Infografik ausklappen

Fall Kampusch - Teil 7

21. Februar 2012 14:49; Akt: 11.04.2012 14:30 Print

Bibi, Wolfi und das KindBibi, Wolfi und das Kind

von K. Leuthold/F. Burch - Die Beziehung zwischen Natascha Kampusch und Wolfgang Priklopil bleibt mysteriös. Zeugen sprechen von Liebe. Ist daraus ein gemeinsames Kind entstanden? Es gibt Hinweise.

Bildstrecke im Grossformat »
Am 23. August 2006 fing laut Polizeiakten «der Tag schon schlecht an». Ernst H. berichtet in einer Einvernahme am 15. Oktober 2009 von einem heftigen Streit zwischen Wolfgang Priklopil und Natascha Kampusch. Beim Streit soll es um Zucchini gegangen sein. Diese Aussagen bestätigte H. bei seiner Einvernahme im November 2009. H. äusserte die Vermutung, dass der Streit der Auslöser für Kampuschs Flucht war. Kampusch habe an jenem Tag ihr Versprechen nicht zu flüchten gegenüber Priklopil gebrochen. Aus einem Dokument vom 15. September 2006 geht hervor, welche Gegenstände Kampusch aus dem Hause Priklopil bekommen hatte. Darunter ein Sparbüchlein mit der Aufschrift «Wolfi an Bibi». H. gab am 13. November 2009 zu Protokoll, dass sein Freund Priklopil Kampusch «gern gehabt» habe. Die Gefühle würden auf Gegenseitigkeit beruhen, vermutete H. Kampusch selber sagte in einer Einvernahme am 15. September 2006, Priklopil habe mit ihr eine Familie gründen wollen. H. machte am 13. November 2009 eine ähnliche Aussage: Priklopil habe sich überlegt, sein Opfer zu heiraten. Die Mutter des Täters gab an, von H. erfahren zu haben, dass Kampusch vor dem 23. August 2006 bereits mindestens zweimal geflüchtet und dann wieder zu Priklopil zurückgekehrt sei. Am 17. Februar 2006, am Tag von Kampuschs 18. Geburstag, überraschte Priklopil sie mit einer Geburtstagstorte. Die Torte hatte die Form einer «18» - auf Wunsch von Kampusch. Gebacken hatte sie die Ehefrau von Ernst H. Von Anfang an teilte das Entführungsopfer seinen Betreuern mit, dass sie im Bett ihres Peinigers schlafen durfte. «Sie gab dazu an, dass sie Geschlechtsverkehr hatten und sie diesen freiwillig vollzog», sagte die Polizisten Sabine Freudenberger am 29. August 2006 aus. Am 24. August 2006, einen Tag nach ihrer Flucht, erzählte Kampusch, der Entführer habe «behutsam» gefragt, «wie weit sie aufgeklärt» sei. Während ihrer ersten ärztlichen Untersuchung fragte Kampusch den Arzt, wie lange eine Schwangerschaft nachweisbar sei. Im Haus von Priklopil fanden die Ermittler eine Haarlocke und ein Buch über Säuglingspflege.

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Am 23. August 2006 begann das Fluchtdrama von Natascha Kampusch schon früh. Wie aus den Polizeiakten hervorgeht, war der Auslöser für die Flucht ein «heftiger Streit» am Morgen wegen einer Zucchetti, beziehungsweise deren Zubereitung. Ein Streit, der von einem besonderen Verhältnis zwischen Täter und Opfer zeugt und in seiner Banalität an ein altes Ehepaar erinnert (siehe Bildstrecke, Dokument 2, 3 und 4).

Priklopils Freund und Geschäftspartner, Ernst H.*, behauptet 2009 in einer Einvernahme, auch der Entführer habe sich darüber beklagt: «Für mich hat der Tag heute schlecht angefangen. Zuerst habe ich mich über dieses Lebensmittel geärgert und später über die nervigen Anrufe der Mietinteressenten», habe Priklopil damals gesagt (Dokument 1). Wenige Stunden später war er tot.

Kampusch blieb alleine im Haus

Der Verdacht, dass Priklopil und Kampusch eine Beziehung der besonderen Art führten, wird durch eine Zeugenaussage erhärtet, die 20 Minuten Online exklusiv vorliegt. SOKO-Leiter Franz Kröll war im Laufe seiner Ermittlungen auf einen Mann gestossen, der gesehen haben will, wie Kampusch und Priklopil sich zwei Monate vor ihrer Flucht vor der Haustüre mit einem Kuss verabschiedet hatten. Polizeioberst Kröll stellte dem Nachbarn zur Sicherheit eine Gegenfrage: «Sie haben dann gesehen, wie sie ihm zugewinkt hat, oder wie?» «Nein, nein, ich habe gesehen, wie sie sich geküsst haben», bestätigte der Zeuge. Danach sei Priklopil in sein Auto gestiegen und weggefahren. Kampusch sei zurück in das Haus an der Heinestrasse 60 gegangen (siehe Video unten).

Im Grossformat auf dem Videoportal Videoportal

Der TV-Player benötigt einen aktuellen Adobe Flash Player: Flash herunterladen

(Video: 20 Minuten Online)

Ernst H. gab am 18. November 2009 zu Protokoll, dass Priklopil sich positiv zu seiner Beziehung mit Kampusch geäussert habe. «Er brachte zum Ausdruck, dass er sie und sie ihn sehr gerne gehabt hat.» Die Mutter des Täters, Waltraud Priklopil, spitzt diese Aussage in einem Interview mit der «Bild»-Zeitung im April 2008 zu: «Ich glaube, er hat sie geliebt, die Natascha. Und sie ihn auch.» Die Mutter des Entführers kann sich vorstellen, dass die beiden wie ein Paar zusammenlebten.

«Von Wolfi für Bibi»

Vom Freund ihres Sohnes habe sie nach dessen Tod mehr über die Beziehung erfahren: «Die haben sich auch manchmal gestritten. Dann ist Natascha wütend aus dem Haus gerannt und ist weggelaufen. Sie ist nicht zur Polizei, sie ist nicht zu ihren Eltern geflüchtet. Sie ist in der Gegend herumgelaufen und dann irgendwann wieder zurückgekommen. Ist das nicht der Beweis, dass da mehr war zwischen den beiden?», fragt Priklopils Mutter. Hat Natascha Kampusch am 23. August 2006 Wolfgang Priklopil also einfach verlassen? Die Theorie ist nicht allzu skurril – zumal aktenkundig ist, dass Kampusch in den acht Jahren ihrer Gefangenschaft unzählige Fluchtmöglichkeiten verstreichen liess.

Weniger Raum für Spekulationen lässt ein Überraschungsgeschenk, das Priklopil für Kampusch zu ihrem 18. Geburtstag bereithielt: Der Entführer liess eine Torte – auf ihren Wunsch in Form der Zahl 18 – von der Frau seines Freundes Ernst H. backen. Das Fest feierten die beiden allerdings alleine. Aus Aufzeichnungen geht hervor, dass der Entführer sein Opfer liebevoll «Bibi» nannte. Das Opfer nannte seinen Peiniger «Wolfi». Im Haus wurde ein Sparbuch gefunden, das Überweisungen mit «von Wolfi an Bibi» vermerkt (Dokument 6). Für die Torte soll sich Kampusch mit einem «Busserl» auf die Wange bedankt und «Danke, Wolfi» gesagt haben. Nach dem Tod ihres Entführers verabschiedete sie sich von seinem zur Obduktion aufgebahrten Leichnam und besuchte in der Folge auch sein Grab in Begleitung von Margit W., der Schwester von Ernst H. Das ist ebenfalls aktenkundig.

Priklopil wollte Natascha heiraten

Von Anfang an teilte das Entführungsopfer seinen Betreuern mit, dass sie im Bett ihres Peinigers schlafen durfte. «Sie gab dazu an, dass sie Geschlechtsverkehr hatten und sie diesen freiwillig vollzog», gibt die Polizistin Sabine Freudenberger am 29. August 2006 zu Protokoll. Kampusch selber sagte in einer ihrer ersten Einvernahmen, dass Priklopil sie Ende 1998 - als das Mädchen erst zehn Jahre und 9 Monate alt war - «behutsam fragte, wie weit sie aufgeklärt sei und ob sie wisse, was mit Männern los sei, die schon über einen längeren Zeitraum keinen regelmässigen Sexualkontakt mit Frauen hatten». (Dokument 13, 14)

Der Entführer habe Kampusch erzählt, dass sie ihm gehöre und dass er «schon immer eine Sklavin haben wollte». Gleichzeitig wollte er mit ihr eine Familie gründen und ihr dafür eine neue Identität besorgen. (Dokument 8) Auch Ernst H. kannte die Absichten seines Freundes: In seiner Vernehmung vom 13. November 2009 erzählt H., dass Priklopil während der Flucht gesagt habe, er habe sich überlegt, Kampusch zu heiraten (Dokument 9).

Bekam Natascha Kampusch eine Tochter?

Im Zuge der Ermittlungen tauchte immer wieder die Frage auf, ob Natascha Kampusch während ihrer Gefangenschaft ein Kind zur Welt gebracht hat. Man war bei der Durchsuchung des Verlieses auf eine Haarlocke und ein Buch zum Thema Säuglingspflege gestossen (Dokument 15). Die Aussage des Arztes, Dr. Karl Benes, der die 18-Jährige bereits am Tag nach der Flucht untersuchte, liefert das erste Verdachtsmoment: «Natascha fragte mich, wie lange ich eine Schwangerschaft nachweisen könne, und dann fragte sie, wie lange man eine Schwangerschaft nachweisen könne, wenn sie schon vorbei sei», gab der Mediziner am 25. August 2006 der Polizei an. Er erklärte ihr, dass man eine vorhanden gewesene Schwangerschaft im Blut noch eine gewisse Zeit nachweisen könne. Darauf habe Kampusch geantwortet: «Das ist eh egal, weil es schon lange her ist.» Dazu kommt, dass im Haus Heinestrasse 60 ein Puppenhaus vorgefunden wurde, das wegen seiner Grösse nicht
durch die Tür zum sogenannten Verlies transportiert werden konnte.

In den Aktenbergen findet sich auch das Bild und die Geburtsurkunde eines kleinen Mädchens, das im März 2003 in einer Privatklinik in Wien zur Welt gekommen ist. Zu diesem Material wollte sich keine offizielle Stelle in Wien äussern. Einzig Karl Kröll, der Bruder des verstorbenen Polizeiobersts Franz Kröll, wagt zu behaupten: «Ich glaube, dass der Vater der Priklopil ist.» Das Kind sehe diesem ähnlich, meint er. Wer die Mutter ist, kann er nicht sagen. Nach der amtlichen Geburtsurkunde ist es Margit W., die Schwester von Ernst H. – die zum Zeitpunkt der Geburt geschieden und 43 Jahre alt war.

Eine Geburt, aber kein Patientendossier

Besonders suspekt kommen Karl Kröll die Dokumentationsunterlagen zur Geburt vor: W. sei zwar in der Wiener Privatklinik, die in der Urkunde angegeben wird, als Patientin registriert, die dazu regelmässig angelegten Geburtsakten fehlen aber im Klinikarchiv. «Das ist sehr ungewöhnlich», sagt er und lässt Raum für weitere Spekulationen: «Die Haarlocke im Verlies ist für mich ein typisches Zeichen für eine Geburt.»

Den letzten Beweis könnte einzig ein DNA-Abgleich liefern. Doch solange die Staatsanwaltschaft zur Causa Kampusch kein neues Verfahren eröffnet, werden die Zweifel bestehen bleiben. Die offenen Fragen nach dem Kind blieben bisher in Österreich wegen des Opfer- und Persönlichkeitsschutzes weitgehend unbehandelt.

Der Schutz der Gesellschaft steht über Kampuschs Privatsphäre

Für den ehemaligen Präsidenten des Obersten Gerichtshofs in Wien, Johann Rzeszut, ist dies aus isolierter Sicht des betroffenen Mädchens menschlich verständlich. Gibt es allerdings seriöse Anhaltspunkte dafür, dass einem Kind vor dem Hintergrund eines strafbaren Geschehens die leiblichen Eltern vorenthalten werden oder auch nur ein Elternteil vorenthalten wird, dann besteht sowohl familienrechtlicher als auch kriminalistischer Handlungsbedarf, letzterer insbesondere auch in Richtung Mehrtäterschaft. In diesem Fall stünden grundlegende Gesellschaftsinteressen und der Schutz der Gesellschaft vor einem oder allenfalls mehreren Komplizen des toten Täters über dem Interesse der Natascha Kampusch und des fraglichen Kindes am Schutz ihrer Privatsphäre.

Natascha Kampusch wollte keine Stellung zum Fall nehmen. Wolfgang Brunner, der ihre medialen Aktivitäten koordiniert, schrieb 20 Minuten Online: «Frau Kampusch gibt derzeit keine Interviews. Sie hat sich in hunderten Interviews zum Hergang ihrer Entführung geäussert, ebenso handelt ihre Biografie davon.»

Ernst H. - für den die Unschuldsvermutung gilt - nahm zum Fall keine Stellung. Sein Anwalt Manfred Ainedter sagte zu 20 Minuten Online: «Dazu können und wollen wir uns zurzeit nicht äussern.»

Margit W. - für die die Unschuldsvermutung gilt - konnte von 20 Minuten Online weder telefonisch noch per Mail erreicht werden.

*Namen der Redaktion bekannt

Video: Mathieu Gilliand/20 Minuten Online (Mitarbeit: Guido Grandt, Udo Schulze)

Lesen Sie am Donnerstag Teil 8: «Die Gerüchte um einen Pornoring»

Ausgewählte Leser-Kommentare

Das arme Kind... Ich wüsste nicht ob ich ein Kind bedingungslos lieben könnte das zur hälfte aus jemandem besteht der mich jahrelang gepeinigt und manipuliert hat. Auch wenn dieses Kind am allerwenigsten was dafür kann. Und ich kann mir auch nicht vorstellen das NK jemals ein normales Leben wird führen können... Ich glaube sie will einfach in ruhe gelassen werden. Ich glaube auch das es für das Kind das Beste wäre irgendwo in einer Familie, weit weg von Wien aufzuwachsen wo es nicht damit konfrontiert wird... Ich hoffe dass man wenigstens die Kleine aus dem ganzen raushält, auch später...! – Trinity

20min Login Facebook Connect
Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 72 Stunden, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.
  • huhu am 23.02.2012 12:46 Report Diesen Beitrag melden

    wo ist baby

    Wo ist dieses Kind denn nun, falls NK ein baby auf die welt gebracht hat??

  • binemaia am 23.02.2012 02:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hoffendlich ist das bald geklärt!

    Sie tut mir ja sehr leid. aber nun sollte man sie in ruhe lassen! sie hat ein schlimmes schicksal gehabt aber nun soll sie ihre ruhe bekommen!

  • GaDia am 22.02.2012 23:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stockholm Syndrom

    Schon einmal etwas von 'stockholm syndrom' gehört?! Der Fall scheint mir ganz klar zu sein...

Kampusch aktuell