.
Hast du dich nach der Grafiklehre irgendwo beworben?
Nein, ich brauchte eine Auszeit von der ganzen Sache. Nach dem Gymi und der Lehre hatte ich erst mal genug vom Alltag.
Was ist so schlimm am Alltag?
Es ist langweilig, jeden Tag das Gleiche zu tun. Ich will meine Talente ausschöpfen.
Obwohl du ein Kind hast.
Bis jetzt geht das super. Seine Mutter will ihre Träume auch verwirklichen. Ich spare lieber an ein paar Ecken und geniesse meine Freiheit.
Worauf verzichtest du?
Auf ausgedehnte Ferien. Das ist schon schade. Sonst kann ich mir leisten, was ich brauche. Meinem Sohn fehlt es an nichts. Und Millionär will ich eh nicht werden.
Kriegst du noch Geld von deinen Eltern?
Sie haben mich lange Zeit unterstützt, auch nach dem Studium. Deshalb standen sie meinem Lebensstil skeptisch gegenüber. Sie fragten mich immer wieder, ob ich mit den Jobs auch Geld verdiene. Aber ich konnte ihnen klarmachen, dass ich so wenigstens für meine Hobbys nicht bezahle. Heute unterstützen sie mich, indem sie den Kleinen oft zu sich nehmen.
Hast du nie Angst, dass es mal nicht mehr reichen könnte?
Nein, ich kann wenn nötig mehr als Velokurier arbeiten, und mit dem Auflegen verdien ich auch immer mehr.
Marcel Kofler, 22, Luzern
Ausbildung: Landschaftsgärtner
Berufsziel: Glücklich sein
Wohnsituation: Bei den Eltern
Nettoeinkommen: 2500 bis 4000 Franken pro Monat
Facebook-Freunde: 333
Echte Freunde: 7
Website: konsumgut.ch
Das macht und ist er:
> Selbständiger Landschaftsgärtner (100 %)
> Möbeldesigner
> Eigentümer des Secondhand- und Jungdesign-Shops Konsumgut
> Party- und Konzertveranstalter
Friday: Marcel, du bist Landschaftsgärtner und hast einen Secondhand-Shop. Wie passen diese zwei Welten zusammen?
Marcel: Gar nicht. Mode ist oberflächlich, die Arbeit mit der Natur hat Substanz. Trotzdem interessiert mich beides.
Was noch?
Musik, Partys und Möbel. Deshalb veranstalte ich Konzerte und Partys im Keller meines Ladens. Das Leben ist stetigen Veränderungen unterworfen, also darf man sich mit verändern. Ich will immer das tun, was mich gerade am glücklichsten macht.
Ist dein Liebesleben auch so vielen Veränderungen unterworfen?
Sagen wir es so: Es ist schwierig, eine Beziehung zu führen, wenn man sieben Tage die Woche arbeitet.
Hast du manchmal Angst vor der Zukunft?
Die Finanzkrise und so? Nein. Mich beunruhigt vielmehr, wie wir mit der Natur umgehen.
Und wenn du mal so richtig scheiterst?
Dann lerne ich daraus. Zudem wohne ich noch bei meinen Eltern, das gibt mir ein wenig mehr Freiheit.
Wie finden die das?
Meine Mutter steht hinter mir, mein Vater versteht nicht so ganz, warum ich nicht nur eine Sache mache und die dafür richtig. Er ist konservativer. Aber zu Hause wohnen darf ich.
Du hast eine Gärtnerbude und einen
Laden, verträgst du keinen Boss?
Angestellt sein wäre mir egal, aber es hat sich so ergeben. Nach meiner Lehre fragte mich ein Freund, ob ich in seinem Gärtnergeschäft einsteigen will. Das Gute daran ist, dass
ich drei Monate im Jahr unbezahlt Urlaub nehmen kann. Ich gehe jedes Jahr allein auf Reisen. Vergangenes Jahr war ich in Amerika. Ich will die ganze Welt sehen.
Martina Schenker, 30, Basel
Ausbildung: Dekorationsgestalterin, Style- und Designstudium
Berufsziel: Dafür bezahlt werden, ich zu sein
Wohnsituation: 2er-WG
Nettoeinkommen: Privatsache
Facebook-Freunde: Wichtige und richtige Leute
Echte Freunde: Eine Handvoll
Website: blog.schenkermerkli.ch
Das macht und ist sie:
> Kommunikation des Modelabels Jack and Jones (100 %)
> Konzeptuelle Modefotografie mit Cedric Merkli
> Grafik und Ästhetik für die Tänzerin Flavia Regina
> Buchautorin
«Mein Arbeitstag beginnt um 6 Uhr früh und endet, wenn ich ins Bett falle. Für mein Privatleben ist das nicht gerade vorteilhaft und wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass ich keinen Schnauzträger an meiner Seite habe. Übrigens schreibe ich gerade ein Buch über Schnauzträger, die Weiterführung meiner Diplomarbeit vom Style- und Designstudium. Arbeit, Leben, Leidenschaft – für mich muss das alles ineinanderfliessen. Deshalb bin ich Anfang Monat auch mit dem Fotografen Cedric Merkli zusammengezogen. Wir produzieren als schenkermerkli konzeptuelle Modefotografie. Unser Wohnzimmer haben wir zum Arbeitszimmer umfunktioniert. Freizeit und Ferien kenne ich nicht. Alles, was ich mache, hat mit Arbeit zu tun, auch der Ausgang. Ich definiere mich über meine Arbeit und lasse mich von meiner Leidenschaft leiten. Dafür bezahlt zu werden, ist wunderbar. Mir ist aber wichtig, selbständig zu sein. Ich weiss, was ich kann und was ich will. Manchmal habe ich das Gefühl, meine Freunde und ich leben alle in einer zweiten Pubertät. Wir übernehmen zwar Verantwortung und arbeiten viel,
aber immer mit Humor und Rock’n’Roll. Wenn mir mal alles über den Kopf wächst - so alle ein bis zwei Jahre –, buche ich von heute auf morgen einen Flug nach Barcelona oder London oder ziehe mich zurück und höre Platten von Bob Dylan. Mehr Entspannung ertrage ich nicht.»

























