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Indien-Blog

22. August 2015 22:32; Akt: 03.09.2015 12:58 Print

Der tausend Jahre alte Sexstreifen aus Stein

von David Torcasso - Ich war drei Monate in Indien unterwegs. Ein Erlebnis werde ich bestimmt nie vergessen: den Dreier unter freiem Himmel, den ich beobachtet habe.

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Bis zum 19. Jahrhundert war im Dorf Khajuraho im Staat Madhya Pradesh ein Dschungel. Die Chandellas hatten längst abgedankt, neue Tempel kamen auf. Bis die Briten die Anlage ab 1838 minutiös restaurierten. Heute erinnert die westliche Tempelgruppe in Khajuraho an einen englischen Garten. Im Sommer brennt die Sonne bei 48 Grad auf die Besucher. Der Tempel in Khajuraho gehört wie viele andere Bauwerke in Indien zum Unesco-Weltkulturerbe. Die hohe Kunstfertigkeit der Steinfiguren und die Details aus der Chandella-Dynastie sind weltweit einzigartig. Die Erotik sowie die dreidimensionale Lebendigkeit der Figuren faszinieren zahlreiche Touristen. Weil Khajuraho abseits der Touristenströme liegt, ist die Besucherzahl in der Anlage sehr überschaubar und angenehm. Neben der weltberühmten Westgruppe stehen aber noch viele andere Tempel in dem Dorf - so viele, dass einige fast in Vergessenheit geraten und kaum beachtet werden. Mein Favorit: Anstatt wie seine Artgenossen in der Reihe brav nach vorne zu schauen, lässt sich dieser Elefant von dem kopulierenden Paar ablenken und grinst ihnen belustigt zu. Ein flotter Dreier - warum nicht? Wegen diesen Steinfiguren in allerlei expliziten Stellungen und Verrenkungen ist Khajurao eine der Highlight-Sehenswürdigkeiten in Indien und darf bei einem Besuch des Subkontinents auf keinen Fall fehlen. Wie das wohl möglich ist? Der Mann liegt aber nicht wie vielleicht anhin angenommen auf dem Kopf, sondern er liegt, während die Frau die Beine um ihn schlingt und die Gespielinnen kräftig mitmachen. Nicht nur Steinfiguren, sondern auch lebendige Wesen tummeln sich in den Tempelanlagen. Abends kommen die Affen, die aber von den Wächtern im Zaum gehalten werden und sich kaum um die Besucher scheren.

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Zwei Frauen befriedigen sich vor meinen Augen gegenseitig. Mitten in Indien! Dem Land, in dem Frauen meist mit Saris bedeckt sind und Händchenhalten in der Öffentlichkeit tabu ist. Der Ort dieser hemmungslosen Freizügigkeit trägt den Namen Khajuraho. Das ist aber keine Hippie-Pilgerstätte mit freier Liebe, sondern ein Dorf mit einer Ansammlung von Hindu-Tempeln aus dem 10. bis 12. Jahrhundert. An diesem heiligen Ort gibt es Oralsex, Masturbation, Sodomie und Gruppensex in allen Formen und Variationen zu sehen. «Die sieben Hindu-Tempel sind von der künstlerischen Ausfertigung meisterhaft gehauen, aber manche der Steinskulpturen sind extrem unsittlich und anstossend», schrieb der junge, aristokratische Offizier T.S. Burt an die Queen, als die Briten 1838 die Tempel in einem abgelegenen Dschungel entdeckten. Obwohl die Kolonialherren peinlich berührt waren, befreiten sie die Bauten in minutiöser Restaurierung vom Dickicht und würdigten damit die architektonische Leistung der Chandella-Dynastie.

Göttliche Zerstreuung

Warum die Chandellas bereits vor über 1000 Jahren derart explizite Sexszenen zeigten, bleibt ein Rätsel. Es gibt keine schlüssige Erklärung für den Sinn und Zweck der Darstellung von hemmungslosen Dreiern, Saufgelagen unter Fruchtbäumen, Oralsex mit Menschen mit Kuhköpfen oder gleichgeschlechtlichen Sexualakten. Einige Akademiker verweisen auf Tantra, andere behaupten, dass die freizügigen Skulpturen die Götter zerstreuen sollten, damit sie nicht zornig werden. Ich bin fasziniert von dem in Stein gemeisselten Porno und komplizierten Verrenkungen, die die Figuren bei gewissen Stellungen ausüben. Obwohl ich Audio Guides nicht sonderlich mag, ist der aus der Westgruppe in Khajuraho verblüffend gut gemacht. Wie in einem Märchen – untermalt mit fernöstlicher Musik – berichtet die zarte Stimme eines Inders über die Sextempel. Ab und zu lächelt der Erzähler verlegen, während er einen Dreierakt so taktvoll wie möglich zu beschreiben versucht: Aber nicht nur die explizite Erotik ist faszinierend, sondern die hohe Kunstfertigkeit der Figuren. Sie wirken dreidimensional, fast lebendig. Ich sehe sorgfältig gearbeiteten Schmuck, Frisuren und manikürte Fingernägel. Besonders im orangen Abendlicht scheinen es die Figuren wirklich zu «treiben».

Antiker Technoclub

Ich begegne zwei jungen Touristen aus Düsseldorf. Künstler. Sie scheinen genauso fasziniert von den Figuren zu sein und versuchen die Farbschattierungen mit der Kamera festzuhalten. Ein Westler ist in Khajuraho umso mehr erstaunt, da die skulpturale Kunst aus dem 10. Jahrhundert in Europa eine formelhafte Reduzierung aufweist und nie diese ausdifferenzierte Mimik der Steinfiguren aus Khajuraho erreicht. Trotzdem versteht Tom nicht, warum so ein Aufsehen um die indischen Erotiktempel gemacht wird. «Das war für die Chandellas damals wie für uns heute ein Technoclub», sagt er.

In diesen Tempeln wurde alles hemmungslos gezeigt und vielleicht sogar – durch die Figuren inspiriert – gelebt. Im dichten Dschungel zwischen den Tempeln. Zwischen dem engen Gemäuer der Anlagen. «In Berlin strömen Hunderte von Menschen jedes Wochenende ins Berghain und konsumieren Alkohol, Sex und Drogen», erklärt Tom seine These. Eine Provokation der Gesellschaft. Die Chandellas hatten dafür ihre Tempel, in denen sie das Leben so lebten, wie es wirklich war und nicht eben nur vordergründig fromm und gottesfürchtig. Wir Menschen sind und bleiben gleich. Dem Dunkeln und Verbotenen verfallen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Robert am 23.08.2015 00:58 Report Diesen Beitrag melden

    Reife Leisung!

    Na der Steinmetz hat ganze Arbeit geleiszet. Das 1000 Jahre alte Pendant zum Selfie ist eben der schnelle Steinmetz :-)

  • (Y) am 23.08.2015 04:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    (Y)

    Finde ich gut :) gefällt mir, mal etwas anderes :)

  • S.T am 23.08.2015 07:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ...

    Diese Szenen stammen vom damaligen Maharadja (=König). Dieser konnte selbstverständlich sein Sexualleben ausgiebig ausleben ;) PS noch nie von Kamasutra gehört?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Brasileiro am 23.08.2015 11:21 Report Diesen Beitrag melden

    Wandschmuck

    Wer schon einmal im FFK-Palast in Freiburg war kann dort ein paar dieser Szenen (den Orginalen nachgebildet) als Waschmuck sehen.

  • Patrick am 23.08.2015 10:34 Report Diesen Beitrag melden

    Incredible India!

    Es gibt noch viele solcher Tempel in Indien. z.B. in Belur, Halebidu oder Hassan. Wirklich beeindruckend. Incredible India!

  • Peter J. am 23.08.2015 09:48 Report Diesen Beitrag melden

    die armen Amis

    Ist in den so prüden USA dieses Gebiet zensiert? auf den Karten weiss oder als feindliches Gebiet eingezeichnet? Nichts desto trotz,reife Leistung der Steinmetzen!

    • Sansibar am 23.08.2015 11:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      fehlplatziert

      Solange die Nippeln verdeckt sind, haben die Amis kein Problem. Aber wieso wieder USA bashing? Es geht hier nur um Indien.

    einklappen einklappen
  • Adrian am 23.08.2015 08:21 Report Diesen Beitrag melden

    Bei uns würde es gleich wieder heissen;

    Aber die Kinder? Denn in unserem prüden Land, wohl bald das prüdenste der Welt, muss man ja bald in Unterhose duschen...

    • Orientale am 23.08.2015 12:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      von wegen prüde

      Bei uns werden halbe Pornos den Tag durch im TV gezeigt. Geh mal in den Osten zu den muslimischen langen oder Westen in die USA, dann weißt du was prüde heißt. Also nicht immer gegen die Schweiz oder Europa.

    • Bieri am 24.08.2015 08:17 Report Diesen Beitrag melden

      Auf der Strasse

      Musst nicht mal den TV anmachen. Musst nur an einen Belebten Platz gehen, da kommst du dir auch wie in einem Softporno vor.

    einklappen einklappen
  • S.T am 23.08.2015 07:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ...

    Diese Szenen stammen vom damaligen Maharadja (=König). Dieser konnte selbstverständlich sein Sexualleben ausgiebig ausleben ;) PS noch nie von Kamasutra gehört?

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