Eurovision Song Contest

17. Januar 2012 11:59; Akt: 21.05.2012 14:53 Print

BBC gegen Baku - Wer sabotiert hier wen?BBC gegen Baku - Wer sabotiert hier wen?

von Oliver Baroni - In Aserbaidschan werden Häuser zwangsgeräumt, um der Eurovision-Konzerthalle Platz zu machen: Ein Bericht der BBC ist denkbar schlechte Publicity für den ESC - und stösst auf Widerstand.

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Wer beim beim Eurovision Song Contest dabei sein will, muss Mitglied der Europäischen Rundfunkunion (EBU) sein. Und deren Grenzen sind eher technischer als geografischer Natur. So gehören zur EBU auch viele Länder Nordafrikas - Marokko hat sogar einmal am Concours teilgenommen. Aserbaidschan ist neben Russland aber das östlichste Mitglied dieser Union. Aserbaidschan gehört geografisch zu Asien, liegt zwischen dem Kaukasus und dem Kaspischen Meer. Nach dem Zerfall der Sowjetunion strebte das Land aber nach Westen. Aserbaidschan grenzt im Norden an Russland, im Süden an den Iran, im Nordwesten an Georgien und im Westen an die Türkei und an Armenien. Zur Schweiz hat das Land drei Stunden Zeitverschiebung. Damit der Contest nächstes Jahr wie gewohnt um 21 Uhr losgeht, wird er also in Baku erst um Mitternacht starten. Von bitterkalten Bergspitzen bis subtropischem Klima gibt es alles. Die Teilnehmer erwartet in Baku schwüle, heisse Temperaturen. Die Republik ist mit neun Millionen Einwohner auf einer Fläche von 86 000 Quadratmeter sowohl von der Grösse als auch von der Einwohnerzahl her mit Österreich zu vergleichen. Die Mehrheit der Einwohner sind Schiiten. Das bergige Land wird neben Menschen auch von Bären, Wölfen, Wildschweinen, Gazellen, Schakalen, Luchsen, Leoparden und Hyänen bewohnt. Aus der Schweiz gibt es keinen Direktflug nach Aserbaidschan. Die Flüge via Moskau, Istanbul oder London dauern im schnellsten Fall sieben Stunden, können aber auch zwölf Stunden dauern. Noch beschwerlicher wird die Anreise mit dem Auto. Ohne Pause fährt man mit dem Auto via Türkei und Iran fast drei Tage – und legt dabei weit über 5000 Kilometer zurück. Das Land ist sehr reich an Bodenschätzen. Es war eines der ersten Länder, welches Öl förderte - und versucht seit den Neunzigerjahren an die glorreichen Gründerzeiten anzuschliessen. Momentan werden etwa eine Million Barrell pro Jahr gefördert. Trotz den Petrodollars leben 47 Prozent der Bevölerung in Armut. Aserbaidschan ist eine Republik. Staatsoberhaupt ist İlham Heydär Oğlu Äliyev von der Partei Neues Aserbaidschan. Seit 1992 kann das Volk offiziell wählen – doch die Wahlen gelten als manipuliert. Im Demokratie-Index von «The Economist» liegt das Land auf Platz 135 von 167 Nationen. Im Korruptionsindex auf Platz 134 von 178 Nationen. Der NGO «Freedom In the World» klassifizert Aserbaidschan in der schlechtesten Kategorie «Nicht frei». Der Polizei wird Willkür und Folter vorgeworfen, die Wahlen sind nicht frei (siehe Politik) und viele politische Gefangene sind in Haft. Ausserdem ist die Pressefreiheit nicht gesichert, kritische Blogger müssen mit Gefängnis rechnen. Am 12. Mai 2011 verabschiedete das Europäische Parlament eine Resolution, in der die Völkerrechtslage in Aserbaidschan verurteilt wurde. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts schwelt zwischen Aserbaidschan und seinem Nachbarland Armenien der Konflikt um die Region Bergkarabach. Diese wird mehrheitlich von Armeniern bewohnt, gehört politisch aber zu Aserbaidschan. Bergkarabach hat sich 1991 unabhängig erklärt, wird international aber nicht anerkannt. Dieser Konflikt hat auch Auswirkungen auf den ESC: So wurden 2009 nach dem Contest 43 Aserbaidschaner verhört, welche sich erdreistet hatten für Armenien abzustimmen. Und die armenische Teilnehmerin Emmy nahm 2011 in Düsseldorf aus Protest nicht an der Gewinnerparty Aserbaidschans teil: Mit "denen" wolle sie nicht feiern. In der Schweiz kennt man Aserbaidschan vor allem wegen dem «Debaku», der wohl blamabelsten Niederlage in der neueren Schweizer Fussballgeschichte. Es war damals der erste Sieg überhaupt der aserbaidschanischen Nationalmannschaft in einem EM- oder WM-Qualifikations-Spiel. Aserbaidschan gewann damals, am 31. August 1996, 1:0 gegen die Schweiz in der EM-Quali. Während man im Fussball sonst kein Bein auf den Boden bekommt, ist Aserbaidschan im Futsal vorne mit dabei. Sonst ist Aserbaidschan im Sport keine Macht, nur im Schach und im Ringen gehört die Kaukasusrepublik zur Weltspitze. in der Schweizer Hitparade immerhin auf Platz 22. Sonst orientiert man sich musikalisch - wie auch beim Essen - stark am westlichen Nachbarn Türkei.

Bildstrecke: «Aserbai ... was?». Aserbaidschan und der Song Contest - eine Erklärung.

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Gross war die Freude in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku, als am 14. Mai 2011 mit Ell & Nikki der Beitrag aus ihrem Land den Eurovision Song Contest gewann. Gross war indes auch der Zweifel etlicher Kommentatoren, welche die Eignung Bakus als Austragungsort für den ESC infrage stellten.

Im Demokratie-Index von «The Economist» liegt Aserbaidschan auf Platz 135 von 167 Nationen. Im Korruptionsindex auf Platz 134 von 178. Zudem: Die für den Song Contest wichtige Fangruppe der Homosexuellen dürfte in Baku fehlen, denn laut Menschenrechtsorganisationen müssen Schwule in aserbaidschanischen Gefängnissen mit Folter und Gewalt rechnen.

Doch vor allem zweifelte man an der organisatorischen Machbarkeit: Von veralteter Infrastruktur und chaotischen Zuständen beim Nationalfernsehen war die Rede. Und: Wo genau findet der Event statt?

Prunkbau mit Schattenseite

Seit geraumer Zeit weiss man: Für die drei ESC-Live-Events im Mai 2012 wird in Zentrum von Baku eigens die «Crystal Hall» gebaut. Nun erreichten uns aber im Dezember 2011 besorgniserregende Berichte über Zwangsräumungen von Wohnungen, auf dem Gebiet, auf dem das neue Stadion zu stehen kommt. Der Bericht von Damien McGuiness für den britischen Newsdienst BBC warf dabei besonders hohe Wellen.

Von Pensionären, die von Schlägertrupps bedroht werden, damit sie ihre Wohnungen zum Abriss frei geben, ist dort die Rede. «Sie sagten, wir dürfen uns nicht gegen unsere Regierung auflehnen, wir hätten keine Rechte – und kein Haus», wird Pensionärin Natalya Alibekova im Bericht zitiert. Strom, Gas und Wasser wurden schon mal abgedreht – dies trotz Wintertemperaturen.

Rüge an die BBC

Solche Berichte sind denkbar schlechte Publicity. Doch Baku weiss die Europäischen Rundfunkunion EBU, die den Song Contest veranstaltet, auf ihrer Seite. Gemäss dem aserbaidschanischen Newsdienst News.az soll Ende Dezember in Genf eine Krisensitzung der EBU stattgefunden haben, auf dem eine formelle Beschwerde an die BBC folgte.

Man sei bei der EBU besorgt über die «Politisierung des Contests»: «Die BBC führt eine Kampagne gegen die aserbaidschanische Regierung und gegen den Eurovision Song Contest», wird ein Sprecher zitiert. Die Behauptungen, wonach der Song Contest als Druckmittel in Zusammenhang mit der Bautätigkeit benutzt werde, seien «haltlos», weshalb nun eine «Warnung» an die BBC geschickt worden sei.

EBU beschwichtigt

Eine Sprecherin der EBU dementierte auf Anfrage von 20 Minuten Online, dass eine solche Krisensitzung stattgefunden habe. Sehr wohl wurde aber eine Replik an die BBC geschickt. Darin wird konstatiert, dass die EBU «zu keiner Zeit den Bau einer neuen Konzerthalle verlangt habe». Zudem habe man drei verschiedene Veranstaltungsorte in Baku ins Auge gefasst, von dem der neue Crystal Hall nur eine davon sei.

Was die Bautätigkeit für Letzteres angeht, stützt sich die EBU nolens volens auf Angaben der aserbaidschanischen Behörden: Der Bau der Halle erfolge auf einem «sauberen Baugelände, auf dem keine Hausabrisse nötig sind», so die Mitteilung. Die Innenstadt Bakus werde ohnehin im grossen Stil renoviert, was nichts mit dem Song Contest zu tun habe.

SF: Abrisshaus auf Baugelände

Mitglieder vom Produktionsteam des Schweizer Fernsehens SF, die im November 2011 mit Moderator Sven Epiney das Baugelände in Baku besuchten, berichten von einem Gebäude auf der Baustelle, «das bereits teilweise abgetragen war». «Der Crew wurde mitgeteilt, dass dieses Gebäude seit geraumer Zeit ungenutzt sei und abgerissen werde», so Bernhard Strapp, ESC-Verantwortlicher beim SF.

Der kritische Bericht der BBC wird aber gestützt von diversen Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch. Auch gibt es mehrere Berichte anderer Medien über aserbaidschanische Staatswillkür in Zusammenhang mit der prestigeträchtigen Renovierung der Innenstadt Bakus. Gulu Ogtay Halilov, zuständiger Minister vom Hochbauamt Baku, verzichtete bisher auf eine Stellungnahme.

Apolitisches Freudenfest

Vollständige Gewissheit über die Sachlage fehlt. Was bleibt, ist ein fahles Gefühl von einem Fun-Contest, der vor dem Hintergrund von Staatswillkür veranstaltet wird. «Uns ist es am wichtigsten, dass der Eurovision Song Contest nicht benutzt werden soll für Anliegen individueller Gruppen und ihren spezifischen Anliegen», so die EBU in ihrer Mitteilung an die BBC. «Der ESC ist ein Kulturfest, ein freundschaftlicher Wettbewerb, der Menschen und Nationen in einzigartiger Weise zusammenführt. Sein Erfolg liegt massgeblich darin, dass er seinem apolitischen Geist treu geblieben ist.»

Sollten die Berichte der BBC auch nur ein Quäntchen Wahrheit enthalten, dann ist der «apolitische Geist» für die EBU nicht nur wünschenswert, sondern bitter nötig.

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  • Jenny am 19.01.2012 13:43 Report Diesen Beitrag melden

    Schon wieder werden Hunde getötet

    Diese Sendund werd ich boykottieren und zwar aus dem Grund, dass nun auch in Baku unschuldige hilflose Strassenhunde auf grauenvolle Weise umgebracht werden!! Nur wegen dem ESC.

  • Helen am 17.01.2012 14:40 Report Diesen Beitrag melden

    Entwicklungs Hilfe

    Alle Grossanlässe sind Umwelt schädigend und Asozial. In der Musik schreiben die Charts was Sache ist. Für Olympiaden und Fussball EM und WMs werden Armenviertel Planiert und Berge für Skipisten verstümmelt. Besser all das Geld der Entwicklung Hilfe spenden.

  • Marcus König am 17.01.2012 14:05 Report Diesen Beitrag melden

    So nicht....!

    Ich schaue schon seit einigen Jahren diese Sendung nicht mehr. Zum Einen weil es ja wirklich nichts mehr mit Singen zu tun hat, sondern nur wer am meisten Stimme organisieren kann (siehe damals die Norwerger oder was das war). Zum Andern wird auch hier wieder einer beim Schweizer Fernsehen moderieren den ich schon weit über die Halskause über habe! Man kann ja jede Sendung anstellen, der kommt einfach überall! So oder so, die Schweiz könnte viel Geld sparen wenn sie da niemand mehr hinschickt und das ganz auch nicht mehr überträgt. Statt dessen ein alter Schweizer schwarzweiss Film! ;-)