Peinlich

04. Februar 2010 13:47; Akt: 04.02.2010 15:00 Print

Der alte Mel Gibson kehrt zurückDer alte Mel Gibson kehrt zurück

Alles Schnee von gestern, das mit dem betrunkenen antisemitischen Gefluche! Doch wehe, ein Interviewer wagt es, den angeblich zum Besseren bekehrten Mel trotzdem darauf anzusprechen. Da entflieht dem Gutmenschen schnell mal ein «Arschloch». Auch andere Promis standen schon doof da, weil sie glaubten, nicht auf Sendung zu sein.

Bildstrecke im Grossformat »
Alles Schnee von gestern, das mit dem betrunkenen antisemitischen Gefluche! Doch wehe, ein Interviewer wagt es, - wie im Februar 2010 der Reporter Dean Richards auf dem Sender WGN-TV - den angeblich zum Besseren bekehrten Mel trotzdem darauf anzusprechen. Da entflieht dem Gutmenschen schnell mal ein «Arschloch». «Huere Scheiss!» - Bundesrat Leuenberger behagt das Interview mit TV 3 offenbar nicht: «Mömmer no in en Container oder so?» Blöd nur, dass er nicht realisierte, bereits auf Sendung zu sein. Immerhin ist Leuenbergers Ausraster einigermassen harmlos im Vergleich zu dem des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, der bei einer Mikrophonprobe die nukleare Bombardierung der Sowjetunion ankündigte. Der vorgesehene Soundcheck ging dann versehentlich über den Sender. Präsident Obama wird auf die MTV-Awards angesprochen, bei denen Kanye West Taylor Swifts Preisübergabe unterbrach. Wieso Kanye das gemacht habe, fragt die Stimme aus dem Off. «Er ist ein Volltrottel», so Obama - um danach zu scherzen, «hey Leute, ich hoffe das geht nicht übern Sender. Ich habe Wichtigeres am Hals.» Blöd nur, dass ein Mitarbeiter den Spruch auf dem offiziellen Obama-Twitter-Account publizierte... Wehe, man begrüsst - wie dieser TV-Tontechniker - Monsieur Le Président Sarkozy nicht anständig! «Wenn man eingeladen ist, sollte man auch das Anrecht haben, dass einem die Menschen auch guten Tag sagen», wettert le Petit Nicolas, «was hat man denn sonst bei den Öffentlich-Rechtlichen verloren?» «Es ist nur ein Sieges-Gruss mit einem Finger»: George W. Bush - damals noch Gouverneurs-Kandidat für Texas - bei der Kameraprobe. Nicht, dass Präsident George W. Bush nicht wusste, dass die Kamera lief, doch dass der Journalist vielleicht eine Sonnenbrille aufgrund seiner Blindheit tragen musste, kam ihn nicht in den Sinn. «Was hat das mit der Brille auf sich?», so Bush, «ur Info für die Zuschauer - es hat keine Sonne». «Das kommt auf die Perspektive drauf an», so der blinde Journalist Peter Wallsten schlagfertig. ... Womit wir bei den zahlreichen Verprechern von Politikern, Promis oder - wie hier - Nachrichtersprechern wären. Zum Beispiel beim Bericht vom Mann, der Everest bestieg ... «und: Er ist schwul. Ääääh - blind, meinte ich!» ... Und dieser Klassiker. Doch zurück zu den Promis, die nicht realisieren, dass das Mikrophon läuft: Enrique Iglesias dachte bei diesem TV-Auftritt, es sei eine reine Playback-Performance. Doch das Publikum bekam die volle Wucht seiner Stimme zu spüren. Übrigens, haben Sie sich jemals gefragt, wie Britney Spears Stimme sich wirklich anhört? Bitte sehr...

Video-Strecke: Schon vor Mel Gibson zeigten etliche Berühmtheiten - in der Annahme, dass sie nicht auf Sendung seien - ihr wahres Gesicht.

  • Artikel per Mail weiterempfehlen
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Wie sich Mel Gibson in letzter Zeit ins Zeugs legte, um der Welt zu beweisen, was er für ein toller Kumpel sei! Der Hintergrund: Mel Gibson muss seinen neuen Film «Edge of Darkness», in dem er nach langer Leinwand-Abstinenz wieder eine Hauptrolle spielt, promoten.

Und so verkündet er angeberisch im Interview mit dem deutschen TV-Sender Tele 5: «Die grösste Angst eines jeden Menschen ist es doch, öffentlich gedemütigt zu werden. Mir ist das passiert, und zwar auf einem globalen Level.» Oho – eindeutig spricht er auf die «Sugar tits»-Episode an! «Ich bin jetzt ein richtig harter Scheisskerl, weil mir keiner mehr was kann», so Gibson weiter, «was mich nicht umbringt, macht mich stärker.»

«Einige Hochs und Tiefs»

Ganz gestärkt ist aber nun doch auch nicht, wie es sich vor zwei Tagen anhand eines TV-Interviews mit dem Chicagoer-Sender WGN-TV herausstellte. Der Reporter Dean Richards fragte Gibson, ob er das Gefühl habe, «ein anderer Mensch, ein besserer Mensch» zu sein als noch vor vier oder fünf Jahren und fügte hinzu, Gibson habe ja in dieser Zeit «einige Hochs und Tiefs durchgemacht».

Zur Erinnerung: Am 28. Juli 2006 wurde Mel Gibson in Kalifornien wegen Fahrens im angetrunkenen Zustand festgenommen. Bei der Festnahme äusserte sich Gibson abschätzig über die Polizeioffizierin («Wo schaust du hin, Zuckertitten?») und machte antisemitische Sprüche («Verdammte Juden! Die sind doch für alle Kriege in der Welt verantwortlich!»). In der Folge entschuldigte er sich und begab sich in eine Alkoholentzugskur.

Gibson antwortete Richards zunächst ausweichend und sagte, die letzten paar Jahre seien eine «richtiggehende Achterbahnfahrt» gewesen; worauf Richards nachhakte mit der Frage, ob er von der Öffentlichkeit anders wahrgenommen werde. Gibson reagierte sichtlich aufgebracht.

«Hey Kumpel!»

«Das ist fast vier Jahre her, Kumpel», so Gibson, «ich bin weitergegangen. Doch Sie offensichtlich noch nicht.» Richards fragte, ob Gibson denn das Gefühl habe, dass die Öffentlichkeit auch 'weitergegangen' sei. «Nun ich will doch sehr hoffen», so Gibson, «das ist eine Weile her, und ich habe all die nötigen Mea Culpas gemacht, also … hey Kumpel, gehen wir weiter!»

Richards schloss das Interview mit der obligaten Danke-fürs-Kommen ab, während Gibson den erhobenen Daumen in die Kamera zeigte – bevor er ins immer noch eingeschaltete Mikrofon laut und deutlich sagte: «Arschloch».

Immer noch der Alte?

Folglich ist Braveheart doch nicht der «richtig harte Scheisskerl», den er sein möchte, bringt ihn eine höflich formulierte Frage über eine wahre Begebenheit bereits in Rage. Manchem Betrachter beschleicht wohl das Gefühl, dass «die nötigen Mea Culpas» und ein Reha-Aufenthalt noch keinen neuen Menschen aus einem machen.

Letzte Woche erst wurde er vom Film-Journalisten Sam Rubin gefragt, ob seine lange Abwesenheit von der Schauspielerei in Zusammenhang mit seinen angeblichen antisemitischen Äusserungen zu tun habe. Gibson stritt ab, jemals solche Äusserungen gemacht zu haben und fragte danach Rubin – der Jude ist –, «ich nehme an, du musstest es ja fragen?»

Gibson soll sich inzwischen bei Rubin entschuldigt haben.

Der wahre Charakter

Das Interview auf WGN-TV sei «anfänglich angenehm verlaufen», berichtete Richards in seinem Blog, «doch als meine Fragen etwas anspruchsvoller wurden, änderte sich sein Tonfall – und sogar sein Gebaren. […] Ich hab ihn nicht unter Druck gesetzt. Ich habe ihn auch nicht verurteilt. Wie es scheint, erwartete er, dass ich das Thema sein lassen würde. Doch so funktioniert das nicht bei uns in Chicago. Ein Star seines Kalibers, vermutlich mit guten PR-Beratern, sollte doch eine klare Antwort darauf bereithalten.» Weiter schrieb Richards, dass er «schockiert» gewesen sei, als Gibson ihn anfluchte «als er dachte, nicht mehr auf Sendung zu sein».

Richards abschliessend: «Berühmtheit oder nicht; der wahre Charakter eines Menschen zeigt sich im Verhalten, wenn er sich unbeobachtet fühlt.»

(obi)