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Indien-Blog

04. April 2015 22:52; Akt: 12.05.2015 15:42 Print

Privatsphäre Fehlanzeige – meine indische WG

von David Torcasso - Eine indische WG ist wie eine Grossfamilie ohne Grosi, Ehefrau und Tochter. Dafür ist jeder Bewohner abwechselnd Bruder, Vater und manchmal auch Kind.

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In Indien wohne ich in einer Männer-WG. Wenn Laxman mit einem Handtuch um die Hüften und einer Daunenjacke durch die Wohnung tanzt, erinnert er mich in an einen überschwänglichen Teenager, bei dem es schwer vorstellbar ist, dass er selbst zwei richtige Kinder hat. Eine Springmaus mit Schildkrötengesicht. Und einem Kichern, das mich zum Losprusten bringt.

Morgens träume ich noch vom fehlenden Käse oder einer seit Monaten fehlenden Berührung einer Frau. Da wird ohne ein Klopfen die Zimmertür aufgerissen und einer meiner Mitbewohner läuft gestikulierend und Hindi ballernd mit dem Telefon am Ohr durch mein Zimmer auf den Balkon. Das stille Örtchen hat hier keinen Anspruch auf diese Bezeichnung. Selbst wenn ich auf dem Klo sitze, platzen Leute rein. Das Reinplatzen kommt von Herzen. Wie die Freundschaft meiner Mitbewohner. Sie platzen in mein Zimmer, sie platzen in mein Herz.

Eine Blind-Hochzeit steht an

Nach dem Essen redet Laxman einige Worte Hindi mit mir. Ist er müde, mag er kein Englisch mehr quatschen. Er singt sowieso viel lieber, als zu reden. Nicht nur seine weiche Stimme beflügelt die Songs, sondern auch seine Gestik: Mit ausgebreiteten Armen, tadelnden Fingern oder überspitzten Hundeblicken unterstreicht Laxman die Botschaft der Lieder wie ein Bollywoodstar. Laxman ist Anfang vierzig, hat zwei Söhne und eine Frau in seinem Heimatdorf. In der WG hat er sturmfrei und tobt sich aus. Das Guesthouse ist ein Zoo: Verschiedene Tierarten tollen im Käfig herum. Wir sind verbunden durch Gespräche, geteilt durch eine andere Kultur.

Der Jüngste, Vinod, produziert Filme und Fotos. Er hat ein MacBook und ein kleines Tattoo am Hals. Vinod mag den Westen. Deshalb passt ihm seine Hochzeit gar nicht in den Kram. Zumal er seine künftige Frau weder gesehen noch gehört hat. Als er mir das erste Mal davon erzählt, glaube ich, mich verhört zu haben. Aber Vinod tut es für seine Familie. Arranged marriage – arrangierte Hochzeit. Eine Industrie in Indien: Agenten suchen in der gleichen Kaste eine Frau, bei der im besten Fall auch noch die Sternenkonstellation stimmt. Dann werden Plastikschlösser und Pferde für die Hochzeit besorgt. Vinod sagt, ich solle auf jeden Fall dabei sein. Alle seine Freunde sollen da sein. Seine Arbeitskollegen sind seine Familie. Einen neuen Familienzweig mit einer Frau mag er mit 27 Jahren noch nicht aufbauen. Ein Blind-Date ist ja das eine. Aber eine Blind-Hochzeit?

Hand in Hand mit dem Mitbewohner

Manchmal schliesse ich die Tür auf: «Bonjour, je suis à la maison.» Nicht etwa, weil ich meiner verflossenen Liebe aus Paris nachtrauere, sondern weil hier Ashish wohnt. Für Ekta Parishad leitet er Führungen durch Dörfer. Village Tourism nennt er das. Die Besucher stammen oft aus Frankreich. Deshalb büffelt er jeden Tag meine zweite Landessprache. Oder singt sie: «Oh, Champs-Élysée» – mit mir im Chor.

Weil wir so viel Zeit miteinander verbringen, ist unsere Freundschaft schnell gewachsen und nach wenigen Tagen beschlossene Sache. Das gleiche Schicksal an der derselben Adresse. Als ich mit Laxman vom Markt nach Hause gehe, umschliesst er plötzlich mit seiner Hand meine Hand. Ich denke: «Mhm, er hat doch Frau und Kinder …» Am nächsten Tag weiss ich: Bhais  – Brüder – laufen in Indien in guten Momenten Hand in Hand.

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