Jeff Koons' Premiere

11. Mai 2012 21:23; Akt: 12.05.2012 07:50 Print

«Bei der Schweiz denke ich an ein Kunstschwein»

von Yolanda Di Mambro - Jeff Koons ist der teuerste lebende Künstler der Welt. Bei Auktionen erzielt er Rekordpreise. 20 Minuten Online hat ihn bei seiner ersten grossen Ausstellung in der Schweiz getroffen.

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Jeff Koons posiert am 11. Mai 2012 in der Fondation Beyeler in Basel vor seiner weltberühmten Skulptur «Michael Jackson and Bubbles». Zum ersten Mal stellt der amerikanische Künstler in einem Schweizer Museum aus. Die Fondation Beyeler zeigt seine Werke vom 13. Mai bis 2. September 2012. Im Hintergrund hängt sein Werk «Hanging Heart (Gold/Magenta)». Ein ähnliches Werk erzielte 2007 bei einer Auktion von Sotheby's einen Rekordpreis von 23,6 Millionen U$-Dollar. Nach Basel haben ihn auch seine südafrikanische Frau Justine und seine fünf jüngsten Kinder begleitet. Taucht Jeff Koons auf, ist das Medieninteresse riesengross. An der Medienkonferenz waren rund 100 Medienvertreter aus dem In- und Ausland anwesend. 20 Minuten Online gehörte zu den wenigen Medien, denen Jeff Koons ein kurzes Interview gewährte. Redaktorin Yolanda Di Mambro im Gespräch mit Jeff Koons. Jeff Koons weiss, wie man sich für die Medien inszeniert. Was Jeff Koons mit der Schweiz assoziiert? Zum Beispiel diese Porzellan-Skulptur aus dem Jahr 1988. Statt eines Bernhardiners macht sich hier ein Schwein auf die Suche nach Lawinenopfern. «Woman in Tub» (1988), Porzellan-Skulptur aus der Serie «Banality». Oft wiederkehrende Themen in Koons' Kunstwerken sind Unschuld, Schönheit, Sexualität und Glück. «Pink Panther» (1988), eine Porzellan-Skulptur aus der Serie «Banality», ist eines der wichtigsten Werke von Jeff Koons. Im Mai 2011 erzielte es bei einer Auktion von Sotheby's einen Verkaufspreis von 16,9 Millionen U$-Dollar. Koons Kinder leben in New York in einem Mini-Museum: In ihrer Wohnung hängen Gemälde von Picasso, Manet und Courbet. Koons mit seiner jüngsten Tochter Naleigh, die sich auf ein neues Brüderchen oder Schwesterchen freuen darf. Die Katze an der Wäscheleine: «Cat on a Clothesline (Aqua)», 1994-2001. 1990 sagte Jeff Koons: «Ich habe gemacht, was die Beatles gemacht hätten, wenn sie Plastiken gemacht hätten. Niemand hat je gesagt, die Musik der Beatles habe kein hohes Niveau, aber sie gefiel dem Massenpublikum. Das ist es, was ich möchte.» «Tulips» (Tulpen) aus der Serie «Celebration». An dieser Serie grosser Skulpturen aus Chromstahl arbeitet Koons seit 1994. «Balloon Dog», 1995-1998. «Man schaut den Balloon Dog an und denkt vielleicht an einen Kindergeburtstag - und er sieht aus wie ein Readymade. (...) Man könnte auch an ein Trojanisches Pferd denken. Obwohl er ein Ballonhund ist, wirkt er doch ausgesprochen pferdeartig», sagte Koons 2003. Mit «Split-Rocker» wird im Park der Fondation Beyeler eine kolossale Blumenskulptur von Jeff Koons präsentiert. Sie besteht aus Abertausenden echten Pflanzen. Weltweites Aufsehen erregte in den Neunzigerjahren das Werk «Puppy», ein 12 Meter hoher Hund, der aus 17 000 Blumen bestand und im Hof des Residenzschlosses Arolsen und vor dem Guggenheim-Museum in Bilbao aufgestellt wurde. Eine grosse Ehre: 2008 durfte Koons 17 Skulpturen im Schloss Versailles ausstellen. Es war die erste grosse Ausstellung eines lebenden Künstlers im historischen Schloss. Der barocke Palast war von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis zum Ausbruch der Französischen Revolution die Residenz des französischen Königshauses. Bei der Eröffnung der Ausstellung in Versailles protestierten einige Dutzend Franzosen. Sie erklärten, die Ausstellung sei eine Respektlosigkeit gegenüber dem französischen Erbe. Grosses Aufsehen erregte Koons 1989 mit der Serie «Made in Heaven», die ihn beim Sex mit Pornostar Cicciolina zeigten. Die beiden heirateten 1991. Der gemeinsame Sohn Ludwig (20) lebt heute zusammen mit seiner Mutter in Rom.

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Herr Koons, Sie verwandeln oft amerikanische Popkultur in Ikonografie, zum Beispiel Popeye, Hulk oder Elvis. Hat Sie die Schweiz noch nie zu einer Serie inspiriert? Zum Beispiel Heidi, Emmentaler-Käse, das Matterhorn oder Roger Federer?
In einer meiner Skulpturen, «Fait d’Hiver», zeige ich ein Schwein, das an einer Frau schnüffelt, die nackt im Schnee liegt. Das Schwein kommt der Frau zu Hilfe. Die Skulptur stammt aus der Serie «Banality Coming To The Rescue». Das könnte einen Bezug zur Schweiz haben. Warum denke ich an ein Kunstschwein bei der Schweiz? Ich denke dabei spontan an die Bernhardiner, die als Lawinensuchhunde eingesetzt werden.

Sie haben sechs Jahre lang als Broker an der Wall Street gearbeitet. Wie investieren Sie heute Ihr Geld? In Wertpapiere, Liegenschaften oder Kunst?
Als Künstler ist man nur daran interessiert, eine Plattform für die eigene Kunst zu haben. Das Geld, das ich als Künstler verdiene, investiere ich wieder umgehend in meine Kunst. Ich habe aber auch schon Werke anderer Künstler gekauft, als Geld übrig blieb. Ich habe immer versucht, meinen Kindern beizubringen, dass Kunst etwas viel Grösseres ist als die Kunst ihres Vaters oder ihrer Mutter. Wie Sie wissen, ist auch meine Frau Künstlerin. In unserem Haus leben wir umgeben von Kunst anderer Künstler. Wenn meine Kinder aufwachen, können Sie einen Dalí oder einen Manet betrachten. Sie verstehen, dass Kunst etwas sehr Umfangreiches und Intensives ist. Meine Frau und ich wollen aber nur Eltern sein.

Ihr Sohn Blake sagte mit nur vier Jahren: «Mein Lieblingsmaler ist Quentin Massys.» Nicht einmal Erwachsene kennen in der Regel diesen flämischen Altmeister. Fördern Sie als Künstler Ihre fünf jüngsten Kinder so sehr, dass sie schon bald Mini-Picassos werden?
Meine Kinder nehmen keinen Zeichnungsunterricht. Sie malen und zeichnen ständig - auch hier in Basel im Hotel. Meine Frau und ich sind sehr offen. Wenn sich unsere Kinder für bestimmte Dinge interessieren, ermutigen wir sie dazu, dies auch intensiv zu tun.

Sie haben einmal gesagt: «Ich bin für das 21. Jahrhundert das, was Picasso für das 20. Jahrhundert war.» Wie ist diese Aussage zu verstehen? Einige Kritiker könnten Ihnen Grössenwahn vorwerfen.

Als ich diese Aussage gemacht habe, war ich noch ein junger Künstler. Vielleicht bin ich in der Zwischenzeit bescheidener geworden. Für mich ist Picasso ein Künstler, der im Leben seine Kunst mit der grösstmöglichen Freiheit geschaffen hat. Ich möchte das Gleiche tun. Bei dieser kontroversen Aussage ging es in erster Linie um diese Überlegung.

Picasso sagte einst: «Gebt mir ein Museum, und ich werde es füllen.» Wie kommt es, dass Sie als bekanntester Künstler der Gegenwart noch kein eigenes Museum haben?
Sie haben Recht. Ein Jeff-Koons-Museum gibt es noch nicht. Ich bin aber sehr geehrt, dass es umfangreiche und exquisite Sammlungen meiner Kunstwerke gibt, die überall auf der Welt gezeigt werden. In Griechenland gibt es die Dakis-Joannou-Sammlung, in Frankreich die François-Pinault-Sammlung, in den USA die Eli-Broad-Sammlung und in der Ukraine die Viktor-Pinchuk-Sammlung. Ich bin 57 Jahre alt, das ist noch relativ jung. Die Zeit für ein eigenes Museum wird aber sicher kommen.

Woran arbeiten Sie derzeit? Und welches sind Ihre Projekte für die nächsten zehn Jahre?
Meine jüngste Serie, an der ich längere Zeit gearbeitet habe, heisst «Antiquities». Die Serie umfasst sowohl Gemälde als auch Skulpturen. Mein Ziel? Ich will, dass der Betrachter zwischen ihm und meiner Kunst den Gemeinschaftssinn und die biologische Verbindung spürt.

Als Teenager trafen Sie einmal Salvador Dalí. Von ihm stammt das Zitat: «An bestimmten Tagen denke ich, dass ich an einer Überdosis Zufriedenheit sterben werde.» Sie strahlen sehr viel Power und Zufriedenheit aus. Sind Sie derzeit zufrieden mit Ihrem Leben, Ihrer Kunst und Ihren Projekten?
Ich bin überglücklich mit meinem Familienleben. Ich habe sieben Kinder, und bald werden es acht sein. Meine Frau Justine erwartet nämlich unser sechstes gemeinsames Kind. Ich habe auch drei Enkelkinder. Ich empfinde mein Familienleben als eine grosse Bereicherung. Allerdings möchte ich ein Höchstmass an Freiheit erreichen - und zwar an Bewusstsein und Taten. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, wie mich die Gesellschaft bei meinen Bemühungen unterstützt. Ich wache jeden Tag auf und sage mir: Diesen Tag darf ich nicht vergeuden.