Lebendes Kunstwerk

30. Juli 2014 21:33; Akt: 12.12.2014 10:48 Print

«Am Ende bleibt dir nur die Story»

von Gabriella Hummel - Tim Steiners tätowierter Rücken wurde schon im Louvre ausgestellt. Wie geht es dem Zürcher heute? Das letzte Interview mit dem einzigen lebenden Kunstwerk der Welt.

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Tim Steiner, Sie haben sich 2006 Wim Delvoye für ein einzigartiges Kunstprojekt zur Verfügung gestellt. Sie haben sich eines seiner Designs auf den Rücken tätowieren lassen und touren seitdem als Kunst durch die Museen der Welt. Ihr Rücken wurde gar an einen Kunstsammler verkauft. Wieso?
Es war wirklich eine spontane Entscheidung. Und ich hatte ja keine Ahnung! Ich wusste nicht einmal, wer Wim Delvoye ist. Meine damalige Freundin wollte es mir noch ausreden, sie meinte, ich würde zum Spielball in einer Welt, die ich nicht verstehe. Aber das war mir egal. Gemeinsam mit dem Tätowierer Matt Powers habe ich dann Wim in Zürich getroffen. Und was in den letzten acht Jahren passiert ist, hat ja alles gesprengt.

Aber wieso genau haben Sie das gemacht? Warum hat es Sie gereizt?
Als ich klein war, habe ich eine Sache schnell begriffen – Sie müssen wissen, ich hatte wie viele Schweizer eine privilegierte Jugend und damit Zeit, mir solche Gedanken zu machen. Und zwar: Am Ende bleibt dir nur die Story. Deshalb wollte ich Geschichten sammeln. Und das hier mit meinem Rücken ist ja eine Riesenstory.

Gefällt Ihnen das Motiv eigentlich?
Ich gebe zu, ich hätte etwas anderes genommen. Aber ich war dann auch in China auf Wims Schweinefarm und habe da meine zweite Version gesehen (Anm. d. Red.: Tim das Schwein, trägt dasselbe Tattoo wie Tim Steiner). Dieses Schwein kennenzulernen, das war schon spannend. Schwein Tim war ja dann auch ausgestopft bei der Ausstellung in Tasmanien dabei – wir haben uns also immer wieder gesehen. Daher ist es völlig okay.

Wim Delvoye hat mit diesem Kunstwerk, das er «Tim» genannt hat, grosse Aufmerksamkeit in der Kunstszene erhalten. Wie reagierte die Tattoo-Szene?

Die war nicht begeistert. Es war eben wieder so ein Medienstunt, bei dem das Tätowieren missbraucht wurde. In diesem Projekt geht es nicht um Tattoos. Es wurde einfach genutzt als Mittel zum Zweck.

Wann haben Sie gemerkt, dass das eine wirklich grosse Sache ist?
Als das Werk 2010 verkauft wurde, hörte man in den Medien tagelang nichts anderes mehr. Die erste richtige Ausstellung war dann im ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie) in Karlsruhe. Da war ich im Katalog. Und dann kam Tasmanien. Ich bin dort 500 Stunden auf einem Sockel gesessen und habe an die Wand geschaut. Ich wurde Teil vom Museum. Die Leute dachten, ich sei nicht echt! Und nach Tasmanien kam der Louvre. Ab da wurden wir ernst genommen. Ich wusste, wir habens geschafft. Ab dem Moment konnten mir alle in die Schuhe blasen.

Warum?
Der Pariser Louvre war abgeschlossen und ich bin dort völlig allein umherspaziert. Allein! Im Louvre!

Natürlich, Sie sind Kunst!

Ha! Ab da musste ich fast nie mehr über Gagen oder Hotels diskutieren. Die Museen waren natürlich auch etwas überfordert – schliesslich hatten sie noch nie mit einem Kunstwerk zu tun, das friert oder Hunger hat.

Ist das Ihnen nie zu Kopf gestiegen?
Natürlich! In Tasmanien wollte der bekannte Kunstsammler David Walsh – ich bewundere ihn sehr – meinen Rücken kaufen. Hallo? Ich war der Grösste! Dann sagte der Besitzer Rik nein. Er machte mir klar, dass wir zwar gute Freunde sind, ich aber ihm gehöre. Da habe ich gelernt: Ohne Rik und ohne Wim gibt's
keinen Tim.

Und wenn Sie dann in so einem Museum auf einer Kiste sitzen, was tun Sie da den ganzen Tag?
Hauptsache nicht einschlafen. Aber am Anfang bin ich immer extrem nervös. Immer. Ich sitze halbnackt vor Leuten, die ich nicht kenne. Es ist schwierig, Ruhe zu finden, wenn Leute neben einem über einen reden. Darum habe ich jetzt Musik im Ohr. Früher wars noch Metal, dann habe ich mit Hörbüchern begonnen und Vorlesungen.

Haben Sie sich verändert in dieser Zeit?
Sehr. Ich wurde da völlig in den Mittelpunkt gestossen. Das gefiel mir auch. Aber langsam will ich wieder da raus. Ich habe meine Geschichte oft genug erzählt, jetzt wiederholt sich alles nur noch. Es gibt nichts mehr zu sagen. Und wenn ich beispielsweise Online-Kommentare lese, merke ich: So sehr will ich doch eigentlich gar nicht provozieren.

Und was kommt jetzt?
Ich möchte den Rest meines Lebens der Typ sein, der auf der Kiste sitzt. Das plane ich momentan. Und dies wird mein letztes offizielles Interview sein. Wenn es noch Anfragen im Zusammenhang mit einer Ausstellung gibt, okay. Aber dann geht es wirklich nur noch um die Kunst.