Tätowierungs-Boom

21. Juli 2014 12:28; Akt: 21.07.2014 12:28 Print

«Tattoo gehört zum Leben wie die Autoprüfung»

von G. Brönnimann - Die 31-jährige Schweizer Unternehmerin Giada Ilardo beschäftigt in ihren «Giahi»-Tattoo-Studios über 70 Mitarbeiter. Sie spricht über aktuelle Trends, die unter die Haut gehen.

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Frau Ilardo, Ihre Geschäfte scheinen gut zu laufen: An der Theke wollen gleich drei Kunden ein Tattoo.
Giada Ilardo: Ja, ich kann mich nicht beklagen (lacht). Bald eröffnen wir unseren fünften Store. In Winterthur.

Hätten Sie sich das je geträumt, als Sie vor 15 Jahren mit Tätowieren anfingen?
Ich habe das schon etwas gespürt. Aber es ist ein grosser Unterschied zu damals: Tattoos sind kein Tabu mehr, und immer mehr Menschen trauen sich, sich tätowieren zu lassen.

Warum ist das so?
Das Ausdrücken der eigenen Gefühle auf dem Körper ist für die junge Generation ganz selbstverständlich geworden. Das nimmt von Jahr zu Jahr zu – die neue Generation ist tätowiert, ein Tattoo gehört zum Leben wie die Autoprüfung. Ausserdem: Viele wollen etwas, das für immer hält. Vieles vergeht – ein Tattoo bleibt.

Wenn alle ein Tattoo haben, wird es dann nicht langweilig?
Im Gegenteil: Jedes Tattoo ist einzigartig und persönlich. Viele wollen ein ganz spezielles, individuelles Tattoo, um sich von anderen abzuheben. Das ist heute viel einfacher, weil sich die Kunstform derart entwickelt hat.

Wie würden Sie diese Entwicklung beschreiben?
Die Möglichkeiten waren früher sehr einfach und limitiert: Old-School-Motive, Tribals und Arschgeweihe. Das ist zum Glück längst nicht mehr so: Heute können wir ein Motiv in unendlich vielen Varianten und Stilen stechen, die Kunstform ist viel komplexer geworden.

Was sind denn die Haupt-Stilrichtungen?
Bei uns sind das Blackwork und Dotwork, also ganze Motive aus Pünktchen im Mix mit Linien. Dann Fineline, ein verträumter und sanfter Stil, der mit weniger Nadeln erreicht wird. Der Realistic Style, Fotorealismus, ist auch sehr gefragt. Abstract, Aquarellstil, was wie Wasserfarbe aussieht – oder auch eine Mischung dieser Stile. Es ist wirklich eine geniale Zeit für Tattoos mit all diesen Möglichkeiten. Manche unserer Künstler sind über Monate ausgebucht.

Gibt es Sachen, die Sie nicht tätowieren?
Beleidigungen, rassistische und ethisch nicht vertretbare Zeichen und Ausdrücke werden von uns nicht gestochen. Und klar, die Leute kommen manchmal mit Motiven, die, sagen wir mal, nicht wirklich ideal für sie sind. Unsere Aufgabe ist dann, mit den Kunden zusammen etwas Cooles zu entwickeln.

Was ist im Moment total im Trend?
Neben den grossflächigen Tätowierungen ganz klar Schriftzüge.

In welcher Schriftart?
Die Chicano-Schriften sind die angesagtesten im Moment. Das sind diese verschlungenen Handschriften. Wir machen die auch alle individuell von Hand.

Und was lassen sich die Leute tätowieren?
Selten geworden ist der eigene Name oder das Geburtsdatum, oder der Name des Partners. Die Namen von Kindern, das machen wir öfter. Und ganz wichtig derzeit: Statements – etwa weise Sprüche oder Songtexte. Und sehr viele religiöse Texte. Viele Bibelzitate und sonstige christliche Sätze, und auch Sätze aus dem Koran.

Welche gegenständlichen Motive sind gerade gefragt?
Im Moment sind Insekten, Libellen und Motten oder Motive wie Kompasse, Uhren und Anker sehr in.

Wird der Tattoo-Boom wieder abflauen?
Im Gegenteil – ich glaube, das ist erst der Anfang. Es ist ein menschliches Bedürfnis, und war lange tabu in unserer Gesellschaft. Zu uns kommen auch ältere Menschen, weil es jetzt kein Problem mehr ist. Eines der schönsten Erlebnisse war, als eine 70-jährige Frau zu uns ins Studio kam. Sie liess sich einen einzigen Buchstaben tätowieren und sagte: «Das habe ich mir ein Leben lang gewünscht, und jetzt getraue ich mich endlich.»

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dino Stecher am 21.07.2014 12:58 Report Diesen Beitrag melden

    Das nackte Grauen

    Individualismus hin oder her: zurzeit sieht man besonders viele Tätowierungen, die einfach nur schrecklich aussehen.

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  • B aus B am 21.07.2014 13:47 Report Diesen Beitrag melden

    Laserbehandlung

    Ich eröffne demnächst ein Filialnetz von Laserbehandlungs-Institute um Tattoos zu entfernen. Ich denke das wird in ein paar Jahren ganz gross im Trend sein. ;)

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  • Lucky Rich Diamond am 21.07.2014 13:10 Report Diesen Beitrag melden

    Tattowahnsinn

    Alles verleidet uns, Auto, Parfüm, Ferienort, Essen, Arbeit und sogar die eigene Frau.. Aber an einem Tattoo soll man ein Leben lang Freude haben..? Erzählt mir was ihr wollt, das ist für die Füxxe.. Und tut was ihr nicht lassen könnt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Tattoo muss nur mir gefallen! am 21.01.2015 11:11 Report Diesen Beitrag melden

    In ist doch egal.

    Ich habe mir nicht ein Tattoo stechen lassen damit ich "In" bin. Ich habe mir eins Stechen lassen, weil es zu mir und zu den Dingen die MIR im Leben gefallen passt. Und es kann doch bitte allen anderen Menschen egal sein, was ich auf meiner Haut trage. Schon klar Fragen sich viele Leute, wenn sie mich nur kurz anschauen, warum ich eine Schlange und Gitarre auf meinem Arm tätowiert habe. Würden sie mich aber nach dem Grund fragen, könnte ich ihnen erklären, dass ich selber Schlangen halte und mich diese Tiere schon sehr lange faszinieren. Also bitte lasst doch jedem das was gefällt

  • Tiffany am 16.10.2014 07:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zeichen setzen!

    Spielt doch keine Rolle, ob sich jemand ein Tattoo sticht weil es individuell ist und somit eine Bedeutung hat oder weil es ihm einfach optisch gefällt. Solange er oder sie glücklich damit ist, warum nicht? Finde es aber super, dass sich das immer mehr Menschen getrauen und es auch durchziehen um der "veralteten förmlich-konservativen" Gesellschaft ein Zeichen zu setzen!

  • M. B. am 11.08.2014 23:09 Report Diesen Beitrag melden

    Schöne Haut?

    Ich liebe makellose Haut!

  • Christian Gross am 21.07.2014 23:01 Report Diesen Beitrag melden

    Alles sehr schoen, aber auf den andrer

    Ich finde es schon witzig.. Sie sagt "Ausserdem: Viele wollen etwas, das für immer hält." und sagt sie "Jedes Tattoo ist einzigartig und persönlich" und endlich sagt sie "und Arschgeweihe. Das ist zum Glück längst nicht mehr so" Heh? Das passt doch nicht zusammen. Wenn sie sagt das es gut ist das jetzt "Arschgeweihe" weg sind, wo sind sie? Sie hat doch gesagt Tatto hält fuer immer und es ist einzigartig! Ich habe nichts gegen Tattoos, im Gegenteil manche koenne sehr sehr schoen sein. ABER, so lang sie nicht auf mein Köper sind. Weil ich weiss 20 jahre spaeter sind sie alle "Arschgeweihe"!!!

    • P. Burri am 29.07.2014 08:58 Report Diesen Beitrag melden

      Trends

      Es besteht schon ein erheblicher Unterschied darin, ob ein ausdruckloses "Arschgeweih" tätowiert wird, oder etwas, sagen wir mal, individuelleres. Und ja, weg sind die Tattoos natürlich nicht, da haben Sie wohl recht. Aber der Trend und die Nachfrage sind weg. Ich denke mir, es gibt aufregenderes für einen Künstler, als ein Arschgeweih zu stechen. Daher verstehe ich Frau Ilardo sehr gut.

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  • 40er am 21.07.2014 21:09 Report Diesen Beitrag melden

    Tattoos sind schön

    Ob sich die meisten wirklich gut überlegt haben was sie für den Rest ihres Lebens mit sich herumtragen sei dahingestellt, aber Tattoos sind eine tolle Sache;) Ich musste 40 Jahre alt werden um mein erstes zu stechen (polynesischer Sleeve am rechten Ober/Unterschenkel). Wie das in 30 Jahren aussieht ist mir eigentlich egal, ich lebe jetzt und hier.

    • P. Burri am 29.07.2014 08:59 Report Diesen Beitrag melden

      Thumbs up.

      Schön gesagt. Ich denke auch, dass es mit 70 keine Rolle mehr spielt, ob das Tattoo noch gut aussieht. Schöne Haut hat man oftmals auch untätowiert in diesem Alter nicht mehr. Daumen Hoch!

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