«Vogue Paris»

31. Oktober 2012 16:13; Akt: 02.11.2012 16:04 Print

Von der Skandal-Lolita zum Luxus-Heidi

von Yolanda Di Mambro - Die Zeiten, als «Vogue Paris» mit Lolita-Fotos für Kindermode provozierte, sind vorbei. Nun verkauft uns die Stil-Bibel Heidi und den Geissenpeter als brave Fashionistas.

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«Vogue Paris» liess sich für ihr neues Editorial «Le refuge des rêves» von Johanna Spyris «Heidi» inspirieren. Vor zwei Jahren standen hingegen sexy posierende Lolitas im Mittelpunkt des Editorials. Die damals 9-jährige Thylane Blondeau posierte als laszives Modepüppchen. Kritiker waren empört und stempelten die Fotos als Kinder-Pornographie ab. Pelz sowie Schmuck von Bulgari und Boucheron. Thylane (rechts) hält einen Lippenstift von Tom Ford in der Hand. Der amerikanische Designer war damals für das Shooting zuständig. Die Fotos erinnern an den Film« Pretty Baby» mit Brooke Shields. Der Film schildert das Leben der 12-jährigen Violet in einem Bordell in New Orleans zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In der neuen Ausgabe von «Vogue Paris» wird die Kindermode in einer heilen Welt gezeigt. Die schöne Alpenwelt als perfekte Location für ein Shooting. Ein modernes Heidi mit Zöpfen und weisser Haube. Heidi beim Backen. Latzhose und Puppe statt Louboutins und Bulgari-Schmuck. Der Garten als Ort des Rückzugs. Heidi beim Stricken ... ... und beim Spielen. Luxuriöse Kinder- und Baby-Mode ist seit Jahren ein lukratives Geschäft. Immer mehr internationale Designer präsentieren mindestens zwei Kindermode-Kollektionen pro Jahr. Dazu gehören Dior, Cavalli, Armani, Dolce & Gabbana, ... ... Burberry, Boss, Calvin Klein, Ralph Lauren, ... ... Gucci, Marc Jacobs, Chloé, Gaultier, Diesel, ... ... Versace, Guess, Tommy Hilfiger und Trussardi. Die grösste Kindermode-Messe Europas findet zweimal pro Jahr in Florenz statt. Die «Pitti Bimbo»-Messe zog im Juni 2012 rund 10 000 Besucher an. Rund 2700 professionelle Einkäufer bestellten für Boutiquen und Warenhäuser Kindermode für das Jahr 2013.

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Es war der spektakulärste Rausschmiss in der internationalen Fashionszene: Carine Roitfeld, Chefredaktorin von «Vogue Paris», wurde vom mächtigen Verlag Condé Nast Anfang 2011 auf die Strasse gesetzt. Nach zehn Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit zog der Verlag einen Schlussstrich.

Über die Gründe wurde viel spekuliert. War es der Zwist zwischen Madame Roitfeld und dem Traditionshaus Balenciaga? Oder vielleicht die Beschwerden von LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy)? Oder gar, wie viele munkeln, der Skandal um das Kindermode-Shooting?

«Pädophilie oder Hexenjagd?»

Das Shooting, das Mitte Dezember 2010 in «Vogue Paris» veröffentlicht wurde, löste weltweit einen Skandal aus. In einem Editorial mit Vorschlägen für Weihnachtsgeschenke posierten drei 7- bis 9-jährige Mädchen – Thylane, Lea und Prune – in lasziven Posen, stark geschminkt und wie Erwachsene gestylt. Sie trugen Highheels von Louboutin, Kleider von Versace, Balmain und Yves Saint Laurent sowie Schmuck von Bulgari und Boucheron. Verstörend wirkte auch ihr Gesichtsausdruck: leer und emotionslos.

«Pädophilie oder Hexenjagd?», titelte damals die italienische Zeitung «Libero» und zeigte ein Foto der 9-jährigen Thylane mit einem schwarzen Balken über den Augen. Kritiker monierten, eine solche Sexualisierung von Kindern würde die Pädophilie fördern. In England stieg sogar eine Politikerin auf die Barrikaden: Die Labour-Abgeordnete Helen Goodman warf «Vogue» öffentlich ein schändliches Verhalten und Verantwortungslosigkeit vor.

Heidi und der Geissenpeter in Luxusklamotten

Seit Emmanuelle Alt die Leitung von «Vogue Paris» übernommen hat, haben sich die Wogen geglättet. Im Gegensatz zu Carine Roitfeld setzt sie weder auf Provokation noch auf Selbstinszenierung. Skandal-Shootings sind passé. So auch bei der Kindermode.

Im neuen Editorial «Le refuge des rêves» präsentiert uns «Vogue Paris» die heile Bergwelt. Als Inspiration für das Shooting diente Johanna Spyris «Heidi». Nun ja, bis zu einem gewissen Grad. Denn das moderne Heidi würde auf die Aufforderung des Grossvaters, «Nimm dort dein Bündel Kleider noch mit», bestimmt nicht mit «Das brauch ich nicht mehr» antworten, wie es im beliebten Kinderbuch steht.

Heidi trägt jetzt Kleider vom Feinsten – aus den schicksten Modemetropolen der Welt: Dolce & Gabbana, Roberto Cavalli, Donna Karan, Ralph Lauren, Burberry und Benetton. Ob sie als Fashionista beim strengen Fräulein Rottenmeier weniger in Ungnade fallen wird? Wir sind gespannt auf die Fortsetzung aus Paris ...


Making-of des Kindermode-Editorials von «Vogue Russia» (Video: YouTube, Vogue Russia)



Making-of des Kindermode-Katalogs von Mayoral (Video: YouTube, Mayoral Moda Infantil)


Making-of der Werbefotos für Ackermans Stores (Video: YouTube, Ackermans Stores)