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Tagebuch

07. Juli 2018 08:11; Akt: 07.07.2018 08:11 Print

Schloss-Parkett erzählt Krimi von 1868

Der Boden eines französischen Schlosses verbarg mehr als ein Jahrhundert lang eine Art Lebensbeichte eines Schreiners – ein Krimi auf Holz.

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Der Schreiner Joachim Martin lebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der französischen Gemeinde Crots. Der Handwerker hatte ein Geheimnis, das ihn schwer belastete. So schwer, dass er beichtete – auf einem Holzboden, den er in einem Schloss einbaute.

72 Bretter mit Beichten

Der damals 38-Jährige schrieb die Geschichte auf die Unterseite der Holzbretter, die er für einen Boden im mittelalterlichen Alpen-Schloss von Picomtal nahe der italienischen Grenze verwendete. Im Jahr 2000 fanden die heutigen Besitzer die Schriften auf Holz: 72 Bretter, beschrieben zwischen 1880 und 1881.

«Ein aussergewöhnlicher Fund», sagt der Historiker Jacques-Olivier Boudon, der durch Zufall davon erfahren hatte und mehrere Jahre daran forschte. Ein solcher Einblick ins Dorfleben sei selten – es gebe aus dieser Zeit kaum «vom Volk hinterlassene Spuren».

Erst nach seinem Tod entdeckt

Joachim Martin habe «ohne Tabu» geschrieben, sagt Boudon der Deutschen Presse-Agentur. Der Schreiner ging davon aus, dass der Text erst nach seinem Tod entdeckt wird: «Glücklicher Sterblicher. Wenn du mich liest, werde ich nicht mehr sein», steht auf einem Brett.

Die Einträge sind äusserst intim: «Er schreibt über seine Ängste, seine Familie, seine Nachbarn. Er beschreibt eine Dorfgemeinschaft, die erschüttert ist vom Bau der Eisenbahn, von der Landflucht und von politischen Krisen», schildert Boudon in seinem Buch, in dem auch die einzelnen Einträge abgedruckt sind. Und Martin lüfte «schwerwiegende und intime Geheimnisse» der Dorfbewohner von Les Crottes (heute: Crots) – ein Krimi auf Holz.

Kinder der Mätresse getötet?

Das Drama um die schwangere Mätresse seines Kindheitsfreundes hält der Historiker für den Auslöser der Schriften. Auf einem Holzbrett stand «1868 ging ich um Mitternacht an einem Stall vorbei. Ich hörte Stöhnen. Es war die Mätresse meines Kindheitsfreundes, und sie bekam ein Baby.»

Boudon versteht die Zeilen so, dass das Neugeborene umgebracht wurde – und der Schreiner seinen Freund dafür verantwortlich machte. Insgesamt sechs Kinder habe die Frau bekommen, vier wurden «in besagtem Stall begraben», heisst es auf einem der Brettchen. Martin schwieg damals anscheinend über den Vorfall: «Er ist mein Kindheitsfreund, und seine Mutter ist die Mätresse meines Vaters.»

Über den Dorfpfarrer gelästert

Auf einigen Holzstücken macht er auch seinem Ärger über den Dorfpfarrer Luft, den er als «grossspurigen Lebemann» beschreibt, der sich an Beichtgeheimnissen erfreut: Er wolle wissen, «wie genau man mit seiner Frau schläft. Wie oft im Monat, ob man sie bespringt», dann folgen weitere vulgäre Beschreibungen. Und schliesslich: «Hängt das Schwein.» Bei seinen Recherchen fand der Historiker auch einen Beschwerdebrief über den Pfarrer – unterschrieben von Joachim Martin.

Über den Verfasser ist ansonsten wenig bekannt: Er lebte von 1842 bis 1897, war verheiratet und hatte vier Kinder, wie Boudon schreibt. Er sei ein einfacher Mann gewesen, aber aus seinen Zeilen gehe auch eine gewisse Intelligenz, Kultiviertheit und Liebe zur Sprache hervor. «Meine Geschichte ist kurz und aufrichtig und ehrlich, weil niemand ausser dir meine Schriften lesen wird.»

Das Schloss ist mittlerweile ein kleines Hotel. Auf der Website sucht man vergeblich nach Hinweisen zu Joachim Martins Brettern. «Aber wer danach fragt, dem zeigen wir sie natürlich», sagt Besitzer Jacques Peureux am Telefon. Bei einer Veranstaltung im Sommer soll wieder ein Schauspieler in die Rolle des Schreiners schlüpfen, der vom Dorfleben erzählt.

(mst)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Johnny am 07.07.2018 11:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toll

    Schade kann man den kompletten Text nirgends lesen. Ich hätte gerne mehr über das Denken der damaligen Zeit gelesen.

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  • Chief Operating Officer bei Umbrella Cor am 07.07.2018 08:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Interessante Storie

    Interessanter wäre ja zu wissen,wieso mann den holzboden rausgerissen hat ?

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  • Joe CE am 07.07.2018 10:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gebildet

    Erstaunlich das Lesen und Schreiben zu dieser Zeit schon weit verbreitet war. Und heute?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Acetoacetat am 07.07.2018 22:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gähn...

    Auf France Inter seit 31.10.17 nachzulesen plus 30-minütige Radiosendung: La marche de l'histoire, par Jean Lebrun.

  • Herr Paternoster Live us de Chelle am 07.07.2018 15:29 Report Diesen Beitrag melden

    ja genau

    das ist ein Schloss mit Holzboden. Mehr nicht

  • Gutmann am 07.07.2018 15:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Qualität

    Der gute Schreiner wusste genau um die Qualität seiner Arbeit und Material. Die skandalösen Enthüllungen mussten ihn überdauern und das ist ihm gelungen. Feuer oder Wasser hätten die Beichte vermutlich unleserlich gemacht, wenn zu seiner Lebzeit Aufdeckung gedroht hätte.

  • Johnny am 07.07.2018 11:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toll

    Schade kann man den kompletten Text nirgends lesen. Ich hätte gerne mehr über das Denken der damaligen Zeit gelesen.

    • francaise am 07.07.2018 12:47 Report Diesen Beitrag melden

      Kann man schon...

      Wenn du des Französischen mächtig bist, kannst Du Dir das Buch kaufen: ISBN 978-2410006032

    • Bartli am 07.07.2018 13:59 Report Diesen Beitrag melden

      Geld

      Ebe um das geht es, kaufen. Ich denke Geschichte sollte allen gratis zugänglich sein. Gute PR, mehr nicht.

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  • Joe CE am 07.07.2018 10:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gebildet

    Erstaunlich das Lesen und Schreiben zu dieser Zeit schon weit verbreitet war. Und heute?

    • Ephraim Lercher am 07.07.2018 12:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Joe CE

      Ich schreib die Krimis immer hinter die Türen öffentlicher Klos. Aber sie werden immer von diesen Kunstbanausen in Orange oder Blau weggeputzt.

    • Pia am 07.07.2018 14:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Joe CE

      Heute machen wirs wieder mit Hieroglyphen... in gelb.

    • Ultor am 07.07.2018 14:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Joe CE

      Heute schreiben die Leute auf Facebook, Insta und co. irgend einen " nonsense" Text und fühlen sich wie Experten des Lebens.

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