Reisen

Auf der Suche nach Inspirationen für Ihre nächsten Ferien oder Ideen für den geplanten Kurztrip?

 

Klicken Sie auf die interaktive Weltkarte!

Zur interaktiven Karte

Indien-Blog

22. Februar 2015 14:28; Akt: 22.02.2015 14:29 Print

Die längste Reise meines Lebens

von David Torcasso - 34 Stunden Stunden dauert die Zugfahrt von Tamil Nadu in den Norden Indiens. Viel Zeit für interessante Begegnungen und lange Gespräche.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Offen sein, keine Vorurteile haben und die ganze Zementierung meiner westlichen Vorurteile im Kopf zerschlagen. Ein bewährtes Rezept für all meine Reisen, aber nicht immer einfach. Mein Sitznachbar wirft kurz nach Madurai seinen Pappteller aus dem Fenster. Völlig selbstverständlich. Für mich unverständlich. Er ertappt mich, wie ich ihn ungläubig anstarre. Doch anstatt betreten wegzuschauen, lächelt er, deutet auf meinen Pappteller und zeigt mit einer Handbewegung auf das offene, vergitterte Fenster. «No», sage ich, wedle mit dem Zeigefinger und lächle ebenfalls. Er grinst, stellt sich vor. Den Namen kann ich mir natürlich nicht merken. Dann meldet sich der Mann neben uns mit Brille. Priester sei er. Kein Hindi-Priester, ein christlicher. Rund 8 Prozent der indischen Bevölkerung ist christlich, 13 Prozent muslimisch, die anderen sind hinduistischen Glaubens. Woher ich komme, fragt er.

«Du bist auch ohne Familie in Ordnung»

«Switzerland!». Er nickt und wackelt mit dem Kopf. Das indische Nicken. Doch ich spüre, dass er keine Ahnung hat, wo die Schweiz liegt. Wieso sollte er? Die Distanz Genf nach Zürich erscheint im Hinblick auf meine Reise in Indien wie die Distanz Erde zum Mond. Ich befinde mich auf der längsten Reise meines Lebens. Die Fahrt in den Norden, nach Raipur in Chhattisgarh dauert voraussichtlich 34 Stunden! 2500 Kilometer im Zug. Ich bin zwar schon mal nach Australien geflogen. Das dauerte auch lange, aber nicht einen Tag, eine Nacht und einen Tag. Zudem hatte ich Business Class. Im indischen Zug ist mein Bett eine schmale Pritsche, die klebrig vom Dreck ist. Halb so schlimm. Meine beste Freundin hat mir einen Seidenschlafsack mitgegeben.

Der Priester fragt, ob ich Kinder habe. Ich verneine. Er fragt, ob ich verheiratet sei. Ich verneine. Schliesslich kapituliert er und fragt, wie alt ich überhaupt sei. Ich verrate ihm mein Alter. Er schaut ungläubig. Aber nicht etwa, weil er mich jünger geschätzt hat, sondern weil ich noch keine Familie habe. Mit knapp dreissig Jahren. Der Ingenieur übersetzt meine stammelnden Erklärungen: «Ähm, in Europa heiratet man später. Die Zeit ist noch nicht reif für Kinder. Ich hatte aber auch schon Freundinnen.» Freundinnen, lacht der Priester. Das habe man nicht. In Indien hat man eine Frau. Freundinnen seien verboten. Bei mir schleicht sich das schlechte Gewissen ein. Dann legt er mir den Arm um die Schulter: «Du bist auch ohne Familie total in Ordnung.» Sagt es und schenkt mir ein aufrichtiges Lachen. Dann frage ich den Ingenieur, ob er und seine Freundin Kinder hätten. «Freundin? Du meinst meine Frau», grinst er. Wieder reingefallen.

Freut mich, Mister Manchmal

So geht das weiter. Stundenlang erörtern wir die kulturellen Unterschiede von Indien und Europa. «Was arbeitest du, magst du das indische Essen, bist du katholisch, warum hast du keinen Führerschein, warum hast du eine Katzenallergie, warum hast du keine Geschwister, weshalb hast du ein Tattoo?» Dabei lachen wir sehr viel. So viel wie ich auf all den Zugfahrten in Europa zusammen nicht gelacht habe. Schliesslich nennen sie mich Mr. Sometimes, Herr Manchmal. Weil ich manchmal in die Kirche gehe, weil ich manchmal schon eine Freundin hatte und weil ich manchmal vielleicht heiraten möchte.

Am meisten lachen meine Sitznachbarn, als ich ihnen mittels Pantomime vorspiele, wie sich eine Zugfahrt in Europa abspielt: Die Menschen belegen den Nebensitz mit ihrer Handtasche, schauen aus dem Fenster oder spielen mit dem iPhone. Geredet wird selten bis nie. In Indien unvorstellbar: Hier sitzen vier bis sechs Personen (die Kinder nicht mitgezählt) nebeneinander, einige stehen fünf Stunden lang, das Gepäck liegt quer im Gang verstreut, der Boden ist mit Müll übersät. Ein Wunder, dass nicht noch eine Kuh zur Tür hinein kommt. Nur die Ventilatoren drehen ruhig ihre Runden. Einige würden durchdrehen hier drin. Der Ingenieur meint, für ihn seien die Zugfahrten Weiterbildung: «Ich habe deine europäische Kultur ein Stück besser kennengelernt, habe als Hindi mit einem Christen gesprochen.»

Traumreisen
bis zu 70% günstiger
Melden Sie sich mit Ihrer E-Mail-Adresse kostenlos bei Secret Escapes an!
Jetzt entdecken