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Mein erstes Mal
18. Dezember 2011 17:23; Akt: 03.01.2012 15:16 Print
«F***!»
Rennen. Den Boden unter den Füssen verlieren. Strampeln in der Luft: Den Traum vom Fliegen hat sich unsere Redaktorin mit dem Gleitschirm erfüllt. Eine Reportage über den ersten Höhenflug.
Wie die Jesus-Statue auf dem Corcovado in Rio stehe ich da. Ausgestreckte Arme, Hände zu Fäusten geballt, sie sind nass, kalter Schweiss. Bremsschlaufen und A-Leinen fest umklammert, Herzklopfen. Startplatz «Kleiner Sternen» auf dem Hoch-Ybrig, 1856 Meter über Meer, 821 Meter Höhendifferenz zum Landeplatz Weglosen. Ein weisser Windsack auf der Krete hebt und senkt sich, schwacher Südwestwind. Dazwischen knistert der Funkverkehr der anwesenden Flugschüler und Starthelfer begleitet von bimmelnden Kuhglocken.
In Position einer Jesus-Statue verharrt: Warten auf Starterlaubnis.
Starthelferin Denise Alt betreut die Flugschüler am Startplatz und begleitet sie vor und während der Startphase per Funk.
Minuten vor dem ersten Höhenflug: Leinen sortieren auf dem Startplatz «Kleiner Sternen» (1856 M.ü.M.). (Bilder: 20 Minuten Online/mba)
Infografik
Die Geschichte des Gleitschirmfliegens
Vom Anfänger zum brevetierten Piloten
Die schweizerische Gleitschirmbrevet-Ausbildung gliedert sich in vier Teile: Grundschulung an einem Übungshang, Höhenflüge, theoretische und praktische Prüfung. Bei der Theorieprüfung werden fünf Fächer geprüft: Fluglehre, Materialkunde, Flugpraxis, Meteo und Gesetzgebung. Sie kann irgendwann während der Ausbildung abgelegt werden. Für die praktische Prüfung sind mindestens 50 Höhenflüge in 5 verschiedenen Fluggebieten und die bestande Theorieprüfung vorausgesetzt.
Grundvoraussetzungen
Mindestalter 15 Jahre für Ausbildungsflüge und mindestens 16 Jahre für die praktische Prüfung.
Ausbildungskosten
Die Kosten für die Gesamtausbildung variieren von Flugschule zu Flugschule. Mit einer Komplettausbildung bis zur Prüfungsreife muss ab ca. 1200 Franken gerechnet werden.
Ausrüstungskosten
Die meisten Flugschulen stellen Schulausrüstungen nur bis zu einer gewissen Anzahl Flüge zur Verfügung. Seriengleitschirme sind je nach Marke und Modell ab 3700 Franken erhältlich. Hinzu kommen Gurtzeug (rund 1000 Franken) und sonstiges Zubehör wie Helm, Handschuhe, Funkgerät und Höhenmesser. Ein Seriengerät kann je nach Flugstil durchschnittlich 500 Flugstunden in sicherem Zustand geflogen werden. Dies entspricht bei «Normalfliegern» zwischen vier und sechs Jahren.
Mehr Informationen zur Ausbildung und eine Auflistung zertifizierter Flugschulen finden Sie auf der Webseite des Schweizerischen Hängegleiteverbands.
Im Zwei-Minuten-Takt werden bunte Gleitschirme aufgezogen. Ein Ruck, die bunten Leinen spannen sich, Nylonstoff reibt aneinander, Rascheln, das Segel füllt sich mit Luft, rennen - abheben, rein ins Frühlispanorama. Die ellipsenförmigen Fluggeräte segeln mitten in die Innerschweizer Alpen, ehe sie mit dem blauen Himmel, den grünen Weiden und schiefergrauen Felsvorsprüngen verschmelzen. Warten um Starterlaubnis.
Zittern.
«Ui, das ist doch gefährlich! Pass ja auf!!», sagten meine Eltern, als ich ihnen von meinem Vorhaben erzählte. 67 Gleitschirmflieger sind zwischen 2000 und 2009 tödlich verunglückt, heisst es in einer Statistik der Beratungsstelle für Unfallverhütung. Landesweit gibt es gemäss dem Schweizerischen Hängegleiteverband über 26 000 brevetierte Piloten. Gleitschirmfliegen «gilt nicht als absolutes Wagnis und wird nicht als Risikosportart eingestuft», sagt Suva-Mediensprecherin Angela Zobrist.
Es gibt kein zurück mehr - zumindest mental nicht. Hinter mir liegt der deltaförmig ausgelegte Schirm, Startbahn vor mir frei, Fünf-Punkte-Check mit Starthelferin Denise Alt durchgegangen. Erstens: Gurtzeug und Helm geschlossen. Zweitens: Traggurte/Leinen verlaufen korrekt, A-Leinen und Bremsleinen sind frei. Drittens: Das Gleitsegel liegt wunschgemäss - ich stehe in der Mitte. Viertens: Windrichtung und –stärke entsprechen meinen Erwartungen. Fünftens: Startraum frei, Startabbruchlinie festgelegt. Letzter Funkcheck mit Denise Alt. «Ich würde sagen, wir starten jetzt einen Flug!» Zittern, Herzklopfen. Arme nach hinten. Körpervorlage. Leichter Seitenwind.
Rennen!
Mit aller Kraft ziehe ich das gelbrote Sechs-Kilo-Fluggerät hinter mir auf. Blick nach vorne, winzige Segelboote auf dem Sihlsee. Aus meinen Augenwinkeln sehe ich, wie jemand in Jesus-Statuen-Position verharrt vor seinem Gleitschirm steht und wohl nach mir starten wird. Augenpaare kleben an mir. Auf dem Startplatz tummeln sich neben den wenigen brevetierten Privat- und Tandempiloten hauptsächlich Flugschüler.
Über 120 Flugschulen bieten schweizweit Ausbildungsprogramme für angehende Pilotinnen und –piloten an (siehe Infobox). Frauen sind, wie allgemein in der Fliegerszene, eine Minderheit: Von den über 14'000 Aktivmitgliedern des Schweizerischen Hängegleiteverbands sind knapp zwölf Prozent Gleitschirmpilotinnen.
Wenn die Kuhscheisse in die Quere kommt: Starten und Landen sind die heikelsten Phasen beim Gleitschirmfliegen.
Ich setze einen Fuss nach dem anderen über den stufenartigen Abhang. ‹Sch*****! Kuhfladen!› Plötzlich rutsche ich aus, falle auf den Hintern. Der Schirm über mir zieht mich hoch, wieder auf die Beine, ein, zwei Schritte. «Unterlaufen! Unterlaufen! Nicht aushebeln lassen», schellt es durchs Funkgerät. Ich versuche, unter dem schräg nach vorne schiessenden Segel zu folgen. Gegensteuern. Die Füsse verlassen Boden, Strampeln im Leeren. Rasende Wiese, Kühe, Wanderwege, kleiner werdende Menschen, Tannengruppen, es geht in einem Ruck aufwärts.
Ich fliege!
Adrenalin, Serotonin, Endorphin. «Setz dich erst ins Gurtzeug, wenn du die Felskante überflogen hast», funkt Denise. Das mindert die Gefahr, auf dem Boden aufzuschlagen: Es kann sein, dass das Fluggerät beim Reinschubsen ins Gurtzeug in eine kurze Sinkbewegung gerät. «Es ist vielleicht etwas unangenehm.» Zittern. «Nein, es ist gar nicht unangenehm...», entweicht es mir. Anstelle eines Freudenschreis ein unbewusster Monolog der Unsicherheit. Bis mir bewusst wird, dass mich da oben gar niemand hört.
«Denise an Georg, Debby ist raus», informiert Denise Alt Fluglehrer Georg Zimmermann, der auf dem Landeplatz jeden Flugschüler beobachtet. «Jaaa-woll!». Plötzlich verstehe ich Georg Zimmeranns Funksprüche nur noch schlecht, Fahrtwind übertönt sie. Beim Starten ist mir das Funkteil aus dem Ohr gerutscht. Angst. Unsicherheit. Freude. Unsichere Angstfreude.
Zum ersten Mal alleine 800 Meter über Boden: Ein physischer und mentaler Höhenflug.
«Pilotinnen sind meist anders als andere Frauen und den Männern in mancher Beziehung ähnlich», heisst es in der Informationsbroschüre «Gleitschirmfliegen und ‹menschliches Versagen›» des Psychologen Bruno Banzer. Dennoch verunfallten Männer häufiger als ihre Kolleginnen. Banzer vermutet den weiblichen Umgang mit Unsicherheit und Angst als einen der Hauptgründe für das tiefere Unfallrisiko bei Gleitschirmpilotinnen. «Frauen gehen anders mit der Angst um und lassen Gefühle bewusster werden, lassen sie zu.»
«F***, ist das krass!»
Felsvorsprung überflogen, ins Gurtzeug gerückt. Ich sitze an sechsundzwanzig nullkommaacht Millimeter dünnen Leinen befestigt unter einem zweilagigen Nylonstoff. Ich fliege! Höhe. Zittern. Mit geöffneter rechter Hand klopfe ich zweimal auf den roten, seitlich an einem Klettverschluss befestigten Griff neben dem Sitzbrett. «Wenn ich es dir sage, packst du diesen Griff, wirfst ihn von dir weg - unbedingt loslassen! - und schwingst deine Arme nach oben.» Georg Zimmermann erklärte nach dem letzten Gurtzeug-Check, wie die Reserve zu ziehen ist.
Der Notschirm ist in meinem Fall ein weisser Rundkappenschirm, der sich nicht steuern lässt. Er bremst den Fall auf maximal fünfeinhalb Meter pro Sekunde ab. Bis zu vier Sekunden kann es dauern, bis er sich vollständig geöffnet hat – die Zeit vom Entscheid bis zum Einsetzen der Bremswirkung. Die Landung ist physikalisch wie ein Sprung von einer eineinhalb Meter hohen Mauer, heisst es im Theoriebuch zur Gleitschirmausbildung. «Bis jetzt musste ihn noch keiner unserer Schüler ziehen», sagte Georg. Ich dachte, ich hätte das längst vergessen.
Flug übers Tal: Aus der Vogelperspektive scheint die Welt geschrumpft.
Achterbahn der Gefühle
Der Landeplatz Weglosen nähert sich mir. Eine Wiese, ungefähr ein Fussbalfeld gross, umzingelt von Bäumen. Ein Gleitschirm schraubt in Richtung Landezone herunter. Daneben glitzert im Sonnenlicht der bunte Lackteppich des fast vollbesetzten Parkplatzes. Die Seilbahn, die Bäume, die Strassen, winzig wie Spielzeuge. Um mich herum: Felswände. Ich bin winzig. Luft strömt durch die Luftkammern des Segels, konstantes Rauschen.
Kein Distanzgefühl - die umliegenden Berge erscheinen zeitgleich nah und fern. Hundert, dreihundert, fünfhundert Meter? Einige Gleitschirme segeln knapp einer Felswand entlang. «Felswandkratzen» nennt sich die Suche nach einem Thermikschlauch im Hängegleiterjargon, die Jagd auf einen kontinuierlichen Nachschub warmer Luft, die die Piloten in die Höhe zieht. Ein paar wenige segeln hunderte Meter über der Krete. Plötzlich eine Turbulenz. Der Sitz rüttelt, Klopfgeräusche vom Segel über mir. Kalter Schweiss. Zittern.
Weiter zu Teil 2: Vom Übungshang in die Höhe und zurück auf den Boden der Tatsachen
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(Debby Galka )
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flying high....
haaa so geilll.... habe mich vor 2 wochen dafuer entschlossen das brevet zu machen und jetzt dieser bericht ...einfach hammer :) hehe
Was schöneres gibts nicht
Für mich ist der beste Sport den es gibt. Es gibt nicht vergleichbares. Wenn ich längere Zeit nicht fliegen kann werde ich so richtig kribbelig. Es ist eine Sucht :o)
Up in the Sky
Gleitschirmfliegen ist einfach der Hammer. Es sollte einfach jeder mal ausprobieren, der die Natur mal von einer anderen Sichtweise anschauen möchte!