Guerlain-Visagist

02. Juni 2013 10:13; Akt: 02.06.2013 10:57 Print

«Ohne Make-up sind Models normale Frauen»

von Yolanda Di Mambro - Er gehört zu den Top-Visagisten Europas. Raynald Lehongre über die Schmink-Tricks von Topmodels, Make-up für Männer und das Schmink-Verbot seiner Tochter.

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Gestylt zählt sie zu Recht zu den schönsten Frauen der Welt: Mariacarla Boscono, Muse von Givenchy-Chefdesigner Riccardo Tisci. Ohne Make-up (links) fällt sie Leuten, die nicht im Fashion- und Beauty-Business arbeiten, nicht gross auf. Folgende Änderungen wurden vorgenommen: schmalere Nase, kleinerer Abstand zwischen den Augen, Stirnhöhe verkleinert, Lippenvolumen vergrössert, Augenbrauen-Bogen verlängert, Wangenknochen akzentuiert, Nasolabialfalte wegretuschiert. Er verschönert Frauen: Raynald Lehongre, International Make-up Artist bei Guerlain, Paris. Raynald Lehongre gehört zu den vier engsten Mitarbeitern von Starvisagist Olivier Echaudemaison (rechts), Creative Director von Guerlain. Das russische Topmodel Natalia Vodianova (links) ist seit Jahren das Werbegesicht von Guerlain. Model und Schauspielerin Laetitia Casta zeigt sich selten ohne Make-up (Mitte). Um ihre Rötungen abzudecken, empfiehlt Reynald Lehongre, eine auf den Hautton und den Hauttyp abgestimmte flüssige Foundation (z. B. «Lingerie de Peau» von Guerlain) und einen Gesichtspuder aufzutragen. Die Fotos rechts und links wurden nachträglich mit Photoshop überarbeitet - u. a. sieht man es an der schmaleren Nase (links) und am kleineren Busen (rechts). Das tschechische Topmodel Karolina Kurkova hat eine zu lange Stirn und einen zu grossen Mund. Die Lösung rechts: Die Haare verdecken einen Grossteil der Stirn und auf der rechten Seite wurde der Haaransatz weiter unten angesetzt. Zudem wurde der Mund mit Photoshop verkleinert und die Kontur der oberen Lippe verändert (Lippenherz). Die Nase wurde an den Seiten schmaler gemacht. Die Karibik-Bräune wurde am Tag des Shootings von einem Airbrush-Tan-Profi aufgesprüht. «Victoria's Secret»-Engel Alessandra Ambrosio hat ein langes Gesicht und eine zu hohe Stirn. Trick (rechts): Mit Photoshop wird die Stirn um ca. 1/4 kleiner gemacht. Die Nase und das Kinn werden ebenfalls verkleinert. Make-up-Technik: Mit den helleren Partien (z. B. rechts zwischen Nase, Wange und Kinn) wird dem Gesicht mehr Volumen gegeben. Mit dem speziellen Augen-Make-up wird der Abstand zwischen den Augen verkleinert. Der Airbrush-Tan sorgt für die perfekte Karibik-Bräune. Das israelische Topmodel Bar Refaeli. Auf dem linken Foto sieht man die T-Zone, die glänzt, sowie Flecken auf der Haut. Rechts: ein makelloser Teint. Das Orange im Titel und auf den Lippen verstärkt das Blau-Grau von Bars Augen. Die Lichtakzente im Auge und im Augenwinkel (Photoshop) bringen die Augen zum Strahlen. Fast nicht erkennbar: Das amerikanische Topmodel Tyra Banks vor und nach dem Profi-Styling und der Photoshop-Überarbeitung. Mund, Nase und Stirn wurden optisch verkleinert, die Augenschatten wegretuschiert und die Wangenknochen akzentuiert. Das englische Topmodel Rosie Huntington-Whiteley: Rechts nach dem Profi-Styling und der Photoshop-Überarbeitung mit makellosem Teint, fleckenfrei, mit kleinerer Nase und kleinerem Schmollmund. Zudem wurde der Abstand zwischen Augenlid und Augenbraue verkleinert. Links: die Augen sind nicht ganz auf der gleichen Höhe, wie übrigens bei den meisten Menschen. «Victoria's Secret»-Engel Adriana Lima vor und nach dem Styling. Der Fokus im Gesicht liegt klar auf dem Kontrast Licht und Schatten - so wird das Gesicht durch Profis modelliert. Das Gesicht wirkt rechts schmaler (Wangenpartie), das Kinn runder. Die Nase wurde optisch verkleinert, Pickel und Rötungen wegretuschiert.

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Herr Lehongre, Sie gehören zu den vier engsten Mitarbeitern von Starvisagist Olivier Echaudemaison, der seit 13 Jahren Creative Director von Guerlain ist. Wie kamen Sie zu diesem prestigeträchtigen Job?
Raynald Lehongre: Ich lernte Olivier in den 90er-Jahren kennen, als er noch Creative Make-up Director von Givenchy war. Ich arbeitete damals als Freelance-Visagist für Yves Saint Laurent. Olivier bot mir eine Stelle als internationaler Make-up-Artist im Givenchy-Team an. Ich sagte zu und arbeitete fortan vier Jahre lang mit ihm zusammen. Das viele Reisen war jedoch nicht mehr mit meinem Familienleben vereinbar. Ich wanderte nach Spanien aus, kehrte jedoch nach einigen Jahren aufgrund der Wirtschaftskrise wieder nach Paris zurück. Dort traf ich per Zufall wieder Olivier, der in der Zwischenzeit Creative Director von Guerlain geworden war. Er bot mir wieder an, Teil seines Teams zu sein. Ich sagte sofort zu.

Was fasziniert Sie an Olivier, der einst als junger Mann Grace Kelly, Jackie Kennedy und Sophia Loren frisierte?
Seine Vision des Make-ups, seine Arbeitsweise, seine Bescheidenheit und seine Liebe für die Frauen. Ich kenne nicht viele Creative Make-up Directors, die einen ganzen Nachmittag lang in einem Warenhaus Kundinnen schminken. Andere in seiner Position zeigen sich selten in der Öffentlichkeit und schminken nur Stars und Topmodels. Olivier hingegen liebt den Kontakt mit «normalen» Frauen. Sie sind sein Bezug zur Realität. Und da er ihre Bedürfnisse kennt, kreiert er auch immer Make-up-Kollektionen, die einfach anzuwenden sind.

Was raten Sie jungen Leuten, die auch Make-up-Artist werden möchten? Welches ist die beste Schule in Paris?
Ich mache nicht gern Werbung für Visagisten-Schulen. Es gilt zu unterscheiden zwischen Beauty-, Theater-, Film- und Special-Effects-Make-up. Für Beauty-Make-up muss man einen guten Geschmack haben. Eine gute Schule ist YouTube, wo auch bekannte Visagisten ihre Schminktechniken zeigen. Die beste Schule ist jedoch die Praxis - wie beim Autofahren. In der Visagisten-Schule zeigt man Ihnen, wie man mit dem Eyeliner einen Lidstrich zieht. Das heisst aber noch lange nicht, dass Sie die Technik beherrschen. Dazu müssen Sie erst einmal an 200 Frauen einen Lidstrich gezogen haben.

Welches sind die häufigsten Fehler, die Frauen beim Schminken machen?
Es gibt viele. Sie folgen Modetrends, auch wenn sie nicht zu ihnen passen. Oder sie passen ihr Make-up nicht dem Alter an. Eine 20-Jährige wird sich nicht 30 Jahre lang auf die gleiche Art und Weise schminken können.

Wie lange brauchen Sie, um ein Model für ein Shooting zu schminken?
30 bis maximal 45 Minuten. Dann kommen natürlich noch die Hairstylisten dazu, die für die Frisur viel länger brauchen als ich. Bis dann ein gutes Cover im Kasten ist, kann auch ein ganzer Tag vergehen.

Schminken auch Sie sich, wie viele Visagisten?
Nein, das reizt mich nicht. Ich verwende jedoch Pflege-Produkte.

Welches Make-up-Produkt würden Sie einem Mann empfehlen?
Terracotta von Guerlain empfehle ich sowohl Frauen als auch Männern. Es ist der meistverkaufte Puder der Welt. Er verleiht dem Gesicht eine natürliche Bräune in 30 Sekunden. Der Puder darf jedoch nicht zu dunkel sein. Am besten lässt man sich beim ersten Kauf vom Profi am Beauty-Stand beraten - auch in Bezug auf die Technik des Auftragens.

Welche Stars oder Models würden Sie gern einmal schminken?
Keine. Stars und Topmodels bringen mich nicht zum Träumen. Sie sind es gewohnt, von Profis geschminkt zu werden. Das Styling ist für sie nichts Besonderes mehr. Mich reizt es viel mehr, «normale» Frauen zu verschönern.

Ihre Tochter ist 9 Jahre alt. Sicher liebt sie es, mit Make-up zu spielen.
Das ist in unserer Familie strikt verboten. Sie darf weder meinen Schmink-Koffer noch die Beauty-Produkte meiner Frau verwenden. Mit fünf Jahren hat sie sich mal Lidschatten aufgetragen und dabei begeistert ausgerufen: «Schau Mama, ich machs wie Papa!» Sie wird sich schminken dürfen, wenn sie die nötige Reife dazu hat. Eins steht jedoch fest: Ich werde derjenige sein, der meiner Tochter das Schminken beibringt.


Raynald Lehongre schminkt ein Model mit dem Frühlingslook 2012 von Guerlain (Video: YouTube, Vogue Russia)


Topmodel Natalia Vodianova und Olivier Echaudemaison, Creative Director von Guerlain, beim Shooting (Video: YouTube, Guerlain)