Reisen

Auf der Suche nach Inspirationen für Ihre nächsten Ferien oder Ideen für den geplanten Kurztrip?

 

Klicken Sie auf die interaktive Weltkarte!

Zur interaktiven Karte

Zivildienst in Indien

15. Februar 2015 14:45; Akt: 26.02.2015 13:09 Print

Eintauchen in eine andere Welt

von David Torcasso - Indien. Das Riesenland, der Subkontinent. Die einen lieben es, die anderen verabscheuen es. Ich mache hier sechs Monate Zivildienst.

Bildstrecke im Grossformat »
Der Brihadishvara-Tempel in Thanjavur gehört zu den wichtigsten in Indien, weil er bereits im 8. Jahrhundert erbaut wurde. Er ist dem hinduistischen Gott Shiva gewidmet und gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. In fast jedem indischen Essen befindet sich Dal (Hindi ), also Hülsenfrüchte wie Linsen, Kichererbsen, Bohnen oder Erbsen. Durch die lange Kochzeit werden die Hülsen zu Brei. Dal esse ich täglich Die Tempel sind mit Tausenden Figürchen verziert. Die Tempel in Indien sind ruhig und laut zugleich, proppenvoll und menschenleer sowie hell und dunkel. Je nachdem, wo man sich in der Riesenanlage befindet. Die Jungs in Schuluniform freuen sich in einer Pause über ein spontanes Foto. Das Schulsystem in Indien ist aber auch eine große Baustelle: Zu wenige Lehrer auf zu viele Kinder, fehlende Infrastruktur und ein gefährlicher Trend hin zu Privatschulen. Der Rockfort-Tempel (im Hintergrund) auf dem imposanten Hügel in Trichy. So eine Affenbande! Affen sind wohl die aus westlicher Sicht auffälligsten Alltagstiere in Indien. Sie scheuen den Kontakt zu den Menschen kaum und klauen den Touristen gerne Wasserflaschen oder gleich die Kamera. Oder räumen den Balkon in der Nacht ab. Kühe sind in Indien heilig. Das weiss jeder. Aber nicht der Religion wegen, sondern durch ein altes Gesetz. So können die lethargischen Tiere ungestört alles essen, was ihnen in den Weg kommt. Frei lebende Elefanten habe ich in Indien bisher noch nicht gesehen. Dafür einen Elefanten in einem Tempel. Dort segnen sie die Pilger mit ihrem Rüssel. Stundenlang. Tierschutztechnisch eher fragwürdig. In einer alten Tradition streuen die indischen Frauen frühmorgens farbiges Reismehl vor den Hauseingang und bilden damit beeindruckende Muster und Zeichnungen. Wie ein Teppich entstehen damit kleine Kunstwerke - die Kolams. Tiruchirapalli, auch Trichy genannt, ist mit rund einer Million Einwohnern eine der größten Städte in Tamil Nadu. Die einzige Sehenswürdigkeit, der Tempel Rock Fort im Herzen der Stadt, befindet sich auf auf einem Felsen mit Aussicht auf die Stadt. Indiens Städte sind voller bunter Menschen und meist völlig überflutet. Weil sie aber alle bunte Saris tragen oder mit angemalten Trucks darin verkehren, ist es ein freundliches Chaos.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Indien ist eine Wucht. Eine Wucht aus Menschen, Motorrädern, Müll, Reis, Kühen, Hunden, Affen, Bananen, Kindern, Hupen, Rikschas, Pilgern, Saris, Tatas und Tempeln. Ein unendliches Gewusel! Und dazu Linsen - also Dal - ohne Ende. Inmitten von 1,2 Milliarden Menschen werde ich hier für einige Monate leben und arbeiten. Indien ist ein Chaos, das mich freundlich empfängt.

Ich bin nicht in Indien als Tourist, der nach einigen Wochen «voller Eindrücke» und «Spiritualität» wieder in seine westliche Komfortzone zurückkehren kann. Einige Menschen suchen in Indien Yoga, andere suchen Tempel und wieder andere möchten aus der Überflussgesellschaft aussteigen und Verzicht lernen. Ich bin hier, um zu arbeiten. Ich leiste in diesem Land meinen Zivildienst. 180 Tage lang. Bei der indischen Entwicklungsorganisation Ekta Parishad, die mit Gandhis Konzept der Gewaltlosigkeit den Ärmsten hilft, ihr Land und damit ihre Existenz zurückzugewinnen.

Die einen lieben, die anderen hassen es

Als ich meiner Familie und meinen Freunden verkünde, dass mein Arbeitsplatz demnächst 7000 Kilometer entfernt liegt, jubelt meine Mutter. Nicht weil sie mich los ist. Sie ergreift die Chance, mit mir vor dem Einsatzbeginn zwei Wochen das Land zu bereisen. Meine Freunde sagen über meinen Zivildiensteinsatz in der Ferne: «Toll!» Die, die schon in Indien waren, geben Tipps. Die einen lieben, die anderen hassen es. Meine Tanten und Cousins reagieren ungläubig beim Familienfest: «Man kann im Ausland Zivildienst leisten?» Mein Onkel witzelt: «Urlaub auf Staatskosten.»

Am Flughafen ist mein Gepäck nicht da. Ich gehe zum Informationsschalter, versuche auf Englisch nachzufragen. Die Beamten verstehen kein Wort. Ich zeige auf den Koffer eines Inders mit einem roten Turban, der wie ein Tintenfisch auf seinem Kopf liegt, dann auf mich, zucke mit den Achseln. Die Beamten reichen mir ein Formular mit 100 Feldern. Ich beginne mit dem Ausfüllen, bis schliesslich ein barfüssiger Typ angelaufen kommt und andeutet, ich solle mitkommen. In einer Ecke stehen mein Rucksack und mein Koffer. Freudig hebe ich das Gepäck hoch. Der Inder hält freudig seine Hand hoch und fordert Geld. Natürlich habe ich kein Geld, zumindest keine Rupien. Ich laufe zügig zum Ausgang. Er läuft mir nach, wedelt mit den Händen. Ich entdecke andere wedelnde Hände und den rettenden Pappkarton mit meinem Namen darauf.

Luft anhalten bei der ersten Autofahrt

Wir fahren aus der Millionenstadt hinaus, es wird dunkel. Die grellen Flutlichter der entgegenkommenden Autos lassen keine Sicht zu, nebenan überholen uns Motorräder, am Strassenrand gehen schwarze Schatten, die kaum zu sehen sind. Ganz zu schweigen von den unzähligen Kühen und Hunden, die die Strasse säumen. Strassenlaternen gibt es keine. Den Willen, die normale Scheinwerferstärke zu benutzen, anscheinend auch nicht. Der Fahrer macht munter mit, überholt auf der Gegenfahrbahn im Linksverkehr, weicht um Haaresbreite den Autos aus. Ich atme einige Male hörbar auf. In Indien sprechen die Autos miteinander – in Form von Hupen. Es wird andauernd gehupt. Beim Überholen, beim Fahren, einfach immer. Dabei gibt es verschiedene Hup-Intervalle: Zweimal beim Überholen, einmal beim Vorbeifahren und permanent vom Bus, der wie ein Traktor alles niedermähen möchte, was sich in den Weg stellt.

Ich frage den Fahrer, wie er die Strasse erkennen kann, wenn das Flutlicht eine Lichterwand bildet, die erblindet. «Ich stelle mir vor, wie die weisse Mittellinie ungefähr weitergehen könnte.» Ich nicke und denke, Gott sei Dank habe ich keinen Führerschein und es wird mich niemand nötigen können, auf diesen Strassen zu fahren. Der Fahrer lacht bloss und erzählt mir sein Motto: «In India, you need a good brake, a good horn and good luck!» Gute Bremse, gute Hupe und Glück. Alles klar.

Schliesslich bin ich in meiner ersten indischen Unterkunft im Bundesstaat Tamil Nadu. Beim Einschlafen denke ich daran, dass ich nun mehrere Monate hier bleibe. Es wird eine Geschichte, die nicht nur durch Abenteuer, sondern durch Alltag geprägt sein wird. Und nicht nur eine Reise in ein Land, sondern zu mir selbst. Ein kleiner laubgrüner Frosch hüpft durch mein Zimmer und wünscht mir quakend gute Nacht.

Traumreisen
bis zu 70% günstiger
Melden Sie sich mit Ihrer E-Mail-Adresse kostenlos bei Secret Escapes an!
Jetzt entdecken