Babybauch und Bondage

17. Juni 2012 23:27; Akt: 31.03.2014 12:12 Print

Der schwangere Fetischist

von Yolanda Di Mambro - Leder, Waffen und ein Babybauch: Skandal-Fotograf Steven Klein inszenierte ein Shooting mit einem schwangeren Mann, der seine Lust auslebt.

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Das spanische Transgender-Magazin «Candy» begeistert derzeit die Fashion- und Kunstszene mit dem neuen Editorial «Baby Boom». Fotografiert wurde es vom New Yorker Fotografen Steven Klein. Männlich, muskulös, bewaffnet - und schwanger. Topmodel Chris Fawcett ist der Hauptakteur des Shootings. Ein Fetisch-Athlet mit American-Football-Schulterschutz wacht als Beschützer über den schwangeren Mann. Lustspiel zu dritt. Der junge Mann in der Mitte trägt ein stylishes Dark-Lady-Outfit mit Highheels, Bondage-Top, transparentem Rock und Ledergurt. Fürs Styling war Patti Wilson verantwortlich, die seit Jahren für die renommiertesten Modezeitschriften und Fotografen arbeitet. Wet-Hair-Look, Lederpants und Highheels: Das Outfit des dominanten, auf Weiblichkeit getrimmten Models erinnert an die Kultmodels von Helmut Newton. Durch die Schwarzweiss-Aufnahme kommt beim schwangeren Mann der Kontrast zwischen den muskulösen Armen und dem weichen Babybauch zur Geltung. Manche Leute bewahren Banknoten und Cartier-Schmuck in ihrem Safe auf, andere Dildos in allen Grössen und Farben. Die beiden Models Mitch Baker und Loammi Goetghebeur sind auch privat ein Paar. Der schwangere Mann: Ob dieses Foto in 20 Jahren noch Aufsehen erregen wird? Ob nach Thomas Beatie, dem schwangeren Mann, der 2008 erstmals an die Öffentlichkeit trat, noch weitere folgen werden? «Candy» ist ein Transgender-Magazin, das im Mai 2012 zum vierten Mal erschienen ist. Das Magazin wird vom jungen Spanier Luis Venegas (links) herausgegeben. Er hat mit zahlreichen namhaften Fotografen gearbeitet - unter anderem mit Starfotograf Terry Richardson (rechts). Kaum zu erkennen: Tilda Swinton auf dem Cover der kürzlich veröffentlichten vierten Ausgabe von «Candy». US-Schauspieler James Franco («127 Hours») zierte als Transvestit das Cover der dritten Ausgabe von «Candy». Das Cover wurde sogar in der «Ellen DeGeneres Show» gezeigt. Schauspielerin Chloë Sevigny als Terry Richardson. Venegas mit der Transsexuellen Bibí Andersen, einer spanischen Sängerin und Schauspielerin. Kreativität und Perfektionismus zeichnen den jungen Spanier aus. Das erste Magazin, das Venegas 2004 in Eigenregie lancierte und immer noch regelmässig erscheint, heisst «Fanzine137». Für das erste Cover wählte er das New Yorker Kultmodel Carmen Dell'Orefice. Auch Eighties-Star Loni Anderson kam die Ehre zuteil, ein Cover von «Fanzine137» zu zieren. 2008 folgte die Lancierung des Magazins «Ey! Magateen» für junge Homosexuelle.

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Steven Klein glaubt nicht an die unbefleckte Empfängnis. Und assoziiert deshalb weder Schwangerschaft noch Geburt mit den religiösen Kunstgemälden eines Raffael, Botticelli oder Rubens. Der New Yorker Starfotograf mags eine Spur härter und greift zu Dildos, Gewehr, Lack und Leder, um ein Shooting zu inszenieren, das die Welt bislang noch nie gesehen hat.

Ein Model, das nackt und sexy mit Babybauch posiert, ist nichts Neues. Stars wie Demi Moore, Claudia Schiffer, Monica Bellucci und Britney Spears liessen sich schon hochschwanger und entkleidet für Hochglanzmagazine wie «Vogue», «Vanity Fair» und «Elle» fotografieren. Im neuen Editorial «Baby Boom» von Steven Klein setzt sich jedoch zum ersten Mal in der Geschichte der Modefotografie ein schwangerer Mann in Szene: Topmodel Chris Fawcett. Über sein Sixpack, das schon Calvin Klein begeisterte, wurde kurzerhand eine Babybauch-Attrappe aus Silikon geklebt und später mit Photoshop überarbeitet.

Gewehr im Arm, Dildos im Safe

Da ein schwangerer Mann noch nicht für die totale Provokation sorgt - wir erinnern uns an den schwangeren Thomas Beatie, der 2008 an die Öffentlichkeit trat - wurde Chris Fawcett in schwarze Fetisch-Outfits gesteckt: Lack, Leder und Nieten. An seine Seite wurden zwei attraktive, spärlich bekleidete junge Männer gestellt. Warum nicht? Weshalb sollte ein schwangerer Mann seine Sexlust nicht ausleben? Bei einer schwangeren Frau beschwert sich schliesslich auch kein Mann, wenn sie während der Schwangerschaft zur Nymphomanin mutiert.

Die Fotos sind ästhetisch und subtil inszeniert. Wer sie lediglich mit Provokation und Schwulensex in Verbindung bringt, irrt sich. Im Fokus steht das Rollenspiel zwischen realen und fiktiven Charakteren. Der schwangere Mann mit dem Gewehr kann den Schutz des ungeborenen Kindes symbolisieren. Die Dildos im Safe stehen vielleicht für die Macht, die man nicht nur mit Geld und Gewalt auf andere ausübt, sondern auch mit Sex. Der Fetisch-Athlet, der in erhöhter Position hinter dem Schwangeren steht, erinnert mit seinen American-Football-Schulterpolstern an einen Engel, der über den Schwangeren wacht - wie in den religiösen Gemälden der Hochrennaissance und des Barock.

Mix aus Trangenders, Gay und «Denver Clan»

Die Idee zum Shooting des schwangeren Fetischisten stammt von Luis Venegas, dem Herausgeber des Magazins «Candy». Einst arbeitete Venegas als Creative Director, Redaktor und gelegentlich als Fotograf für namhafte Modelabels wie Mugler, Christian Lacroix, Carolina Herrera und Sybilla sowie für Publikationen wie «V Magazine», «Acne Paper» or «Butt». Seit 2004 widmet er sich der Herausgabe von Magazinen, die er als Ein-Mann-Redaktion produziert: «Ey!Magateen» berichtet über junge Homosexuelle, «Fanzine137» über internationale Stars - oft aus den Eighties - wie die «Denver Clan»-Diven Joan Collins und Linda Evans.

Am erfolgreichsten ist das 2009 lancierte Magazin «Candy», das in der Fashionszene in kürzester Zeit Kultstatus erreicht hat. «Candy» zeigt die schönen Seiten von Transgender, Transsexualität, Transvestismus, Cross-Dressing und Adrogynität. «Verschiedene Arten der Verwandlung werden zelebriert. Deshalb nenne ich es auch ein transverselles Magazin. Es geht nicht nur um Transsexuelle, Drag Queens und Transvestiten. Wir sind frei. Wenn wir also experimentieren, kann es für immer oder auch nur für eine Nacht sein», erklärt Venegas in einem Interview mit dem Online-Magazin AnOther.

Star-Fotografen arbeiten gratis für «Candy»

«Candy» wird in einer Auflage von nur 1000 Exemplaren vertrieben und ist jeweils innert kürzester Zeit ausverkauft. Fashionistas und Sammler reissen sich das Magazin regelrecht aus den Händen. Sobald eine Ausgabe ausverkauft ist, wird sie auf eBay ab 300 Euro das Stück gehandelt. «Candy» ist Kult und bringt sogar die erfolgreichsten Modefotografen wie Bruce Weber, Steven Klein und Terry Richardson dazu, gratis für Venegas zu arbeiten. Finanziert wird das Magazin einzig und allein durch die Werbung und den Verkaufspreis von 65 bis 80 Euro pro Stück.

Womit uns der 33-jährige Spanier als Nächstes überraschen wird? «Zuoberst auf meiner Wunschliste steht Zac Efron als neue Audrey Hepburn», verriet er kürzlich dem Blogger Popy Blasco. Wir sind gespannt auf das schillernde Ergebnis. Wie wäre es mit «Frühstück bei Swarovski»?
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Video zur dritten Ausgabe des Magazins «Candy» (Video: Vimeo, Luis Venegas)
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Video zur zweiten Ausgabe des Magazins «Candy» (Video: Vimeo, Luis Venegas)
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Video zur ersten Ausgabe des Magazins «Candy» (Video: Vimeo, Luis Venegas)