Terry & Tricia Jones

10. Juni 2013 22:55; Akt: 10.06.2013 22:56 Print

«Ein Schwarzer auf dem Cover war eine Seltenheit»

von Yolanda Di Mambro - Terry und Tricia Jones lancierten vor über 30 Jahren das Kultmagazin «i-D». Ein Interview über Street Art, Punk, Waffen als Accessoires und das doppelte Gesicht von Tony Blair.

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Das Kultmagazin «i-D» zeichnet sich durch kreative und hochwertige Modefotografie aus. Auf dem Cover ist stets ein Star oder ein Model zu sehen, bei dem das rechte Auge geschlossen oder bedeckt ist. Jede Ausgabe steht unter einem bestimmten Motto, z. B. «our voice our future» (aktuelle Ausgabe). In den letzten Jahren standen pro Ausgabe in der Regel drei bis sechs Covers zur Auswahl. Die Zeitschrift steht deshalb auch bei Sammlern hoch im Kurs. «i-D» wurde 1980 von Terry Jones als Fanzine lanciert. Zuvor hatte er u. a. als Art Director bei «Vogue UK» und «Vanity Fair» gearbeitet. Tricia Jones, seine Ehefrau, ist Mitbegründerin des Magazins. 20-Minuten-Redaktorin Yolanda Di Mambro traf die beiden am 6. Juni 2013 zum Interview im Rahmen der in Zürich. Hunderte von VIPs liessen sich in den letzten drei Jahrzehnten für« i-D» fotografieren. So auch Supermodel Kate Moss. Die Ausgabe «a-z of now» erschien mit vier unterschiedlichen Titelbildern von ihr. Das Markenzeichen von «i-D»: Auf dem Cover ist jeweils das rechte Auge der fotografierten Person bedeckt ... ... oder geschlossen. An diese Regel halten sich auf Hunde, die zusammen mit Tom Ford aufs Cover wollen. Auch bei Babys wird keine Ausnahme gemacht. Julia Restoin Roitfeld posiert hochschwanger mit einem Teddybären. Gestylt wurde sie von ihrer Mutter, Carine Roitfeld, der ehemaligen «Vogue France»-Chefredaktorin. Et voilà la maman: Carine Roitfeld ist immer noch eine einflussreiche Frau im Modebusiness. «i-D» begeistert kreative Menschen. Dieses Foto wurde von Matt Jones, dem Sohn von Terry und Tricia Jones aufgenommen. Er ist von Beruf Fotograf. Sarkasmus auf dem Cover: Lola und Raquel Zimmermann, fotografiert von Juergen Teller. Madonnas erstes Magazin-Cover wurde 1984 von Mark Lebon für «i-D» aufgenommen. Karl Lagerfeld fotografierte sich gleich selbst. Mit dem Selbstauslöser und einem grossen Assistenten-Team war das wohl kein schwieriges Unterfangen. Ein sehr originelles Coverfoto des englischen Fotografen Tim Walker. Er gilt als Poet der Fotografie. Die zwei Gesichter der Sienna Miller. 3 Topmodels: Eva Herzigova, Helena Christensen und Claudia Schiffer, fotografiert von Kayt Jones, der Tochter von Terry und Tricia Jones. Originell: Ein Stück Pizza verdeckt das rechte Auge. Gemma Ward und Lily Donaldson, zwei englische Topmodels. Der Designer und seine Muse: Riccardo Tisci, Chefdesigner von Givenchy, und Mariacarla Boscono. Lady Gaga schaffte es zweimal aufs Cover von «i-D». Fotografiert wurde sie dabei vom Peruaner Mariano Vivanco ... ... und dem Engländer Nick Knight. Victoria Beckham vor ihrer Nasen-Operation. Gisele Bündchen geizt nicht mit ihren Reizen. Ein wunderschönes Cover: Designer Stefano Pilati (derzeit bei Zegna) und Naomi Campbell, fotografiert von Inez und Vinoodh. Die kühle Blonde: Claudia Schiffer Sie ist auch mit grauem Haar ein erfolgreiches Model: Kristen McMenamy. Ihre Tochter Lilly McMenamy ist ebenfalls Model. Séduction à la française: Laetitia Casta - ausnahmsweise mit Megavolumen und Locken. Das erfolgreichste chinesische Topmodel: Sui He. Auf dem Cover von« i-D» werden keine Nippel gezeigt. Carolyn Murphy, fotografiert von Craig McDean. Kaum erkennbar: Die mysteriöse Cate Blanchett. Hochschwanger: Das äthiopische Model Liya Kebede. Für seine letzte Kollektion liess er sich von Blumen inspirieren: Raf Simons, Chefdesigner von Dior (Womenswear). Ein Cover, das die Abrüstung propagiert. Carolyn Murphy Das ungarische Topmodel Eniko Mihalik Das niederländische Topmodel Lara Stone Chloe Sevigny und Fotograf Terry Richardson, der oft für «i-D» fotografiert. Vier Models, fotografiert von Paolo Roversi. Das deutsche Model Julia Stegner Ausdrucksstark und mysteriös: Der koreanische Violinist Hahn-Bin.

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Herr und Frau Jones, die meisten Street Artists, die an der diesjährigen Volvo Art Session in Zürich ihre Kunst präsentieren, haben an einer Hochschule Kunst oder Design studiert. Muss Street Art heute auf diesem hohen Niveau sein, um Erfolg zu haben?
Tricia Jones: Street Art ist für mich erfolgreich, wenn sie Energie und ein politisches Statement vermittelt. Es ist keine Frage der Technik, auch wenn sie ein Pluspunkt sein kann. Street Art ist eine demokratische Kunst. Ein Graffiti mit einem Statement an einer Wand ist keine Verschwendung.

Street Art ist kommerziell geworden. Das zeigen sowohl die exorbitanten Preise an der Art Basel als auch das Millionenvermögen von einzelnen Street-Art-Künstlern wie Bansky.
Terry Jones: Mit der Street Art verfolgten Künstler in den 70er-Jahren das Ziel, sich eine Identität zu schaffen, indem sie anonym an öffentlichen Schauplätzen Kunst machten. Street-Art-Celebrities kamen erst später. Keith Haring und Jean-Michel Basquiat wurden durch ihre Street Art bekannt und schafften es bis in renommierte Kunstgalerien. Mit den Jahren stieg auch die Akzeptanz, dass Kunst an öffentlichen Schauplätzen präsentiert wird und politische Botschaften vermittelt.

Sie haben 1980 das «i-D»-Magazin lanciert. Welches war der ursprüngliche Zweck und wie hat er sich in 33 Jahren verändert?
Terry Jones: Als Punk Mitte der Seventies aufkam, war es auch das grösste Modeereignis, das jedoch von der Industrie nicht anerkannt wurde. Deshalb kam ich auf die Idee, in Form eines Magazins darüber zu berichten. Zu Beginn war es aber nur ein Nebenjob. Mit der Zeit wuchs sowohl der Umfang des Magazins als auch die Anzahl Mitarbeiter. Wir begannen, uns das Kapital durch die Werbung zu beschaffen. Mit Modewerbung finanzierten wir unser Magazin. Der Grundsatz hat sich jedoch in den über 30 Jahren nicht geändert: Es geht um Ideen, die von kreativen Menschen umgesetzt werden. Wir sind eine globale kreative Gemeinschaft.
Tricia Jones: Zu Beginn waren es College-Studenten, die beim Magazin mithalfen. Mit der Zeit wurden dann Mitarbeiter fest angestellt.

Was steht im Vordergrund Ihres Magazins?
Tricia Jones: Es zelebriert die Verschiedenartigkeit. Heute mag dies normal sein, doch vor 30 Jahren waren die Menschen erstaunt, wenn sie auf dem Cover eines Magazins einen Schwarzen sahen. Das war eine Seltenheit. Wir haben immer versucht, uns nicht durch Regeln einengen zu lassen.

Frau Jones, Sie haben 2012 «Soul i-D», ein 600 Seiten umfassendes Buch über «i-D»-Projekte herausgegeben. Welche Kriterien waren für die Auswahl des Materials entscheidend?
Es gab nur zwei Kriterien: Die Beiträge mussten eine positive Message beinhalten und die Autoren, Fotografen und Künstler mussten ehrlich dabei sein. In der heutigen Zeit gibt es so viel Negatives. Menschen sehen oft nur das halb leere Glas und nicht das halb volle Glas.

Gab es nie kritische Beiträge im «i-D»-Magazin?
Terry Jones: Bei einigen Projekten wurde klar Stellung gegen den Irak-Krieg bezogen. Von Alexander McQueen gab es einen beeindruckenden Print, auf dem ein Totenkopf und das Konterfei von Tony Blair abgebildet waren. Es suggerierte das doppelte Gesicht des damaligen britischen Premierministers. McQueen war seiner Zeit voraus. Damals wusste man noch nicht, dass der Krieg auf einer Lüge basierte.
Tricia Jones: Waffen sind ein sehr grosses Business. Und sie töten Menschen. Wir sollten alles tun, um dies zu verhindern.

Gibt es No-Gos bei Ihrem Magazin?
Terry Jones: Ja, wir würden nie jemanden in ein schiefes Licht rücken. Wenn Sie ein Bier kaufen wollen, kaufen Sie schliesslich auch kein schlechtes Bier. Weshalb sollten Sie also ein Magazin kaufen, das voller Kritik ist? Unser Magazin hat eine begrenzte Anzahl Seiten. Wer einen Beitrag über etwas Tolles bringen will und daran glaubt, wird berücksichtigt, auch wenn es nicht alle anspricht. Kreative Energie passt zu «i-D», wie auch die Förderung von Kulturen von Minderheiten.
Tricia Jones: Wir lehnen jede Art von Aggression ab. Wir berichten nicht über Menschen, die Opfer sind. Wir zeigen keine Waffen als Accessoires. Wir zeigen auch keine Menschen, die rauchen, da das Rauchen Menschen töten kann.

Ich habe noch nie ein «i-D»-Cover gesehen, auf welchem ein Model Pelz trägt.

Terry Jones: Es ist schon vorgekommen, dass Pelzmode im Magazin gezeigt wurde. Einer unserer Mode-Verantwortlichen arbeitet für ein Unternehmen, das Pelz vertreibt. Es ist eine persönliche Entscheidung. Ich selber finde, das Pelz toll aussieht - aber nur an lebenden Tieren. Es gibt Alternativen zu echtem Pelz. Wir brauchen somit die Pelzmode nicht auch noch zu promoten.



«Bobs», ein Video von Saty + Pratha für i-D online (Video: YouTube, i-D online)


«Kiss Me Karlie», ein Video von Matt Jones für i-D online (Video: YouTube, i-D online)


«Get With Me», ein Video von Makda Iyasu für i-D online (Video: YouTube, i-D online)


Interview mit dem chinesischen Künstler Yue Minjun (Video: YouTube, i-D online)