Kulturgeschichte, Teil II

23. Juli 2014 15:28; Akt: 23.07.2014 15:28 Print

Wie der Tattoo-Boom nach Europa kam

von Fee Riebeling - Entdecker James Cook brachte von seinen Südsee-Reisen auch einen tätowierten Eingeborenen mit. Der wurde erst zur Jahrmarktattraktion, dann zum Trendsetter.

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Bei der Rückkehr von seiner zweiten Fahrt in die Südsee 1774 hatte der britische Entdecker James Cook ein ganz besonderes Souvenir an Bord: den tahitischen Prinzen Omai. Der tätowierte Mann war, wie es heisst, auf eigenen Wunsch mit nach England gekommen. Dort wurde er wegen seiner Körperverzierungen schnell zur lebenden Sensation. Presseberichte über den «wilden Indianer aus der Südsee» verbreiteten sich rasch – in Europa und der ganzen westlichen Welt.

Besonderer Beliebtheit erfreute sich Omai in den britischen Adelshäusern. «Es war die Zeit, in der man sich stark für Exotisches interessierte», sagt Kulturanthropologin Susanna Kumschick, die für das Gewerbemuseum Winterthur die Ausstellung «Tattoo» zusammengestellt hat. Doch bei einer passiven Begeisterung sei es nicht geblieben. So liessen sich bald auch Menschen aus der Oberschicht Bilder unter die Haut stechen – jedoch anders als der Tahitianer an gut verdeckbaren Stellen. Berühmte Beispiele sind König Edward VII., Königin Victoria und ihr Mann, Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Victoria soll sogar einen Tiger und einen Python an delikaten Stellen des Körpers getragen haben.

Ende des 19. Jahrhunderts waren Tattoos bei der Elite im Westen gang und gäbe – unter anderem bei Frauen. 1897 soll die Zahl der tätowierten Frauen in der New Yorker Oberschicht bei 75 Prozent gelegen haben.

Tätowierungen werden zum Massenphänomen

Doch nicht nur die Vorliebe für Spezielles brachte die Menschen in der gesamten westlichen Welt dazu, es Omai nachzutun. «Viele taten dies auch aus finanziellen Gründen», so Kumschick. Als sie bemerkten, wie viel Aufmerksamkeit der tätowierte Prinz bekam, folgten Zirkuskünstler seinem Vorbild und liessen sich die Haut verzieren. Die berühmteste Vertreterin unter den Artisten war die Amerikanerin Maud Stevens Wagner, die sich in den 1920er-Jahren auch als erste westliche Tätowiererin einen Namen machte.

Auch Seemänner sprangen auf den Trend auf. «Ihre Motivation war jedoch eine andere», weiss Susanna Kumschick. Zum einen seien sie aufgrund ihrer vielen Reisen mit Tätowierern in Kontakt gekommen. Zum anderen sahen sie in den bunten Bildern beispielsweise die Möglichkeit, auf eine ganz eigene Art von ihren Überfahrten zu berichten. «Viele ihrer Bilder waren ihre Mitbringsel, ihre Trophäen.»

Ab- und Aufstieg

Die Begeisterung für den unter die Haut gehenden Körperschmuck hielt in Europa bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs an. Dann rückten mit einem Mal Zwangstätowierungen in das Bewusstsein der Leute. Schuld daran waren die Nazis, die den Häftlingen in den Konzentrationslagern Nummern auf den Arm tätowierten, um später deren Leichen ohne Kleidung identifizieren zu können. In der Folge waren Tattoos in weiten Teilen der Gesellschaft geächtet.

Erst in den 1970er-Jahren erlebten die permanenten Hautverzierungen ein Revival. Mitverantwortlich dafür waren Künstler, die ihren Körper zum Medium machten. So liess sich beispielsweise die Österreicherin Valie Export auf einer Bühne in Frankfurt das Motiv eines Strumpfhalters auf den linken Oberschenkel tätowieren. Das Ziel der Feministin: auf die funktionalisierte Rolle der Frau als Lustobjekt aufmerksam zu machen. Ob ihr das wie beabsichtigt gelang, ist nicht überliefert. Sicher ist aber, dass sie eine derjenigen war, die dazu beitrug, den menschlichen Körper anders wahrzunehmen und damit Tätowierungen wieder salonfähig zu machen, bis sie in den 1990er-Jahren im Mainstream angekommen sind.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Antonio am 23.07.2014 16:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lago mio...

    Die weißen Unterhosen gefallen mir ( vom Artikelbild vorne ) besser als ein Tattoo ;-)

  • Karina am 23.07.2014 16:28 Report Diesen Beitrag melden

    Ich habe mich schon

    immer gefragt, weshalb man sich ein Tattoo stechen lässt. Ich sehe fast nur noch junge wie ältere Damen, die das gleichen haben, von Individualität keine Spur.

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  • Georges am 23.07.2014 16:06 Report Diesen Beitrag melden

    Ich habe damit Mühe

    Heute meint auch jede Person ob W/M sie müsse sich voll tätowieren lassen. Gegen etwas kleines habe ich ja nicht dagegen, aber wenn eine Person sich dann der Kleider erledigt und man ein Bilderbuch zu sehen bekommt verstehe ich die Welt nicht mehr. Das mag ja im Moment schön sein die frage ist nur was ist in 10 oder 20 Jahren wenn die Haut altert oder der Name des Tatoos nicht mehr gefragt ist. Teure Entfernung und viele kleine Narben. Also überlegt euch das gut bevor ihr euch stechen lasst

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Rafi am 25.07.2014 07:33 Report Diesen Beitrag melden

    Bild 6

    Seit ihr zwei bei 20min angestellt?? Wo kann ich mich bewerben?? :D

  • CHAG am 24.07.2014 16:48 Report Diesen Beitrag melden

    Tattoos

    Es gibt nun mal sehr viele Tättowierte Menschen.. Die Meisten lassen sich ein Tattoo stechen weil es "geil" aussieht... diejenigen, die sich eins stechen lassen, welches eine Bedeutung hat für die Person versteh ich das... aber nur weils geil aussieht? ne, denn in 10 Jahren hat man einen anderen Geschmack :-) ps. ich hab nen Sensenmann tättowiert

  • Andrea Burger am 24.07.2014 04:08 Report Diesen Beitrag melden

    Doppelmoral

    Kunstvoll Tätowierte sind immer wieder spannend anzusehen, auch wenn ich selbst kein Tattoo will. Vielleicht solltet ihr mal nach der Doku Yakuza - Gangster und Wohltäter auf YouTube suchen. Tattoos sind Kultur, ja auch Kunst und soll als solche anerkannt werden. Auf jedenfall ist mir eine sympathische, tätowierte Person lieber als ein anzugtragender Krawattenheini, der jedem schamlos ins Gesicht lügt, nur damit er am Ende des Monats möglichst viele "Ameisen" auf dem Konto hat. Wieviele der Intoleranten hier sind rücksichtslose Raucher, die von mir verlangen, dass ich ihren Mief toleriere?

  • Leela Lila am 23.07.2014 22:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lach!

    Und dann gibt es Leute, die tätowieren sich ein "chinesisches Zeichen" irgendwo hin und da sie keine Ahnung von dieser Schrift haben, lassen sie sich "einmal Cölly Chicken mit Leis" aufschwatzen :D

    • Hamlet am 24.07.2014 17:36 Report Diesen Beitrag melden

      Suppentattoo

      Sheldon und Penny ......

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  • Phello am 23.07.2014 22:05 Report Diesen Beitrag melden

    Tatoos für Bünzlis

    Schade, mittlerweile sind Tatoos ein Symbol für Bünzlis und Spiesser! Besonders die Tribels, aber auch das Arschgeweih, auch genannt Schlampenstempel sind nur noch peinlich.