Neue Parfumlinie

13. Mai 2012 18:14; Akt: 13.05.2012 18:14 Print

«Ich roch den Stein, das Wasser der Lagune ...»

von Yolanda Di Mambro - Carlos Huber ist ein Shootingstar der Parfumszene. Der ehemalige Innenarchitekt von Ralph Lauren kreiert Parfums, die nach Weltgeschichte riechen.

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Von «Vogue» bis «Harper's Bazaar»: Die sechs Eaux de Parfum von Arquiste werden in Hochglanzmagazinen gelobt. Der Gründer des Labels Arquiste Parfumeur ist der Mexikaner Carlos Huber. Der Name Arquiste setzt sich zusammen aus Arquitecture, History oder Histoire und Artiste. Diese Elemente stehen alle im Zusammenhang mit der Entwicklung der Dufkreationen. Huber fand, dass der Name sowohl auf Englisch als auch auf Spanisch, Französisch und Deutsch gut klinge. Carlos Huber wurde 1980 in Mexiko geboren. In seiner Heimatstadt Mexico City studierte er Architektur. Huber studierte auch Denkmalpflege an der Columbia University in New York. «Vogue Hombre México» hat auch schon über seine Duftkreationen berichtet. Die Linie besteht derzeit aus sechs exklusiven Eaux de Parfum, die allesamt sowohl für Damen als auch für Herren bestimmt sind (Unisex-Düfte). In der Schweiz sind sie ausschliesslich in der in Zürich erhältlich. Ein Flakon (55 ml) kostet 188 Franken. «Fleur de Louis» ist das erste Parfum von Arquiste. Es ist dem Sonnenkönig Ludwig XIV. gewidmet. Als Inspiration diente der Pyrenäenfriede, der 1660 nach langen Verhandlungen von Ludwig XIV. von Frankreich und Philipp IV. von Spanien auf der Fasaneninsel (Baskenland) unterzeichnet wurde. Letztere ist eine unbewohnte Binneninsel des spanisch-französischen Grenzflusses Bidasoa. Die spanisch-französische Grenze verläuft mitten durch die Insel. «Fleur de Louis» ist das Lieblingsparfum von Carlos Huber. Es riecht nach Orangenblüten, Florentiner Schwertlilie, Jasmin und weissem Zedernholz. «Infanta en Flor» ist Maria Theresia von Österreich (1638-1683) gewidmet, die ihren zukünftigen Gatten, Sonnenkönig Ludwig XIV., auf der Fasaneninsel zum ersten Mal sah - auch wenn nur von weitem. Die fromme Maria Theresia konnte ihren Gatten nicht an sich binden und stand schon bald im Schatten seiner wechselnden Mätressen. Das Eau de Parfum duftet nach Orangeblütenwasser, spanischem Leder, Zitronenharz und Immortelle. «L'Etrog» ist der Verkaufsrenner der sechsteiligen Arquiste-Linie. Der Duft ist Kalabrien im Mittelalter gewidmet: Eine Familie kommt zusammen, um eine gute Ernte zu feiern. Die Zitrone war von griechischen Händlern und von Juden nach Kalabrien gebracht worden. Das Eau de Parfum enthält Duftnoten aus kalabrischer Zitrone, Myrte, Dattelfrucht und Vetivert. Das Eau de Parfum «Flor y Canto» ist dem duftintensivsten Fest der Azteken im August des Jahres 1400 in Tenochtitlan (Mexiko) gewidmet. Die Azteken opferten ihren Göttern u. a. Blumen auf den Tempelaltaren. «Flor y Canto» duftet nach mexikanischer Tuberose, Magnolie, Plumeria und Studentenblume. Januar 1837, St. Petersburg, Russland. An einem frostigen Winternachmittag parfümiert sich der russische Nationaldichter Alexander Puschkin mit einem Duft aus Neroli und Veilchen, bevor er sich zu einem Duell begibt. «Aleksander» ist die männlichste der sechs Unisex-Duftkreationen. Das Eau de Parfum enthält Duftnoten aus Neroli, Veilchenblatt, Tannenbalsam und russischem Leder. Das Eau de Parfum «Anima Dulcis» war am schwierigsten umzusetzen, weil es sowohl süsse als auch würzige Duftnoten enthält. Als Grundlage dienten Kochrezepte der Nonnen des Klosters Jesus María in Mexiko City. «Anima Dulcis» vereint Duftnoten aus reinem Kakao, mexikanischer Vanille, Zimt und Chili. Für seine Lizentiatsarbeit setzte sich Carlos Huber intensiv mit dem heruntergekommenen Kloster Jesus María in Mexico City (2. Foto unten links) auseinander, das leider noch immer nicht restauriert wurde. Das 2. Foto oben links zeigt das Kloster, wie es nach einer Restauration aussehen könnte. Vier von sechs Duftkreationen entstanden in Zusammenarbeit mit dem weltbekannten mexikanischen Parfumeur Rodrigo Flores-Roux. Flores-Roux (rechts im Bild) mit Oscar-Preisträgerin Halle Berry, für welche er ein Parfum kreiert hat. Auch Tom Ford, Donna Karan und Britney Spears gehören zu seinen exklusiven Kunden, die ihn mit der Kreation eines Parfums beauftragt haben. Der weltbekannte französische Parfumeur Yann Vasnier arbeitete an vier Eaux de Parfum von Arquiste mit. Derzeit arbeitet Carlos Huber an zwei neuen Projekten, nämlich an einer Duftkerzen-Linie und an einem neuen Eau de Parfum. Wonach wird der neue Duft riechen? «Ich denke an eine Gardenie, die im Knopfloch getragen wird - eine Boutonnière», erklärt Carlos Huber gegenüber 20 Minuten Online. «Leider gibt es keine Gardenien-Düfte für Männer.» Und an welches historisches Ereignis wird das Eau de Parfum inspiriert sein? «Die Geschichte handelt vom französischen Schriftsteller Marcel Proust (1871-1922). Mit seinen Freunden besucht er am Abend in Paris die Opéra comique, dann das Maxim's und schliesslich einen Kurtisanen-Salon. Ein ausgelassenes Feiern unter Freunden ...», erklärt Huber.

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Carlos Huber, Sie sind Architekt. Wie kamen Sie auf die Idee, die Parfumlinie Arquiste zu lancieren?
Ich habe Architektur studiert, weil mich die Weltgeschichte seit jeher fasziniert. Ich liebe es, alte Orte zu besuchen und zu entdecken, wie sie sich anfühlen und riechen. Vor einigen Jahren arbeitete ich mit meinem Mentor, einem Professor der Columbia University, in der Nähe des Palazzo Ducale in Venedig. Wir reinigten die Wand eines Gebäudes aus dem 14. Jahrhundert, indem wir mit einem Latex-Material den ganzen Schmutz von der Wand abkratzten. Ich roch den alten Stein, das Wasser der Lagune und fragte mich: Wäre es nicht wunderbar, diesen Moment einzufangen? Den Duft des alten Venedig?

Wie kam Ihr erstes Parfum, «Fleur de Louis», zustande?
Ich arbeitete ein Jahr lang in Bilbao, im Baskenland. Dort vernahm ich zum ersten Mal die Geschichte der Isla de los Faisanes (Fasaneninsel). Die kleine baskische Insel war vor allem im 17. Jahrhundert Schauplatz historischer Ereignisse. In New York las ich später ein Buch darüber, das Antworten auf interessante Fragen lieferte: Wie sah der Pavillon aus, in dem sich die spanische und französische Delegation traf? Wonach roch es im Pavillon? Was trug Ludwig XIV., was Maria Theresia von Österreich? Ich sagte mir: Aufgrund dieser detaillierten Beschreibung kann ich das historische Ereignis fast riechen. Sie liefert mir sozusagen die Inhaltsstoffe eines Parfums: Tanne, Zedernholz, Jasmin und Florentiner Iris, das damals am französischen Königshof sehr beliebt war. Rodrigo Flores-Roux, ein weltbekannter mexikanischer Parfumeur, ermutigte mich, ein Experiment zu wagen und ein Parfum daraus zu machen.

Den Duft haben aber nicht Sie gemischt. Sie sind ja kein Parfumeur.
Meine Parfums wurden von den international bekannten Parfumeuren Rodrigo Flores-Roux aus Mexiko und Yann Vasnier aus Frankreich gemischt. Ich stellte Nachforschungen an und gab Ihnen ein Dokument, in welchem der Duft und seine Inhaltsstoffe klar beschrieben waren. Die beiden Parfumeure gingen dann ins Labor und experimentierten mit den Mengen. Ich besuchte sie oft im Labor und dadurch entstand eine enge Zusammenarbeit.

Wie haben Sie sich als Laie die komplexen Parfum-Fachkenntnisse angeeignet?
Yann stellte mir eines Tages Rodrigo vor, der sehr charmant und offen war und nichts dagegen hatte, dass ich ihn mit Fragen durchlöcherte. Er bot mir an, mich in die komplexe Thematik der Parfums einzuführen. Von da an besuchte ich ihn während eineinhalb Jahren jeden Donnerstag um 18 Uhr am New Yorker Sitz von Givaudan. Ich lernte vieles über Formeln, Inhaltsstoffe und Zusammensetzung. Die historischen Elemente waren natürlich immer ein wiederkehrendes Thema.

Wie viele Jahre haben Sie an Ihrem Projekt gearbeitet?
Vom Parfum-Unterricht bis zur Lancierung der ersten fünf Düfte bei Barney’s in New York im September 2011 sind drei Jahre vergangen. Es war übrigens die erfolgreichste Lancierung einer kleinen, exklusiven Duftkollektion in der Geschichte des New Yorker Luxus-Warenhauses. Der letzte Duft, «Aleksander», wurde zur Weihnachtszeit im Dezember 2011 lanciert.

Für Ihren jüngsten Duft liessen Sie sich von einer Tragödie inspirieren, die dem Leben von Alexander Puschkin ein Ende setzte.
Ja, ich stellte mir einen frostigen Nachmittag im Winter 1837 vor. Puschkin macht sich zurecht und parfümiert sich mit einem Duft aus Neroli und Veilchen. Er schliesst die Manschetten, zieht einen Pelzmantel und polierte Lederschuhe an und fährt mit einem Schlitten durch das verschneite St. Petersburg. Die Luft riecht herb nach Holz und Tanne. Er trifft sich mit einem Widersacher zum Duell, um seine Ehre wiederherzustellen, und stirbt kurz darauf durch eine Kugel.

Durch Tragik war auch das Leben von Maria Theresia von Österreich gekennzeichnet, der Sie den Duft «Infanta en Flor» gewidmet haben. Ludwig XIV. heiratete sie nur, um dem französisch-spanischen Krieg nach 19 Jahren ein Ende zu setzen. Er betrog sie ständig mit Mätressen. Zudem starben fünf ihrer sechs Kinder.
Ich denke, dass in dieser Geschichte auch Romantik steckt. Ludwig XIV. war in Marie Anne Mancini verliebt, die er jedoch nicht heiraten durfte. Als er Maria Theresia zum ersten Mal sah, fand er sie sehr hässlich. Doch dann sagte er sich, dass das Hässliche nur in ihrer Frisur und Kleidung steckte. Er sah ein, dass sie eine schöne und gute Ehefrau sein würde. Es heisst, die beiden seien im ersten Jahr nach der Ehe ineinander verliebt gewesen und er hätte sie nicht betrogen. Auch in einer Tragödie findet man immer etwas Schönes.

Carlos Huber präsentiert seine Linie Arquiste in New York im Januar 2012 (Video: YouTube, Fragrantica)