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Reality-TV
05. Juni 2009 13:16; Akt: 05.06.2009 14:35 Print
«Das Zeitalter der Wegwerf-Menschen»
von Oliver Baroni - Für eine Handvoll arme Seelen ist der Auftritt in einer Castingshow zum Sargnagel geworden. Doch auch wer sich benimmt, kann schnell zum Fernseh-Buhmann der Nation werden: Produzenten und Regisseure giessen ständig Öl ins Feuer und sorgen für Emotionen bei Zuschauern wie Kandidaten.
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Im ersten Teil dieses Artikels kritisierten Fachleute die (Medien-)Hetze gegen Reality-Show-Kandidaten. Für den US-Psychologen Dr. Jamie Huysman sind solche Entgleisungen nicht Unfälle, sondern Programm: «Wir leben im Zeitalter der Wegwerf-Menschen. Den Produzenten geht es nicht um die Teilnehmer, sondern um die Sponsoren. Und die wollen Augenrollen, Konfrontationen, Zusammenbrüche. Sie lieben es, wenn die Teilnehmer heulen oder eingeschüchtert werden. Deshalb sind die erfolgreichsten Shows diejenigen, in denen Menschen psychisch zermalmt werden.»
Was nicht zickt, wird zickig gemacht
Und wenn das nicht von selbst geschieht, hilft die Regie laut Huysmann einfach nach: Reality-Show-Teilnehmern ist kaum bewusst, in welchem Masse editiert wird. Nicht nur der Kürze, sondern auch der Würze wegen wird da fleissig herumgeschnitten, damit am Ende eine/r als Trottel oder Zicke dasteht. Die Schwächen werden betont, während positive Bilder unter den Tisch fallen: So werden die Teilnehmer in die Guten und die Bösen aufgeteilt. «Germany's Next Topmodel»-Teilnehmerinnen wie Fiona Erdmann können ein Lied davon singen.
Als «Der Tagesspiegel» sie fragte, ob sie freiwillig die Zicke gespielt habe, antwortete sie der Berliner Tageszeitung: «Ich habe das damals am Anfang gar nicht gemerkt. Erst als die Produktionsleute mich immer wieder gedrängt haben, dass ich jetzt noch mal mit den Mädels über den Streit reden soll, obwohl das schon längst durchgekaut war und keiner mehr Bock darauf hatte, habe ich gemerkt, wie meine Rolle als Zicke forciert wurde. Dabei bin ich eigentlich total pflegeleicht. Aber was sollte ich anderes machen.»
Klare Aufteilung in gut und böse
«Amerikaner haben ein Problem mit Uneindeutigkeiten», sagt Dr. Jorga Leap, kalifornische Professorin für Sozialwissenschaften, «also entscheiden die Produzenten - genau wie bei einem Film mit Schauspielern – gleich am Anfang, wer den weissen Hut und wer den schwarzen tragen darf. Das Problem ist, dass wir alle sowohl gute als auch weniger gute Eigenschaften besitzen. Doch die Teilnehmer können nicht auswählen, welche Eigenschaften dem Publikum gezeigt werden. […] Jeder verliert irgendwann mal den Bezug zum eigenen Ich. Darum erleiden die meisten Traumata nach dem Ende der Staffel. Du fragst dich: 'Und jetzt wie weiter?' Und du bist mit einer Gesellschaft konfrontiert, die meint dich zu kennen, weil sie eine Version deiner selbst am TV gesehen hat.»
«Der einzige Unterschied zwischen von Schauspielern gespielten Shows und sogenannten Reality-Shows ist, dass bei Letzteren echte Menschen die Rollen spielen müssen», so Huysman. «Du selbst siehst dich vielleicht als schlau und sexy, musst aber erleben, wie du als berechnende Zicke dem Publikum präsentiert wirst. Deshalb leiden viele Gewinner an eine Art von posttraumatischem Stresssyndrom.» Jade Goody bekam die Möglichkeit, den Hut zu wechseln. Aufgrund rassistischer Beleidigungen ihrer «Celebrity Big Brother»-Mitkonkurrentin und Bollywood-Stars Shilpa Shetty war sie anno 2007 offiziell zur meistgehassten Person Britanniens avanciert.
«Ich konnte kaum glauben, was sie aus mir gemacht hatten»
Doch Goody machte aus ihrer Not eine Tugend: Es folgten tränenreiche Reue-Interviews und ein Gang nach Canossa, beziehungsweisse Indien. Mittendrin wurde ihre Erkrankung an Gebärmutterhalskrebs publik – und so wurde aus «stupid Jade», «drunk Jade» und «racist bully Jade» urplötzlich «brave Jade» - Jade die Mutige. Goody war eine Ausnahmeerscheinung, die mit dem Medienterror erstaunlich gut umgehen konnte - immerhin lud sie die Presse ein, sie bis in den Tod zu begleiten. Jo O'Meara, ehemalige S-Club-7-Sängerin und angebliche Mit-Mobberin von Shilpa Shetty, versuchte nach «Celebrity Big Brother» sich das Leben zu nehmen. O'Meara überlebte ihren Schlaftabletten-Whisky-Cocktail; sie gibt den Produzenten die Schuld daran, sie «im Stich gelassen» zu haben: «Ich konnte kaum glauben, was sie aus mir gemacht hatten, wie ich im TV dargestellt wurde.»
Immer wieder gibt es aus diesen Gründen Stimmen, die eine Erhöhung der ethischen Standards bei Castings fordern. Psychotherapeut Dr. Geoffrey White: «Es gibt ein enormes Gefahrenpotential, und niemand schaut wirklich nach dem Wohlergehen der Teilnehmenden. Es sollte ein verbindlicher Standard geschaffen werden, nach dem die Produzenten zur Verantwortung gezogen werden können.» Dass ein derariger Moralkodex in naher Zukunft Realität wird, muss allerdings bezweifelt werden. Am Ende hat der Zuschauer die Wahl: gaffen oder ausschalten.

























