Tattoos, Piercings, Hörner

31. Januar 2012 13:37; Akt: 31.01.2012 16:22 Print

«Ich bin mehr Kriegerin als Vampirfrau»

von Yolanda Di Mambro - So stellt man sich eine Anwältin nicht vor: Mary José Cristerna ist in Lateinamerika ein Star, Mutter von vier Kindern – und setzt sich für Opfer von Ehegewalt ein. Ein Gespräch.

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Die Vampirfrau Mary José Cristerna trägt ihre Lebensgeschichte auf und unter der Haut. Sie wurde 1976 als María José Cristerna im Bundesstaat Jalisco, Mexiko, geboren. Sie wuchs in einer religiösen Familie auf ... ... und besuchte eine von Nonnen geführte Schule. Mit 17 heiratete sie. Auf dem Foto ist sie am Arm ihres Vaters zu sehen. Bis zu jenem Zeitpunkt hatte sie nur ein paar Tattoos. Ihr Mann war gewalttätig und schlug sie immer wieder. Den Mut, ihn zu verlassen, hatte sie aber nicht. Während ihrer ersten Schwangerschaft stiess sie ihr Mann mit voller Wucht gegen einen Tisch, was eine Frühgeburt auslöste. Von ihrem gewalttätigen Mann bekam sie vier Kinder. Erst nach vielen Jahren verliess sie ihn zusammen mit den Kindern. Während ihrer Ehe unterzog sie sich immer mehr Eingriffen. Für Cristerna war es auch ein Befreiungsschlag, um über die Demütigung ihres gewalttätigen Ehemannes zu kommen, der ihr die Würde als Mensch und als Mutter von vier Kindern rauben wollte. Cristerna ist in zweiter Ehe mit dem Tätowierer David Peña verheiratet. Ihre vier Kinder haben ihn als Vater angenommen. Die Familie hat auch mehrere kleine Hunde. Sie arbeitet heute als Tatöwiererin, Malerin, Suspense-Performerin und Sängerin. Ein Herz auf der Schenkelinnenseite symbolisiert den Tod ihrer Eltern, die beide an Herzinfarkt gestorben sind. Die ersten Titanium-Hörner liess sie sich ohne Anästhesie implantieren. Die neuen Hörner sind aus Silikon. Cristerna in einer amerikanischen TV-Show im November 2011. Die Vampirfrau mit einem Fan. Ihre vier Kinder dürfen sich bis zum 18. Lebensjahr nicht tätowieren lassen. Cristerna steht auf Gothik ... ... und tritt auch mit ihrer Band auf. 95 Prozent ihrer Haut ist tätowiert. Sie hilft Opfern von Ehegewalt, da auch sie jahrelang misshandelt wurde. Ihr Vorbild ist Lilith, die erste Frau Adams, die sich ihm sexuell nicht unterordnen wollte. Seit einigen Jahren tritt sie vorwiegend in Lateinamerika in Fernsehshows auf. Sie versteht Frauen nicht, die sich nicht pflegen und ihr Äusseres vernachlässigen. In Mexiko besucht sie Quartiere der unteren Mittelschicht, um Frauen darüber zu informieren, wie sie sich gegen Männergewalt wehren können. In Lateinamerika gibt es keine Frau, die sich mehr Body Modifications unterzogen hat als Cristerna. 2011 war sie auch in einem vielbeachteten Dokumentarfilm von National Geographic zu sehen.

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Mary José Cristerna ist eine moderne Amazone: Sie ist grossgewachsen und hat einen durchtrainierten Körper, trägt hüftlange Rastalocken und Overknee-Stiefel. Ihren Betrachter fesselt sie mit Vampirzähnen, Hörnern, Piercings, Skarifizierungen, Nasenring und Tattoos, die 95 Prozent ihres Körpers bedecken und ihre Lebensgeschichte erzählen. Eine Geschichte des Schmerzes, der Emanzipation und der Selbstfindung. Mit 14 liess sich die Schülerin einer Nonnenschule ihr erstes Tattoo stechen und von da an liess sie die Leidenschaft der «Body Modification» (Körperveränderung) nicht mehr los. Jahr für Jahr unterzog sie sich immer mehr Eingriffen. Für Cristerna war es auch ein Befreiungsschlag, um über die Demütigung ihres gewalttätigen Ehemannes zu kommen, der ihr die Würde als Mensch und als Mutter von vier Kindern rauben wollte. Heute, mit 36, ist sie in Mexiko ein Star. Sie nennt sich Vampirfrau und steht kurz davor, einen Guinness-Rekord aufzustellen. Im Exklusiv-Interview mit 20 Minuten Online beweist sie einmal mehr, was die Mexikaner an dieser aussergewöhnlichen Frau fasziniert: ihre Sensibilität, ihre Weisheit und ihr unerschütterlicher Wille.

Du willst einen Guinness-Rekord aufstellen. 95 Prozent deiner Haut ist tätowiert. Wie viel fehlt noch?
Mary José Cristerna: Nicht mehr viel. Den Titel möchte ich aber nicht für die Tattoos, sondern für die «Body Modifications». Es gibt sehr viele Menschen, die tätowiert sind. Ich bin aber einen Schritt weiter gegangen. Ich habe mich nicht nur äusserlich, sondern auch innerlich sehr verändert. Ich bin mutiger und reifer geworden. Und vor allem stärker. Ich will ein Beispiel dafür sein, dass man vieles im Leben erreichen kann.

Wie viele Körperveränderungen hast du dir machen lassen, jetzt mal abgesehen von deinen zahlreichen Tattoos?
Am Kopf sind es etwa zehn Implantate, am Schlüsselbein sind es drei grosse. An den Armen sind es etwa zwanzig. Bis vor kurzem hatte ich vier Vampir-Eckzähne. Jetzt habe ich sechs Frontzähne mit spitzer Form.

Warum wolltest du unbedingt Vampirzähne haben?
Spitze Zähne faszinieren mich. Doch als Vorbild dienten mir in erster Linie nicht Vampire, sondern die Kriegerin und der Jaguar. Das ist Teil der mexikanischen Kultur. Ich bin mehr Kriegerin als Vampirfrau.

Welche Bedeutung haben deine Hörner?
Die waren ursprünglich gar nicht als Hörner gedacht. Ich wollte eine Veränderung. Ich sah mich aber nicht als Teufelin oder Vampirin. Ich wollte mal ausprobieren, wie es ist, sich ein Implantat einsetzen zu lassen. Die ersten waren aus Titanium, die neuen sind aus Silikon.

Weshalb hast du dir die «Body Modifications» ohne Anästhesie machen lassen?
Heute gehe ich zu einem plastischen Chirurgen, der bei den Eingriffen eine Anästhesie vornimmt. In Mexiko sind solche Eingriffe gesetzlich klar geregelt. Nimmt hingegen ein «Body Modifier» den Eingriff vor, der von Gesetzes wegen keine Anästhesie durchführen kann, birgt dies ein sehr grosses Risiko. Aus diesem Grund wurde bei meinen ersten Eingriffen keine Anästhesie vorgenommen.

Du hast einmal gesagt: Die Religion ist wie der Alkohol. Man muss sie mit Mass geniessen. Gilt dieser Grundsatz nicht auch für Tattoos und «Body Modifications»?
Natürlich. Ich verändere meinen Körper seit 22 Jahren. Es gibt Leute, die ändern sich radikal von einem Tag auf den anderen und bereuen es dann.

Bist du in deinem Leben auch abgelehnt oder diskriminiert worden?
Im Berufsleben wurde ich diskriminiert – als Anwältin. Obwohl ich immer gesagt habe: ‹Wenn ich in den Gerichtssaal muss, passe ich mich den Kleidervorschriften an.› Die Tatsache, dass ich Tattoos habe, sollte mich aber nicht in meiner Fähigkeit als Anwältin einschränken. Leider gibt es Menschen, die sehr konservativ sind und darin ein Problem sehen, auch wenn sie es nicht zugeben. Auch in der Schule gab es manchmal Ablehnung. Aber ich habe das alles bewältigt, auch wenn es mich Überwindung gekostet hat.

Stimmt es, dass man dir einmal deine vier Kinder wegnehmen wollte?
Ja, das war mein Exmann. Es gelang ihm jedoch nicht, da er ein verantwortungsloser Mensch ist. Bei dieser Auseinandersetzung musste ich stark sein und mich verteidigen.

Welche deiner Tattoos sind die persönlichsten und was symbolisieren sie?
Die vier Augen symbolisieren meine vier Kinder. Ihr Blick ist auf mich gerichtet. Sie sind meine Richter. Ein Herz auf der Schenkelinnenseite symbolisiert den Tod meiner Eltern, die beide an Herzinfarkt gestorben sind. Weiter habe ich Tattoos, welche die Frau sowie das Gute und das Böse, das heisst das Gleichgewicht im Leben, symbolisieren. Das Wichtigste sind jedoch die Sterne in meinem Gesicht, die ich mir zu Ehren meiner Mutter tätowieren liess – nach ihrem Tod.

Was fasziniert dich so an Lilith, der ersten Frau Adams?
Als man mir in einer TV-Sendung den Übernamen Vampirfrau gab, fragte man mich, ob es eine mythologische Figur gibt, die ich gerne wäre. Ich antwortete: Die mythische Lilith, die unter anderem im Talmud und in der Bibel erwähnt wird. Sie war Adam ebenbürtig und widersetzte sich ihm, als er ihr nicht erlaubte, beim Sex oben zu sein. Mit Lilith als Sinnbild der starken Frau kann ich mich identifizieren. Vampire hingegen sind für mich Teil eines schönen Märchens. In Wirklichkeit gibt es sie jedoch nicht.


Mary José Cristerna gewährt Einblick in ihr Leben (Video: YouTube, CANALATV videos)


Wer war Lilith, die erste Frau Adams? (Video: YouTube, shoxtox)

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Was halten Sie von Personen, die nicht dem Schönheitsideal einer Angelina Jolie oder einer Heidi Klum nacheifern? Personen, die sich an der Mythologie und an Fabelwesen orientieren? Und statt Beauty-OPs auf Tattoos und Körperverzierungen setzen? Diskutieren Sie mit.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Beobachter am 01.02.2012 00:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fantasy!! 

    Diese Frau hat offensichtlich ein Problem damit, sich selber als gewöhnlicher Mensch zu akzeptieren und flüchtet in irgendwelche Fantasy-Gebilde und pseudomystische Dinge wie Lilith... vielleicht schlimme Erfahrungen in der Kindheit oder so... jedenfalls stimmt es mich traurig zu sehen, wie ein Mensch so viel Aufwand betreiben muss, um sich selber zu akzeptieren...

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  • Daniel am 31.01.2012 17:35 Report Diesen Beitrag melden

    Kunst am Körper wird missverstanden

    Bei der Kunst am Körper ist es wie bei der Kunstmalerei. Die grosse Mehrheit versteht sie nicht. Paul Klee wurde seinerzeit als infantil bezeichnet, Van Gogh als Versager.

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  • gothicboy am 31.01.2012 14:20 Report Diesen Beitrag melden

    spannend

    ich finde die frau total spannend. wenigstens mal eine, die aus dem rahmen fällt - auch ohne gucci-täschchen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Avatar am 01.02.2012 15:24 Report Diesen Beitrag melden

    Faszinierend

    Die Vampirfrau fasziniert. Ich finde die Mischung zwischen Mensch und Fabelwesen cool. Also mir gefällt sie.

  • Maria S. am 01.02.2012 10:47 Report Diesen Beitrag melden

    ziemlich diabolisch...

    Mary José Cristerna ist auf ihre eigene Art schillernd und faszinierend. Doch ihr Ausdruck ist auch sehr beängstigend und ich würde mich abends in der Unterführung bei der Begegnung mit ihr zu Tode erschrecken. Wie die Kinder da einen fröhlich, lockeren Umgang mit ihr haben können ist ziemlich schwer vorstellbar - auch wenn die Mutter in die Schulsprechstunde kommt und auf die anderen "normalen" Muttis trifft. Aber Respekt für soviel Mut...

  • Adrian am 01.02.2012 08:48 Report Diesen Beitrag melden

    Frauen sollten sich nicht schminken

    Ich finde, Frauen sollten sich gar nicht schminken. Kein Lippenstift, kein Lidstrich, keine falschen Wimpern. Einfach nur natürlich sein.

    • K. Meier am 01.02.2012 10:07 Report Diesen Beitrag melden

      Der Wille Gottes

      Ich sag dir warum das so ist: Nachdem der liebe Gott Mann und Frau erschaffen hatte, betrachtete er sein Werk. Zuerst fiel sein Blick auf den Mann und sagte: "Also ich muss mich selbst loben. Diese wunderbare Form des Körpers, die wohlgelungenen Proportionen, die vollendete Ästhetik - ein perfektes Werk." Danach sah er die Frau an und meinte achselzuckend: "Na gut, Du musst Dich halt schminken..."

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  • f. schlösschen am 01.02.2012 07:58 Report Diesen Beitrag melden

    man kanns auch übertreiben

    nichts gegen persönliche freiheit und individualität. ich hab seit jahren lange haare und besitze weder anzug noch krawatte. aber implantierte beulen auf dem kopf und tattoos im gesicht sind echt zu viel des guten für meinen geschmack.

    • Finn am 01.02.2012 08:01 Report Diesen Beitrag melden

      Ist bei Silikon-Brüsten nicht anders

      Okay, das mit den Hörnern ist Geschmackssache. Doch letzten Endes sind die "implantierten Beulen", wie du sie nennst, bei Silikon-Brüsten nichts anderes. Einfach nur grösser.

    • gabi am 01.02.2012 08:16 Report Diesen Beitrag melden

      silikonbusen noch gefährlicher

      @das sehe ich auch so. eine brust-op ist medizinisch gesehen riskanter. und setzt im gegensatz zu den hörnern eine vollnarkose voraus.

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  • Jennifer Aniston am 01.02.2012 07:57 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt nicht nur Angelina Jolie

    Warum sollen wir Frauen uns immer an VIPs messen, die für Filme, Shootings und öffentliche Auftritte während fünf Stunden von den besten Stylisten und Visagistin zurechtgestylt und in Beautys verwandelt werden? Ich finde es super, dass sich die Vampirfrau ein eigenes Schönheitsideal setzt, auch wenn es von der Gesellschaft nicht als solches gesehen wird.

    • Anna am 01.02.2012 20:16 Report Diesen Beitrag melden

      Mimik ist auch weg

      Sie hat auch keine Mimik mehr. Genau wie Botox-Junkies. Ihr Engagement bewundere ich. Aber wer erschrickt nicht, wenn er sie sieht?

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