Entwürdigendes Ekel-TV

11. Juli 2011 16:17; Akt: 12.07.2011 07:42 Print

«Fette, faule Sau»«Fette, faule Sau»

von Bettina Bendiner - RTL 2 und Sat.1 geben alles: Sie räumen Messie-Wohnungen auf, vermitteln bärtige Single-Ladys und operieren ästhetisch benachteiligte Menschen schön – willkommen bei Ekel-TV.

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In Markus' Bude gab es laut RTL 2 nur eine Sau – nämlich Markus. Ihn lernt der Zuschauer bei «Das Messie-Team – Start in ein neues Leben» gleich noch besser kennen. Er sei auch «fett und faul».

Über den schwerkranken Frühpensionär erfahren wir so einiges: Er haust in einer versifften Höhle, hat seinen Haushalt gar nicht im Griff und verbringt seine Tage zwischen leeren Suppendosen, verschimmelten Essensresten, einer toten Katze und einem fröhlichen Geschwader von Kakerlaken und sonstigem Getier. Ah ja, Markus leidet an einer Leberzirrhose, an Diabetes und unter schwerem Übergewicht.

Doch keine Bange – Hilfe naht: Therapeutin Sabina Hankel-Hirtz will Markus’ verkorktes Leben wieder blitzblank polieren. Ihre erste Offenbarung, ein Treffer ins Schwarze: «Er ist ernsthaft krank.» Bravo. Eine messerscharfe Diagnose von einer Frau, deren Lebenslauf mit Weiterbildungskursen wie «Fruchtbarkeitsmassage», «musikalisches Coaching mit Djembe, Bongo, Cajon & Xylophone, zur Nutzung von Musik zur Selbstheilung & Fantasiereisen in Spanien/Ibiza» oder «Hypnosetherapie bei unerfülltem Kinderwunsch» brilliert.

Mit Spezialtransport ins Spital

Nur ein Kurs in Feingefühl fehlt: Natürlich ist es eklig, wenn zwischen Müllbergen Katzenbaby-Kadaver vor sich hin modern. Doch Hankel-Hirtz' Standpauke verstört den Patienten dermassen, dass er zusammenbricht und zusammen mit seinem letzten Quentchen Würde von einem Spezialtransport für Übergewichtige abgeholt werden muss.

Um sich zu gruseln, braucht es heute kaum mehr Horror-Filme. Da reicht es, im Abendprogramm auf RTL 2 oder Sat.1 zu zappen. Dank der Sendung «Schwer verliebt» mit Britt Hagedorn steht Sat.1 der Konkurrenz in nichts nach. Das Konzept der neuen Kuppel-Show ist schnell erklärt: Frauen und Männer wollen sich verlieben. Dass die Herrschaften ein wenig skurril sind – eine Barbie-Puppen-Sammlerin, ein «einsamer Kirchgänger mit Schnappatmung» oder «der fröhliche Flötenspieler» – versteht sich von selbst.

Frau mit Bart sucht Mann

Doch skurril reicht nicht mehr. Zwischen Erdbeertörtchen und fröhlichem «ich hab totales Verständnis für deine Probleme»-Gedöns von der hochschwangeren Moderatorin erzwingt die Fernsehkamera von einem laut Britt «sanften Harzer» noch flugs ein Coming-out. Sein Vater erfährt im Fernsehen von der Homosexualität des Sohnes. Den Vogel schoss der Sender jedoch mit Kandidatin Mariam ab: Die 47-Jährige sucht einen Mann, der sie mit Haut und Haaren liebt. Die Haare sind bei ihr der Knackpunkt. Mariam hat einen Bart. Und der ist echt – die Moderatorin zupft am Bart und beweist es höchstpersönlich. Statt Streichelzoo gibts bei ihr Freaks zum Anfassen. Zwar suggeriert die Sendung, dass jeder Topf einen Deckel verdient, doch die Art und Weise wie Menschen inszeniert werden – beim Coming-out des sanften Harzers läuft im Hintergrund der Song «YMCA» und Mariam will einen Mann zum Fingerpuppen Basteln – ist schlicht entwürdigend.

«Extrem schön» dank neuer Zähne

Die Kollegen arbeiten bei «Extrem schön» auf RTL 2 zumindest hart daran, die Krone zurückzuholen. Auch hier funktioniert das Konzept auf dem traurigen Schicksal ästhetisch benachteiligter Menschen. So verlor Marina (32) vor 16 Jahren bei einem Fahrrad-Unfall fast alle Zähne. Dank dem Team von «Extrem schön» bekommt die verzweifelte Hausfrau einen neuen Satz Zähne – und von Star-Chirurg Werner Mang auch gleich noch eine Brustvergrösserung, Bauchdeckenstraffung, Fettabsaugung an der Hüfte dazu. Zurecht gezurrt kehrt Marina zurück in den Schoss ihrer Lieben. In ein neues glückliches Leben – dabei ist das doch gar nicht, wie wir bei «Schwer verliebt» gelernt haben, von Schönheit abhängig.

Worin der Zauber solcher Shows liegt? Das ist leicht. Schon vor vielen hundert Jahren strömten Menschen auf den Jahrmarkt um Menschen, die aus der Norm fielen, anzustarren. Das Publikum war schon damals abgebrüht – und ist es immer noch. Warum? Auch darüber dürfen Generationen von Sozial- und Medienwissenschaftlern spekulieren. RTL 2 findet da in seinem Slogan viel schlichtere Worte: «It’s Fun». Denn feststeht: Ekel-TV kommt gut an.

Gute Quoten, viele Staffeln

Die Quoten geben den Machern recht. So wollten immerhin 1.42 Millionen Zuschauer die zugemüllte Wohnung von Markus sehen. Auch «Extrem schön» läuft erfolgreich in der dritten Staffel. Bei «Schwer verliebt» wirds im Herbst ernst, dann zeigt Sat. 1 das Resultat des Kuppel-Aufrufs. Auch dort scheint absehbar: «Bauer sucht Frau» und «Schwiegertochter gesucht» liefen (und laufen) bei RTL sehr erfolgreich. Ein gutes Omen für die noch trashigere Variante von Sat.1.


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  • christime am 18.07.2011 19:04 Report Diesen Beitrag melden

    wirklich echt..?

    der bart sei echt, die moderatorin habe daran gezupft... das mag schon sein, doch ob wirklich ALL diese Schicksale auch abseits der Kameras so ist, ist etwas anderes... Beispiel gefällig? Da kam letztens die völlig überforderte Mutter einer Teenager-Tochter in der einen Sendung (ich glaub bei Familien im Brennpunkt o.ä.), am gleichen Abend (!!) auf einem andern Sender ebenfalls die überforderte Mutter der "Katastrophen-Familie"... Seltsam war nur, dass die Frau unterdessen a) umgeszogen ist b) eine neue Familie hat That's Reality-TV =)

    • Alex am 21.07.2011 09:57 Report Diesen Beitrag melden

      ja sind sie

      Sie verstehen das falsch.dies sind nur schauspieler.sie spielen die geschichten nach.

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  • Jeremy prescott am 13.07.2011 14:33 Report Diesen Beitrag melden

    seid doch froh..

    .. das wir noch nicht bei "Jerry Springer" angelangt sind..

  • Anneliese Schiefzahn am 13.07.2011 10:07 Report Diesen Beitrag melden

    Die Quoten bewesen das Gegenteil von gut

    Nein, die Quoten geben den Machern nicht recht. Denn - würde mann im TV live Hinrichtugnen aus USA übertragen, die Quote läge bei 95% - weltweit. Quote kann als das genaue gegenteil von GUT bedeuten. Nämlich: abscheulich, widerlich, abartig. Nur - und das ist das perverse an Privatsendern - damit verdient man Geld, weil Werber auf Quoten schielen statt auf Qualität, Ethik und Anstand. Aber so ist es halt. Geld und Ethik vertragen Sich wie Teufel und Weihwasser. Wie schon Brecht schrieb: "Zuerst kommt das Fressen - und dann kommt die Moral."

    • empty()set am 19.07.2011 09:24 Report Diesen Beitrag melden

      Unpassend zitiert

      Grundsätzlich haben Sie recht, aber das Zitat von Brecht bezieht sich auf das Überleben und nicht auf das Verdienen von Geld.

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