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Bittere Geschichte

16. Juli 2017 19:09; Akt: 16.07.2017 19:09 Print

Sfratto – ein Gebäck namens Räumungsbefehl

von F.Riebeling - Leckereien haben positive Namen. Nicht aber das Traditionsgebäck Pitiglianos. Es erinnert daran, dass Juden dort einst nicht erwünscht waren.

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Pitigliano gilt unter Toskana-Reisenden als Geheimtipp und schmuckes Juwel, denn das von den Etruskern errichtete Städtchen thront nicht nur auf einem rund 300 Meter hoch gelegenen Tuffsteinfelsen, ... ... sondern besteht auch zu weiten Teilen aus dem vulkanischen Material – Häuser genauso wie Aquädukte. Der mittelalterliche Ort befindet sich in der südlichen Toskana, in der sogenannten Maremma. Den besten – und vollständigsten – Blick auf die mittelalterliche Tuffstadt hat man von einem Rastplatz auf dem gegenüberliegenden Felsen. Einen Umweg erfordert der Besuch nicht: Hier muss jeder vorbei, der nach Pitigliano möchte. Der Anblick erinnert ein bisschen an die «Herr der Ringe»-Verfilmungen. Das Städchen ist so malerisch, dass man sich nicht vorstellen mag, dass hier früher einmal raue Sitten geherrscht haben. Doch so war es – als die Medici an die Macht kamen. Sie erliessen Anfang des 17. Jahrhunderts ein Gesetz, das vorsah, ... ... dass die jüdische Bevölkerung anders als zur Zeit der vorher herrschenden Orsini nur noch in Ghettos und nicht mehr in der Stadt leben durfte. Um das Gesetz durchzusetzen, suchten Abgesandte der Herrscher die Häuser der Juden auf und klopften mit einem länglichen Stock an deren Haustüren. So wollten sie sie vertreiben. Daran erinnert das Süssgebäck Sfratto dei Goym – «Räumungsbefehl der Nicht-Juden». In Pitigliano gibt es das süsse Gebäck mit der bitteren Vergangenheit an jeder Ecke. Dabei handelt es sich um eine recht harte Teigrolle mit einer Füllung aus Honig, Nüssen und Zitrusfrüchten. Gewürze wie Muskat, Zimt und Anis verleihen ihm einen an Weihnachten erinnernden Geschmack. Die Einheimischen empfehlen, es im Panificio del Ghetto, das auch Forno del Ghetto genannt wird, zu kaufen. Hier sei der Geschmack am nächsten dran am Original. Ganz in der Nähe der in der Via Zuccarelli gelegenen Bäckerei findet sich der ehemals jüdische Teil der Stadt. Er ist auch als das kleine Jerusalem – «La Piccola Gerusalemme» – bekannt und kann durch ein kleines Tor betreten werden. Dahinter erinnern unter anderem eine kleine Synagoge und ein Museum daran, dass hier früher jüdische Religion und Kultur florierten.

Zum Thema
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Das Städtchen Pitigliano in der südlichen Toskana gehört zu «I borghi più belli d’Italia», den schönsten Orten Italiens. Dass das nicht übertrieben ist, merkt man schon bei der Anfahrt, denn auch aus der Ferne zeigt sich der mittelalterliche, komplett aus Tuffstein erbaute Ort von seiner besten Seite (siehe Bildstrecke).

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Die unter der Herrschaft der Orsini aus dem Tufffelsen geschlagenen Häuser stehen dicht an dicht. Und das am Rande einer tiefen Schlucht, rund 300 Meter über dem Meeresspiegel. Der Anblick ist so pittoresk, dass man sich kaum vorstellen kann, dass es hier einmal anders als friedlich zugegangen ist.

Doch das ist es. Und die Erinnerungen daran werden durch ein traditionelles Gebäck, das es nur in dem 4000-Seelen-Ort zu kaufen gibt, wachgehalten.

Einschüchtern und zum Weggehen bewegen

Die Rede ist von Sfratto dei Goym (siehe Box), was so viel wie «Räumungsbefehl der Nicht-Juden» heisst. Entstanden ist es Anfang des 17. Jahrhunderts, als Pitigliano an die Medici fiel und fortan zum Herzogtum Toskana gehörte.

Nachdem 1714 ein Gesetz erlassen worden war, das vorsah, dass die jüdische Bevölkerung anders als zur Zeit der vorher herrschenden Orsini nur noch in Ghettos leben durfte, klopften Vertreter der Medici mit einem Stock an die Haustüren der Juden – um sie einzuschüchtern und um sie zum Verlassen ihrer Häuser zu bewegen.

Der Sfratto, wie die Einheimischen das Traditionsgebäck kurz nennen, ist der Form dieses Knüppels nachempfunden. Die Juden der Stadt bezeichnen diese ungewöhnlichen Wahrung der Erinnerung wahlweise als jüdische Selbstironie oder Galgenhumor.

Geschichte zum Anschauen

Zwar gibt es das Süssgebäck an jeder Ecke. Doch das Beste, so sagen zumindest die Menschen in Pitigliano, findet sich im Panificio del Ghetto, das auch Forno del Ghetto genannt wird. Die Bäckerei liegt in der Via Zuccarelli, einer der beiden grossen Strassen des Städtchens.

Nur ein paar Schritte davon entfernt liegt der ehemals jüdische Teil der Stadt, der heute auch als «La Piccola Gerusalemme» – das kleine Jerusalem – bekannt ist. Dort erinnern eine kleine Synagoge und ein Museum daran, dass hier einst unter der Herrschaft der Orsini jüdische Religion und Kultur florierten.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Scientist am 16.07.2017 20:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    spannend

    Wunderschönes Städtchen mit einer spannenden Geschichte, bitte mehr von solchen storys

    einklappen einklappen
  • WalDomPi am 16.07.2017 19:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einmal mehr...

    Ein weiterer Ort, von dem die Juden im Laufe der Geschichte vertrieben wurden... Danke für den interessanten Artikel.

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  • meierisli am 16.07.2017 22:39 Report Diesen Beitrag melden

    macht grad appetit :)

    dabei fällt mir ein, wo gibts eigentlich noch den bienenstich? also ich mochte den. diplomat hat die migros wieder im sortiment.. zum glück.

Die neusten Leser-Kommentare

  • BMW-Sepp am 17.07.2017 05:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Forno del Ghetto

    Bei dieser Bezeichnung habe ich trocken schlucken müssen...

  • meierisli am 16.07.2017 22:39 Report Diesen Beitrag melden

    macht grad appetit :)

    dabei fällt mir ein, wo gibts eigentlich noch den bienenstich? also ich mochte den. diplomat hat die migros wieder im sortiment.. zum glück.

  • Scientist am 16.07.2017 20:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    spannend

    Wunderschönes Städtchen mit einer spannenden Geschichte, bitte mehr von solchen storys

    • Tom am 16.07.2017 22:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Scientist...gebe Ihnen recht...

      ...nur sind wir zu blöd, um aus der Geschichte zu lernen.

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  • Typhoeus am 16.07.2017 19:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt Süsseres aus Italien,

    wie frische Feigen mit Honig und Rahm. Muss man auch nicht backen.

  • WalDomPi am 16.07.2017 19:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einmal mehr...

    Ein weiterer Ort, von dem die Juden im Laufe der Geschichte vertrieben wurden... Danke für den interessanten Artikel.

    • Tea am 17.07.2017 11:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @WalDomPi

      Antisemitismus gibt es schon lange. Genau wie auch Muslime und Christen die letzten paar hundert Jahre immer mal wieder verfolgt wurden. Sollten sie in ihre "Sammlung" aufnehmen.

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