«Gnadenlos gerecht»

19. August 2008 16:31; Akt: 19.08.2008 19:50 Print

«Ich bezweifle die Authentizität der Fälle»«Ich bezweifle die Authentizität der Fälle»

von Manfred Sim Toppel - Die morgen startende TV-Reality-Doku «Gnadenlos gerecht - Sozialfahnder ermitteln» polarisiert die Leser von 20 Minuten Online. Kritik an der öffentlichen «Jagd» auf Sozialhilfeempfänger kommt von Expertenseite.

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In der neuen Doku-Serie des deutschen Privatsenders Sat.1 «Gnadenlos gerecht» (ab 20. August) ermitteln die beiden Sozialfahnder Helge Hofmeister (49) und Helena Fürst (34) gegen Hartz-IV-Empfänger, die sich angeblich Sozialleistungen erschleichen (20 Minuten Online berichtete).

TV-Zuschauer kein kompetentes Publikum

Das Thema mobilisiert und polarisiert die Leser. Das zeigt alleine schon die hohe Zahl an Talkback-Einträgen, in denen die Mehrheit der User ihrem Missmut über Sozialhilfebetrüger Luft machten.

Innerhalb weniger Stunden hinterliessen Dutzende von 20-Minuten-Online-Lesern teils sehr emotionale, teils sehr differenzierte Kommentare zur neuen TV-Sendung und dem Thema Sozialhilfebezüger im Allgemeinen. So ist beispielsweise User Michael nicht überzeugt: «Ich finde es nicht richtig, dass es eine TV-Sendung darüber geben muss. Die Betrüger sollen verfolgt werden und vor ein ordentliches Gericht gestellt werden. TV-Zuschauer sind kein kompetentes Publikum, um dieses Thema aufzuarbeiten.»

Karin Hoyer meint in ihrem Forumsbeitrag hingegen: «Ganz recht, dass die Missbräuche mal am TV gezeigt werden. Wenn ein Sozialhilfebezüger mir sagt, er sei doch nicht blöd, für wenig Geld arbeiten zu gehen, dann stimmt etwas am System nicht.»

20 Minuten Online wollte von einem Experten wissen, was er von dem neuen TV-Format hält und sprach deshalb mit Professor Dr. Bonfadelli vom IPMZ (Institut für Publizistik und Medien Zürich). Angesprochen auf die Glaubwürdigkeit der in der TV-Dokuserie porträtierten Fälle sagte er: «Ich bezweifle die Authentizität fest an. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man die Einwilligung von Betroffenen einholen kann und gleichzeitig behauptet, dass eine (Sozialhilfebetrugs-)Abklärung mit überraschendem Ausgang stattfindet.»

Bonfadelli sieht weitere Schwachpunkte im Konzept von «Gnadenlos gerecht»: «Das Recht auf Privatsphäre scheint mir durch diese Sendung verletzt zu werden. Das ist eine äusserst problematische Sache im Hinblick auf den Datenschutz.»

Von der Aussage der Sat.1-Pressesprecherin Kristina Fassler, dass diese Sendung nur «die Realität abbildet», hält Professor Bonfadelli nicht allzu viel: «Das scheint mir eine Schutzbehauptung zu sein. Meiner Meinung nach ist das eine aufgesetzte Legitimation, die medienrechtlich nicht standhält.»

20 Minuten Online fragte ausserdem, ob bei all den Reality-Shows, die heutzutage im TV ausgestrahlt werden, eher der soziale Auftrag oder doch nur der blanke Voyeurismus im Vordergrund steht: «Bei den Reality-Formaten spielt beides eine Rolle. Auf der einen Seite ist der 'Augenkitzel' der Zuschauer, auf der anderen Seite geben diese Sendungen auch Einblicke in Welten, in die man sonst nicht hineinsehen könnte», so der Medienexperte.

Immer extremer

Gemäss Professor Bonfadelli ist es besonders bedenklich, dass die Reality-Shows immer «neue Ideen brauchen und immer extremer werden müssen, damit die entsprechenden Zuschauerzahlen noch erreicht werden».

Hierzulande haben kritische Fernsehzuschauer aber nichts zu befürchten, denn «so eine Sendung wäre in der Schweiz nicht möglich. (...) Unsere Ämter dürften diese Daten gar nicht veröffentlichen. Es sieht so aus, als herrschten bei uns höhere Standards bezüglich des Datenschutzes», so Bonfadelli abschliessend.


(tom)