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Letchworth Village

07. Juli 2018 20:09; Akt: 07.07.2018 20:13 Print

Hier wurden Kinder gezielt mit Polio infiziert

von Meret Steiger - Das Letchworth Village sollte den Umgang mit psychisch Kranken positiv verändern. Medizinische Experimente machten es aber zur Horror-Klinik.

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Dieses Gebäude ist Teil des Letchworth Village, das 1911 in Rockland County, New York, eröffnet worden war. Auf einer Fläche von 9,3 Quadratkilometern sollte hier der Umgang mit psychisch Kranken verändert werden. Die Pflege sollte humaner werden, die Institutionen mehr ein sicherer Hafen als ein Gefängnis für Unerwünschte. Es gab Abteilungen für Kinder, Erwachsene und Kranke. Neben den Unterkünften für die Bewohner gab es eine kleine Kirche, eine Bäckerei und eine Gärtnerei. In dieser Zeit wusste man noch viel weniger über psychische Krankheiten als heute. (Das ist Kunstblut auf dem Boden.) Die Bewohner wurden noch in drei mögliche «Feeble Mindness»-Kategorien (dt. Schwachsinnigkeit) unterteilt: «idiot», «imbecile» oder «moron». Viele Familien schickten ihre psychisch erkrankten Kinder und Verwandten nach Letchworth, in der Hoffnung, dass man sich dort angemessen um ihre Bedürfnisse kümmern würde. Tatsächlich hätten viele der Patienten von Letchworth kein Zuhause gehabt, sie seien verstossen worden. Was so vielversprechend begonnen hatte, sollte bald zu einem Albtraum für die Patienten werden. Das Hauptproblem in Letchworth war die Überbelegung: Es gab viel zu viele Patienten, zu wenig Ärzte und zu wenig Platz. Zusätzlich zur Überfüllung fehlten die finanziellen Möglichkeiten für Modernisierungen oder die Schaffung neuer Schlafplätze für die Patienten. Nach und nach verwandelte sich das Letchworth Village so von einer Modell-Anstalt in eine Horror-Klinik. Zwischen 1921 und 1950 gab es bereits Gerüchte über die Misshandlung von Kindern, aber auch über Lebensmittelmangel und hungernde Patienten. Es gab zu wenig Platz für alle Bewohner, viele schliefen in Gängen und Gemeinschaftsräumen. Die Patienten konnten sich nicht mehr waschen, schliefen teilweise in ihren eigenen Ausscheidungen. Die jüngsten Patienten in Letchworth waren krank, geschwächt und litten unter Mangelernährung – einige starben an Krankheiten, die durch die unhygienischen Bedingungen in der Institution ausgelöst worden waren. Zusätzlich führte das Letchworth medizinische Experimente an lebenden Patienten durch: 1950 wurde ein acht Jahre alter Junge ohne sein Wissen oder seine Zustimmung mit dem Polio-Virus infiziert. Mindestens neunzehn andere Patienten erlitten das gleiche Schicksal. Die resultierende Polio-Impfung war allerdings ein Erfolg, was viele Behörden und Journalisten über die Methoden des Letchworth Village hinweg sehen liess. Der Journalist Geraldo Rivera sollte das Ende von Letchworth Village besiegeln: 1972 erschien sein Bericht über die Zustände in der Institution bei ABC News, 1996 schloss die Klinik endgültig.

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Im frühen 20. Jahrhundert wollte eine Gruppe Revolutionäre den Umgang mit geistig und körperlich behinderten Menschen verändern: Die Pflege sollte humaner werden, die Institutionen eher ein sicherer Hafen als ein Gefängnis für Unerwünschte sein.

Ein geschütztes Dorf

1911 wurde Letchworth Village eröffnet: Auf einer Fläche von 9,3 Quadratkilometern in Rockland County, New York, gab es Abteilungen für Kinder, Erwachsene und Kranke. Neben den Unterkünften für die Bewohner gab es eine kleine Kirche, eine Bäckerei und eine Gärtnerei.

In dieser Gärtnerei konnten die Bewohner, die körperlich dazu in der Lage waren, bei der Aussaat und der Ernte helfen und so einen Teil zum Leben in Letchworth Village beitragen.

Sicherer Hafen für Verstossene

In dieser Zeit wusste man noch viel weniger über psychische Krankheiten als heute, die Bewohner wurden noch in drei mögliche «Feeble Mindness»-Kategorien (dt. Schwachsinnigkeit) unterteilt: «idiot», «imbecile» oder «moron».

Viele Familien schickten ihre psychisch erkrankten Kinder und Verwandten nach Letchworth, in der Hoffnung, dass man sich dort angemessen um ihre Bedürfnisse kümmern würde. Tatsächlich hätten viele der Patienten von Letchworth kein Zuhause gehabt, sie seien verstossen worden.

Überfüllt

Lebten 1921 noch rund 1200 Patienten in Letchworth Village, so waren es bis 1950 bereits über 4000. Zusätzlich zur Überfüllung fehlten die finanziellen Möglichkeiten für Modernisierungen oder die Schaffung neuer Schlafplätze für die Patienten. Nach und nach verwandelte sich das Letchworth Village so von der Modell-Anstalt in eine Horror-Klinik.

Zwischen 1921 und 1950 gab es bereits Gerüchte über die Misshandlung von Kindern, aber auch über Lebensmittelmangel und hungernde Patienten. Es gab zu wenig Platz für alle Bewohner, viele schliefen in Gängen und Gemeinschaftsräumen. Die Patienten konnten sich nicht mehr waschen, schliefen teilweise in ihren eigenen Ausscheidungen.

Das Schicksal der Kinder von Letchworth

Die jüngsten Patienten in Letchworth waren krank, geschwächt und litten unter Mangelernährung. Einige starben an Krankheiten, die durch die unhygienischen Bedingungen in der Institution ausgelöst worden waren. Die sterblichen Überreste dieser Kinder wurden angeblich zu Forschungszwecken verwendet.

Zusätzlich führte man medizinische Experimente an lebenden Patienten durch: 1950 wurde ein acht Jahre alter Junge ohne sein Wissen mit dem Polio-Virus infiziert. Mindestens neunzehn andere Patienten erlitten das gleiche Schicksal. Die resultierende Polio-Impfung war allerdings ein Erfolg, was viele Behörden und Journalisten über die Methoden des Letchworth Village hinwegsehen liess.

Das Ende

Der Journalist Geraldo Rivera sollte das Ende von Letchworth Village besiegeln: 1972 erschien sein Bericht über die Zustände in der Institution bei ABC News. Bis 1996 war Letchworth weiterhin geöffnet, danach wurde es verlassen und zerfällt seit da.

Ein Ort mit einer solch düsteren Vergangenheit wie Letchworth ist natürlich Anlaufstelle für Geisterfans und Forscher des Paranormalen. Es gibt aus Letchworth Village Dutzende von Geistersichtungen, Besucher wollen körperlose Stimmen gehört oder sogar Berührungen gespürt haben.