Reportage

15. September 2008 11:58; Akt: 16.09.2008 09:37 Print

Ansprechen - flach legenAnsprechen - flach legen

von Olaf Kunz - Innerhalb von nur sieben Stunden eine Frau ins Bett kriegen - laut Flirtprofi Alex Franc kein Problem und nur eine Frage der Technik. Der Autor hat sich unter die Absolventen eines Verführungskurses gemischt und den Aufreissern über die Schulter geschaut.

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Noch ist es ruhig an diesem frühen Freitagabend in der Bar Basilika in Zürich. Unter den Gästen befinden sich nur knapp ein Dutzend Frauen, die in kleinen Gruppen an Tischen sitzen oder in männlicher Begleitung am Tresen lehnen. Kein leichtes Flirt-Terrain. Trotzdem ist Matthias (Name von der Redaktion geändert) keine zwei Minuten, nachdem er den Raum betreten hat, bereits in ein Gespräch mit zwei Frauen verwickelt, die sich eben noch intensiv am Tisch unterhalten haben. Wenige Sekunden später setzt sich der 41-Jährige mit auffälligem roten Hemd und Mütze zu ihnen. Die drei plaudern, lachen und es scheint den beiden Frauen zu gefallen, derart umgarnt zu werden.

Hingehen, anquatschen, flirten, mit nach Hause nehmen – von dieser Masche träumen viele Männer. Doch den meisten mangelt es an Mut und Talent für einen derart heissen Flirt, der am Ende in einer heissen Liebesnacht enden könnte – oder hätte enden können. Viele überlegen sich einen ganzen Abend lang, ob und wie sie eine bestimmte Frau ansprechen sollen. Solche Skrupel scheinen Matthias fremd zu sein. Wenn es drauf ankommt, fackelt er nicht lange. «Die Entscheidung muss innerhalb von drei Sekunden fallen.»

Erst ins Bett, dann ins Restaurant

Er weiss, wovon er spricht – sollte es zumindest. In einem zweitägigen Workshop «Die Kunst der Verführung» hat der Architekt gelernt, wie man zum Pick-Up-Artist wird. Eine verklausulierte Umschreibung für Chef-Aufreisser, auch wenn er das Wort nicht gerne hört. Dass es aber genau darum geht, daran lässt auch die Ankündigung zum Seminar auf der Homepage des Anbieters keinen Zweifel: «Glaubst du, es ist schwer, das heisseste Mädchen im Club mit nach Hause zu nehmen? Wir zeigen dir, wie es geht.» Ein Geheimwissen, für das etliche Männer bereit sind, viel zu bezahlen. Immerhin rund 3730 Franken hat Matthias, dessen langjährige Beziehung vor geraumer Zeit auseinander ging, für insgesamt drei Seminare berappt, weil er «etwas nachholen» will.

Alex Franc, Seminaranbieter und Triathlet, weiss, dass das eine Menge Geld ist und etliche zunächst schlucken bei dem Preis. Über mangelndes Interesse kann er sich dennoch nicht beklagen. «Viele geben eine Menge Geld aus, um Frauen zu beeindrucken. Ein neuer Satz Felgen ist weitaus teurer als ein Workshop und mit Sicherheit weniger effizient.» Mittelfristig spart Mann noch viel mehr Geld, ist er sich sicher. Eine der Devisen, die er predigt, lautet: «Wir führen keine Frau zum Essen aus, bevor wir nicht mit ihr im Bett waren.»

Flirt nach Plan

Wer allerdings denkt, er bekommt in zwei Tagen DIE universelle Masche serviert, täuscht sich. Vielmehr geht es Franc darum, seinen Teilnehmern verschiedene Charaktere zu vermitteln. Heisst das Ziel des Abends, die Nacht mit einer Frau zu verbringen, gilt es dabei drei Phasen zu durchlaufen: Ansprache, Komfort und Verführung. «Viele haben in einem Abschnitt ihre Stärken, schaffen es aber nicht, weiter zu kommen.» Andere wiederum trauen sich schlichtweg nicht, fürchten sich vor Abfuhren oder kommen mit so billigen Anmachsprüchen, dass die Frauen am liebsten Reissaus nehmen würden, weiss er aus der Praxis mit den Flirthungrigen.

So war es bei Fabian indes nicht. «Frauen ansprechen war nie ein Problem für mich», erzählt der 24-jährige Thurgauer. Daher wäre er auch nicht auf die Idee gekommen, an einem solchen Workshop teilzunehmen. «Mein Vater hat sich ursprünglich angemeldet, konnte dann aber nicht gehen. Da bin ich eben eingesprungen.» Und er ist froh darüber. «Ich habe es meist nicht geschafft, die Frauen aus der Komfortzone rauszuholen. Am Ende kam oft ein anderer und hat mir dann die Frau weggeschnappt», sagt der Mann mit Jeanshose, T-Shirt und Kapuzenpulli zurückblickend. Das passiere ihm jetzt nicht mehr. Ausserdem komme er mit noch mehr Frauen noch schneller in Kontakt. «An einem Abend hatte ich 41 Telefonnummern – und das in einem einzigen Club», sagt er mit Stolz in der Stimme.

Massage-Ring soll es retten

Fabian war sich bis dahin nicht bewusst, dass der Flirterfolg gerade von vielen kleinen, kaum wahrnehmbaren Signalen abhängt und nennt als Beispiel die Hände. Legt sie diese in den Schoss, fühlt sie sich eher unwohl.» Neben der Schulung der Beobachtungsgabe lernen die angehenden Casanovas auch, wie sie diverse kleine Helferlein für ihre Zwecke einsetzen. Eines davon ist eine Art Fingerring, der beim hin- und herschieben leicht den Finger massiert. «Das weckt Interesse und viele wollen es ausprobieren. Ideal, um einen dezenten Körperkontakt herzustellen.» Ebenso empfiehlt Franc den künftigen Rekord-Flachlegern ein Kartenspiel – ähnlich Tarot-Karten. Sinn des Spiels: Frauen ziehen Karten mit verschiedenen Charakteren und geben in Gesprächen darüber eine Menge von ihrem Wesen Preis.

Aufreissen als Akkordarbeit

Spätestens hier jedoch schütteln Beobachter oft den Kopf. «In einer Szene-Bar sitzen und Karten spielen, das geht einfach nicht», kommentiert Nastassia (26) auf Nachfrage Matthias' Masche, die er gerade bei zwei Frauen ausprobiert. Auch einigen Teilnehmern selbst gehen diese Spielsachen und Abschlepp-Tools etwas zu weit. So zum Beispiel dem 47-jährigen Gianluca (Name von der Redaktion geändert) mit Kojak-Look. «Manche Sachen sind ja okay, aber vieles davon auch nicht.»

Überhaupt sehen manche Frauen - auf die Pick-Up-Artists angesprochen – diese Kunstform eher kritisch. «Da geht es nicht mehr um die Person, sondern darum, ein Programm abzuspulen, um so an die schnelle Nummer zu kommen», fasst Conni ihre Vorbehalte gegen die Masche beim Beobachten der Abschlepper zusammen. Auch der Berner Sexualberater Bruno Wermuth ist skeptisch. «Im Bett kann man sich nicht mehr hinter Hilfsmitteln und Handlungsanweisungen verstecken. Spätestens da werden Schauspieler meist enttarnt.» Doch zu diesen Qualitäten schweigt sich auch Matthias aus und lächelt nur verschmitzt.