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Indien-Blog

13. April 2015 16:16; Akt: 13.04.2015 16:16 Print

Auch im Slum werden Vokabeln gebüffelt

von David Torcasso - Im indischen Armenviertel oder im deutschen Gymnasium: Kinder sind Kinder. Sie sind neugierig, schelmisch und aufgeweckt.

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Nehru Nagar ist ein Slum, wie es wohl Millionen auf der Welt gibt: Wellblechdächer, Wände aus Karton oder Lehm, ein stinkender Bach, kein fliessendes Wasser. Fliessend ist hingegen das Englisch von Mohsin, dem für Indien untypisch gross gewachsenen Studenten, mit dessen Motorrad wir an einem Damm in Bhopal entlangfahren. Ich habe Mohsin am Jubiläumsfest kennengelernt, als er uns Europäern alle Reden von Hindi auf Englisch übersetzt hat.

Mohsin kommt aus einer wohlhabenden Familie, absolviert eine Ausbildung an einem Privatcollege und hat in seiner Freizeit ein Magazin gegründet. Es heisst «The Optimist». Das Redaktionsteam bringt darin ausschliesslich positive Nachrichten aus Indien. Nicht über Tod, Elend, Vergewaltigung und Korruption wie die anderen indischen – oder sowieso alle – Zeitungen. «Wir wollen den Menschen mit Geschichten Mut machen», sagt Mohsin. Nach seinem Studium möchte der 22-Jährige einige Monate in einem Ashram leben. Er kann es sich leisten, Gutes für die Armen zu tun, weil er nicht ums tägliche Überleben kämpfen muss. Ein junger Philanthrop, der Taten sprechen lässt.

In der Siedlung angekommen, gelangen wir durch die engen Gassen zwischen den Hütten auf einen staubigen Platz. Dort sitzen eine Handvoll Kinder und schauen in Bücher, schreiben auf Blöcke, in zerknautschte Hefte und loses Papier. Die Eltern sind so arm, dass sie ihre Kinder nicht an eine staatliche, geschweige denn an eine private Schule schicken können. Der Schulweg ist zu gefährlich, die Schulhefte und das Benzin für den Töff sind zu teuer. Ich gehe durch das Freiluft-Klassenzimmer und setze mich zu einer Gruppe von fünf Schülern.

Die Kinder grinsen überrascht, der Lehrer – ein Mitstudent Mohsins – begrüsst mich mit einem Kopfwiegen. Seit einem halben Jahr vermisse ich die Berliner Gymnasiasten, mit denen ich jeweils in einer Projektwoche Schülermagazine entwickelt habe. Ein schöner Auftrag neben meiner Tätigkeit als Journalist. Nun sitzen plötzlich wieder 12-jährige Schüler vor mir. Obwohl sich in meinem Rücken nicht die Wand eines Berliner Schulzimmers befindet, sondern gar keine Wand, weil wir in einem Slum sitzen und es draussen 25 Grad warm ist und die Schüler schmutzige Kleider tragen, bleiben Kinder eben Kinder. Neugierig, schelmisch und aufgeweckt. So sind die Kinder in Bhopal, so waren die Kinder in Berlin.

Leise Laute

Ein Mädchen mit einem Rossschwanz, einem grünen Halstuch und einem Grün-hinter-den-Ohren-Lächeln liest mir vor. Bei Wörtern wie «road» oder «wearing» stockt sie. Die Worte scheinen aus einem an Hindi gewöhnten Mund nur schwierig zu purzeln. Wenn sie das Wort nicht aussprechen kann, schaut sie mich mit grossen Kulleraugen an, grinst verlegen. Ich lese es ihr vor, sie repetiert. Bis die Mama ruft. Das Mädchen schüttelt mir die Hand. Eigentlich ist es kein Händeschütteln, sondern ein kleines Daumen-Zeigefinger-Spiel. Dann fragt sie, ob ich wiederkomme. In diesem Moment durchfährt mich ein kleiner, wohliger Schauer, vom Nacken den Rücken hinab. Ich bin so gerührt, dass ich über einen zotteligen Hund stolpere, der aber zu müde scheint, um zuzubeissen. Auf der Rückfahrt geht die Sonne über dem See unter. Ich hole mir mit Mohsin noch eine indische Süssigkeit, grinse die ganze Zeit. Ist das jetzt dieses Glück, das sich bei sozialer Arbeit einstellt? Ich werde wieder hingehen, um dieses Gefühl genauer zu ergründen. Und das Händeschüttel-Spiel besser zu lernen. Und die Kinder wiederzusehen.

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