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Katonah

24. September 2017 13:38; Akt: 24.09.2017 13:41 Print

Eine Stadt weicht der Wasserversorgung

von Meret Steiger - Um New York mit Wasser zu versorgen, musste eine ganze Kleinstadt weichen: Katonah wurde aber nicht abgerissen, sondern verschoben.

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«Das Schicksal von Katonah ist besiegelt» – so begann ein Artikel auf der Frontseite der New York Times am 8. April 1893. Die Kleinstadt Katonah, rund 65 Kilometer nördlich von Manhattan, sollte abgerissen werden.

Mehr Platz für die Wasserversorgung

Die Stadt New York brauchte den Platz nämlich dringend für die eigene Wasserversorgung. Ein Damm, genannt der Croton Dam, und mit ihm ein neues Reservoir sollten sicherstellen, dass den New Yorkern nie das Wasser ausgeht. Und Katonah? Katonah stand dummerweise genau dort, wo das Reservoir Platz finden sollte.

«Im späten 19. Jahrhundert war New York City dringend auf eine neue Wasserversorgung angewiesen», sagt Greg Young, Co-Moderator der The Bowery Boys, eines Podcasts, der sich mit der Geschichte von New York beschäftigt. «In den 1830ern und 1840ern bekamen die Bewohner Wasser von einem Aquädukt, einer antiken Form der Wasserleitung. Davor gab es nur Brunnen, und die waren alles andere als sauber.»

Immigration sorgte für mehr Wasserverbrauch

Mitte des 19. Jahrhunderts gab es eine Immigrationswelle. Nach dem Bürgerkrieg stieg die Bevölkerungszahl in New York stetig weiter. Und so wurde eine Stadt mit ein paar hunderttausend Bewohnern plötzlich zu einer Grossstadt mit über einer Million durstigen Einwohnern. Das Aquädukt stiess an seine Grenzen, ein neues System musste her.

Ein solches System kam aber mit einem Preis – ein Preis, den hauptsächlich die Bewohner von Westchester County bezahlten. Die Kleinstadt Katonah zum Beispiel, die mitten in dem Gebiet stand, an dem das neue Reservoir gebaut werden sollte.

Böses Blut zwischen Stadt und Land

Die Stadt New York wollte es sich leicht machen: Sie würde die Bewohner von Katonah enteignen, sie für ihre Häuser entschädigen und das neue Wassersystem aufbauen. Diese Taktik sorgte für böses Blut zwischen den Städtern und den Bewohnern von Westchester County.

«Einst stand zur Debatte, ob Westchester County eines der Stadtviertel von New York werden sollte. Der Streit um Katonah und die Wasserversorgung veranlasste aber viele County-Bewohner dazu, den Vorschlag abzulehnen. Zu New York wollten sie nicht gehören», sagt Greg Young im Podcast.

Nicht aufgeben

Aber nicht mit den Bewohnern von Katonah: Sie wollten ihre Stadt nicht verlassen, wussten aber auch, dass es keine Möglichkeit zu bleiben gab. Ihre Lösung? Die Stadt als ganze zu verschieben. Eine Vereinigung wurde gegründet (Katonah Village Improvement Society), die 1894 das Land südlich von Katonah kaufte.

«Es gab hier eine aussergewöhnliche Möglichkeit: Wer eine bestehende Stadt verschiebt, der kann auch bessere Plätze für wichtige Gebäude wie Schulen finden oder die Industrie besser von den Wohnhäusern trennen», sagt Greg Young.

Nicht alles blieb beim Alten

Manche Gebäude, wie beispielsweise das Schulhaus, wurden neu gebaut. Viele andere Häuser, hauptsächlich Wohnhäuser, wurden aber als Ganzes von ihrer ursprünglichen Position auf den neuen Fleck Land verschoben. Da die Bewohner Geld als Entschädigung bekamen, konnten sich viele den Umzug ihrer Häuser leisten.

Das erste Haus wurde 1897 verschoben. Was auch heute, über 100 Jahre später, noch immer mit grossem Aufwand verbunden ist, war im 19. Jahrhundert eine Herkulesaufgabe, die nur mit vielen Pferdestärken bewältigt werden konnte.

Schmierseife statt Elektronik

Zuerst bockte man die Häuser auf. Dann wurden hölzerne Schienen gebaut, auf denen die Gebäude transportiert werden konnten. Die Schienen wurden mit Schmierseife «geölt», damit die Häuser rutschten. Pferde zogen die Gebäude schliesslich auf den Schienen an ihren neuen Bestimmungsort.

Eine zusätzliche Schwierigkeit war das hügelige und teilweise sumpfige Terrain, in dem sich das neue und das alte Kantonah befinden. Soweit heute bekannt ist, wurde allerdings keines der Häuser auf dem Weg beschädigt.

Leben auf Schienen

Damals ging so ein Umzug auch nicht in einem Tag über die Bühne. Die Häuser brauchten manchmal bis zu einer Woche, bis sie am Ziel ankamen. Die Familien lebten derweil in den Häusern weiter. So kam es, dass Kinder morgens zur Schule gingen und abends den neuen Stellplatz des Elternhauses suchen mussten.

Ansonsten waren die Bewohner von Katonah gänzlich unbeeindruckt: Sie lebten am neuen Ort genauso wie am alten. Auch heute stehen die meisten dieser Häuser immer noch – und der Croton Dam, der New York City mit Wasser versorgt, ist ebenfalls immer noch aktiv.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • sc am 24.09.2017 15:35 Report Diesen Beitrag melden

    Verschiebung

    Gute Aktion aber ein wenig fies von den New Yorker

Die neusten Leser-Kommentare

  • sc am 24.09.2017 15:35 Report Diesen Beitrag melden

    Verschiebung

    Gute Aktion aber ein wenig fies von den New Yorker