Skandal-Shooting

04. Juli 2012 11:25; Akt: 04.07.2012 11:27 Print

Das misshandelte Model

von Yolanda Di Mambro - Geschlagen, aufgeschlitzt, verätzt: Ein bulgarisches Modemagazin schockiert mit Fotos perfekt gestylter Models, die als Opfer schwerster Gewalt dargestellt werden.

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Die internationale Fashionszene ist in Aufruhr. Und in Rage. Ein bislang unbekanntes bulgarisches Modemagazin namens «12» hat kürzlich ein Editorial publiziert, in welchem Gewalt an Frauen stilisiert und somit banalisiert wird. Kritiker werfen dem Magazin sogar vor, die Misshandlung von Frauen zu verherrlichen.

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Das Editorial «Victim of Beauty» (Opfer der Schönheit) zeigt Porträtaufnahmen von sechs jungen Frauen, die perfekt geschminkt und gestylt sind: Smokey-Eyes, Lippen in Nude, Apricot oder Rot, Betty-Page-Hairstyling, Schmuck von Galdini, schwarze Tops von H&M und ein rotes Spitzenkleid von Valentino. Einziger Makel der gestylten Beautys: ein aufgeschlitzter Hals, aufgeschlitzte Wangen, ein blutunterlaufenes Auge, eine gebrochene Nase und eine verätzte Gesichtshälfte.

«Auch ein entstelltes Gesicht ist schön»

Die Fotos sind schockierend, auch wenn sie nur gestellt sind. Was irritiert, ist die Tatsache, dass sie nicht Teil einer Aufklärungskampagne gegen Gewalt sind. Sie erscheinen als Editorial in einem Modemagazin, welches auf das bewährte Mittel der Provokation setzt, um sich ins Gespräch zu bringen und Leser zu gewinnen. Einen Text zum Editorial sucht man vergeblich. Es werden nur die Labels genannt, die für das Shooting Kleider und Schmuck zur Verfügung gestellt haben. Und am Anfang wird kurz darauf hingewiesen, dass die Fotos für Personen unter 16 Jahren und sensible Personen nicht geeignet sind.

Die beiden Chefredaktoren des Magazins, Huben Hubenov und Slav Anastasov, können nicht nachvollziehen, weshalb sich so viele Blogger und Fashion-Redaktoren negativ zu ihrem Editorial äussern. In einer E-Mail an Fashionista nehmen sie wie folgt Stellung: «Wir freuen uns darüber, dass unser Shooting auf internationaler Ebene eine Diskussion ausgelöst hat. Wir weisen darauf hin, dass wir Gewalt nicht unterstützen und das Shooting Gewalt an Frauen weder verherrlicht noch zur Gewaltanwendung ermutigt (...) Wir glauben, dass unsere Fotos unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden können. Einige sehen darin schreckliche Wunden, andere wiederum die geschickte Arbeit eines Künstlers oder aber das ausserordentliche Gesicht eines schönen Mädchens.»

70 Prozent der Frauen erfahren Gewalt

Die Gesichter der Models mögen ja schön und harmonisch sein, zumal sie sich nach getaner Arbeit Wunden und Verletzungen mit Reinigungsmilch abschminken können. Doch wie schön empfindet die Gesellschaft Frauen, deren Gesicht für immer entstellt wurde? Ob diese Frauen wohl auch nach Styling- und Make-up-Tipps in Modemagazinen wie «12» suchen?

Die täuschend echten Verletzungen wurden den Models von talentierten Visagisten und Photoshop «zugefügt». Keines der sechs Models hat für die Aufnahmen Gewalt erfahren oder ist im wahren Leben Opfer von Gewalt. Oder vielleicht doch?

Die Dunkelziffer ist hoch. Gemäss UNO werden 70 Prozent der Frauen mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Gewalt. Bei Frauen zwischen 15 und 44 Jahren verursacht Gewalt mehr Todesopfer und Behinderungen als Krebs, Malaria, Verkehrsunfälle und Krieg zusammengenommen. In Südafrika wird alle sechs Stunden eine Frau von ihrem Partner ermordet. 80 Prozent der jährlich 800 000 Opfer von Menschenhandel sind Frauen und Mädchen. 79 Prozent davon werden zur Prostitution gezwungen. 100 bis 140 Millionen Mädchen und Frauen weltweit sind beschnitten.

Die Liste der Verbrechen ist unendlich lang. Wie wäre es, wenn sich die beiden männlichen Chefredaktoren von «12» vom UNO-Bericht inspirieren liessen? Doch diesmal nicht im Namen des Kommerz, sondern im Namen der Menschenrechte? Mit einer Serie ähnlich schockierender Fotos, die sie gratis für Aufklärungskampagnen zur Verfügung stellen würden? Ohne Chanel-Make-up und Valentino-Robe. Die Wirkung wäre sicher nachhaltiger als bei «Victim of Beauty». Denn Eintagsfliegen haben bekanntlich ein kurzes Leben.