Living

Wir wollen Sie inspirieren.
Hier lesen Sie Artikel zu Wohnen, Immobilien, Architektur, Design und Einrichten.

Grausam

06. Januar 2018 15:11; Akt: 07.01.2018 02:17 Print

Dieses Dorf wurde von den Nazis ausradiert

von M. Steiger - Im Juni 1944 fiel die Waffen-SS im Dorf Oradour-sur-Glane in Frankreich ein. Es gab nur sechs Überlebende.

Drohnen-Aufnahmen zeigen Oradour-sur-Glane aus der Luft. (Video: Tamedia/AFP)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Oradour-sur-Glane war ein kleines Bauerndorf, einige Kilometer von Limoges entfernt. Das Dorf lag in der Zone, die die Deutschen im Zweiten Weltkrieg besetzten. Am 10. Juni 1944 fiel die zweite Division der Waffen-SS «Das Reich» in Oradour-sur-Glane ein und tötete 642 Menschen, fast die gesamte Bevölkerung und diverse Flüchtlinge. Das Dorf wurde mehrheitlich zerstört und die Ruinen sind heute ein Mahnmal, das an die Kriegsverbrechen der Nazis erinnert.

Eine gescheiterte Geiselnahme

Die zweite Division der Waffen-SS ging damals unvorstellbar brutal vor: General Heinz Lammerding gab am 9. Juni den Befehl, die Gegend um Clermont-Ferrand zu säubern. Was mit Säuberung gemeint war, zeigten Soldaten am gleichen Tag in Tulle: Dort wurden 99 mänliche Dorfbewohner erhängt. Am nächsten Tag, am 10. Juni 1944, um etwa 14 Uhr begaben sich die Nazis nach Oradour-sur-Glane: Rund 150 Soldaten umstellten das Dorf.

Bataillonskommandeur Adolf Diekmann hatte den Auftrag, dreissig Geiseln aus dem Dorf zu holen. Diese Geiseln sollten gegen Bataillonskommandeur Helmut Kämpfe getauscht werden, der kurz zuvor von der Résistance gefangen genommen worden war. Obwohl der Bürgermeister von Oradour-sur-Glane, Desourteaux, sich selbst und seine Söhne anbot, gab Diekmann den Befehl, den Ort niederzubrennen und die Bewohner zu töten.

Das Massaker

Die SS-Soldaten trieben die Dorfbewohner und die Flüchtlinge, die im Dorf Schutz gesucht hatten, auf dem Dorfplatz zusammen und trennten sie nach Geschlecht. Die 197 Männer wurden zu einigen Scheunen am Rande des Dorfes gebracht und eingesperrt. Die 240 Frauen und 205 Kinder brachten die Soldaten in die Kirche, wo sie ebenfalls eingesperrt wurden.

Dieses französische Dorf wurde von den Nazis ausradiert

Die folgende Grausamkeit ist kaum vorstellbar: Die Männer der SS zündeten die Kirche an und warfen Handgranaten durch das Fenster. Fliehende wurden erschossen. Eine einzige Bäuerin entkam den Nazis: Marguerite Rouffanche floh durch ein Fenster und stellte sich in einem Acker tot. Ihr Augenzeugenbericht sollte der einzige aus der Opferperspektive werden.

Die 197 Männer wurden in den Scheunen erschossen, das Dorf niedergebrannt. Um 20 Uhr zog sich die Waffen-SS aus den qualmenden Ruinen zurück. Von den Menschen im Dorf überlebten nur sechs: fünf Männer und eine Frau. Einer der Männer war Buchautor Robert Hebras, der sich darauf dem Widerstand anschloss.

Vertuschungsaktion

Nachdem die SS-Männer Oradour-sur-Glane verlassen hatten, gab Bataillonskommandeur Adolf Diekmann Anweisungen, wie auf Fragen zum Massaker geantwortet werden sollte: Der Angriff sei von den Dorfbewohnern ausgegangen und die Männer seien im Kampf getötet worden. Die Frauen hätten in der Kirche Schutz gesucht und seien durch eine Explosion in einem nahen Munitionslager gestorben.

Und doch: SS-Standartenführer Sylvester Stadler liess gegen Diekmann kriegsgerichtliche Ermittlungen einleiten. Nach dem Ende des Krieges wurde Oradour-sur-Glane zu einem Mahnmal für die grässlichen Taten der Nazis. Warum sich Diekmann und seine Männer für Oradour entschieden und wer den Tötungsbefehl gab, ist noch heute umstritten. Von allen Beteiligten konnte 1953 nur noch 65 Täter angeklagt werden – die anderen waren im Krieg gefallen oder nicht mehr zu identifizieren.