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Fordlândia

03. Oktober 2017 16:05; Akt: 03.10.2017 17:23 Print

Henry Fords vergessene Stadt im Amazonas

von M. Steiger - Auch wenn er kein einziges Mal dort war: Fordlândia ist Henry Fords eigene Stadt. Und liegt fast gänzlich verlassen im Amazonasgebiet.

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Fordlândia, eine amerikanische Stadt mitten im Regenwald, sollte Henry Ford Unabhängigkeit von der holländischen und englischen Gummi-Produktion geben. Eine schlechte Idee, wie sich später herausstellen sollte. Aber beginnen wir am Anfang: 1928 brachten zwei Boote Materialien für eine typisch amerikanische Stadt in den Amazonas. Im Auftrag des Autoherstellers Henry Ford wurde Fordlândia gebaut. Komplett mit weissen Zäunen, typischen amerikanischen Einfamilienhäusern, Strassenlaternen und roten Hydranten. Während die Amerikaner im einen Teil des Dorfes lebten und dort unter anderem ein Kino, ein Schwimmbad und einen Golfplatz hatten, lebten auf der anderen Seite die brasilianischen Arbeiter. Ford war ein Antisemit und Nazi-Sympathisant. So ist es nicht erstaunlich, dass er eine Art Rassentrennung bevorzugte. Allerdings verlangte er von den Brasilianern, einen amerikanischen Lebensstil zu pflegen. Fordlândia war Henry Fords eigenes kleines Amerika. Und in Henry Fords Amerika gab es viele Regeln: keinen Alkohol, keine Zigaretten, keine Freudenhäuser, keine Spiele. Insgesamt ein wenig ungefreut. Die Amerikaner in Fordlândia hatten aber nicht nur viele Regeln zu befolgen, sie waren auch schlicht nicht darauf vorbereitet, was sie erwarten würde. Die amerikanischen Manager hatten keine Ahnung von tropischer Landwirtschaft und pflanzten die Kautschukbäume viel zu nahe beieinander auf einem Feld. Das führte zur Ausbreitung einer Blattfäule unter allen Bäumen. Auch die Arbeiter wurden schlecht behandelt – und hatten 1930 genug. Nach einem Aufstand kappten sie die Strom- und Telefonleitungen und jagten die Amerikaner in den Dschungel. Diese harrten dort mehrere Tage aus, bis die brasilianische Armee Fordlândia erreichte und für Verhandlungen sorgte. Nachdem ihnen besseres Essen versprochen worden war, gingen die Brasilianer wieder an die Arbeit. Aber auch die Amerikaner litten: Einige hatten Nervenzusammenbrüche, andere starben an Tropenkrankheiten oder verloren Familienmitglieder auf diese Weise. 1934 hatten Sie genug: Nach nur sechs Jahren wurde Fordlândia verlassen. Danach gab es zeitweise Hausbesetzer im Dorf. Die brasilianische Regierung versuchte erfolglos, das Land umzunutzen, und überliess es schliesslich dem Dschungel. Und doch: Vereinzelt lebten noch Angestellte von Ford in den Häusern, zusammen mit Freigeistern, Verstossenen und Abenteurern, die in der Dschungelstadt ein neues Zuhause fanden. Viele Häuser sind noch intakt – aber nicht so das Spital. Seine Zerstörung ist umstritten: Es ist unklar, was mit den alten Röntgenmaschinen passiert ist, und die Leute fürchten sich vor Strahlung. Der fünfzig Meter hohe Wasserturm wurde übrigens in Michigan gebaut und funktioniert heute immer noch. Er ist eine ständige Erinnerung an die Zeit, in der Henry Ford, Vater der Fliessbandproduktion und des Automobils als Massenprodukt, mit seiner Dschungelstadt scheiterte.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Typisch amerikanische Häuser mitten im Amazonas, eine Ausstenstelle für eine der grössten und profitabelsten Firmen der Welt – und die schlechteste Idee, die Henry Ford jemals hatte: Das ist Fordlândia.

Ein Dschungel-Experiment

1928 erreichten zwei Schiffe das Ufer des Tapajós, eines Flusses im Amazonasgebiet. Geladen hatten die Boote das nötige Equipment, um eine Stadt aus dem nichts aufzubauen: Von Türgriffen über Strassenlaternen bis zum Feuerhydranten wurde alles aus Amerika importiert. Aber warum eigentlich?

Henry Ford wollte nicht länger von der englischen und holländischen Kautschukproduktion für seine Pneus abhängig sein. Seine Lösung: eine Stadt im Regenwald, in der den für seine Autos so wichtige Rohstoff selbst abgebaut werden kann. Dafür machte er einen Deal mit der brasilianischen Regierung: Ihm werden 10'000 Quadratkilometer (!) Land zur Verfügung gestellt – für 9 Prozent des Profits. Wie wenig sich das lohnen würde, konnten die Brasilianer noch nicht ahnen.

Ein Fehler nach dem anderen

Ford, ein eigentlich erfolgreicher Geschäftsmann, beging bei der Umsetzung seiner Idee einige Fehler. Die Manager, die der Autohersteller in den Dschungel schickte, hatten keine Ahnung von tropischer Landwirtschaft. Die Stadt selbst wurde in Amerikaner und andere unterteilt: Rassentrennung.

Im einem Stadtteil lebten fast ausschliesslich die US-Amerikaner. Sie hatten einen Golfplatz, ein Kino, Pools, Veranstaltungsräume, ein Hotel, eine Schule, einen Spielplatz und eine Bibliothek. Auf der anderen Seite der Stadt lebten die brasilianischen Arbeiter.

Ford, der Nazi-Sympathisant

So überraschend war diese Trennung allerdings nicht: Henry Ford war ein Antisemit und er machte mit Nazi-Deutschland auch noch Geschäfte, lange nachdem sich die USA in den Zweiten Weltkrieg eingemischt hatten. Aber auch den brasilianischen Arbeitern zwang der Unternehmer seine Ansichten auf.

So mussten auch die Brasilianer in Fordlândia leben wie Amerikaner, sie durften sich beispielsweise ausschliesslich von amerikanischen Lebensmitteln ernähren. Ford wollte in seiner Stadt ein Amerika erschaffen, wie er es sich immer gewünscht hatte. Und Ford wünschte sich viele Regeln: kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Frauen in den Häusern der Arbeiter, keine Spiele. Um diese Regeln durchzusetzen, gab es Inspektoren, die die Arbeiter besuchten.

Florierendes Schmugglergeschäft

Aber wie es bei Verboten häufig läuft: Der Alkohol- und Zigarettenbann liess die Leute nur kreativer werden. So schmuggelten die Einheimischen Schnaps und Tabak in Wassermelonen oder anderen grossen Früchten ins Dorf – und verkauften es an die Amerikaner.

Eine Revolution

An einem heissen Tag im Jahr 1930 hatten die Arbeiter genug. Es gab einen Aufstand in der Cafeteria und die Brasilianer kappten den Strom und Telefonkabel und jagten die Amerikaner (und den Chefkoch) in den Dschungel. Die versteckten sich dort mehrere Tage, bis die brasilianische Armee eintraf und im Konflikt vermittelte.

Nachdem den Arbeitern besseres Essen in der Cafeteria versprochen worden war, beruhigte sich die Lage. Aber nicht für lange: Durch das mangelnde Wissen über Landwirtschaft, begannen die Pflanzen, die die Amerikaner gesät hatten, zu verfaulen. In der Natur wächst der Kautschukbaum nur vereinzelt. Auf den Feldern von Fordlândia standen die Bäume zu dicht, was sie anfällig für Blattkrankheiten mache.

Kein Platz für Amerikaner

Aber nicht nur den Pflanzen ging es schlecht: Auch die Manager litten. Die einen erlitten Nervenzusammenbrüche, andere starben bei Unfällen oder verloren Familienmitglieder an Tropenkrankheiten. 1934 hatten sie schliesslich genug: Sie verliessen Fordlândia und zogen näher ans Flussufer, etwas aus dem Dschungel, in die neue Stadt Belterra. Fast alles wurde zurückgelassen.

1945 erfanden die Japaner einen synthetischen Gummi, der sich für Autopneus eignete – über Nacht starb Fords Vision. Die Ford Motor Company gab das Land an die brasilianische Regierung zurück – mit einem Verlust von ca. 208 Millionen Dollar nach heutigem Wert. Henry Ford hatte sich übrigens kein einziges Mal in seinem Fordlândia blicken lassen.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bin Müde am 03.10.2017 16:46 Report Diesen Beitrag melden

    Sehr Interessant

    Sehr interessanter Beitrag, bitte mehr davon. Daumen hoch

  • Bana Ne am 04.10.2017 13:20 Report Diesen Beitrag melden

    Warum nur Fotos von Ruinen?

    Fordlândia liegt am Fluss Tapajós. So vergessen und verlassen ist der Ort aber gar nicht, Fordlândia ist nur etwas abgelegen. Es gibt ein Postamt und die Menschen gehen zur Kirche.

  • John am 04.10.2017 14:55 Report Diesen Beitrag melden

    Kondome verteilt.

    Henry Ford hat aber auch Kondome verteilen lassen an seine Arbeiter.Keiner der Arbeiter hatte Geschlechtskrankheiten trotz Bordelle in der Stadt.(wurde auch auf Arte gesendet)

Die neusten Leser-Kommentare

  • TAN am 04.10.2017 17:48 Report Diesen Beitrag melden

    Abfall im Dschungel

    Wird Zeit das "Ford" seine Ruinenabfall wieder fach gerecht entsorgt

  • John am 04.10.2017 14:55 Report Diesen Beitrag melden

    Kondome verteilt.

    Henry Ford hat aber auch Kondome verteilen lassen an seine Arbeiter.Keiner der Arbeiter hatte Geschlechtskrankheiten trotz Bordelle in der Stadt.(wurde auch auf Arte gesendet)

  • Bana Ne am 04.10.2017 13:20 Report Diesen Beitrag melden

    Warum nur Fotos von Ruinen?

    Fordlândia liegt am Fluss Tapajós. So vergessen und verlassen ist der Ort aber gar nicht, Fordlândia ist nur etwas abgelegen. Es gibt ein Postamt und die Menschen gehen zur Kirche.

  • Sierra 4x4 am 03.10.2017 17:33 Report Diesen Beitrag melden

    Conchita Puig-Barrata-Tissot

    Conchita Puig-Barrata-Tissot weiss möglicherweise, dass Sanibel Island für Henry Ford ein Thema war?

    • Mexikanisches Mittelmeer am 03.10.2017 17:44 Report Diesen Beitrag melden

      @Sierra 4x4

      Wow, Sanibel Island, sowas von traumhaft schön...!

    • Sierra 4x4 am 03.10.2017 17:58 Report Diesen Beitrag melden

      Edison & Ford Winter Estates

      Edison & Ford Winter Estates sind eine Sehenswürdigkeit in Fort Myers, das stimmt in der Tat. :-)

    • Mexikanisches Mittelmeer am 03.10.2017 18:22 Report Diesen Beitrag melden

      Winterolympiade Sapporo 1972

      Ja, was waren das Zeiten, Francisco Fernández Ochoa gewann Gold im Slalom und auch Conchita Puig (!) gehörte zu unvergesslichen Olympiateam Spaniens. Die Schweiz war bekanntlich auch dabei und sie pflegt ihre Beziehungen heute noch, so wie in Zukunft.

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  • Asket am 03.10.2017 17:00 Report Diesen Beitrag melden

    Freudlos

    Interessant - warum aber ein Leben ohne Alkohol, Prostitution, Glücksspiel und Zigaretten schlimm oder unerfreulich sein soll ist mir nicht ganz klar. Ich weiss nicht ob diese 4 Dinge einer Gemeinschaft wirklich langfristig allen so viel Freude bringen

    • Miranda am 03.10.2017 17:26 Report Diesen Beitrag melden

      Kühles Blondes

      Mal ein kühles Bierchen bei den Tropischen Temperaturen, wäre sicher nicht zu verachten gewesen. Die anderen drei Sachen braucht es ja nicht unbedingt.

    • Pesche Klett am 03.10.2017 17:33 Report Diesen Beitrag melden

      Es ist wie immer

      Spass, Alkohol und Freudenhäuser machen das Leben nicht schön. Von einem Ort zu kommen wo es diese Dinge gibt, und dann in ein Verbot zu stolpern ist allerdings weniger lustig.

    • Mungler am 03.10.2017 18:02 Report Diesen Beitrag melden

      Zum Glück gibt es Verbote

      Zum Glück gibt es Verbote. Dank dieser Verbote hatten einige wieder ein Einkommen. Ist heute noch So. Ob es sinvoll ist mit den Verboten, dass lasse ich offen.

    • Zöllner & Wegelagerer am 03.10.2017 18:06 Report Diesen Beitrag melden

      Alte Gewerbe

      Schon zu Zeiten des Tauschhandels gab es Alkohol-Prohibition, Vergewaltigung in der Ehe und ein Tanzverbot an Montagen.. :-/

    • Paede am 03.10.2017 18:12 Report Diesen Beitrag melden

      @Asket

      Muss es irgendwei, denn es ist überall!

    • Kain & Abel am 03.10.2017 18:14 Report Diesen Beitrag melden

      Zum Glück gibt es Einkommen

      Es ist verboten, kein Einkommen zu haben. War gestern schon so reguliert. Und wenn Verbote nicht gestorben sind, so bestrafen sie heute noch.

    • R.F.ZH am 03.10.2017 18:18 Report Diesen Beitrag melden

      Tja.. mittem im Dschungel.

      Wo war denn dort die Freude zu finden? Auf dem Golfplatz und im Kino? Vor allem wenn man alleine dort war, und nicht mit der Familie.

    • hola am 03.10.2017 19:39 Report Diesen Beitrag melden

      @Asket

      Aus diesen Gründen ist er ja dort auch gescheitert und noch einige mehr. Es gibt eine gute Doku darüber, und über Henry Ford. Leider ist er der Mann, welcher die moderne Sklaverei heran puscht hat.

    • Pery am 03.10.2017 20:28 Report Diesen Beitrag melden

      Es war eine Rebellion gegen den Kontrollzentrum Fo

      Das Problem War sicher nicht das tabak oder Alkohol Verbot, fiel mehr War es wohl die besdenheit Henry Ford's von der totalen Kontrolle. Er War deswegen ein guter Geschäftsmann weil er jeden Ablauf in seiner Firma genau korrigiert hat damit auch keine Sekunde ungenutzt verstreicht.

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