Schriller Nachtclub-Star

10. Dezember 2012 12:02; Akt: 10.12.2012 12:21 Print

«Ich bin ein Fashion-Clown und keine Transe»

von Yolanda Di Mambro - Er trägt Glitzer-Make-up, eine XXL-Irokesen-Perücke und tanzt Samba auf 17 cm hohen Highheels. Neto Clown über die Nachtclubszene, Homosexualität und Sixpack-Implantate.

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Extravagantes Styling und brasilianische Lebensfreude: Fashion-Clown Neto gehört zu den schillerndsten Figuren des Schweizer Nachtlebens. Neto liebt die Verwandlung. Je schriller, desto besser. Im Vergleich zu ihm ist Harald Glööckler ein Sonntagsschüler. Die Show ist sein Leben. Neto bezeichnet sich selber als Fashion-Clown. Auf dem rechten Oberarm hat er sich das Gesicht eines Clowns tätowieren lassen (rechtes Bild). Der Brasilianer schminkt sich immer selber und hilft auch seinen Tanzpartnerinnen beim Make-up. Wo er auftaucht, lassen sich Partygäste gerne mit ihm fotografieren. Neto tritt sowohl in der Schweiz als auch im Ausland auf. Er sorgt dafür, dass die Clubgäste Spass haben und ihre Sorgen für eine Nacht vergessen. Neto bei einem Auftritt mit Amanda Lepore in Zürich am 10. November 2012. Lepore ist die berühmteste Transsexuelle der Welt und lebt von ihren Auftritten in Nachtclubs. Sie lebt in New York. So sollten Frauen gemäss Neto sein: sexy, weiblich und schön gestylt. Unter kreativen Menschen, die gerne in andere Rollen schlüpfen und Spass am Leben haben, fühlt sich der Fashion-Clown am wohlsten. Der 36-Jährige arbeitet als Coiffeur in Zürich Altstetten. Er tritt jeweils am Wochenende in Clubs auf. In Nachtclubs arbeitet er in der Regel von 00.30 bis 02.30 Uhr. Seine Liebe für Shows stammt aus der Zeit, als er in einem Zirkus in Nordbrasilien arbeitete. Neto wurde am 6. August 1976 in Recife (Nordbrasilien) geboren. Seit 16 Jahren lebt er in der Schweiz. Zunächst hatte er nur ein Touristenvisum für drei Monate. Er entschied sich dazu, in der Schweiz zu bleiben. «Die Schweiz war für mich Liebe auf den ersten Blick», sagt Neto im Gespräch mit 20 Minuten Online. «Schweizer sind sehr respektvoll und offen», erklärt Neto. «Jeder lebt sein Leben, wie er will.» In der Schweiz war Neto auch sechs Jahre lang verheiratet. Gelegentlich tritt er auch als Feuerschlucker auf. Seine Kleider näht er oft selber. Das Handwerk dazu lernte er in São Paulo als Designer. Yohji Yamamoto, Cristóbal Balenciaga und Yves Saint Laurent gehören zu Netos Lieblingsdesignern. Für sein Styling braucht er nur 20 Minuten. Einzig bei einem aufwändigeren Styling, z. B. an Halloween, braucht er 30 bis 40 Minuten. Eine Visagistenschule hat er nie besucht. Das Schminken hat er als Kind im Zirkus gelernt. Später hat er sich auch vieles von befreundeten Visagisten zeigen lassen. Am 10. November 2012 sass er neben seinem Manager in der Front Row bei der Mercedes-Benz-Fashionshow . Für den Fashion-Clown wäre es keine Option, jeden Tag so herumzulaufen. «Meine Haut braucht Pausen. Die Theaterschminke ist sehr aggressiv und lässt die Haut schnell altern.» Nach Auftritten greift Neto zu Gesichtspeeling und Feuchtigkeitsmaske, um seine Haut zu regenerieren. Einmal pro Monat gönnt er sich auch eine professionelle Gesichtsbehandlung bei einer befreundeten Kosmetikerin. Neto bei seiner Arbeit als Coiffeur. Bei Art on Ice stylte er Eiskunstläuferin Sarah Meier (links). Unterwegs mit seinen partyfreudigen Freunden. Im Bus reist die Gruppe mehrmals pro Jahr nach Italien an den VIP-Event «Colazione da Tiffany». Das Tanzen auf 17 cm hohen Plateau-Stiefeletten bereitet dem Brasilianer keine Probleme. Er mag es überhaupt nicht, wenn man ihn als Transe oder Dragqueen bezeichnet. «Viele haben keine Ahnung und können einen Freak nicht von einer Dragqueen unterscheiden. Nur weil ich Highheels trage, bin ich noch lange nicht weiblich», sagt er im Interview mit 20 Minuten Online. Neto überlegt sich derzeit, ob er sich für das Casting von «Big Brother Brasil» anmelden soll. Die acht Millionen Zuschauer pro Tag könnte er bestimmt bestens unterhalten.

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Neto, du bist kürzlich mit Amanda Lepore, der berühmtesten Transsexuellen der Welt, in einem Zürcher Nachtclub aufgetreten. Hast du ihr mit deinem extravaganten Aussehen nicht die Show gestohlen?
Neto Clown: Nein. Amanda ist ein internationaler Star, sie reist um die ganze Welt, tritt in Clubs und Fernsehshows auf und kann davon gut leben. Ich hingegen bin ein Fashion-Clown, der seine Liebe für Mode und Zirkus als Kunstgestalt zum Ausdruck bringt. Ich bin weder eine Transe noch eine Dragqueen.

Kannst du von deinen Auftritten in Nachtclubs leben?
Hauptberuflich bin ich Coiffeur. In Nachtclubs arbeite ich nur Samstagnacht, gelegentlich auch am Freitag. Ich trete vorwiegend in der Schweiz – Zürich, Luzern, Schaffhausen und Lausanne – auf, ab und zu auch im Ausland. Viel verdiene ich nicht mit Clubauftritten, sie machen mir aber Spass.

Du schminkst dich wie ein Clown und bezeichnest dich auch als solcher. Weshalb?
Die Zirkuswelt hat mich schon als Kind fasziniert. Vom achten bis zehnten Lebensjahr durfte ich in einem Zirkus in meiner Heimatstadt Recife auftreten. Meine Mutter nahm mich eines Tages in den Zirkus. Ich rannte in die Manege und versuchte mich als Artist. Ich hatte einige Stunden zuvor den Zirkuskünstlern beim Proben zugesehen. Das Publikum dachte, ich sei Teil des Programms und klatschte. Da bot mir der Zirkus an, mit den Akrobaten zu proben und aufzutreten. Als der Zirkus dann wegzog, war das Abenteuer leider vorbei.

Welchen Bezug hast du zur Mode?
Mit 19 zog ich von Recife in die Metropole São Paulo. Ich entdeckte das Nachtleben und lernte viele Leute kennen, unter anderem auch einen Fashiondesigner, für den ich ein Jahr lang gearbeitet habe, obwohl ich zuvor nie eine Modeschule besucht hatte. Er brachte mir alles bei. Später habe ich auch als Designer für ein Brautmode-Label gearbeitet. Nach einem Jahr hatte ich jedoch genug davon. Ich wollte wieder als Hairstylist und Performance-Künstler arbeiten.

Du trägst 17 cm hohe Highheels und tanzt darin die ganze Nacht durch. Musstest du lange üben?
Nein, als Akrobat habe ich schon als Kind gelernt, das Gleichgewicht in allen möglichen Positionen zu halten. Das Tragen von Highheels ist übrigens reine Übungssache. Ich finde es schade, dass Schweizer Frauen fast nie Highheels tragen.

Haben Schweizer Frauen keinen Stil?
Doch, sie haben schon Stil, aber weniger als Brasilianerinnen. In Brasilien stehen Frauen zu ihrer Weiblichkeit, ziehen sich sexy an und tragen Highheels, auch wenn die Strassen oft nicht geteert sind. Für viele Schweizerinnen muss hingegen alles bequem sein: bequeme flache Schuhe, bequeme Kleidung, unauffälliges Make-up. Viele junge Frauen ziehen sich hier wie Männer an: Jeans, Pulli und Turnschuhe. Das finde ich sehr schade.

In Brasilien sind Beauty-OPs seit Jahrzehnten sehr beliebt. Legen sich Nachtclub-Tänzerinnen und -Tänzer oft unters Messer?
Ja, in der Nachtclub-Szene ist das gang und gäbe. Frauen lassen sich oft die Brust vergrössern und die Lippen aufspritzen. Männer hingegen lassen sich an Bauch und Po Implantate einsetzen, um einen Knackpo und ein Sixpack zu haben. Im Gegensatz zur Schweiz leisten sich aber in Brasilien auch arme Leute Beauty-OPs, da sie sie in 10 bis 20 Raten zahlen können.

Ist es in Brasilien schwierig, sich als Homosexueller zu outen?
São Paulo ist ziemlich liberal. Dort konnte ich problemlos als Fashion-Clown auftreten. Leider gibt es Skinhead-Gruppen, die es auf Homosexuelle abgesehen haben. In kleineren Städten Brasiliens gibt es eher Vorurteile gegenüber Schwulen. Schweizer sind da sehr offen. Jeder lebt sein Leben. Deshalb fühle ich mich hier so wohl. In der Schweiz sind es vorwiegend Ausländer, die Schwule nicht akzeptieren. Das hängt oft mit ihrer Religion zusammen.

Die Nachtclubszene hat nicht den besten Ruf. Es heisst oft, sie sei oberflächlich und nur an Alkohol, Sex und Drogen interessiert.
In der Clubszene werden Drogen offener konsumiert als anderswo. Im Gegensatz zu Bankern, die bei der Arbeit koksen, braucht man sich in der Szene nicht zu verstecken. Ich persönlich nehme jedoch keine Drogen. In der Clubszene sehe ich nichts Anrüchiges: Die Leute wollen Spass haben, Stress abbauen, vielleicht einen Partner finden, weil sie sich einsam fühlen.

Auf deiner Facebook-Seite animieren dich deine Freunde dazu, beim Casting von «Big Brother Brasil» mitzumachen. Beim Finale von 2010 gingen 154 Millionen Stimmen ein. Eine Teilnahme würde dich zum Star machen.
Ich würde gerne mitmachen, obwohl ich Bedenken hätte, meine Kunden drei Monate im Stich zu lassen. Ich werde mich vielleicht anmelden. Die Brasilianer hätten sicher Gefallen an meinem speziellen Look und meiner positiven Ausstrahlung.

Du bist jetzt 36. Wirst du dich mit 50 oder 60 Jahren aus dem Nachtleben zurückziehen?
Wenn man etwas mit Leidenschaft macht, spielt das Alter keine Rolle. Viele Film- und Musikstars arbeiten bis ins hohe Alter. In São Paulo sind Dragqueens auch schon auf der Bühne gestorben. Sie traten auf, auch als sie schon schwer krank waren. Zum Teil wurden sie auf dem Rollstuhl auf die Bühne geschoben. Ich liebe Shows über alles. Ich bringe die Leute zum Lachen und Staunen. Das liebe ich. Deshalb werde ich so lange tanzen, bis ich tot umfalle.

Neto Clown im Video «Opera» von Giorgio Scola (Video: Vimeo, Giorgio Scola)