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Die Jugend 2015

von Tanja Bircher
Sie kiffen, sie gamen, sie beten und sie pflegen Traditionen. 20 Minuten erkundet den Lebensalltag unterschiedlichster Jugendszenen – auf dem Land, in der Stadt und in der Agglo.

Wer ist die Schweizer Jugend? Was will sie? Wovon träumt sie? Was bewegt sie? 20-Minuten hat vier sehr unterschiedliche Gruppen von Jugendlichen getroffen. In einer fünfteiligen Serie erzählen sie von ihren Wünschen, ihren Zielen, ihren Ambitionen und ihren Träumen. Die Landjugend, die Religiösen, die Kiffer und die Gamer gewähren ganz persönliche Einblicke in ihre Welten. Jugendexperte Ivica Petrušić analysiert das Ganze aus Sicht der Erwachsenen.

Die Gamer

2Die Gläubigen 3Die Landjugend 4Die Kiffer 5«Egoistische Jugend»

ZÜRICH. Sie sind bleich, dünn und ernähren sich von Pizza – dieses Bild haben viele Leute von Gamern. Doch wie sieht die Welt durch ihre Brille aus? Zu Gast an einer LAN-Party.

Langsam geht er in die Knie und späht über die zerbröckelte Mauer. Niemand da. Er zückt seine Waffe und macht zwei Schritte. Kein Ton. Er blickt um die Ecke. Leere. Das nächste Haus ist vier Meter entfernt. Er atmet tief durch und schaut zu Boden, Schweisstropfen haben den Sand um seine Füsse dunkel verfärbt. Ein letztes Mal schweifen seine Augen auf das gegenüberliegende Gebäude. Dort wäre er in Sicherheit. Er muss er es versuchen. Er rennt los, ein Schuss ertönt. Er stürzt, eine Blutlache schwappt über den warmen Boden. Er ist tot.

Game over leuchtet auf dem Bildschirm. «Gottverdammi, huere Scheiss!» Andreas schlägt mit der rechten Hand auf den Tisch neben der Tastatur. Andreas ist gross und breit. Er trägt ein buntes Tank-Top, Jeans und Sneakers. Seine muskulösen Oberarme sind tätowiert: Ein Anker, ein Segelschiff, zwei Schwalben und der Unterkörper einer leicht bekleideten Frau. Seine gebräunte Haut steht im Kontrast zu den blond gefärbten Haaren. Zieht er die schwarze Wollmütze aus, stehen sie ihm senkrecht vom Kopf ab. Er streicht mehrmals über die widerspenstigen Haare, die, kaum hat er die Hand entfernt, sich wieder aufrichten. Andreas ist 26 Jahre alt, er ist Projektleiter in einer Metallbaufirma und stammt ursprünglich aus Hamburg. Er spricht Schweizerdeutsch. Sein Gamername lautet Pfeffi. Von Pfeffer. Das ist sein Nachname.

«Ich kann mich nie entscheiden, was ich anziehen soll.»

«Morgens und mittags esse ich 200 Gramm Reis und 200 Gramm Pouletfleisch. Am Abend mache ich mir einen Thunfischsalat. Montag bis Freitag. Ja, ich bin eitel. Ich brauche eine Stunde im Bad, bevor ich in den Ausgang gehe. Ich kann mich nie entscheiden, was ich anziehen soll. Ich habe 50 Paar Schuhe.»

Rund 20 Zocker sind an diesem Tag im Lokal erschienen. Organisiert wird der Event von einer grossen Gaming-Community, die mehrere Tausend Mitglieder hat. «Das ist keine typische LAN-Party», sagt Erwin. «Normalerweise müssen die Gamer ihr ganzes Equipment selbst mitbringen. Hier aber wird es uns zur Verfügung gestellt. So was Ähnliches gibt es sonst nur noch in Bern.»

Zwei Reihen von je fünf Computern stehen einander gegenüber – mitten im längs gebauten 120 Quadratmeter grossen Raum. Neben dem Eingang stehen drei Ledersofas in einer Nische, davor befindet sich eine Toilette, ein Lavabo und ein hoher Bartisch. Ganz hinten stehen vier Liege-Sitzsäcke und ein weiteres Sofa, ausgerichtet auf zwei gigantische Leinwände.

«Acht Stunden game ich täglich. Schätze ich. Zumindest wenn ich frei habe.»

Erwin spricht leise und lacht leise. Er ist schlank und bewegt sich gemächlich. Erwin ist der Gründer der Gaming-Community. Ursprünglich wollte er nur einen Server für das Spiel Minecraft anbieten. Da sich jedoch innert Kürze immer mehr Leute angemeldet hatten, baute er sein Angebot aus. Heute kann man über seine Homepage League of Legends, World of Warcraft, DayZ, Altis Life und viele andere Games spielen.

«Meine grösste Sehnsucht? Einen Ort zu schaffen, wo Harmonie herrscht, wo sich alle wohl fühlen und auf respektvolle Art miteinander umgehen. Ein anständiger Umgang ist mir wichtig. Deswegen steht das auch auf unserer Homepage.»

World of Warcraft

World of Warcraft

Erwin ist 25 Jahre alt, seine Freundin 34. Sie ist schwanger, im achten Monat. Erwin wollte eigentlich nie Kinder. Er hatte Angst um seine Freizeit. Jetzt bekommt er einen Sohn. Er freut sich. Irgendwie.

«Lauf, du blöde Hueresohn, gottverdammi, lauf!»

«Lauf, du blöde Hueresohn, gottverdammi, lauf!», schreit Simon. Er spielt zusammen mit Noemi gegen Andreas und Pascal Fussball. Die vier liegen auf den S-förmigen Matratzen, den Controller in den Händen, und starren auf den gigantischen Bildschirm. «So chame doch nöd spiele», sagt Simon. Er setzt sich auf und rutscht ganz an den Rand seiner Liege. Fiebrig drückt er auf die Knöpfe. Er umklammert den Controller so fest, bis die Unterseite seiner Hände weiss werden. «Lauf, gottverdammi, lauf!» Sein Spieler verfehlt den Ball. «So es scheiss Spiel», frustriert wirft das Gerät zu Boden. «Ich spiel niemeh Fifa, ich schwörs.»

Insgesamt drei Games werden an diesem Tag gespielt. Eines davon ist Counterstrike. Ein Ego-Shooter-Spiel, bei dem Polizisten gemeinsam gegen Terroristen kämpfen müssen, deren Ziel es ist, eine Bombe zu legen und zu zünden. Hier geht es um Strategie und Teamplay. Man kann nur gewinnen, wenn man zusammenarbeitet. Jeder spielt an seinem Computer und verständigt sich via Headset mit seinen Mitstreitern. Für das Fifa-Game und das Autorennen Mario Cart hat Erwin ein Turnierplan zusammengestellt. Je eine Viertelstunde haben die Zweiergruppen Zeit, das andere Team zu besiegen. Am Schluss treten die Sieger gegeneinander an.

«Ich habe fünf Mal die Schule gewechselt. Das war für mich jedes Mal ein neuer Lebensabschnitt. Du kommst in eine neue Klasse, mit neuen Leuten, musst immer wieder von vorne beginnen. Das hat mich sehr geprägt. Heute kann ich mit Menschen jeder Altersklasse umgehen, ich komme mit allen ins Gespräch. Meine frühere Scheue ist weg. Ich bin es mich gewohnt, Leute zu treffen, die ich nicht kenne, mich anzupassen und mich zu integrieren. Ich bin sehr selbstbewusst.»

Noemi ist 14 Jahre alt und besucht die Informatikmittelschule. Sie hat zwei Klassen übersprungen und einen IQ von über 140. Sie ist das einzige Mädchen hier. Noemi hat eine tiefe Stimme. Sie trägt eine grosse Brille mit viereckigen Gläsern und schwarzem Rand, ihre Haare sind aschfarben, lang und seidig. Noemi zuckt bei jedem Satz leicht die Schultern. Sie ist schlank und schlaksig. Nima nennen sie ihre Freunde online.

«Wie alt fühle ich mich? Diese Frage habe ich mir schon oft gestellt. Auf dem Papier bin ich zwar 14, aber ich fühle mich wie 16, vielleicht 17. Ich bin schon als kleines Mädchen lieber am Tisch mit den Erwachsenen gesessen, als mit meinen Freundinnen am Boden zu spielen. So bin ich halt. Das ist speziell, ja. Viele wundern sich auch. Aber man gewöhnt sich daran.»

«Der Reiz ist nicht, jemandem eine Kugel durch den Kopf zu jagen»

Erich leitet das Lokal. Alle zwei Wochen empfängt er Gamer von verschiedenen Communities. Auch er liebt das Zocken. «Wir sind keine Nerds oder Eigenbrötler, wir stehen auch nicht darauf, zu töten.» Gamen sei ein Hobby so wie Salsa tanzen. Es eröffne einem den Zugang zu einer anderen Welt. Es sei ein Ausgleich zur täglichen Hektik im Job. Natürlich gebe es auch unter den Gamern komische Leute, so wie überall.

«Der Reiz am Ego-Shooter ist nicht, jemandem eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Es geht ums Überleben, es geht um Taktik und Strategie. Wenn man jemanden tötet, dann freut man sich, weil man einen weiteren Kontrahenten ausgeschaltet hat und nicht, weil der jetzt blutüberströmt am Boden liegt.»

Jetzt stehen die Gamer um den Tisch beim Eingang versammelt und essen Pizza. «Ja, das ist jetzt echt ein Klischee, das stimmt. An solchen Anlässen essen wir immer Pizza», sagt Erwin und lacht leise. Andreas, Pascal und Simon trinken Bier. «Schöne Kellerbräune», sagt Andreas und deutet kichernd auf Simons bleichen Arm. «Heb d‘Frässe, Mann, ich ha halt kei Ziit zum jede Tag is Solarium ga, du huere Tussi.»

Andreas‘ Eltern haben sich getrennt, als er sechs Jahre alt war. Er hatte trotzdem eine schöne Kindheit. In seiner Clique war er immer der Dicke. Pummelchen nannten sie ihn. Irgendwann hatte er genug davon. Er begann zu trainieren und stellte seine Ernährung um. Heute fühlt er sich toll.

Noemi ist mit Technik aufgewachsen. Sie will irgendwann Programmiererin werden. Sie will das Gamen frauenfreundlicher machen. Sie will heiraten und Kinder, vielleicht. Ein Haus mit Gartenzaun und Labrador. Vielleicht. Aus ihrer Erfahrung weiss sie, dass es immer auch eine Alternative gibt, die genauso gut sein kann.

Erwin wird seine Community weiter ausbauen. Noch mehr Games anbieten, noch mehr Mitglieder gewinnen. Er will dieses Paradies, wie er es nennt, wo sich alle zu Hause fühlen, perfektionieren. Damit er sich zu Hause fühlt. Und er will mit seinem Sohn, der bald geboren wird, eines Tages «League of Legends» spielen.

Namen von der Redaktion geändert.

Die Gläubigen

1Die Gamer 3Die Landjugend 4Die Kiffer 5«Egoistische Jugend»

SULGEN. Stefanie und Philipp sind Mitglieder in der Freikirche Sulgen. Ihr Leben dreht sich um Gott. Was denken sie über Homosexualität, die Entstehung der Welt und Sex vor der Ehe? Ein Blick in die Welt einer freikirchlich-evangelischen Jugendgruppe.

«Ich habe kein Bild von Gott im Kopf, nur Eigenschaften. Ich weiss, es gibt nur einen Gott und er ist der Schöpfer. Er ist allmächtig, er bestimmt über Gut und Schlecht. Er kennt und liebt jeden von uns. Er ist gnädig und gerecht. Auch wenn wir seine Gerechtigkeit nicht immer verstehen. Wir müssen nichts leisten, damit Gott uns liebt. Er liebt uns sowieso. Dies hat Jesus uns auf der Erde gezeigt. Er ist uns mit sehr viel Ehrfurcht und Respekt begegnet. Er hat gesagt, scheissegal, ob du gelähmt oder blind bist, komm zu mir und ich liebe dich.»

Stefanie ist 21 Jahre alt. Sie ist dünn und hat lockige, lange braune Haare, die sie im Nacken zusammengebunden hat. Ihr Gesicht ist fein, bleich. Ihre Augen tief blau. Sie lächelt, wenn sie spricht und wenn sie schweigt.

Das Gotteshaus der Freikirche in Sulgen ist unauffällig. Es könnte auch eine Mehrzweckhalle sein. Der Raum ist gross, weiss und hell - mit wenig Holz. Auf der rechten Seite jedes Stuhls liegt ein Gesangsbuch und ein kleiner weisser Zettel:

1. Die heutige Predigt hat mich angesprochen:
  1. Ja, sehr
  2. Ziemlich
  3. Eher nicht
  4. Nein, gar nicht
2. Ich könnte mir Reto Gloor als neuen Pastor vorstellen:
  1. Ja, sehr
  2. Ziemlich
  3. Eher nicht
  4. Nein, gar nicht

«Das mit den Affen, also die Evolution, ist eine Theorie, genauso wie die Schöpfung. Die Frage ist also, an welche Theorie glaubst du? Der Urknall aber ist bewiesen. Deswegen schliesse ich ihn nicht aus. Aber ich weiss: Gott hat die Erde erschaffen. Ob er dies durch den Urknall oder auf andere Art gemacht hat, ist offen. Er hat auf jeden Fall an diesen sieben Tagen die Erde erschaffen, aber dass es einen Urknall gegeben hat, kann trotzdem sein. Keine Ahnung, irgendwie geht das nicht auf. Solche Diskussionen haben wir viele, vor allem mit Nicht-Christen oder Andersgläubigen. Das ist Alltag für uns. Trotzdem gibt es nicht auf alles eine Antwort.»

«Es gibt nicht auf alles eine Antwort»

Philipp ist 24 Jahre alt, gross, schlank. Er sei skeptisch, sagt er. Skeptischer als andere. An Gott zu glauben, sei trotzdem der Sinn seines Lebens. Die Gnade Gottes sei ein Geschenk, das man nicht ablehnen dürfe. Der Gottesdienst in seiner Gemeinde entspricht nicht immer seinen Vorstellungen. Er geht gerne in die ICF, International Christian Fellowship.

Philipp und Steffi sind Geschwister. Sie sind Mitglieder der Jugendgruppe der freikirchlich, evangelischen Gemeinde Sulgen (FEG) und besuchen jeden Sonntagmorgen den Gottesdienst.

Die FEG sucht einen neuen Pastor. Reto Gloor hat heute seine Vorstellungspredigt. «Aber zuerst beginnen wir mit den News aus der Gemeinde», sagt Rolf Messmer, Vorstandsmitglied der FEG. Er steht auf der Bühne vorne im Saal. Ein grosses Holzkreuz, leicht schräg, hängt hinter ihm an der weissen Wand. Rund 350 Menschen sitzen im Raum. «Albert erzählt uns, wie es seiner Frau Astrid geht, die wegen einer Blutvergiftung ins Spital musste. Albert!»

Albert, ein Mann mit schütterem Haar und gebücktem Gang, schreitet auf die Bühne und greift zitternd nach dem Mikrophon. «Guten Morgen miteinander, ich möchte mich zu allererst bei allen ganz herzlich bedanken, die für meine Frau gebetet haben. Sie ist über dem Berg, es geht ihr besser, aber sie ist noch immer intubiert und nicht ansprechbar.»

Raunen im Saal.

«Jeden Tag gehe ich zu ihr, ich weiss nicht, ob sie das realisiert, ich hoffe es. Danke nochmals für alle Gebete, ich denke, es ist wichtig, dass ihr dran bleibt. Denn es kann noch eine Weile dauern, bis wir – wie ich meinen Kindern gesagt habe – wieder jemanden zu Hause haben, der uns zu Mittag kocht.»

Anzahl religiöser Gemeinschaften in der Schweiz
Anzahl %
Römisch katholisch 1750 30.5
Christkatholisch 35 0.6
Evangelisch-reformiert 1094 19
Evangelisch freikirchlich 1423 24.8
Christlich orthodox 58 1
Andere christl. Gemeinschaften 399 7
Jüdisch 33 0.6
Muslimisch 315 5.5
Buddhistisch 142 2.5
Hindu 189 3.3
Andere relig. Gemeinschaften 296 5.2
Total 5734 100
Quelle: National Congregations Study Switzerland

«Es kann sein, dass der Glaube an Gott den Glauben an die Physik oder eine Wissenschaft ausschliesst. Eigentlich spielt das keine Rolle. Es gibt jeden Tag Wunder, die beispielsweise die Regeln der Medizin ausser Kraft setzen. Ich weiss das aus eigener Erfahrung.»

Stefanie blickt ernst. Sie spricht laut. Lauter als sonst. Sie setzt sich aufrecht hin, streift sich eine aus ihrem Haargummi gelöste Locke aus dem Gesicht und holt tief Luft.

«Ich sollte eigentlich tot sein. Mir ist letztes Jahr der Blinddarm geplatzt und die Ärzte haben es viel zu spät gemerkt. Ich bin vier Tage im Spital gelegen, ich konnte mich nicht mehr bewegen, ich konnte nicht mehr essen, ich habe sieben Kilo abgenommen, meine Haut war grau, meine Augen haben sich in den Schädel zurückgezogen. Der Arzt ist nach der Operation zu mir gekommen und hat gesagt, ich sei ihm ein Rätsel. So etwas habe er noch nie erlebt. Das war ein Wunder. Ich weiss, dass Gott mich da hindurchgeführt hat - und das beweist, dass es ihn gibt.»

Jetzt ist Reto Gloor an der Reihe, der auswärtige Pastor, der heute in Sulgen seine erste Predigt hält, zusammen mit seiner Frau Barbara muss er zum Interview auf die Bühne. Reto Gloor wischt sich die Hände an den Hosen ab, versucht zu lächeln. Messmer und seine Frau stehen mit Mikrophonen in der Hand bereit.

Gloor ist gross gewachsen, schlank und kräftig. Sein dunkles Haar ist kurz geschnitten und lässt hinten an seinem Kopf eine kahle Stelle frei. Das Gesicht ist kantig und schmal. Er steht aufrecht, fast stramm. Reto Gloor war, bevor er Pastor wurde, Polizist.

«Nützt dir das heute in deinem Beruf als Pastor etwas? Schliesslich geht es ja bei beidem um Schuld und Sühne.» Gloor: «Ja, im Umgang mit Sündern haben mir meine Verhörtechniken schon oft geholfen.» Er lacht laut ins Mikrophon. Das Interview gleicht selbst einem Verhör. Messmer und seine Frau stellen eine Frage nach der anderen. Wo bist du aufgewachsen? Wie hast du deine Frau kennen gelernt? Wie viele Kinder habt ihr? Wann hast du zum Glauben gefunden? Was bedeutet Gott für dich? Wieso willst du hier bei uns Pastor werden?

«Wir dürfen in dieser gestressten, hektischen Zeit nicht vergessen, an Gott zu denken und uns Zeit für ihn zu nehmen.»

Schliesslich darf Gloor mit seiner Predigt beginnen. Er erzählt von Martha, einer jungen, hübschen Frau, die eines Tages Jesus kennenlernte und ihn zu sich nach Hause einlud. «Das war zu jener Zeit aussergewöhnlich, dass eine Frau einem Mann auf so selbstbewusste Weise entgegentrat», sagt Gloor. Jesus nahm die Einladung an und traf in Marthas Haus auf deren jüngere Schwester Maria. Sie kniete sich vor Jesus hin und begann sofort mit ihm zu sprechen. «Er war schliesslich eine Berühmtheit, so wie Roger Federer heute.» Martha aber machte sich in der Küche zu schaffen, sie wollte eine gute Gastgeberin sein. Während also Maria Jesus zu Füssen sass und ergeben seinen Geschichten lauschte, schuftete Martha in der Küche. Mit der Zeit reichte es der älteren Schwester aber, sie ging ins Wohnzimmer und sagte zu Jesus: «Findest du es in Ordnung, dass ich arbeite, während meine Schwester hier sitzt und sich mit dir unterhält? Wieso sagst du ihr nicht, sie solle mir helfen?» Jesus aber antwortete: «Martha, du liegst falsch, du beschäftigst dich mit Nebensächlichkeiten wie Essen und Trinken, aber Maria hat erkannt, was wichtig ist.» Und Gloor predigt laut: «Wir dürfen in dieser gestressten, hektischen Zeit nicht vergessen, an Gott zu denken und uns Zeit für ihn zu nehmen.»

  • Die Gläubigen
  • Die Gläubigen
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Philipp: «Was ich nicht gerne höre, ist, wir seien konservativ. Gerade, wenn es um Alkohol und Ausgang geht, denn auch ich trinke Alkohol und gehe gerne in den Ausgang.»

Steffi: «Wir haben auch schon den Satz gehört: Was, du darfst Alkohol trinken? Ich verstehe das schon, ich kenne ja die Vorurteile, die viele uns gegenüber haben. Weisst du, wie oft ich die Frage höre: Du äh, sorry, aber wie gsehsch du das mit em Sex vor de Ehe? Logisch, ich würde das wahrscheinlich auch fragen, wenn ich an ihrer Stelle wäre. Ich versuche dann auch Antwort zu geben.»

Philipp: «Damals in der Bibel haben die Leute erstens auch in einem anderen Alter geheiratet und zweitens bedeutete miteinander zu schlafen auch automatisch, dass man liiert war. Homosexualität ist auch ein super Thema bei uns in der Schule oder Abtreibung.»

Steffi: «Ich glaube ganz klar, dass Gott uns gemacht hat. Das heisst, so wie du auf die Welt kommst, so bist du. Wie das mit Zwittern funktioniert, verstehe ich aber auch nicht.»

Philipp: «Ja, oder wenn du als Frau zur Welt kommst, dich aber als Mann fühlst.»

Steffi: «Da bin ich auch überfragt, da weiss ich nicht, was ich denken soll. Gemein gesagt, bin ich einfach froh, nicht in dieser Lage zu sein.»

Philipp. «Es gibt auch Christinnen, die sich als Mann fühlen und sich operieren lassen. Oder Schwule. Mein bester Kollege in der Schule ist schwul. Für mich ist das völlig ok. Also völlig ok - in dem Sinne, dass ich damit umgehen kann, ich akzeptiere das.»

Steffi: «Ja, ich habe auch eine Lesbe als Kollegin, das ist voll easy. Wenn das für sie stimmt.»

«Gott erschafft keine schwulen oder lesbischen Menschen. Wieso diese Menschen so sind, weiss ich auch nicht.»

Philipp: «Gott würde nicht wollen, dass wir über sie urteilen. Er liebt sie genau so sehr wie uns. Für mich persönlich kommt aber bei der Homosexualität der Mensch ins Spiel, durch unsere Sünden haben wir vieles zerstört. Gott erschafft keine schwulen oder lesbischen Menschen. Wieso diese Menschen so sind, weiss ich auch nicht. Das ist echt eine gute Frage, was glaubst du?»

Steffi: «Ich glaube auch nicht, dass Gott diese Menschen so erschaffen hat. Aber es ist für mich keine Frage, dass wir sie trotzdem so akzeptieren sollen, wie sie sind.»

Philipp: «Ja, aber wieso sind sie schwul?»

Steffi: «Keine Ahnung, ich weiss nur, dass Gott mit jedem Menschen einen Plan hat. Wir wissen ja nicht, was dieser Mensch alles durchlebt hat, wir wissen nichts über seine Vorfahren oder Eltern. Alles, was du heute tust, alles was du getan hast, die ganze Schwangerschaft und Geburt, alles hat irgendeinen Einfluss darauf, wie du bist. Gott hat die Kontrolle über alles, aber vielleicht hat er einfach etwas zugelassen, das dazu geführt hat, dass jemand schwul wird. Das ist für mich auch ein komplexes Thema.»

Philipp: «Zweifeln gehört auch zum Glauben. Sonst wären wir ja total naiv. Aber das wollen wir nicht sein, naiv.»

Die Landjugend

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RÖTHENBACH IM EMMENTAL. Man verschreit sie gerne mal als hinterwäldlerisch, engstirnig oder ausländerfeindlich. Doch wie ticken junge Leute vom Land wirklich? Ein Augenschein am Jahrestreffen der Schweizerischen Landjugendvereinigung.

«Im Kosovo bin ich gewesen. Mit dem Militär. Als Koch. Anderi Sitte und Lüüt und so, isch scho geil. Da fliegst du zwei Stunden mit dem Flugi, Ökologie gleich null. In der Schweiz wird das gross geschrieben: Grünguet, Ökogas, alle huere Seich. Man müsste diese Menschen dort unten unterstützen, damit sie lernen, wie man mit der Umwelt umgeht. Das dauert aber sicher noch zwei Jahrzehnte. Isch eso.»

Nils ist 23 Jahre alt, Schweizer, Sohn eines Malers und einer Verkäuferin. Sein Lachen ist laut und kurz, seine Stimme wird hoch und überschlägt sich dabei.

14 Uhr. Der Weg schlängelt sich in engen Haarnadelkurven den Berg empor. Weite, grüne, saftige Wiesen erstrecken sich ins vermeintlich Unendliche. Es regnet grosse Tropfen. Ein Traktor keucht langsam den Hügel empor. Röthenbach im Emmental steht auf einer kleinen Tafel. Immer wieder erscheinen stattliche Bauernhäuser, die hoch oben auf den Kuppen der grünen Hügel thronen. Von weitem sieht man durch den Regenschleier ein paar Häuser und eine kleine Kirche. Auf der Höhe des ersten Hauses steht ein Schild in Form eines Pfeils: Schweizerische Landjugend Herbstinfotag.

«Hier spielt es keine Rolle, wer ich bin, was ich mache, es reicht, dass ich da bin.»

«Ich bin gelernter Koch. Mir ist egal, wo ich koche, Hauptsache à la Carte, sicher nicht im Altersheim oder im Spital. Das ist ja nur Fliessbandarbeit. Ich kenne keinen Koch, der über 40 ist und noch normal im Kopf. Die Landjugend ist mein Ausgleich, eine Auszeit von der Hektik. Hier spielt es keine Rolle, wer ich bin, was ich mache, es reicht, dass ich da bin.»

Die Wörter sprudeln aus Nils’ Mund heraus, bevor er ihnen eine Form geben, bevor die Zunge sich um jede Silbe schlingen kann. Seine Gedanken scheinen seinem Sprechapparat voraus zu sein. Eine dünne getrimmte Linie Haare führt von Nils Schläfen aussen an den Wangen vorbei, teilt sich auf beiden Seiten des Kinns und bahnt sich den Weg zwischen Lippe und Nase hindurch. Sein Mund ist konstant in Bewegung, seine Hände auch. Er gestikuliert wild, wie eine Windmühle.

Die Schweizerische Landjugendvereinigung wurde einst gegründet, um den Kindern von Landwirten, die in abgelegenen Dörfern weit voneinander entfernt lebten, die Möglichkeit zu geben, sich regelmässig zu treffen. Sie besteht aus insgesamt 56 Landjugendgruppen der fünf Regionen West, Winkelried, Nord, Ortstock und Ostschweiz. Potenzielle Mitglieder werden nach der Konfirmation von der Landjugend angeschrieben und zum Eintritt aufgefordert. Meist waren ihre Eltern, Geschwister oder Freunde bereits im Verein. Mit spätestens 30 Jahren gilt man nicht mehr als jugendlich und tritt aus. Die Landjugend ist überkonfessionell und politisch unabhängig. «Jeder ist bei uns willkommen, wir wollen einfach eine gute Zeit haben zusammen», sagt OK-Präsident Ueli Lichter.

15 Uhr. In der mit einer Plastikplane überspannten Halle erklingt ein unregelmässiges und lautes Klopfen von Metall auf Metall. Sieben junge Männer und Frauen sitzen in gelben Jacken im ganzen Raum verteilt auf Stühlen und hämmern auf grosse Sensen, während der Regen unablässig auf das Dach trommelt. Auch Nils sitzt breitbeinig auf dem Stuhl, seine Wangen sind rot, sein Mund ist leicht geöffnet. Konzentriert starrt er auf die Sägesse auf seinem Bock, mit dem Hammer schlägt er vorsichtig darauf. Er dengelt – schärft eine Sense. Nebenan ist eine weitere Lagerhalle zu einem Kurslokal umfunktioniert worden. Hier wird gwedelet – Holz gesägt, gehackt, zerschnitten und zu schönen Bündeln zusammengebunden.

«An Tagen wie heute geht es darum, die gemeinsame Zeit zu geniessen. Die Kurse sind spannend, ja. Aber es ist vor allem schön, all die Leute wieder zu sehen und zusammen zu trinken, zu essen, zu reden. Ehrlich. Das klingt jetzt abgedroschen, aber es isch eso. Schläft ihr auch hier? Habt ihr einen Schlafsack? Ihr könnt meinen haben. Im Dezember fahren wir nach Davos an einen Ski-Tag, kommt doch auch!»

Nils nimmt sich zwei Ragusa-Riegel von der Theke, geht zu einem seiner Kollegen und drückt ihm einen davon in die Hand. «Chum jetzt use in Rege, denn wirsch villicht au mal no chli schöner.»

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Der Herbstinfotag dauert von Samstag bis Sonntag. Die Landjügeler, wie sie sich selbst nennen, haben an diesem Wochenende die Möglichkeit, verschiedene Kurse zu besuchen, an denen sie ein für die Region typisches Handwerk erlernen. Dazu gehören nebst wedele und dengele auch Baumstämme zu Holzschnitzeln verarbeiten, Gemüse dekorativ schnitzen, Käsefondue machen und speziell für die Frauen: Eine Handcreme herstellen. Rund 80 Mitglieder sind dieses Jahr aus der ganzen Schweiz in die 1500-Seelen-Gemeinde im Kanton Bern gereist.

«Ich bin schon in 13 Ländern gewesen und ich möchte noch mehr sehen. Reisen öffnet dir die Augen, reisen verändert deine Weltansicht und deinen Blick auf deine Heimat. Wenn du zurückkommst, dann schätzt du alles so viel mehr. In der Schweiz funktioniert das ÖV-System, wir haben grüne Wiesen und warmes, fliessendes Wasser, alle werden unterstützt. Mir hat im Kosovo mal einer gesagt: Es ist reines Glück, wo du rausgeschissen wirst. Isch eso.»

Nils zieht den Inhalt seiner Nase geräuschvoll hoch. «Hät no Platz», sagt er, während er mit der linken Hand eine kleine, runde, silberne Dose aus der Hosentasche zieht. «Wotsch au en Schnupf?» Sein spitzes, hohes Lachen peitscht durch den Raum. Niemand kann ernst bleiben.

16 Uhr. Sie stehen auf einem der vielen grünen, saftigen Hügel, ihre Kapuzen weit ins Gesicht gezogen. Ein Lastwagen steht oberhalb eines Abhangs, ein Kran greift nach einem Baumstamm, lässt ihn durch die Luft schweben und schiebt ihn langsam in einen sich drehenden, mahlenden Metallmund. Fast zeitgleich spuckt ein grosses Rohr den Baumstamm in kleinen Schnitzeln wieder aus. Nils blickt mit ernstem Gesicht auf die fliegenden Holzstücke.

«Was ist mir wichtig im Leben? Gute Frage.»

«Dass du immer ein volles Tabakdösli hast», sagt Jacqueline und zwinkert Nils zu. Sie ist 24 Jahre alt, blond und ungeschminkt.

17 Uhr. Die Landjügeler sitzen in der kleinen Kirche. Jacqueline hält ihr Handy in der Hand und starrt mit leicht zusammengekniffenen Augen auf den Bildschirm. Ihre Brille ist ihr auf die Nasenspitze gerutscht. Ein Whatsapp-Chat namens «Friends Forever» leuchtet auf dem Gerät. Jacqueline tippt schnell und lächelt abwesend. Während der Pfarrer seine Predigt hält, holt sie eine Handcreme hervor, drückt je zwei kleine beige Tropfen auf die Oberseite ihrer Hände und verreibt sie langsam und vorsichtig zwischen jedem Finger. Ihre Nägel sind kurz geschnitten, sie trägt Perlohrringe und eine Spange im Haar. Ihre Bauchtasche, die auf ihren Knien liegt, ist ordentlich einsortiert. Labello, Taschentücher, Brillenetui.

Hinterwäldler, Bauernsöhne, Heiratsvermittlung. Diese Vorurteile kennt Jacqueline. «Die Landjugend wird vor allem bei Städtern nicht ernst genommen», sagt sie. «Ausländerfeindlich sollen wir auch sein. Ich habe nichts gegen Ausländer.» Sie würde sich sogar freuen, wenn Ausländer und auch Städter in die Landjugend kämen. «Aber die wollen nicht.»

So funktionieren Dengele, Wedele und Holzschnitzel-Herstellen

«Trotzdem beschäftigt mich das aktuelle Thema Asylanten. Ich bin der Meinung, dass wir zu viele haben in der Schweiz und auch zu viel Geld für sie ausgeben. Es gibt so viele Schweizer, die schlecht leben müssen - den Asylanten geben sie aber neue Wohnungen und die schönsten Umbauten. Und dann reklamieren die auch noch, das sei zu weit draussen und sie wollten lieber im Zentrum wohnen. Ich hab kürzlich eine Annonce gesehen, da stand: Wir suchen einen Flachbildschirm. Hey, sorry, seid doch zufrieden mit dem, was ihr habt. Ab 2015 kommen 150 zu uns, zum Glück gehen sie in eine Militärunterkunft auf dem Hügel und kommen nicht ins Dorf runter.»

Jacqueline wohnt in einem kleinen Dorf im Kanton Zug.

«Chätzli, sitzisch mer ufd Chnü? Yeah Baby, chum da ane. Gibs mer!»

18 Uhr. Das Essen in der Mehrzweckhalle wird aufgetischt. Leicht angeschwipst torkelt Nils zwischen den Festbänken hindurch und grinst so breit, dass man Risse an seinen Mundwinkeln erwartet. «Wo warst du? Wieso warst du nicht in der Kirche?», fragt Jacqueline. «Wir hatten auch eine Art Andacht, in der Beiz da drüben mit ein paar Bier», sagt Nils und zeigt mit einem leicht in der Luft schwankenden Arm zum Fenster. Er lacht wieder glucksend, seine Stimme überschlägt sich. «Chätzli, sitzisch mer ufd Chnü? Yeah Baby, chum da ane. Gibs mer!», sagt er zu Linda. Sie blickt ihn an und lächelt müde.

«Ich würde wegen dem EU-Beitritt demonstrieren. Also dagegen. Man sieht das ja bei anderen Ländern. Wir schoppen denen ja jetzt schon Geld rein. Die EU macht die Situation sicher nicht besser, also für reiche Staaten wie uns, für ärmere Staaten kann es schon gut sein, oder?»

Linda blickt in die Runde und drückt an einem roten Fleck an ihrem Kinn herum.

19 Uhr. Sie kratzen ihre Dessertteller aus, am Tisch hinter ihnen johlen einige Jungs in Chor. «Nils, chum etz mal da übere, was machsch eigentlich det?» «Ich gib es Interview, du Totsch, hebd Gosche», schreit dieser zurück.

«Meine grösste Angst ist, dass ich eines Tages versage im Beruf. Dass ich es nicht mehr zustande bringe. Es ist das Einzige, was ich gut kann, kochen. Wenn ich das nicht mehr schaffe ... davor habe ich Angst.»

20 Uhr. Nils hat sich eine junge Frau mit langen, blonden Haaren über die linke Schulter geworfen und marschiert im Laufschritt an seinen Kollegen vorbei. Er grüsst sie mit der einen und tätschelt der Frau den Hintern mit der anderen Hand.

«Ein perfekter Tag für mich, ist ohne Schmerzen aufzuwachen. Ich habe mit den Gelenken Probleme, angeboren. Isch nöd tragisch oder so. Aber ich habe gelernt, jede Minute zu geniessen und nicht alles zu hinterfragen. Ein perfekter Tag endet mit ein paar Kollegen und ein paar Bierchen.»

21 Uhr. Nils geht zu seinen Jungs an den Tisch, greift sich eine Bierflasche und stösst an. «Pflotsch!»

Die Kiffer

1Die Gamer 2Die Gläubigen 3Die Landjugend 5«Egoistische Jugend»

KLOTEN. Jeden Freitagabend sitzen sie im Kreis und rauchen Marihuana. Sie seien Abstürze, eine Gang und krass, sagen sie über sich selbst. Doch stimmt das tatsächlich? Ein Besuch im Jugendtreff Kloten.

«Jooo, zwänzg Minute, huere geil. Chum da ane, Alti! Was wotsch wüsse?»

Lara ist 17 Jahre alt. Sie hat langes, dunkles Haar. Ihre Augen sind hellblau, fast türkis. Sie ist gross und schlank. Lara kifft.

Jeden Freitagabend trifft sie sich mit ihren Freunden vor dem Jugendtreff in Kloten. Heute sind sie zu elft. Sechs Mädchen, fünf Jungen. Sie sitzen im Kreis, in ihrer Mitte stehen grosse Boxen, aus denen Reggaeton, Hip-Hop und Rap dröhnen. Sie trinken selbst gemischte Alkopops aus kleinen PET-Flaschen. Wodka mit Redbull. Sie reden oder schweigen.

«Hützutags gits nur zwei Sorte vo junge Lüüt: krassi Sieche und Michis.»

kiffen
«Wir hängen zusammen, weil wir alle Kiffer sind»

Ali, Dreitagebart, hat olivfarbene Haut, seine Haare und Augen sind braun. «Wir sind eine Gang», sagt er. «Krassi Sieche, mir händ all ä scheiss Chindheit gha und so. Mir sind kei Michis». Was sind Michis? «Weicheier, Susis, Vrenis, Möngis.» Junkies gebe es bei ihnen auch haufenweise. «Voll abgfuckt, Mann!» Und Rechtsradikale, die so «Hitlerscheiss» abziehen. Und die Emos. «Spasten», sagt Lara. «Die sehen keinen Sinn im Leben, die hassen die Welt», sagt Ali.

«Kei Ahnig, Mann. Ich fühl die voll nöd.»

Samuel lächelt mit einem Mundwinkel, sein Gesicht ist jung, seine Augen nicht. «Emo steht für emotional», sagt er. Das verstehe er schon, aber das sei trotzdem kein Grund, sich den ganzen Tag die Arme zu ritzen.

«Wir wollen Spass haben, hängen, chillen, Musik hören. Hier stresst uns niemand, wir haben unsere Ruhe.»

Lara dreht sich eine Haarsträhne um den Finger und blickt Ali an. «Oder nöd?» «Ich finde – und das ist die Wahrheit – wir hängen zusammen, weil wir alle Kiffer sind», sagt Ali. «Hier schämt sich niemand, zuzugeben, dass er kifft.»

«Mir händ alli ä scheiss Chindheit gha und so.»

Ali kifft, weil er mit sich selbst Probleme hat. «Wäge Aggressione und so Scheisse.» Innerlich, sagt er. Das Gras beruhige ihn, «es holt mich vo allem obenabe.» Seine Lebenssituation sei schuld daran, sagt er. Er habe keinen Job und auch sonst sei alles scheisse.

Vivianne kifft, weil es sie mit der Gruppe verbindet. Weil es ihr im bekifften Zustand leichterfällt, über ihre Probleme zu sprechen. «Die Verbindung ist stärker, wenn alle high sind». Vivianne ist klein und zierlich. Ihre haselnussfarbenen Haare fallen ihr bis ins Kreuz. Sie hat grosse Augen und breite Lippen. Sie trinkt keinen Alkohol. «De Scheiss hani nöd gern, lieber kiffe.»

Samuel kifft, weil er damit aufgewachsen ist. «Meine Brüder und meine Mutter haben gekifft.» Irgendwann wollte er es selbst probieren und es gefiel ihm.

Lara, Vivianne und Samuel sind noch in der Lehre. Detailhandelsangestellte, Hochbauzeichnerin, Landschaftsgärtner. Sie wollen eines Tages Erfolg haben im Job. Chef sein, vielleicht. Nicht unbedingt. Eine Familie haben, auf jeden Fall. Unter der Woche kiffen sie nicht. Nur am Freitagabend.

«Wirft das nöd es schlechts Bild uf die hütig Jugend, wenn du mit so Abstürz ...»

Plötzlich geht die Musik aus. Samuel bricht mitten im Satz ab. Schweigen. «Min Akku isch leer», sagt er. Jemand reicht ihm ein Handy, er schliesst es ans Kabel an und wählt ein Lied. Kaum ertönt die Musik wieder, geht das Gespräch weiter, als wäre nichts gewesen. Samuel beendet seinen Satz. «... wenn du mit so Abstürzt wie eus redsch?» Was war das? «Wir können nicht reden, wenn keine Musik läuft, keine Ahnung, wieso. Irgendwie ist es total unangenehm, wenn man jedes Wort hört, das jemand sagt.» Er zuckt mit den Schultern.

«Hey Lüüt, gömmer no uf Züri! Los!»

Ali hebt die Boxen auf und stellt sie auf einen Ziehwagen. Samuel und die anderen Jungs wenden sich ab. «Hey ihr Michis, mir mönd no ufrumme», ruft Lara. Sie drehen um, kommen zurück, um zu helfen. Gemeinsam sammeln sie alle leeren Plastikflaschen, klauben die Zigarettenstummel vom Boden auf. Den Abfall tragen sie über die Wiese zum Eimer. Ali zieht den Wagen mit den Boxen hinterher. Bob Marley singt «No woman, no cry».

Cannabis Konsum in Prozent nach Geschlecht und Alter
Frauen
Alter 15-39 40-69 Total
letzte 12 Monate 7.02 1.33 4.17
min. einmal 28.55 17.57 23.04
Männer
Alter 15-39 40-69 Total
letzte 12 Monate 14.03 3.16 8.7
min. einmal 43.25 27.93 35.74
Quelle: Bundesamt für Statistik

Lara hat sich bei Jessica eingehakt, gemeinsam schwanken sie im Takt der Musik. Jessica hält eine Tüte mit süss-sauren Stangen. Erdbeergeschmack. Lara greift hinein und beisst ein Stück ab. «Ich fühl d'Erdbeeri voll nöd», sagt sie.

«Ich fühl d'Erdbeeri voll nöd»

Zu zweit oder zu dritt trotten die Kiffer zum Bahnhof. Blerim hält hinten seine Hose fest, damit sie ihm nicht runterrutscht. Ali kommt als Letzter, im Mundwinkel eine Zigarette, in der Hand eine Jack-Daniels-Flasche.

Kurz vor dem Bahnhof geht ein Polizist über die Strasse. «Fuck, en Bulle», flüstert Blerim. Alle bleiben stehen und gehen hinter einem Container in die Knie. Ali dreht die Musik leise. Die Gruppe wartet und wartet, beobachtet, wie der Beamte verschwindet. «Hey, packed eue Scheiss wäg, ich ha kei Bock uf ä Buess», sagt Vivianne.

Endlich steigen sie in den Zug, verteilen sich auf zwei gegenüberliegende Abteile. Lara lehnt den Kopf nach hinten und schliesst die Augen. «Scheisse, isch das hell da ine.»

Nach ein paar Minuten klingelt Samuels Handy. «Nei, Mann, mini Alt», sagt er und verzieht das Gesicht. Er hält sich das Natel ans Ohr und sagt leise: «Hoi Mami, ja mir sind ufem Weg nach Züri, ich bi so inere Stund dihei.» Er hält sich seine freie Hand vor den Mund. «Nei, Mann, stress jetzt nöd, ok? Easy, ciao.»

Namen von der Redaktion geändert.

«Egoistische
Jugend»

1Die Gamer 2Die Gläubigen 3Die Landjugend 4Die Kiffer

ZÜRICH. Junge wollen in Ruhe gelassen werden und chillen. Jugendexperte Ivica Petrušić über fehlende Wut, Überforderung und Kommerzialisierung.

Herr Petrušić*, wie tickt die Jugend?
Ivica Petrušić: Ich würde sagen, das Wort zweckoptimistisch beschreibt die heutige Jugend am besten.

Was heisst das?
Sie sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Dies hat zur Folge, dass sie sich zurückziehen und nur noch auf sich selbst und ihre ganz eigenen, individuellen Bedürfnisse fokussieren. Und sie bewegen sich in einem sehr «anständigen» Rahmen. Aufstände oder Rebellionen sind von den Jungen derzeit nicht zu erwarten.

Weshalb nicht?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In den 80er- und Anfang 90er-Jahren kam die Hip-Hop-Kultur von den USA nach Europa und in die Schweiz. Sie war eine Kultur, gefüllt mit Inhalten wie Sprayen, Breakdance und Rap. Eine Bewegung für sich, die etwas zu sagen hatte, die auch etwas vermitteln wollte. Es war eine Zeit, in der junge Männer über ihre Gefühle auf – nennen wir es – «coole Art» sprachen, von ihrer Kindheit, ihren schlechten und guten Erfahrungen erzählten. Es ging um die Alltäglichkeit des Lebens und wie wir diese ins Zentrum rücken können. Die meisten Jugendbewegungen haben diesen Fokus in sich – auf etwas aufmerksam machen, das gerade beschäftigt.

Ivica Petrušić Ivica Petrušić Diplomierter Sozialarbeiter, Jugendbeauftragter im Kanton Zürich und Geschäftsführer der kantonalen Kinder- und Jugendförderung​ Okaj Zürich

Darauf folgte, meiner Meinung nach, die letzte Jugendbewegung in Europa: die Techno-Szene. Die brach mit der Wende und dem Zusammenbruch des Ost-West-Konflikts in Berlin aus. Diese Szene stand gewissermassen auch für den Moment und das Neue. Und das Neue konnte nur entstehen und gedeihen, weil es plötzlich viel günstigen oder sogar kostenfreien Raum gab. Diese Szene lebt in der Schweiz noch mit der Street Parade, auch wenn die mittlerweile zum Happening verkam, ein bisschen weiter.

Sie klingen enttäuscht.
Ich bin ja nicht da, um die Jugend nach meinen Gefühlen auszurichten, aber die Situation beunruhigt mich schon ein wenig.

Was beunruhigt Sie ganz genau?
Dieses Egoistische, Individuumsbezogene und Zweckoptimistische ist stark kommerzialisierbar. Kaum kommt ein neues Bedürfnis, eine neue Idee oder ein Problem der Jugendlichen auf, wird es aufgenommen und verschwindet in einem der vielen strukturieren Angebote. Mit den individuellen Bedürfnissen kann man viel Geld machen. Und hier setzt mein Unbehagen ein. Man hat heute keine Zeit mehr, etwas wachsen und reifen zu lassen. Alles wird sofort aufgenommen und zum Verkauf freigegeben. Qualität misst sich nicht an der gesellschaftlichen Relevanz, sondern am Geldwert. Dieser ist wiederum vom Marketingbudget abhängig.

Wieso unternimmt die heutige Jugend nichts gegen diesen Kommerz?
Warum sollte sie? Sie hat ja alles. Und die kleinbürgerlichen Werte feiern ihr Comeback sowohl bei den Erwachsenen als auch bei den Jugendlichen. Die Jugend heute – das zeigen etliche Studien – ist sehr brav, sehr anständig. Viele denken ans Sparen und haben mit 18 Jahren schon eine dritte Säule. Sie denken nachhaltig und sind dabei sehr ichbezogen.

streetparade
«Die Street Parade ist zu einem Happening verkommen»

Das klingt langweilig.
Ja, das kann man so sagen. Ich würde auch lieber etwas Spannenderes erzählen, etwas mit mehr Ideologie und Wut dahinter. Aber im Moment ist nicht die Zeit dafür.

Woran liegt das?
Das hat heute sicher auch mit dem Wohlstand zu tun und dem scheinbaren Gefühl unerschöpflicher Möglichkeiten Die aktuellste Juvenir-Studie der Jacobs Fondation zeigt, dass die Jungen genug Geld und ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern haben. Diese finanzieren ihnen einen grossen Teil ihres Lebens. Das ist ein enormer Unterschied zu früher: Eltern gehen mehr auf ihre Kinder ein, auf deren Bedürfnisse. Sie zahlen den Kindern die Krankenkasse, lassen sie gratis zu Hause wohnen. Die Jungen haben keinen Grund mehr, zu rebellieren, wogegen auch? Die Mutter trägt dieselben Kleider wie die Tochter. Sie können sich nicht einmal mehr über die Mode von ihren Eltern abgrenzen. Alles ist fliessender geworden, das Vakuum fehlt, die Reibung. Es gibt nichts mehr, das eine Masse bewegen könnte.

Gibt es in der Schweiz einfach keine Probleme mehr?
Das würde ich nicht sagen, es gibt vieles, das nicht stimmt. Aber es ist nicht mehr so unmittelbar. Alles ist sehr abstrakt geworden, es braucht viel Wissen, um sich gegen etwas aufzulehnen. Wenn man die ganze Globalisierung, das derzeit triumphierende Wirtschaftssystem anschaut, das den Alltag bestimmt – Spezialisierung, Weiterbildung, Fortkommen – dann wird schnell klar, dass die Menschen sich nur noch auf sich selbst konzentrieren können und müssen. Und solange sie noch genug verdienen, gibt es für sie auch keinen Grund, sich aufzulehnen. Und auch wenn sie noch etwas verändern wollten, ist dies heute viel schwieriger als früher.

Inwiefern?
Wir haben noch Briefe aus den 80er-Jahren von Okaj-Mitarbeitern: Diese sind mit einer heute unvorstellbaren Aggressivität auf den Stadtrat losgegangen und haben ihn zum Rücktritt aufgefordert. Sie haben ihm gesagt, er sei nicht mehr tragbar, er verstehe die Jugend nicht. Auch wenn es darum ging, sich gegen schlechte Arbeitsbedingungen einzusetzen, war es früher einfacher, konkret aktiv zu werden. «Der Feind» war viel näher. Der Reiche sass da oben, also hat man direkt vor seiner Tür demonstriert und mehr Lohn gefordert. Wenn man heute etwas verändern will, muss man über die EU, die Menschenrechtskommission, den Hauptsitz der Firma, der irgendwo in Rotterdam ist. Wir sind in einer derart grossen Abhängigkeit in dieser globalisierten Welt, dass es unmöglich wird, die verschiedenen Zusammenhänge zu erkennen. Es entsteht eine Überforderung.

Und wie wirkt sich diese Überforderung auf die Jugend aus?
Wie ich eingangs schon gesagt habe: Die Flut an Informationen und Möglichkeiten zwingt sie nahezu zum Rückzug. Sagen wir, ein Jugendlicher will sich über das Weltgeschehen informieren, sagen wir, er geht auf 20min.ch; da steht eine Geschichte über grausamsten Terrorismus direkt neben einem Artikel über einen Wettbewerb, bei dem sich zwanzig Frauen um die «Liebe» eines Mannes bemühen. Dadurch, dass man sich in alle Medien reinklicken kann, hat man Zugang zu Informationen aus aller Welt. Dies macht es viel schwieriger, sich zu entscheiden, wofür man sich engagieren oder einsetzen soll. In dieser Informationsgesellschaft zu leben, überfordert und führt dazu, dass man sich entweder verliert oder zurückzieht. Die Jugendlichen wählen oft den Rückzug und konzentrieren sich auf ihre unmittelbaren und aktuellen Bedürfnisse.

«Die Jugendlichen konzentrieren sich auf ihre aktuellen Bedürfnisse»

Was ist mit den sozialen Medien? Führen die nicht auch zu einer Art Bewegung?
Ich glaube, der Einfluss der sozialen Medien führt eher dazu, dass es keine Bewegungen im herkömmlichen Sinne mehr gibt, die im öffentlichen Raum sichtbar werden. Heute muss man nicht mehr auf die Strasse, um etwas kundzutun. Man kommuniziert über Facebook, Twitter, Linkedin, Whatsapp und was es sonst noch alles gibt. Die Jungen sitzen sogar gemeinsam in einem Raum und kommunizieren über das Handy miteinander. Dies entspricht nicht der moralischen Vorstellung von uns, den «Digital Immigrants». Wir sind der Meinung, es sei doch viel wertvoller, sich in die Augen zu schauen bei einem Gespräch. Aber für die Jungen gilt das nicht, sie sind damit aufgewachsen und kennen daher nichts anderes. Dank oder wegen der sozialen Netzwerke braucht es die Jugendräume weniger oder in einem anderen Kontext, viel punktueller und eventbezogener. Man informiert sich einfach rasch per SMS, wo man sich, wann und wofür trifft. Es hat definitiv eine Verschiebung stattgefunden. Es gibt viel mehr kleine Bewegungen, mehr Szenen im kleinen Rahmen und ein grosser Teil der Kommunikation ist in die virtuelle Welt gerutscht.

Aber auf Facebook wird ja auch zu echten Demonstrationen aufgerufen. Diese waren oft ein wichtiger Bestandteil früherer Bewegungen, beispielsweise bei den Hippies. Vor einiger Zeit haben Leute zu einer Pro-Palästina-Demonstration aufgerufen, zu der rund 1000 Leute auf die Gemüsebrücke in Zürich gekommen sind. Ist das nicht auch etwas?
Gegenfrage: Wie war diese Demonstration?

Was meinen Sie?
Heute gehen Leute an eine Demo wie an eine Party. Sie denken, da läuft etwas. Der Grund für die Demo ist oft sekundär. Wenn man schaut, was beispielsweise aus der «Tanz dich frei»-Szene in Bern geworden ist, bei der man zunächst das Gefühl hatte, es sei so etwas wie eine Jugendbewegung am Entstehen: Ein Verein namens «Pro Nachtleben Bern» mit knapp 15 zahlenden Mitliedern. Tendenz sinkend.

«Heute gehen Leute an eine Demo wie an eine Party»

Die Quintessenz ist also: Die heutige Jugend ist langweilig und desinteressiert.
Ja und nein. Wie gesagt, auf der einen Seite sind sie vor lauter Angeboten überfordert, was dazu führen kann, nichts zu machen. Auf der anderen Seite entsteht eine Vielfalt an kleinen Bewegungen und punktuellen Initiativen. Viele wollen einfach hängen, chillen, eine gute Zeit haben. Das ist auch eine Bewegung. Damit hat man auch eine Meinung, einen Standpunkt: «Das ist mir einfach zu viel.»

Wie geht es mit den Jungen weiter?
Das wird sich zeigen. Es ist noch zu früh, um ein endgültiges Urteil zu fällen. Doch das tendenziell übergeordnete Desinteresse der Jungen gegenüber der Welt sollte uns zu denken geben. Was heisst das eigentlich für die Schweiz? Und die Zukunft dieses Landes? Jungpolitiker gibt es schon noch, aber die streben einfach eine politische Karriere an. Die wollen auf der Bühne sein. Ein richtig politisches Engagement, das nicht sofort zwischen links und rechts zerfleischt wird, gibt es derzeit nicht. Sobald etwas da ist, gibt man es Experten zum Beurteilen, und dann setzen sich die Politiker damit auseinander und die Jugendlichen verstehen die Welt nicht mehr.

Team

Autorin: Tanja Bircher
Umsetzung: Stefano Paccagnella
Fotos: Keystone, Colourbox, 20 Minuten

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