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Klein-Moskau

26. Mai 2017 19:25; Akt: 26.05.2017 19:25 Print

Die verbotene Stadt der Roten Armee

von M. Steiger - In Wünsdorf in Deutschland lebten noch vor 30 Jahren über 50'000 Angehörige der Sowjetarmee. Heute ist ihre Unterkunft verlassen.

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Das ist das Haus der Offiziere ins Wünsdorf, dem ehemaligen Militärstützpunkt der sowjetischen Truppen. Schon zu Kaiserzeiten entstanden Truppenübungsplätze, Kasernen und Schulen. Später übernahmen die Nazis den Komplex und entwickelten ihn zum wichtigsten Nachrichtenzentrum des deutschen Reichs weiter. Genosse Lenin steht noch heute mit von Stolz geschwellter Brust vor dem Offiziershaus. Die Stadt war während der Zeit der Russen abgesperrt und für die Bürger der DDR nicht mehr zugänglich. So kam sie auch zu ihrem Namen: Die verbotene Stadt. Hier lebten zeitweise zwischen 50'000 und 75'000 Angehörige der Sowjetarmee mit ihren Familien. Als die Russen nach der Wende abgezogen wurden, haben viele der Bewohner Wünsdorf fast fluchtartig verlassen und grosse Teile ihres Hab und Guts zurückgelassen. Darunter finden sich diverse Möbel, Fernseher, ... ... aber auch viele zurückgelassene Haustiere. Ihre Skelette liegen noch immer da. Zusammen mit 29 Tonnen Abfall, darunter Altöl, Chemikalien und tausende Waffen. Die Stadt war komplett ausgerüstet: Theater, Schwimmbad, Schulen, Spitäler, diverse Einkaufs- und Freizeitgestaltungsmöglichkeiten. Heute sind grosse Teile verlassen und heruntergekommen. Die Stadt Wünsdorf gibt es noch, sie hat derzeit etwa 6000 Einwohner. Rund zehnmal weniger als zu Zeiten von «Klein Moskau». Als die letzten Angehörigen der Sowjetarmee 1994 Wünsdorf verlassen hatten, liessen sie eine menschenleere Garnisonsstadt und ein Areal von 242 Quadratkilometern Fläche zurück. Heute sind grosse Teile des Militärstützpunkts anderweitig genutzt: In den Stabshäusern befinden sich Ämter, die Kasernen wurden zu Wohnhäusern umgebaut. Auch wenn heute grosse Teile der verbotenen Stadt wieder bewohnt sind, lässt sich die militärische Optik nicht mehr ändern. Wünsdorf soll eine Vorlage sein, wie man mit militärischem Erbe künftig umgehen könnte.

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Rund 40 Kilometer von Berlin entfernt liegt Wünsdorf, eine Kleinstadt mit etwas mehr als 6000 Einwohnern. Das war nicht immer so: Vor 1989 war Wünsdorf auch die Heimat von zehntausenden russischen Soldaten und deren Familien.

Grösstes Militärcamp ausserhalb Russlands

Das ehemalige Hauptquartier der sowjetischen Streitkräfte war so gross, dass es «Kleines Moskau» genannt wurde. Im abgesperrten Gebiet gab es Schulen, Läden, ein Spital und diverse Freizeitangebote, auch für die Angehörigen der Soldaten.

Die Anlage Wünsdorf entstand nach Ende des Zweiten Weltkriegs – die militärische Geschichte der kleinen Stadt geht aber noch viel weiter zurück. Ursprünglich befand sich dort ein Schiessplatz der Königlichen Preussischen Armee. Mit dem Bau einer Zuglinie wurde das Gebiet wichtiger, zu Beginn des Ersten Weltkriegs war es gar der grösste Militärstützpunkt Europas.

In der Hand der Nazis

1935 war Wünsdorf Hauptquartier der deutschen Wehrmacht. Unter Hitlers Führung wurde in der Militärbasis das komplexe unterirdische Kommunikationszentrum Zeppelin gebaut. Diverse bombensichere Bunker stehen auf dem 242 Quadratkilometer grossen Gelände, getarnt als Einfamilienhäuser.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs zogen die Russen auf das Militärgelände. So entstand eine abgeschirmte Gesellschaft mitten in Deutschland. Die einheimischen Deutschen durften das Land nicht betreten, die Strassen nach Wünsdorf wurden blockiert. So kam der Ort zu seinem Namen: die verbotene Stadt.

Alles zurückgelassen

1989, nach dem Fall der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands, wurden die sowjetischen Soldaten aus Wünsdorf zurückberufen. Die meisten verliessen das Militärcamp sehr schnell und liessen viel zurück. Darunter 98'300 Schuss Munition, 47'000 Waffen und 29,3 Tonnen Abfall, darunter Altöl, Farbe, Pneus, Batterien und diverse Chemikalien. Die Menschen hatten es derart eilig, Wünsdorf zu verlassen, dass viele sogar ihre Haustiere in den noch eingerichteten Häusern zurückliessen. Skelette von Katzen und Hunden erschrecken heute nur noch die Fotografen, die das verrottete Gebiet besuchen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Beltran Leyva am 26.05.2017 20:39 Report Diesen Beitrag melden

    Surreal!

    komplett surreal,ein Land mitten in einem anderen land :-/

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  • Dagewesen am 26.05.2017 20:48 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr spannend

    Sehr spannend, leider vieles nicht offen zugänglich. Interessant war das Gefängnis. Gegend lohnt sich anzusehen.

  • Markus im AG am 26.05.2017 20:46 Report Diesen Beitrag melden

    Zeitzeugen sprechen vom Leichenbahnwagen

    Diese Russischen Soldaten waren Kanonenfutter und wurden auch als solche behandelt . Noch lebende Ex DDR Bürger erzählen, bis zu 50 Tote Soldaten waren jeweils im letzten Bahnwagen aufgebahrt und zum Krematorium zu fahren nach grossen Manövern. Zumeist MG Schusswunden weil die belastung vom Stundenlang überschossen werden nicht jeder aushalten konnte.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Waffennarr am 27.05.2017 17:10 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr wenig Abfall

    29Tonnen für ein so grosse Anlage ist wirlich nicht viel. Vom Abfall gesehen, wurd somit am ende doch der wesentliche Teil weggeräumt. Viele Waffen und wenig Munition wurden allerdings Sorglos zurückgelassen. Lieber mehr Abfall liegen lassen, aber dafür mit den Waffen und der Munition bedachter umgehen.

  • Daniel am 27.05.2017 10:47 Report Diesen Beitrag melden

    US Besatzung in Deutschland

    Schickt endlich die US Soldaten in Deutschland nach Hause. Die haben in Europa nichts mehr verloren. Die Standorte werden ja nur noch zu Spionagezwecke genutzt.

    • alfmir am 27.05.2017 12:54 Report Diesen Beitrag melden

      Deutsche unter Aufsicht...

      Es sind doch die Deutschen, welche die Amis immer zu Hilfe rufen, damit u.a. Merkel den Traum von der "Osterweiterung" weiterhin träumen kann..! Denn ohne die Hilfe der Amis wäre die damalige Destabilisation der ukrainischen Regierung zum Rohrkrepierer geworden..

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  • Alter Mann am 27.05.2017 09:35 Report Diesen Beitrag melden

    Die haben das nicht velassen

    Die wurden verjagt. Ich kann mich noch an einen Fernsehbericht errinern wo man mit Teleobiektiven aufgenommen zeigte wie die ihre Autos und Gepäck hastig in Transportflugzeuge einluden und der Sprecher dazu sagte das hier gestohlene Autos und Diebesgut weggeschafft werde. Ihre grösste sorge beim rückzug gallt damals den in Deutschland statinierten Atomwaffen die man ihnen abjagen wollte.

    • junger Mann am 27.05.2017 10:01 Report Diesen Beitrag melden

      doch haben sie

      Haha ... ihre in der DDR gestohlenen Autos in (Militär-) Transportmaschinen verladen, wo natürlich viel Platz war, weil kein militärisches Material hastig mitgenommen wurde. Wann kam den dieser Fernsehbericht? Doch nicht etwa am 1. April? Auch war es kein Wegjagen, sondern ein Abzug der über 3 Jahre dauerte.

    • Balte am 27.05.2017 10:18 Report Diesen Beitrag melden

      @Alter Mann

      Ich hätte die auch verjagt, jahrzehntelang haben sie friedliche Menschen ausgebeutet und unterdrückt.

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  • Franky am 27.05.2017 09:04 Report Diesen Beitrag melden

    Das stimmt so nicht!

    Ich konnte vor und nach der Wende problemlos nach Wünsdorf reisen. Das riesige Kasernenareal der Russen war freilich gesperrt, aber das von Deutschen bewohnte Städtchen war frei zugänglich. Und so dramatisch, wie es der Artikel beschreibt, war die Abreise der Russen bei weitem nicht. Vielmehr fand über Monate ein Ausverkauf von sowjetischen Souvenirs statt. Den rangtiefen Soldaten und Offizieren konnte man fast alles abkaufen und dann in Berlin teuer den Touristen anbieten.

  • DDR-Bürger am 27.05.2017 08:47 Report Diesen Beitrag melden

    Unfug

    Wünstorf konnte man sehr wohl besuchen, ich war selbst mehrfach dort. Genau wie viele andere "Ossis". Nichts von verbotene Stadt. Lediglich die Militäranlagen selbst waren gut gesichert. Ist das bei Schweizer Miliäranlagen nicht auch so? Sind das auch "verbotene Städte"? (Ich mag Putin trotzdem nicht)

    • Leser am 27.05.2017 12:15 Report Diesen Beitrag melden

      @DDR-Bürger

      nö, bei uns sind Militäranlagen nicht gut gesichert. Wozu auch, der Feind kommt hier vor allem von innen.

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