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Reality-TV
04. Juni 2009 13:23; Akt: 04.06.2009 14:03 Print
Gewinnen, verlieren - oder sterben
von Oliver Baroni - Während sich viele Zuschauer über das Niveau von Reality-Shows ärgern, bedeuten sie für manchen Kandidaten den Schlüssel zum Glück. Wenn das nicht in Erfüllung geht oder die öffentliche Erniedrigung zu gross ist, verschwinden sie zwar von der Mattscheibe, der emotionale Schaden aber bleibt. Eine handvoll Menschen hat sich nur durch den Freitod aus dem TV-Dilemma befreien können.
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Susan Boyle kann sich glücklich schätzen, dass sie nach dem Finale von «Britain's Got Talent» 'nur' wegen Erschöpfung ins Spital eingewiesen wurde. Denn die Reality-Show-Realität kann noch viel härter sein: Mindestens elf Kandidaten solcher Sendungen haben sich bisher das Leben genommen. Zwei weitere haben es zumindest versucht, wie eine Recherche des amerikanischen Entertainment-Newsdienstes «The Wrap» ergeben hat. Die Beweggründe der Verzweifelten stehen samt und sonders in direktem Zusammenhang mit ihren Erlebnissen in den Shows (siehe Bildstrecke).
Schlagzeilen machte der Fall von Paula Goodspeed, die beim Vorsingen für «American Idol» ausgeschieden war. Im November 2008 nahm sie sich vor dem Haus von Jurorin Paula Abdul das Leben (20 Minuten Online berichtete). Doch Goodspeed ist nur ein Fall aus einer langen Liste von Reality-Show-abhängigen Todesfällen in den USA, Indien, England oder Schweden. Die Opfer sind ebenso unterschiedlich wie unerwartet: Eine stellvertretende Bezirksstaatsanwältin, ein alleinstehender Vater, ein junger Boxer – sogar die Schwester einer Teilnehmerin.
«Du widerst uns an!»
Viele dieser Opfer hatten bereits vorher psychologische Probleme. Und diese mentalen Defizite sind auch mit der Grund dafür, dass die Angesprochenen via Reality-Show dem Ruhm nachjagten. Psychologen haben mittlerweile festgestellt, dass viele Teilnehmer von Shows wie «Big Brother» oder «Survivor» unter schweren, lang andauernden Traumata leiden. Und das gilt auch für die Gewinner.
Ein Beispiel: In der australischen Version der Überlebens-Show «Survivor» schaffte es Katie Gold unter die letzten vier. Während der Serie erhielt sie wiederholt Briefe, in denen stand: «Du bist eine Schande! Du widerst uns an.» Auch nach Abschluss der Staffel erhielt sie Hass-Mails und wurde in der Folge wegen Depressionen klinisch betreut. Auch Jahre danach befand sie sich immer noch in Psychotherapie – nach eigenen Angaben wegen Selbstzweifeln und Verlassenheitsängsten. «Der Drang, im TV zu sein, funktioniert ähnlich wie der Drang, Drogen oder Alkohol zu konsumieren», so der Psychologe Jamie Huysman aus Miami gegenüber «The Wrap», «es ist ein Symptom für ein tiefer liegendes seelisches Problem, und das Malaise des Leidenden infiziert die ganze Familie.»
«Nach dem Auftritt verblutet man»
So zahlreich sind TV-Abgänger mit psychischen Problemen, dass Huysman eigens die Stiftung «AfterTVCare» ins Leben rief, die sich auf die Betreuung solcher Patienten spezialisiert hat. Er gründete die Praxis 1992, nachdem ein Produzent ihn bat, notfallmässig einen Mann zu betreuen, der sich und seine Tochter zu erschiessen drohte, nachdem er in einer Sendung zugegeben hatte, sexuelles Verlangen nach ihr zu spüren. «Reality-TV reisst Wunden auf, die nicht so schnell zusammengenäht werden können – und nach dem Auftritt verblutet man», so Huysman. «Für jeden Teilnehmenden – für Gewinner wie Verlierer – gilt: Der Vorhang fällt, doch die davongetragenen Verletzungen bleiben.»
«Die Leute können sich nicht vorstellen, wie es sich anfühlen wird, wenn ein so grosser Teil ihres Lebens vor der Kamera ausgebreitet wird», konstatiert Psychologin Michelle Callahan, die vor kurzem als Coach in der Reality-Show «Queen Bees» fungierte, in der fiese Teenie-Zicken sich in umgängliche Gutmenschen verwandeln sollen. «Deine Rolle in der Show weitet sich auf dein ziviles Leben aus», so Callahan, «wenn du beispielsweise bei [der Abnehm-Show] 'The Biggest Loser' dabei warst und später in ein Fastfood-Restaurant gehst, dann sagen die Leute, 'Hey, du bist immer noch dick.' Dein Gewicht ist ein öffentliches Thema.»
So geschehen bei der Übermutter aller Reality-Stars, Jade Goody, die routinemässig als zickig, doppelzüngig und dick bezeichnet wurde. Bei ihrem Debüt in der «Big Brother»-Staffel von 2002 schrieb die Boulevardpresse, «Jade ist eine der meistgehassten Frauen Englands und sie wird es dementsprechend schwer haben, sobald sie das Haus verlässt – doch sie verdient kein Mitleid (…) wählt das Schwein raus!»
Fortsetzung folgt: «Ich konnte kaum glauben, was sie aus mir gemacht hatten!» Wie eine Kandidatin dank Emotionen schürender Regie und geschickten Schnitten zur Buhfrau der Nation wurde.



























