60 Jahre Berlinale

09. Februar 2010 09:43; Akt: 09.02.2010 10:03 Print

Drei Nominierte und neun SkandaleDrei Nominierte und neun Skandale

Nach zwei mageren Jahren sind heuer ein Spiel- und drei Dokumentarfilme in verschiedenen Sektionen zu sehen. Zwei Kameraleute und ein Musikkomponist aus der Schweiz haben sogar Chancen auf einen Preis. Ausserdem: Das sind die grössten Skandale aus 60 Jahren Berlinale.

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Der Festivaljahrgang geht als «Busen-Berlinale» in die Geschichte der Internationalen Filmfestspiele ein. «Schuld» daran ist Hollywoodstar Jayne Mansfield. Ihr platzte vor versammelter Fotografenschar auf einer wilden Party das Kleid. Erstmals in der Berlinale-Geschichte wird der Wettbewerb abgebrochen. Auslöser ist der Film «o.k.» des deutschen Regisseurs Michael Verhoeven über die Vergewaltigung eines Mädchens durch US- Soldaten. Sensibilisiert wegen des Vietnamkriegs, tritt die Jury unter Vorsitz des US-Regisseurs George Stevens unter Protest zurück. Um «schwierige, sperrige und alternative» Filme zu zeigen, wurde deshalb 1971 das Forum des Internationalen Jungen Films gegründet. Die Polizei beschlagnahmt den japanischen Film «Im Reich der Sinne» wegen Pornografie-Verdachts. Unter einem Tarn-Titel wird der Film in einer heimlichen Vorführung dennoch gezeigt. Die sozialistischen Staaten verlassen protestierend das Festival. Grund ist der amerikanische Vietnam-Kriegsfilm «The Deer Hunter» mit Robert De Niro. Die Ostblockdelegationen sehen in dem Film das vietnamesische Volk beleidigt. Jury-Präsidentin Gina Lollobrigida versucht vergeblich, die Auszeichnung des RAF-Films «Stammheim» von Reinhard Hauff mit dem Goldenen Bären zu verhindern. Sie hält ihn für einen «lousy film». «Leomania» in Berlin. Tausende weibliche Fans lauern tagelang «Titanic»-Star Leonardo DiCaprio auf, der seinen Film «The Beach» vorstellt. Die Sache gestaltet sich für die Anhängerinnen nicht leicht, hat DiCaprio doch sich, seine Mutti und seine Oma in drei verschiedenen Hotels angemeldet. Mit der Verleihung des Goldenen Bären an das Erotik-Drama «Intimacy» des Franzosen Patrice Chéreau beweist die Jury Mut. Wegen seiner teils drastischen Sex-Szenen ist der Film umstritten. Der damalige Festivalchef, der Schweizer Moritz de Hadeln, kontert: «Pornografie? Wo leben wir denn. Die Berlinale ist nicht der Vatikan.» Die chinesische Schauspielerin Bai Ling sorgt mit ihren sehr freizügigen Kleidern für Aufsehen und bekommt dafür den Namen «Berlinackte» verpasst. Überhaupt wird viel Sex gezeigt. Sex mit Wassermelonen gibt es im Wettbewerbsbeitrag «The Wayward Cloud», intimste Details offenbart der US-Beitrag «Inside Deep Throat» über die Entstehung des berühmten Porno-Films. Matthias Glasners Wettbewerbsbeitrag «Der freie Wille» spaltet das Publikum. Jürgen Vogel spielt darin einen brutalen Vergewaltiger. Seine schauspielerische Leistung wird mit einem Silbernen Bären gewürdigt.

Die 60-jährige Geschichte der Berlinale ist reich an Skandalen und Skandälchen - dabei ging es meist um Sex und Politik.

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In der Reihe Berlinale Special feiert Silvio Soldinis Dreiecksgeschichte «Cosa voglio di più» Weltpremiere. «Aisheen (still Alive in Gaza)» von Nicolas Wadimoff und Béatrice Guelpa wird in der Sektion Internationales Forum des jungen Films gezeigt.

Zwei weitere Schweizer Dokumentarfilme haben eine Einladung für die Sektion Panorama bekommen: «Daniel Schmid» von Pascal Hofmann und Benny Jaberg über den 2006 verstorbenen Schweizer Filmemacher und «David Wants to Fly» des deutschen Regisseurs David Sieveking über das Erbe des Maharishi Mahesh Yogi, dem früheren Guru der Beatles.

Die Kameraleute Rainer Klausmann aus «Soul Kitchen», Stéphane Kuthy für «Tannöd» sowie der Musiker Fabian Römer für «Die Tür» sind zudem für den Preis der deutschen Filmkritik 2009 nominiert, der im Rahmen der Berlinale vergeben wird.

Erstmals seit über zehn Jahren hat sich die Schweizer Nomination für den «Shooting Star» nicht durchsetzen können. Die vorgeschlagene «Standesbeamtin» Marie Leuenberger befindet sich indes in guter Gesellschaft, kamen doch auch die bundesdeutschen und österreichischen Kandidaten nicht unter die besten zehn.

Vom 11. bis 21. Februar 2010 wird die 60. Ausgabe der internationalen Filmfestspiele Berlin gefeiert.

(sda)