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Indien-Blog

12. Mai 2015 14:03; Akt: 12.05.2015 14:03 Print

Dauerparty – zu Gast auf einer indischen Hochzeit

von David Torcasso - Der Hochzeitstag meines Mitbewohners Vinod ist nun tatsächlich gekommen – mit Pferdekutsche, Techno-Musik und allem Pipapo.

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Hoch zu Ross sitzt Vinod und wird in das Haus seiner künftigen Frau kutschiert - andauernd werden Filme und Fotos gemacht. Schliesslich muss der wichtigste Tag des Lebens gut dokumentiert sein. Dazu tanzen Kinder, Freunde und Verwandte von Vinod zu ohrenbetäubender Musik in einem Umzug durch das Dorf. Auffallend ist, dass hier nur Männer tanzen. Die Frauen sitzen derweil in Zelten und schauen, dass der Schmuck der Frau perfekt sitzt. Auch bei der Hochzeit ist die patriarchalische Gesellschaft in Indien spürbar. Das ganze Dorf ist Hochzeitsgast und schaut gespannt, wie die alle tanzen und feiern. In einem kleinen Dorf ist eine Hochzeit an einem Sonntag ein Highlight, dem Alt und Jung beiwohnen - und diesmal sogar auch Gäste aus einem anderen Kontinent. Die Braut ist mit ihrem gesenkten Blick und der riesigen Kapuze sowie dem Schmuck im Gesicht kaum zu erkennen. Vorne liegt Geld in einem Topf - eine indische Hochzeit ist ohne Mitgift unvorstellbar. Die engen Familienangehörigen posieren für das Fotoalbum - und halten dem Hochzeitspaar Geldscheine über den Kopf. Diese Geste muss natürlich festgehalten werden. Jeder posiert, Vinod und seine Frau schauen geduldig in die Kamera. Kinder, Cousinen, Onkel, Tanten und Grossmütter - keiner der Familie darf vergessen gehen beim Gratulieren. Und von jedem gibt es ein Geschenk - wie hier etwa einen neuen Sari für die Braut. Vinod und seine Angetraute warten auf das Kommando der streng orchestrierten Zeremonie, die mehrere Tage andauert. Wann dürfen wir den Blumenkranz umlegen? Damit auch jeder weiss wie es geht, besuchen die Inder praktisch jedes Wochenende eine Hochzeit, wo sie es gerne krachen lassen.

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Als ich aus dem Auto steige, empfängt mich eine Schar kreischender Kinder. Heiraten ist in Indien alltäglich. Heiraten mit westlichen Gästen aussergewöhnlich. Ein Pferdegespann mit einer Kutsche wie aus einem Disneyfilm steht bereit. Oben sitzt Vinod mit einem rot-weissen Turban auf dem Kopf und grinst mir zu. Es ist sein verlegenes Grinsen, das ich gut kenne. Ihm scheint der ganze Trubel zu viel zu sein. Vorne fährt ein weiteres Pferdegespann, auf dem zwei Boxentürme stehen. Plötzlich bohrt sich ein heftiger Bass in mein Gehör. Zu meinem Erstaunen erklingt die gleiche Musik wie gestern im Club. Vom Club zur Hochzeit. Eine indische Dauerparty. Plötzlich ertappe ich mich dabei, wie ich zu diesem Technogeträller tanze. Wir bewegen unsere Hüften schwingend wie an einer kleinen Street Parade in Richtung des Hauses der Braut.

Anruf während der Trauung

Dort ist im Innenhof eine Art Pop-up-Tempel angebracht. In der Mitte befindet sich ein Holzstab – ein Lingam. Leider trage ich noch immer meine Schuhe und die Gäste zeigen lachend darauf. Ich ziehe sie rasch aus. Ich möchte wissen, wie die Frau von Vinod aussieht. Obwohl das so ziemlich das Letzte ist, um was es bei dieser Hochzeit geht. Doch ihr Gesicht ist kaum erkennbar, weil es unter einer dunkelroten Kapuze steckt und mit unzähligen Schmuckstücken behangen ist. Zudem senkt sie demütig ihren Blick, wie es sich für eine indische Braut gehört. Schliesslich gelingt es mir doch, in ihre Augen zu schauen. Sie sieht ziemlich gut aus! Ich bin so westlich denkend froh, dass Vinod mit einer schönen Frau vermählt wird. Das Paar umkreist den Lingam siebenmal. Dann sind sie Mann und Frau. Der Pfarrer murmelt ständig Gebete, bis sein Handy klingelt. Der Pfarrer telefoniert geschlagene zehn Minuten lang – mitten in der Zeremonie! Niemand ärgert sich. Toll!

Künstliche Seen und mehrstöckige Schlösser

Nach diesem Akt bringen mich die Freunde von Vinod zu einem Parkplatz. Aus einem Auto zaubern sie eine Flasche Whisky hervor. Er schmeckt scheusslich. Wir beginnen über das Thema Nummer eins zu quatschen: «Du kannst also in Europa in einen Club gehen und einfach eine Frau mit nach Hause nehmen und Sex haben?», fragt Kamlesh. «Ja, das ist möglich», sage ich. Die Flasche ist schon halbleer. «Wow, und wie viele hattest du schon?» Ich sage lächelnd: «Jungs, Europa ist kein Sexparadies. Die Frau fürs Leben zu finden ist durch diese Ungezwungenheit alles andere als einfach. Schneller Sex kann alles kompliziert machen.» Das verstehen sie nicht. Genauso wenig, wie ich eine arrangierte Hochzeit verstehen kann.

Die Rückfahrt nach Delhi dauert ewig. Die Strassen sind hoffnungslos verstopft. An diesem Sonntag scheinen viele der 1,3 Milliarden Menschen in Indien zu heiraten. Je näher wir Delhi kommen, desto opulenter werden die Hochzeiten. Zeltlandschaften so gross wie ein Vergnügungspark. Mit Plastikschlössern, an denen Fahrstühle angebracht sind, die die Gäste zum Brautpaar hinaufbringen. Neben Pferdekutschen stehen Ferraris und Lamborghinis. Auf einem Festgelände ist neben einem Riesenschloss mit roten Türmen ein See angelegt worden, auf dem venezianische Gondeln herumkurven. Ich möchte nicht wissen, wie viel Geld diese Hochzeit gekostet hat, und hoffe sehr, dass dieses Paar für immer zusammenbleibt.

Ich werde nun für rund zwei Monate aufs Land hinausfahren und dort in einem Ashram helfen. Dort gibt es kein Internet. Ich hoffe aber, dass ihr nach meiner Rückkehr weiter lest, was ich in Indien erlebe.

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