Die Top Ten des Vatikans

16. Februar 2010 10:10; Akt: 16.02.2010 13:22 Print

So rockt der PapstSo rockt der Papst

Wurde der Rock'n'Roll von der katholischen Kirche einst als Satansmusik verteufelt, findet seit Neustem ein Umdenken statt. So hat der «Osservatore Romano» – das offizielle Presseorgan des Vatikans – zehn «Meilensteinen der Popmusik» den päpstlichen Segen erteilt.

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Soll das nun bedeuten, dass Papst Benedikt XVI. – ein bekennender Mozart-Liebhaber – nach der Abendandacht den Klängen von Santanas «Black Magic Woman» lauscht? Wir wissen es nicht. Fakt ist, dass der Vatikan am Sonntag, 14. Februar – dem Valentinstag –, nicht nur Santana seinen Segen erteilt hat, sondern auch den Beatles, Michael Jackson, Paul Simon, U2, Pink Floyd und Fleetwood Mac. In einem Artikel des «Osservatore Romano» – der amtlichen Zeitung des apostolischen Stuhls – werden Werke dieser Bands auf einer Liste «anerkannter Pop-Alben» aufgeführt.

Selbstverständlich geht es der päpstlichen Postille dabei stets um das seelische Wohl ihrer Schäfchen, denn heuer stehe dem Kontinent Europa «eine Saison von Musikfestivals mit mittelmässigen Songs» bevor, so die Zeitung, weshalb ein Gegenmittel in Form einer Aufstellung klassischer Pop-Meilensteine angebracht sei.

Den päpstlichen Segen erhalten hat etwa Michael Jackson – mit «Thriller» notabene, dessen dazugehöriges Video den kürzlich verstorbenen King of Pop als Zombie zeigt, der mit weiteren Leichenfledderern auf (christlichen) Gräbern tanzt.

Beliebter als Jesus

Ebenfalls auf der Liste stehen die Beatles; ausgerechnet mit «Revolver», ihrem wohl psychedelischsten Album, aus dem man den Drogenkonsum der Pilzköpfe vielleicht am besten heraushört. Im Song «Eleanor Rigby» schreibt Pfarrer McKenzie «die Predigt, die niemand hören wird».

«Es ist kein leichtes Unterfangen, zehn klassische Scheiben für die einsame Insel auszusuchen», so die Autoren Giuseppe Fiorentino und Gaetano Vallini. Doch sie hätten nicht gezögert, mit «Revolver» anzufangen, das «einen ‹Point of no return› der zeitgenössischen Popmusik darstellt».

John Lennon bezeichnete die Beatles einst als «beliebter als Jesus» - nicht gerade die besten Voraussetzungen, um den Zuspruch des Vatikans zu bekommen. Doch vor Kurzem hat ihm «L'Osservatore Romano» seine Jugendsünde erlassen, mit der Erklärung, sie sei «lediglich die Prahlerei eines jungen Engländers aus der Arbeiterklasse, der mit einem unerwarteten Erfolg zu kämpfen hatte.»

Gequältes Juwel

Dass U2 mit seinem sendebewussten Leadsänger Bono mit von der Partie ist, erstaunt weniger. Umso mehr aber die Nominierung der Gallagher-Rabauken von Oasis, die von der Zeitung als «Enfants Terribles der Arbeiterklasse» gelobt werden. Sie hätten mit ihrem 1995er-Album «(What's the Story) Morning Glory» der Welt «ein durch Qualen entstandenes Juwel» geschenkt.

Bob Dylan fehlt indes explizit auf der Liste. Dies, obwohl er mit den Alben «Slow Train Coming» und «Saved» erheblich zum christlichen Repertoire der Rockmusik beitrug und ausserdem 1997 vor Papst Johannes Paul II. auftrat. Die Zeitung erklärt die Weglassung damit, dass Dylans «visionäre Poesie» zunehmend «messianisch» geworden sei und er der Welt «Drei-Noten-Songs» auferlege, welche «Ohren und Geduld der Zuhörer strapazieren».

Abartige Botschaft

Unter Gian Maria Vian, der vor zwei Jahren Chefredaktor des «Osservatore Romano» wurde, hat die Zeitung nach und nach ihr bedächtiges Image abgelegt. Wurde Harry Potter zuvor wegen Förderung von Hexerei verteufelt, lobt man jetzt die jüngste Verfilmung «Harry Potter and the Half-Blood Prince» für ihre Schilderung «des ewigen Kampfes zwischen Gut und Böse» über den grünen Klee.

Sogar den «Simpsons» kann der «Osservatore Romano» etwas Gutes abgewinnen (20 Minuten Online berichtete): Homers religiöse Ignoranz sei «ein Spiegel der Gleichgültigkeit und der Bedürfnisse, die der moderne Mensch gegenüber dem Glauben empfindet».

Doch nicht alles Neue, Populäre findet den päpstlichen Segen. Erst letzten Monat wurde der Blockbuster «Avatar» als «sentimentale und oberflächliche, antiimperialistische und antimilitärische Parabel» abgetan, die Pantheismus propagiere. Ausserdem zeugten die «Twilight»-Bücher und –Filme von einem «moralischen Vakuum mit abartiger Botschaft».

(obi)