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19. März 2010 10:00; Akt: 18.03.2010 19:43 Print
«Ich war besessen davon»
Marina Diamandis hat den Sturm an die Chartspitze lange geplant. Das Mädchen aus Wales wusste schon mit 15: Will sie glücklich sein, muss sie Sängerin werden.
- Was meinen Sie?
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The Family Jewels
Ein schwarzes Taxi fährt vor. Marina Diamandis, 24, Englands neuster Pop-Darling, ist sehr pünktlich. Auf hohen Absätzen steigt sie aus, begleitet von ihrer Stylistin Andreani. Ihr Outfit ist ein Farbklecks in diesem grauen Nachmittag im Londoner West End: knalliger Lippenstift, roter Minirock und ein türkis-schwarzer Strickpullover der norwegischen Designerin Fam Irvoll mit Super-Oversize-Schultern.
«Ich bin sehr zielstrebig»: Marina Diamandis, 24.
«Und Männer werden immer gern schöne Frauen anschauen.»
«Frauen schauen immer gern schöne Frauen an.»
Marina & The Diamonds - «The Family Jewels»
Von einem Mädchen vom Land, das mit einer grossen Stimme und ebenso grossen Songs die Welt erobern wird. Unbedingt anhören: «Mowgli’s Road», «Hollywood» und «I Am Not a Robot». Für Pop-Fans, die sich gern überraschen lassen. (Warner) Marina & The Diamonds live: Dienstag 8. Juni, Kaufleuten Zürich
«Es fängt schon wieder an zu regnen, ich glaubs nicht! Das muss an mir liegen. Immer wenn ich in den letzten Tagen rausgehe, pisst es.» Dann lacht sie und setzt sich mit Andreani an einen Tisch. Das Make-up kriegt den letzten Touch: leuchtrosa Pigmente auf die roten Lippen, schwarzer Eyeshadow unter die Augen («Ein bisschen Grunge») und die Augenbrauen dunkel betont. «Das ist Marinas Classic Look», sagt Andreani.
Es ist lärmig im amerikanischen Diner, wo Fotoshooting und Interview stattfinden. Die letzten Minuten der Mittag-Rush-Hour. Ich bitte Marina, laut zu sprechen. Sie flüstert ein zartes «Heeeello!» ins Mikro des Aufnahmegerätes.
Friday: Du bist das Girl der Stunde, alle lieben dich. Muss sich toll anfühlen, oder?
Marina: Ich sehe das überhaupt nicht so! Es ist komisch: Ich habe immer das Gefühl, die Leute mögen mich nicht. Aus diesem Grund mache ich das alles wahrscheinlich.
Wie meinst du das?
Ich fühlte mich früher oft unglücklich. Deshalb finde ich es jetzt sehr befriedigend, als Künstlerin wahrgenommen und geschätzt zu werden. Auch wenn das natürlich nicht alles wieder gutmacht.
Wieso warst du denn unglücklich?
Oh, da gibts viele Gründe. Einer ist sicher, dass ich so zielstrebig bin. Ich opfere viel für die Musik. Ausser meinem Erfolg ist mir alles ziemlich egal.
Und jetzt macht dich der Erfolg nicht glücklich?
Schon. Ich liebe es, kreativ zu sein! Und es ist ein tolles Gefühl, der Welt etwas geben zu können. Aber meine Einstellung ist auch ungesund: Denn was letztlich zählt, sind Freunde, Beziehungen, die Liebe. Und das kommt bei mir zu kurz.
Marina ist in einem Kaff in Wales zur Welt gekommen. Man merkt ihr das Dorfmädchen noch immer an: Sie ist unkompliziert und sehr zugänglich, null Star-Attitüde. Während des Shootings wechselt sie die Outfits auf der Toilette des Restaurants. Sich für ein Foto auf den Tisch zu setzen, ist ihr zu unanständig. Sie isst Pommes mit Ketchup und Mayo und einen Steak-Burrito dazu – Figursorgen sind ihr anscheinend fremd. Aber sie joggt auch täglich 45 Minuten. Und sie lässt mich ohne zu zögern von ihrem «yummy» Erdbeer-Milchshake probieren: «Aber nimm nicht mein Röhrli, ich war krank diese Woche!» Ihre Grippe kurierte Marina im Nachtleben. Normalerweise feiert sie am liebsten zu Hause mit ein paar Freunden. Gestern nicht: «Ein Freund schleppte mich in einen Club. Ich weiss nicht mehr, welchen – ich war etwas betrunken.» Sie lacht und beisst in den Burrito. «Wenigstens konnte ich mal die Grippe vergessen. Und nun ist sie weg!»
Als sich die Eltern scheiden lassen, zieht die damals vierjährige Marina mit ihrem Vater in dessen Heimat Griechenland. Ein paar Jahre später kehrt sie nach Wales zurück. Und mit 15 fasst sie einen Entschluss: Popstar zu werden. «Ich spielte zwar kein Instrument. Aber ich war besessen von der Idee. Ganz tief in mir drin wusste ich, dass ich Sängerin werden muss.» Marina geht nach London, um Gesang zu studieren. Mit wenig Erfolg: Viermal fliegt sie von der Uni. «Ich war einfach zu schlecht. Ich ging eigentlich nur nach London, um Studiengeld zu erhalten und um Zeit für meine Musik zu haben.» Mit 19 schreibt sie ihren ersten Song. Bald sind 14 Plattenlabels hinter ihr her.
Machst du dir Gedanken über dein Image?
Ja, sicher. Ich denke überhaupt sehr viel nach.
Und, worauf legst du Wert?
Ich bin eine totale Ästhetin. Ich will nicht scheisse aussehen, wenn ich rausgehe. Von mir wirst du keine Fotos im Pyjama sehen (lacht).
Hast du denn immer Bock, hübsch und sexy zu sein?
Ich sehe das nicht so negativ. Frauen wollen doch attraktiv sein. Und Männer werden immer schöne Frauen anschauen. Genauso wie Frauen immer gern schöne Frauen anschauen.
Hat was!
Was ich aber nicht verstehe, sind die Girls, die nur in den Videos sind, weil sie strippen oder an der Stange tanzen wollen. Das ist doch langweilig, wirklich. Ich glaube nicht, dass es ihnen etwas gibt.
Hilft dir dein Aussehen in deiner Karriere?
Ich weiss nicht. Ich meine, als ich damals bei meinem Label unterschrieben habe, war ich wirklich nicht hübsch oder so. Inzwischen gebe ich mir da ja etwas mehr Mühe. Also ja und nein.
Marina wollte Sängerin werden, weil sie etwas zu sagen hat. In ihren Songs nervt sie sich über Girls, die dauernd dasselbe Blablabla rauslassen. Sie wünscht sich, dass ihr immercooler Freund endlich Gefühle zeigt. Und sie fragt sich, wieso ein polnisches Mädchen in Hollywood dem amerikanischen Traum hinterherrennt und dafür alles in Kauf nimmt. «Ich kann mich nicht so gut ausdrücken im direkten Gespräch. Deshalb sind Songs grossartig: Da kann ich in drei Minuten alles sagen, was ich will. Und vorher monatelang daran rumbasteln, bis jedes Wort stimmt.» Ihren Hits hört man diese Nachdenklichkeit nicht an. Es ist wie mit Marina selber: Unter der glänzenden Oberfläche steckt mehr. «Irgendwann will ich ein Album über griechische Mythologie schreiben, später mal.» Marina hat noch viel zu sagen. Und es macht Spass, ihr zuzuhören.

























