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Massentourismus

06. November 2017 16:13; Akt: 06.11.2017 16:55 Print

Isländer haben die Nase langsam voll

Der Tourismus bringt Island ordentlich Geld ein. Doch so langsam haben einige Bewohner die Massen satt. Steuert der Inselstaat auf eine Überdosis zu?

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Wortwörtlich übersetzt heisst das isländische Sprichwort: «Auf, auf, mit der Butter.» Die Bedeutung: «Weiter gehts!» oder «Weitermachen!» Also dann auf zu ... Bis zum 1. März 1989 war Bier auf Island verboten. Seither wird die Legalisierung jedes Jahr mit dem nationalen Biertag gefeiert. Vor Aufhebung der Bier-Prohibition peppten die Einheimischen ihre Drinks mit Brennivin, einem starken Branntwein, auf. Heute wird der Schnaps vor allem von Touristen getrunken, die Hákarl (fermentierter Grönlandhai) damit herunterspülen. Isländer trinken lieber Bier. Und essen Softeis. Gletscherhöhlen, Lavaröhren, Tropfsteinhöhlen – die Insel aus Feuer und Eis ist voll mit unterirdischen Wundern. Wer keine Platzangst hat, sollte sich einen Ausflug unter Tage nicht entgehen lassen. Allerdings nur mit Guide und passender Ausrüstung. In Island gibt es kaum Familiennamen, wie wir sie kennen. Vielmehr wird der Nachname gebildet aus dem Vornamen des Vaters (seltener der Mutter) und dem Anhängsel -son (für Sohn) oder -dóttir (Tochter). So ist es völlig normal, dass eine Frau Ragnarsdóttir mit einem Herr Gunnarsson verheiratet ist. Und die Kinder haben wieder einen anderen Nachnamen. Das Telefonbuch ist deshalb auch nach Vornamen geordnet. Sie sind die heimlichen Herrscher über Island. Viele Einheimische glauben an die Existenz der Fabelwesen. Regelmässig werden Baustellen verlegt, wenn heiliges Elfenterritorium gestört wird. Man erzählt sich auch von Touristen, die aus Island mitgebrachte Steine wieder zurückschicken, weil sie verhext seien. Auch die heidnische Asatru-Glaubensgemeinschaft, die Götter der nordischen Mythologie verehrt, ist auf dem Vormarsch. Zu Deutsch: Wasserfall. Es gibt sie zuhauf im ganzen Land. Zu den berühmtesten gehören der Gullfoss (Gold-Wasserfall), der Seljalandsfoss (im Bild) und der Dettifoss (stürzender Wasserfall). Achtung: Selfoss im Süden des Landes ist eine nicht besonders sehenswerte Stadt. Der gleichnamige Wasserfall liegt im Norden der Insel und ist eine Wucht. Unter Islands Erde brodelt es. Die Erdwärme wird als Energiequelle genutzt. Zudem entstehen in Island immer mehr Gewächshäuser, die über Geothermie beheizt sind. Fun Fact: Auf Island steht die grösste Bananenplantage Nordeuropas. Die zischende, dampfende Wucht der Natur lässt sich bei einem Besuch des Gunnuhver-Geothermalgebiets und seines Schlammvulkans auf der Reykjanes-Halbinsel erleben. Ein ganz wichtiger Punkt für alle Islandreisenden, denn keiner sollte sich einen Besuch im Thermalbad entgehen lassen. Hier kommen alle Isländer zusammen. Der Hot-Pot ersetzt quasi den Stammtisch. Einheimische erzählen gerne von dem einen Mal, als sie mit Björk oder dem aktuellen Staatsoberhaupt im warmen Wasser quatschten. Vor jedem Bad muss man sich gründlich von Kopf bis Fuss mit Seife waschen. Wer sich nicht daran hält, macht sich sehr unbeliebt. Mittlerweile überrascht Sie nichts mehr, oder? Nicht einmal, dass es in Island eine App gegen Inzest gibt. Die Genealogie-Datenbank schlägt Alarm, wenn neue Bekanntschaften einen zu hohen Verwandtschaftsgrad aufweisen. Durchaus sinnvoll bei nur gerade 320'000 Einwohnern. Wobei hier eigentlich eh jeder jeden kennt. Zumindest über ein paar Ecken. Das isländische Wort für Gletscher ist auch ein beliebter Vorname für Buben. 11,1 Prozent des Landes sind mit Eiskappen überzogen. Besonders bekannt ist der Eyjafjallajökull oder besser gesagt der gleichnamige Vulkan unter dem Gletscher, der 2010 fast den gesamten Flugverkehr über Europa lahmlegte - und den Tourismus auf Island ankurbelte. In Island treffen die amerikanische und die eurasische Kontinentalplatte zusammen. Genau genommen driften sie jedes Jahr zwei Zentimeter weiter auseinander. Gut zu beobachten ist das Phänomen im Reykjanes Unesco Global Geopark. Oder in der Silfra-Spalte, wo man sogar im kristallklaren Wasser zwischen den beiden Kontinenten tauchen kann. 5-Sterne-Hotels sind auf Island trotz des anhaltenden Touristen- und damit verbundenen Baumbooms Mangelware. Wer wie Kim Kardashian nächtigen möchte, bucht in Reykjavik eine Nacht im 101 Hotel oder checkt im wunderschön gelegenen Ranga Hotel ein. Der wahre Luxus ist aber sowieso ein anderes L: die Landschaft. Machen Sie es nicht wie Justin Bieber. Die Isländer haben ihm zwar inzwischen verziehen, dass er sich während eines Videodrehs im Moos gewälzt hatte. Vergessen werden sie es trotzdem nie. Der immergrüne Pflanzenteppich wächst nur sehr langsam und sollte deshalb nicht betreten werden. Auch vom Bau von Steinhügeln, sogenannten Cairns, sollten Touristen absehen. Sie dienen in Island seit Jahrhunderten ausschliesslich zur Orientierung. Noch immer ist der Sommer die Hauptreisesaison für Island, doch auch während der dunklen Zeit strömen immer mehr Besucher auf die Insel - hauptsächlich, um den bunten Lichtertanz am Nachthimmel zu beobachten. «Buchen Sie eine Tour und bringen Sie viel Geduld, warme Kleidung und Proviant mit», rät Fotograf Baldur Kristjansson. Hier spriessen gemütliche Lokale und herzige Lädeli wie Pilze aus dem Boden. Reykjaviks alter Hafen ist das neue In-Quartier. Tipp: Erst im hervorragenden Restaurant Kopar von der aufstrebenden Jungköchin Ylfa Helgadóttir ein Tasting-Menü mit lokalen Zutaten zaubern lassen und sich danach ins wilde Nachtleben stürzen. Der höchste «Coca-Cola»-Konsum pro Kopf, die meisten Kinoeintritte pro Kopf, die meisten Schriftsteller pro Kopf, die meisten Nobelpreisgewinner (bislang gerade mal einer) pro Kopf, die meisten Golfplätze pro Kopf: Dank seiner geringen Bevölkerungszahl hält Island so manchen Rekord - und die Einheimischen werden nicht müde, dies bei jeder Gelegenheit zu betonen. In Island sind diese oftmals heiss. Die sogenannten Geysire lassen das kochende Wasser fontänenartig in die Höhe schiessen. Auf Island gibt es 26 aktive Geysire, einer der berühmtesten ist der Strokkur, welcher ungefähr alle zehn Minuten ausbricht. Jawohl, den gibt es auch auf Island. Hjálmar heissen die bekanntesten Vertreter der Stilrichtung. Mit dem Airwaves im Winter und dem Secret Solstice im Sommer hat die Insel auch zwei hervorragende Musik-Festivals zu bieten. Besonders Reykjavik hat eine sehr aktive Szene, die schon Björk und Sigur Ros hervorgebracht hat. Wer sich dafür interessiert, kann immer mittwochs am Reykjavik Music Walk teilnehmen. Übrigens hat Island auch die meisten Musiker pro Kopf. Das isländische Milchprodukt mit dem hohen Eiweissgehalt hat es inzwischen auch in die Schweizer Supermarktregale geschafft. Im gemütlichen Café und Bistro Skyrgerðin in Hveragerði wird die quarkähnliche Masse in köstliche Drinks und Smoothies gemixt. Seit kurzem stellt man hier auch wieder selber Skyr her. Geheimtipp! Islandpferde verfügen neben Schritt, Trab und Galopp über eine weitere Gangart: den Tölt. Wie gemütlich es sich damit durch die Landschaft trotten lässt, können auch Anfänger bei einer Reittour erleben. Verschiedene Angebote gibt es beispielsweise auf dem Pferdehof Hestheimar. Manche Pferde sind übrigens Fünf-Gänger: Sie beherrschen zusätzlich zum Tölt noch den Rennpass. An Skurrilitäten mangelt es in Island wahrlich nicht. Ins Kuriositätenkabinett passt auch das inzwischen berühmt-berüchtigte Phallus-Museum in Reykjavik. Hier sind unter anderem der Penis eines Pottwals, einer Ratte und eines Menschen ausgestellt. Wem das noch nicht schräg genug ist: Im Bus Hostel ist der letzte Big Mac ausgestellt, der auf der Insel verkauft wurde. Seit 2009 gibt es auf Island keinen Mac Donald's mehr. Isländer sprechen hervorragend Englisch, dennoch ist es nicht schlecht, vor dem Besuch ein paar Ausdrücke zu lernen. Neben Guten Tag (góðan daginn) und danke (takk fyrir) findet man in Island auch Wortperlen wie Gluggaveður, wortwörtlich: Fensterwetter. Gemeint ist Wetter, das von innen schöner und wärmer aussieht, als es in Wirklichkeit ist. Isländer-Pullis gehören zu den schönsten Souvenirs. Wer kein Exemplar von der Stange möchte, macht am besten einen Abstecher zur Þingborg Icelandic Wool School. Hier wird nur die allerfeinste Lammwolle (Lopi) gesponnen und mit Naturfarben gefärbt. Frauen aus der Region stricken daraus eine begrenzte Anzahl traditioneller Pullover-Modelle. Der Tourismus in Island ist geradezu explodiert. Umso wichtiger ist es, sich als Tourist an ein paar wenige Verhaltensregeln zu halten. Isländer vertrauen normalerweise auf den gesunden Menschenverstand. Statt Verbots- setzten sie auf Hinweisschilder. Es liegt auch an den Touristen, dass dies so bleibt. Gibt es doch einmal eine Absperrung, sollte man diese beachten. Das isländische Fremdenverkehrsamt hat gleichermassen amüsante wie lehrreiche Aufklärungsvideos zu Reisen auf der Insel aus Feuer und Eis zusammengestellt. Man findet Tipps zum gefahrenlosen Selfieknipsen oder Hinweise zur richtigen Kleidung. Für alle Fälle: Die Notrufnummer in Island lautet 112. Meeressäuger, Polarfüchse, Rentiere, Puffins - Island hat eine einzigartige Fauna zu bieten. Vor allem eine Whale-Watching-Tour sollte man nicht verpassen. Ein heikles Thema, das man in Island lieber umschifft, ist der Walfang, der auch unter den Einheimischen sehr umstritten ist.

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Bislang heissen die Isländer die wachsenden Touristenmassen herzlich willkommen – doch nach Brancheneinschätzung droht die Stimmung zu kippen. «Wir sehen Zeichen, dass die Toleranz gegenüber Touristen abnimmt, vor allem in den beliebtesten Gegenden», sagte die Direktorin des isländischen Tourismusindustrie-Verbands, Helga Árnadóttir, der Nachrichtenagentur DPA.

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Das sei für den zweitwichtigsten Wirtschaftszweig auf der Vulkaninsel eine grosse Gefahr. «Das müssen wir ernst nehmen», sagte Árnadóttir. Der Tourismus sei für Island nach der schweren Finanz- und Bankenkrise ein «Lebensretter» gewesen.
Die Islandsbank prognostiziert für dieses Jahr rund 2,3 Millionen Besucher – ein sattes Plus von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Seit 2010 hat sich ihre Zahl in dem kleinen 330'000-Einwohner-Land mehr als vervierfacht.

In den Sommermonaten ist laut Islandsbank jeder fünfte Mensch im Land ein Tourist. Im September zählte das Statistikamt 378'300 Übernachtungen. Amerikaner sind die häufigsten Besucher vor den Deutschen.

Noch ist die Stimmung positiv

«Die meisten Isländer stehen dem Tourismus immer noch positiv gegenüber und verstehen seine Bedeutung», sagte Árnadóttir. Möglicherweise aber brauche die Branche Grenzen. «Wie viele Gebäude in Reykjavik dürfen Hotels sein? Wie viele Restaurants? Wie viele Wohnungen wollen wir vermieten? Diese Entscheidungen muss die Regierung treffen», forderte sie.
Einheimische beschweren sich vor allem über Vandalismus, die Einführung von Eintrittsgeldern für Nationalparks, steigende Preise und Hotelbaustellen. Im vergangenen Jahr gab es wochenlange Diskussionen, weil öffentliche Toiletten fehlten und Touristen ihre Notdurft am Rand von Strassen und Privatgrundstücken verrichteten.

Der Tourismus habe aber auch positive Seiten, betonte Árnadóttir: «Wir haben jetzt Restaurants überall im Land, wo es früher nur Hotdog-Buden gab. Das hat die Lebensqualität der Menschen bereichert.» Viele Bauern auf dem Land hätten sich mit dem Tourismus ein zweites Standbein aufgebaut.

Wintersaison fördern

Ziel von Regierung und Industrie sei es, dass die Besucher das ganze Jahr über kommen – auch im dunklen Winter – und das ganze Land bereisen, nicht nur den Südwesten um die Hauptstadt Reykjavik. Dafür aber müsse sich die Regierung stärker engagieren.

«Die Infrastruktur muss gestärkt werden. Strassen zu Touristenzielen müssen sicher und auch im Winter befahrbar sein», forderte Árnadóttir. «Leider konzentriert sich die Regierung weniger darauf, als wir es uns wünschen.»
Dabei bringen Touristen laut Islandsbank fast 40 Prozent der isländischen Deviseneinnahmen. Jeder Besucher trage umgerechnet rund 1850 Franken zur heimischen Wirtschaft bei. Die Hälfte der seit 2010 geschaffenen Jobs habe direkt oder indirekt mit dem Tourismus zu tun.

Als Risiken für den Island-Tourismus sieht die Verbandschefin die in den vergangenen zwei Jahren instabile politische Situation und den Wechselkurs der isländischen Krone. «Die Touristen bleiben nicht mehr so lange, weil es teuer wird», sagte Árnadóttir.
Bereits 2015 lagen die Preise für Übernachtung und Verpflegung laut Statistik 44 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Sie erwarte deshalb, dass sich der Tourismus-Boom bald abschwäche und bei einem «normalen Wachstum» von drei bis fünf Prozent einpendle.

(sei/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bernie am 06.11.2017 16:33 Report Diesen Beitrag melden

    Mir auch langsam genug

    Aber nicht wirklich von Touristen, denn die gehen ja wieder einmal per Definition.

  • Forex11 am 06.11.2017 16:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich kenne noch andere Länder...

    ...welche langsam satt sind. Gibt es darüber auch mal einen ehrlichen Artikel?

    einklappen einklappen
  • Antoinette Schmid am 06.11.2017 16:45 Report Diesen Beitrag melden

    volles Verständnis

    Ich verstehe die Isländer. Schon letztes Jahr wurde überall gelittert , Zigarettenstummel weggeschmissen und überall an schönsten Stränden mit den 4x4 Kurven gedreht .... Man fliegt dorthin um eine tolle Natur zu sehen und dann so was. Diese Touristen sollen Zuhause bleiben. Ich verstehe die Isländer ganz und gar!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Blume am 09.11.2017 10:11 Report Diesen Beitrag melden

    Ich könnte heulen

    Zum Glück war ich im 2008 in Island. Da war es noch friedlich, schön und einsam. Es tut so weh wie all diese wunderschönen Länder dem irren Massentourismus zum Opfer fallen. Am Schluss werden sie gar nichts haben weil sie ihr Land für den Tourismus auf Raten für immer zerstören. Weniger ist mehr!!!

  • M. K. am 08.11.2017 18:10 Report Diesen Beitrag melden

    Unterschied

    Der Unterschied zur Schweiz : Die Touristen in Island gehen wieder.. unsere Neubürger bleiben.

  • Fabia am 08.11.2017 17:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Extrem

    Der Tourismus in Island ist aber auch extrem- aber die Isländer wussten bis anhin immer gut damut umzugehen. Aktuell überbordet es einfach- die Touris benehmen sich zu hauf komplett daneben, bringen sich und andere in Gefahr und beschädigen die fragile Natur... Don't be a bad tourist!

  • Peter K. am 07.11.2017 20:10 Report Diesen Beitrag melden

    Immer mehr, und noch mehr

    Es ist wie mit allem - all zu viel ist ungesund. Aber in unserem Wirtschaftssystem gibt es keine Beschränkung, es MUSS immer alles noch wachsen - bis wohl zum Kollaps.

  • Henry am 07.11.2017 18:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hochkonjunktur

    Ohne Sonne gibt es keinen Schatten. Also ist der blühende Tourismus ein grosses Plus für das Land. Daneben muss auch einiges in Kauf genommen werden.

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