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Mit einem Schweizer Söldner bei den Peshmerga

Ann Guenter

August 2015, autonome Region Kurdistan, Nordirak
Die Skyline von Arbil sieht noch immer gleich aus: Schlanke, silberne Hochhäuser ragen glitzernd in den hellen Wüstenhimmel empor. Aber die kurze Fahrt vom Flughafen in die Stadt zeigt, dass es mit dem Bauboom und der Aufbruchstimmung, die vor drei Jahren seh- und spürbar waren, vorbei ist. Die Arbeiten an den vielen Rohbauten scheinen alle etwa zur gleichen Zeit abgebrochen worden zu sein: Überall stehen gleich hohe Betonskelette.

Die Fahrt zeigt auch, dass noch viel mehr Flüchtlinge nach Arbil gekommen sind: An jedem Rotlicht rennen Kinder herbei, klopfen an die Autoscheiben, betteln um Geld. Es sind die Kinder jener, die aus der ganzen Region vor der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) flohen.

Zwar thront die Zitadelle wie die letzten 8000 Jahre auch ruhig über der wuseligen Kurdenhauptstadt, und der Qaysari-Basar beeindruckt mit seinen grellen Farben und guten Düften. Ein Blick hinter diese Fassade lässt den Krieg auch im Stadtzentrum hervortreten: Ein Shoppingzentrum, das letztes Jahr hätte eröffnet werden sollen, beherbergt statt Läden jetzt etwa 1500 Flüchtlinge, viele von ihnen Christen aus Bagdad. Ganze Familien haben auf Parzellen, die als Ladenflächen gedacht waren, ihre Lager aufgeschlagen, Wäscheleinen sind zwischen die stillstehenden Rolltreppen gespannt, Kinder spielen Fussball auf dem Marmorboden der Mall. Der Besitzer des Zentrums, so erzählt uns jemand, habe den Bau nach einem Besuch in einem der überfüllten Flüchtlingslager ausserhalb der Stadt zur Verfügung gestellt und die Eröffnung des Einkaufszentrums auf unbestimmte Zeit verschoben. «Wir haben Krieg. Das Shoppen muss warten», soll der Mann gesagt haben.

  • Region Kurdistan, Nordirak
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Der Söldner

2An der Front 3Der Angriff 4Die Kurden

Arbil, autonome Region Kurdistan:
Der blonde Mann betritt die Lobby des Classy-Hotels durch den Metalldetektor. Etwa 1.80 Meter gross, Camouflagehose, beige Kampfstiefel, Totenkopf-Tattoo auf dem rechten Unterarm. Er sticht unter den Geschäftsleuten in Anzügen und Dishdashas sowie den leger gekleideten NGO-Mitarbeitern hervor. Die dunkle Sonnenbrille nimmt er nicht ab. Wie er sich mit unbewegter Miene umschaut, erinnert er an den Terminator.

Wir treffen Mike (Name der Red. bekannt), den amerikanischen Söldner mit dem Schweizer Pass, zum Tee. Der 40-Jährige ist einer von fünf privaten US-Militärberatern, welche die kurdische Regierung im Nordirak «offiziell beauftragt» hat, wie uns Generalleutnant Sirwan Barzani später bestätigt.

Der Ausdruck «Söldner» gefällt Mike nicht besonders. Er bevorzugt «militärischer Ausbildner». Als solcher ist er Teil der kurdischen Streitkräfte und nach Genfer Konvention kein Söldner. An unmittelbaren Kampfhandlungen nimmt er nicht teil. Mike bildet kurdische Soldaten aus: die Peshmerga – übersetzt «die dem Tod ins Gesicht schauen» – sehen sich seit 2014 den Terroristen des sogenannten Islamischen Staates (IS) gegenüber. «Sie sollen den Kämpfern des IS ebenbürtig sein. Damit bin ich hier beauftragt», sagt Mike.

Die Peshmerga

Bei den Peshmerga handelt es sich um die militärischen Einheiten der irakischen Kurden. Sie waren in der Geschichte vor allem bekannt als Widerstandskämpfer in den Bergen, verwandeln sich aber seit dem IS-Vormarsch mehr und mehr in eine Armee der kurdischen Autonomiegebiete im Nordirak. Die Peshmerga erhalten Waffen aus Deutschland und anderen Ländern. Bundeswehr und weitere Armeen bilden sie zudem aus. Das Verhältnis der Peshmerga zur türkischen PKK und zur syrischen YPG ist traditionell angespannt. Trotzdem unterstützten nordirakische Kurden die YPG-Kämpfer im Kampf um die nordsyrische Grenzstadt Kobane.

Im Auftrag Kurdistans

Den Irak kennt Mike schon lange – aus der Sicht des Soldaten. Aus der Region Zürich an die US-Ostküste ausgewandert, trat der Doppelbürger als 19-Jähiger in die US-Armee ein und machte dort Karriere: Zunächst bei der Infanterie, kam er später zur ältesten Spezialeinheit, den United States Army Special Forces. Darauf wurde er bei der Elitetruppe der Army Rangers aufgenommen. Von Afghanistan bis Zimbabwe – der Vollblutsoldat hatte Einsätze in aller Welt. Darüber reden will er nicht.

«Es braucht Leute wie mich»
Nach Bagdad kam Mike erstmals 2003, als Saddam Hussein im Dritten Irakkrieg gestürzt wurde. Später kehrte er im Auftrag der US-Regierung zurück – auch für das Militärunternehmen Blackwater, dessen Söldner im Zusammenhang mit einem Massaker an irakischen Zivilisten für Schlagzeilen sorgten. «Eine üble Sache», sagt Mike dazu nur. «Wie überall gab und gibt es auch in dieser Branche schwarze Schafe.» Seit zwei Jahren hat er eine eigene Firma mit rund einem Dutzend Mitarbeitern, die er zusammen mit einem deutschen Partner von Dubai aus leitet.

Seine Arbeit sieht der Söldner pragmatisch: «Wo immer es Krieg gibt, gibt es etwas zu tun. Und es gibt viele Kriege. Wäre es nicht so, wäre ich Anwalt oder Lehrer. Doch so bin ich im Kriegsgeschäft.» Dass die Rolle der privaten Sicherheits- und Militärfirmen heikel ist, ihre Präsenz Konflikte verlängern können, davon will der 40-Jährige nichts wissen. «Letztlich entscheiden Politiker, wie lange ein Krieg dauert», sagt Mike.

Ist für Mike die meistzahlende Seite in einem Konflikt immer auch «die richtige»? Er lacht und schüttelt den Kopf. «Ich verdiene genug, um zu überleben, und zu wenig, um reich zu sein», sagt er. «Es geht mir nicht ums Geld. Sondern um den Kampf gegen die IS-Barbaren, gegen den islamistischen Terror überhaupt. Menschen überall auf der Welt müssen damit jeden Tag leben. Solange die internationale Gemeinschaft nicht entschlossener gegen den weltweiten Terror auftritt, braucht es Leute wie mich.»

Militärberater im Irak: «Das nächste Ticket am Futternapf»

Im Nordirak sind insgesamt 316 Ausbilder aus verschiedenen Nationen (USA, Kanada, Grossbritannien, Deutschland, Italien, Holland,) tätig. Deutschland unterhält in Arbil 35 Ausbildner. Wie stark der Westen im Kampf gegen den IS auf Militärausbildner zählt, zeigen die Zahlen aus dem Gesamt-Irak: Allein die USA haben 3100 offizielle Berater im Land, bis zu 1000 sollen noch kommen. Bisher haben die Amerikaner 9000 irakische Soldaten geschult, 2600 weitere werden derzeit ausgebildet.

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Leichte Waffen gegen IS-Kriegsarsenal

Seit letztem Jahr braucht ihn die Kurdenregierung. Sie beauftragte Mike, als der IS im Herbst 2014 den Norden des Irak überrannte, die Sindschar-Region schändete, die Millionenstadt Mosul einnahm. Die meisten Peshmerga waren und sind mit AK-47 und anderem Material aus russischen, chinesischen und US-Beständen ausgerüstet – leichte Waffen gegen das moderne Kriegsarsenal, das der IS von der irakischen Armee erobert hat.

Allerdings machten auch die irakischen Kurden beim ersten Ansturm der Gotteskrieger keine gute Figur: In der Ninive-Ebene flohen sie fast ebenso kopflos wie die Soldaten der irakischen Armee. So mussten die Kurden massive Gebietsverluste hinnehmen. Auch wenn man bis heute grosse Teile wieder unter Kontrolle hat – von 20'000 zurückeroberten Quadratkilometern ist im Peshmerga-Ministerium in Arbil stolz die Rede –, der IS ist noch immer im Nordirak. Zu Offensivaktionen sind die irakischen Kurden kaum in der Lage.

Der Söldner

Söldner Mike und seine Peshmerga.

Grundkurs: 3 Wochen – Sniperkurs: 4–8 Wochen
Die Peshmerga fühlen sich im riesigen flachen Terrain, in das der IS sie zwingt, nicht wohl: Sandstürme nehmen ihnen die Sicht, Teile der sunnitischen Bevölkerung hintergeht sie, in dem sie mit dem IS gemeinsame Sache macht. Ihnen sei der moderne Häuserkampf à la IS fremd, sagt Mike. Viele Kurden seien zwar seit Jahrzehnten bei den Peshmerga, doch ihre Ausbildung habe sich auf Schiessen und Marschieren beschränkt, alles andere sei learning by doing gewesen. «Die Peshmerga kämpfen mit dem Herz – wir bringen ihnen bei, mit dem Kopf zu kämpfen. So gibt es weniger Tote. Ich soll sie mit der Ausbildung auch etwas vor sich selbst schützen.»

Das heisst für die kurdische Milizen- und Guerillatruppe: Kampftaktiken in dicht besiedeltem Gebiet, Geländesicherung, Fahrdrills mit gepanzerten Wagen, Übungen für Scharfschützen, Personenschutz. «Der Grundkurs dauert drei Wochen, der Kurs zum Sichern von Häusern zwischen vier bis sechs Wochen und ein Sniper-Kurs dauert vier bis acht Wochen», so Mike. Diese Kurse seien eher kurz. «Aber der Krieg erlaubt kein längeres Training.»

Der Söldner

Eine Panzerhaubitze, welche die Peshmerga an der Makhmur/Gwer-Front vom IS erobert haben.

Seit er in Kurdistan ist, pendelt Mike zwischen seinem Zimmer in Arbil und dem 40 Kilometer entfernten Peshmerga-Stützpunkt oberhalb des Frontstädtchens Makhmur. Ein Leben als Zivilist kann sich der Söldner nicht mehr vorstellen. «Meine Ausbildung und all meine Abschlüsse sind rein militärisch», sagt er. «Irgendwann wird aber hoffentlich ein Mitarbeiter der Firma den Job übernehmen. Und ich erledige dann irgendwo an der Sonne, irgendwo an einem Pool, nur noch Büroarbeiten.» Sprichts und steht auf: «Morgen, 0700, bereit zur Abfahrt?» 

An der Front

1Der Söldner 3Der Angriff 4Die Kurden

FOB Makhmur
Infernalische 5o Grad. Die Klimaanlage im Auto ist defekt. Bei geöffnetem Fenster ist es, als würde einem ein Föhn heisse Luft ins Gesicht blasen. Wir sind auf dem Weg zu einem Stützpunkt oberhalb der Frontstadt Makhmur. Oder wie Mike sagt: «die FOB, die Forward Operation Base».

«Ich schätze, dass wir in sechs Monaten zwischen 100 und 150 Peshmerga ausgebildet haben», erzählt er auf der halbstündigen Fahrt. «Manchmal beginnen hier 20 Soldaten. Einige werden mitten in der Ausbildung abgezogen oder kommen dazu. Manchmal üben wir mit gepanzerten Wagen, aber dann braucht es an einer Front auf einmal Männer, die ein Duschka oder ein BKC-Maschinengewehr bedienen können. Es ist halt ein Training in einer aktiven Kriegszone.»

Karte

Der Stützpunkt liegt auf einer Anhöhe, umgeben von Geröllwüste. Im einstigen Bauerngehöft sind 20 bis 30 Soldaten in mehreren einstöckigen, beige verputzten Gebäuden untergebracht. Von hier aus können sie rasch zu den diversen Frontposten an der Makhmur-Front gelangen. 2000 kurdische Soldaten sollen in diesem Abschnitt im Einsatz sein, und insgesamt 60'000 Peshmerga an der rund 1000 Kilometer langen Front gegen den IS. Sie wechseln sich im Wochenrhythmus ab. 120'000 Peshmerga, längst nicht alle ausgebildete Soldaten, stehen so einer kaum genau bezifferbaren Anzahl IS-Kämpfern gegenüber.

Strasse zum Stützpunkt

«Der IS kam mit etwa 200 schwarzen SUVs die Strasse zum Stützpunkt gerast.»

«Boom, boom, ratatat, ratatat»

Bei unserer Ankunft auf der FOB versammeln sich die Männer in Camouflage-Kleidung, eine einheitliche Uniform tragen nur die Generäle. Sie begrüssen Mike kameradschaftlich, Schulterklopfen, ein Soldat bringt schwarzen Tee.

Ein kurzer Rundgang. Auf dem steinigen Gelände hinter dem Stützpunkt trainiert bei diesen Temperaturen niemand. In einem Wachhäuschen sitzt ein älterer Peshmerga. Auch wenn die Front einige Kilometer entfernt liege, seien die Wachen nötig, sagt er und legt die Hand auf sein Gewehr. «Es gibt immer das Risiko eines Anschlags, auch hier.»

Durch ein kleines Fenster blickt der Mann auf Makhmur und seine 28’000 Einwohner. Nur wenig ausserhalb haben sich die Peshmerga seit Monaten eingegraben. Im Dunst kaum erkennbar, sind in der Ferne einige kleine Dörfchen auszumachen. Hier hat sich der Feind verschanzt. «Daesh», sagt der alte Mann und fügt verächtlich hinzu: «Haywan.» So nennen die Kurden die IS-Kämpfer: Tiere. Es gibt noch einen anderen Ausdruck, den die Kurden für die Terrormiliz gern verwenden: Washi, ein Monster, das alles frisst.

  • Die Front
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Der Mann beginnt zu erzählen. Wie die schwer bewaffneten IS-Kämpfer vor einem Jahr Makhmur einnahmen und mit etwa 200 schwarzen SUVs die breite, gewundene Strasse zum Stützpunkt heraufgerast kamen. «Boom, boom, ratatat, ratatat», macht er das Gefecht nach.

Andere Soldaten kommen dazu. Handys werden gezückt, Fotos und Aufnahmen von Gefechten mit dem IS herumgereicht. Vor einem Jahr habe sich der IS nicht lange halten können. Syrische Kurden seien zu Hilfe gekommen, gemeinsam habe man Makhmur wieder befreit, berichtet Shakhawan (34). Er zeigt eine Aufnahme aus dem Innern eines Wagens, den IS-Kämpfer in Makhmur hatten stehen lassen: Eine versteckte Handgranate ist so angebracht, dass sie beim Beschweren des Sitzes in die Luft geht.

Kein Einzelfall: Es gibt genügend Berichte von Peshmerga, die nach der Rückeroberung eines Gebietes durch angebrachte Sprengfallen an Haustüren, Fenstern, Kühlschränken ums Leben kamen. Hier auf dem Stützpunkt lernen die Männer, wie man diese tödlichen Hinterlassenschaften unschädlich macht.

An der Front
Zwei Peshmerga mit Maschinengewehren begleiten uns. Wir fahren durch das Städtchen Makhmur und stoppen wenig später in Baqrt. Das Dörfchen liegt zwei Kilometer von der aktuellen Frontlinie entfernt. Hier wohnt keiner mehr. Die Häusermauern sind übersät mit Einschusslöchern. Matratzen und Möbel liegen herum. «Hier oben versteckte sich bei der IS-Offensive letzten Herbst ein Scharfschütze», erzählt Soldat Himda (32) und zeigt auf das Dach eines riesigen Getreidesilos. «Wir erwischten ihn erst nach zwei Tagen, er tötete gut ein halbes Dutzend von uns.»

«Mit neuen Waffen könnten wir den IS in einem Monat vertreiben»

Auf dem Weg zum ersten Posten treffen wir auf Karwan Assad, General dieses Abschnitts. Drei Sterne und ein Adler zieren seine Uniform. Ein Stern steht für vier Jahre Dienst bei den Peshmerga, ein Adler für vier Sterne. Der Mann mit dem stechenden Blick ist jedenfalls schon lange dabei. Was wir hier wollten, will er wissen. Als er erfährt, dass wir Journalisten aus der Schweiz sind, wird sein Blick noch eindringlicher. «Schreiben Sie, dass wir im Kampf gegen den IS mehr und modernere Waffen brauchen», sagt er. «Vor allem panzerbrechende Waffen und Minenräumfahrzeuge.»

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Eine Bitte, die wir immer wieder hören werden. Auch auf dem Posten Rwala. Ein karges Betongebäude mit zwei Räumen, wo die für eine Woche hier stationierten Peshmerga schlafen und kochen. Der älteste Soldat sei 55, der jüngste 15 Jahre alt, erzählt Achmad Kochar (27). «Ich bin seit sechs Jahren bei den Peshmerga. Und ich werde kämpfen, bis der IS vernichtet ist».

Achmad ist überzeugt: «Hätten wir statt Maschinengewehre aus den 80er-Jahren moderne Waffen wie der IS, könnten wir ihn in einem Monat aus dem Irak vertreiben.» Eine übertriebene Behauptung angesichts der wichtigen Luftunterstützung durch die Anti-IS-Koalition. Dennoch zeigt der Rundgang auf dem Posten, dass die Klagen der Kurden nicht unberechtigt sind: AK-47, Maschinengewehre, Panzerfäuste – alles veraltetes russisches Gerät und einige Beutestücke.

Der Söldner

Schützengräben soweit das Auge reicht: Die Peshmerga kämpfen sich an der Makhmur/Gwer-Front Meter um Meter vor. Am Horizont ist ein IS-Dorf auszumachen.

Kochar schwärmt von der Panzerabwehrrakete Milan, welche Deutschland den Kurden seit einem Jahr schickt. Unter den Peshmerga haben diese Raketen einen legendären Ruf, da sie die gepanzerten Fahrzeuge des IS zu stoppen vermögen. Allerdings klagen die Peshmerga, dass die Lieferungen aus Deutschland nicht ausreichten. «Stellen Sie sich einen 80 Kilometer langen Frontabschnitt vor. Dafür haben wir vier Milan. Aber wir bräuchten 20», so Kochar.

Leben mit den Peshmerga

«Der IS hatte Nachtsichtgeräte, wir nicht»

Er führt uns auf einen aus groben Betonziegeln gebauten Wachtturm. Aufgestapelte Sandsäcke schützen vor den Kugeln der gefürchteten Sniper. Durch ein Fernglas ist das nächste Dorf zu erkennen. «Sehen Sie die beiden parkierten SUV? Die gehören dem IS. Die gucken wohl auch gerade, was wir hier oben tun», sagt Achmad. Die schlimmste Attacke seit dem Rückzug des IS vor einem Jahr habe er diesen Februar erlebt. «Die Nacht war kalt und neblig. Es gab keine zehn Meter Sicht. Dann griffen sie an. Zwei unserer Soldaten und ein General starben, es war eine ganz schlechte Nacht für uns. Der IS hat uns völlig überrascht. Er hatte Nachtsichtgeräte, wir nicht.» Generalleutnant Sirwan Barzani bestätigt später im Interview: «In meinen Sektor von 120 Kilometern haben wir gerade einmal zwei Nachtsichtgeräte für die Peshmerga.»

Der für den Frontposten zuständige General kommt angefahren. Er nimmt uns mit zu einem weiteren, einen Kilometer entfernten Frontposten an der Machmur/Gwer-Front. Amir Nader Mostafa spricht solides Deutsch: «Derzeit haben wir eine Pattsituation an der Makhmur/Gwer-Front», erklärt er. Tagsüber schiesst der IS zu uns herüber und wir schiessen zurück. Aber das ist nur Rumgeplänkel.» Er sagt etwas auf Kurdisch. Daraufhin packt ein Peshmerga auf dem Wachtturm sein Maschinengewehr, zielt zwischen den Sandsäcken hindurch und feuert. Die Antwort aus dem Nachbardorf gegenüber bleibt aus.

«Wir haben eine andere Kultur»

«Es ist zu heiss», sagt Amir. «Doch wir müssen immer wachsam sein. Vor ein paar Monaten fanden wir aus Zufall eine vergrabene Mine – hinter unseren Stellungen.» Wie konnte das passieren? General Amir zuckt mit den Schultern. Ein anderer Peshmerga hat eine Erklärung: «IS-Anhänger gibt es überall, wo es Araber gibt. Wir vertrauen ihnen nicht.» Auch das eine Aussage, die wir noch öfter hören werden. Sie verdeutlicht das Misstrauen, das im Irak die Beziehung zwischen Kurden und Arabern prägt. Der Einfall der IS-Extremisten hat dieses Unbehagen verschärft: Gerade die Minderheit der sunnitischen Araber sehen jetzt viele im Land als Anhänger des IS.

Generalleutnant Sirwan Barzani, Geschäftstycoon und Neffe von Kurdenpräsident Masoud Barzani, drückt es im Interview so aus: «Schiiten und Sunniten können nicht zusammen leben. Wie kann man da von uns erwarten, dass wir mit ihnen leben können? Wir haben eine andere Kultur. Wir haben eine andere Mentalität. Wir wollen die Scheidung.»

  • Die Front
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Am zweiten Frontposten, kleiner als der Posten Rwala, haben die Peshmerga grosse Erdwälle aufgeschüttet und sich auf dem plattgebulldozerten Boden eingerichtet. Ein junger Mann in zivil verteilt Sonnenhüte und Wasser an die etwa zehn Soldaten. Bahtiyar (24) ist ein Student aus Berlin. Über Facebook lernte er einen anderen Deutsch-Kurden aus Braunschweig kennen und zusammen reisten sie zu den Peshmerga. «Ich will helfen», sagt Bahtiyar. «Diese Männer brauchen Ausrüstung. Deswegen haben wir Geld gesammelt, sind hierhergekommen und haben Sonnenhüte, Decken und Wasser gekauft. Etwas muss man tun, um die Peshmerga zu unterstützen. Sie sind im Irak die Einzigen, die sich dem IS am Boden entgegenstellen.»

Mike schätzt diese Art von Unterstützung von Freiwilligen. Genügend und gute Ausrüstung zu haben, sei von grosser Bedeutung für die Moral einer Truppe. Den ausländischen Front-Besuchern steht er dennoch skeptisch gegenüber. «Geldüberweisungen nützen den Peshmerga mehr als eine Reise hierher. Das Ministerium in Arbil weiss genau, was eingekauft werden muss. Zudem stört es die Eingespieltheit einer Truppe, wenn Fremde kommen und gehen.»

Die Frontposten

«Ich halte nichts von Kriegstouristen»

Freiwillige ausländische Kämpfer, wie sie im Kampf gegen den IS im Irak und in Syrien zuhauf anzutreffen sind, sind für den Vollblutsoldaten hingegen ein No-Go. «Sie sind ein Sicherheitsrisiko», sagt Mike. «Verstehen Sie mich richtig: Solange der Rest der Welt die Kurden im Kampf gegen die Terroristen nicht unterstützt, braucht es jede Hilfe. Doch ich halte nichts von Kriegstouristen. Zu wissen, wie man mit einem Gewehr schiesst, reicht nicht. Hier wird zurückgeschossen. Der kleinste Fehler kann für viele verheerend sein.»

Natürlich gäbe es unter den ausländischen Kämpfern auch sehr gut ausgebildete Leute. «Aber es gibt auch die, die vor ihrer Vergangenheit davonrennen. Die daheim wegen Vergewaltigung oder Totschlags verurteilt wurden. Ich hörte von einem vorbestraften Amerikaner, der bis vor kurzem mit den Peshmerga kämpfte. Er soll sogar ein Implantat mit Vampirzähnen tragen. Solche Leute unterhöhlen die Sache. Wir bekämpfen bereits Vergewaltiger und Mörder in den Reihen des IS, und dieser Kampf muss glaubwürdig bleiben.»

Die Dämmerung zieht herauf. Die Peshmerga, zuvor noch träge im Schatten sitzend, versammeln sich zur Besprechung. Mike drängt zum Aufbruch. Er will nicht, dass wir noch hier sind, sollten nach Einbruch der Dunkelheit Kämpfe beginnen. Wie gefährlich es abseits der Front sein kann, werden wir noch erfahren.

Der Angriff

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Zurück im Stützpunkt
Die Lichter von Makhmur funkeln unterhalb der Anhöhe, die Front liegt ruhig im Dunkeln. Ein Dutzend Peshmerga sitzen bei noch immer weit über 38 Grad im Innenhof, ein jeder mit seinem Handy beschäftigt. Als Mike dazustösst, scharen sie sich um ihn. Sie sprechen einige Brocken Englisch, er etwas Kurdisch. Einige spielen ihm unter Gelächter Handyvideos vor: Raufereien mit dem übergewichtigen Koch des Stützpunkts, in die Luft ballernde Grossmütter. «I love these guys», sagt Mike. Gerade für die jüngeren Peshmerga seien die Videos, Witze und das Gelächter ein Ventil für die erschütternden Erfahrungen in diesem Krieg.

Einer präsentiert Aufnahmen von blutenden IS-Kämpfern auf der Ladefläche eines Pick-ups. Bei einem IS-Propaganda-Video werden die Mienen ernst. Es soll aus Mosul stammen. Ein schwarz verhüllter IS-Henker stösst Drohungen gegen Kurdenpräsident Barzani aus. Er nähert sich einem starr geradeaus blickenden, am Boden knienden Peshmerga-General. «Er weiss, was kommen wird», flüstert Rawan, ein junger Peshmerga und Übersetzer, und alle nicken.

Arabische Kehllaute dringen plötzlich aus einem eingeschalteten Funkgerät. «Das sind sie», erklärt der 23-Jährige. «Das sind die IS-Kämpfer in den umliegenden Dörfern.» Was sagen sie? Rawan grinst: «Der eine funkt seinem Kollegen im Nachbardorf, dass er ihn vermisst.»

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Mörser auf Makhmur

Am nächsten Morgen wollen wir den Oberbefehlshaber über die kurdischen Streitkräfte an der Makhmur-Front in seinem Hauptquartier zum Interview treffen. Najat Ali Salih gilt unter vielen Peshmerga als Legende, obgleich sein Ruf etwas ramponiert wurde, als der IS seine Männer im letzten Jahr aus Makhmur vertrieb. Plötzlich, aus dem Nichts, ein gewaltiger Knall, weit entfernt wirbelt in der steinigen Wüste eine Säule aus Sand auf. «Was war das?», fragen wir. Eine zweite Explosion beantwortet die Frage: Der IS schiesst mit Mörsern.

Aufgeregte Stimmen tönen aus dem Funkgerät. Ein drittes Geschoss schlägt wenige hundert Meter rechts von der Strasse ein. Im Auto wird uns etwas mulmig. «Auf was schiessen die denn?», wollen wir wissen. «Wahrscheinlich auf das Hauptquartier von General Najat», sagt Mike. Das Interview mit dem General entfällt, wir sehen noch, wie sein Van aus dem Tor des Hauptquartiers Richtung Front rast. Wir fahren nach Makhmur.

Im Laden an der Hauptstrasse sind die Angriffe Thema Nummer eins. «Wir haben alle Angst», erzählt Ishamd (7). «Doch wir vertrauen auf die Peshmerga, sie beschützen uns. Aber ich verstehe nicht, wieso die Amerikaner jetzt nicht gekommen sind.» Er meint die Unterstützung aus der Luft, die die Kurden anfordern können. Doch dafür war dieser Angriff eine Nummer zu klein, «Geplänkel» hatte es der Peshmerga Amir Nader Mostafa beim Frontbesuch genannt.

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«Bush war gut»

Die Angriffe gehören zum Alltag von Makhmur, sagt Englischlehrer Ziyad Rafeek (58). «Alle acht bis zehn Tage schiesst der IS auf uns. Wir beklagen immer wieder Tote.»

Dass das Städtchen noch immer beschossen werde, daran sei US-Präsident Barack Obama schuld, sagt der grauhaarige Lehrer: «Obama ist ein schwacher Präsident. George W. Bush war gut, einer, der Entscheidungen traf.» So sehen das die meisten hier.

Die Konflikte zwischen den Sunniten und Schiiten gingen weit zurück, erklärt Lehrer Rafeek weiter. «Die Amerikaner sind nicht schuld, dass wir gegen den IS kämpfen müssen. Doch die USA versuchen sich als Richter aufzuspielen und ergreifen Partei.» Er räumt ein, dass die Luftschläge der Anti-IS-Koalition im Kampf gegen den IS wichtig seien. «Für uns Kurden ist das gut. Ich bin sicher, dass wir noch zu einem guten Verbündeten für die ganze Region werden.» Der Irak, davon ist der 58-Jährige überzeugt, werde nie mehr vereint. Träumt er von einem Grosskurdistan? «Natürlich. Ich bin für ein grosses Kurdistan mit Syrien und der Türkei. Aber nur Schritt für Schritt und nicht um jeden Preis.» Auch mit dieser Meinung steht der Englischlehrer nicht allein da.

Wir erfahren, dass eine der IS-Granaten ein Haus im Ort getroffen hat. Als wir dort ankommen, steht die fünfköpfige Familie verstört davor. In der Mauer, die das Haus umgibt, klafft ein riesiges Loch. Das Küchenfenster ist zerborsten, auch ein Fenster im oberen Stock. «Wenn die Angriffe zunehmen, müssen wir wohl nach Arbil gehen», sagt Familienvater Achmed (34). Die Kinder stehen verschreckt herum, die Mutter versucht, ihre Tränen zu verbergen. Ein Peshmerga, der uns begleitet, tröstet den kleinen Buben der Familie, ohne grossen Erfolg. Der Kleine steht unter Schock, schaut mit weit aufgerissenen Augen um sich.

Karte

«Jetzt gibt es in Makhmur keine Araber mehr»

Zwei Jugendliche schlendern vorbei, begutachten den Schaden am Haus. «Das Leben hier hat sich verändert», meint Sarawr (14). «Vorher war es besser, da gab es keinen IS.» Sein Kollege Shmao (15) widerspricht: «Nein, jetzt ist es besser, denn jetzt gibt es in Makhmur keine Araber mehr. Sie verübten immer wieder Selbstmordanschläge.»

Auch das belegt: Die sunnitischen Araber sind in Makhmur und im gleichnamigen, kurdisch dominierten Distrikt mittlerweile unerwünscht. Viele sind nach der Flucht vor dem IS nicht mehr in ihre Heimatdörfer zurückgekehrt, die grösstenteils an der Frontlinie liegen. Sie sind zu Flüchtlingen im eigenen Land geworden. Der Krieg gegen den IS wurde zum Anlass genommen, um in den ohnehin lange umstrittenen Gebieten kurdische Fakten zu schaffen. Andererseits kommt es immer wieder zu Zwischenfällen, wo die Teile der sunnitischen Bevölkerung den vorrückenden Peshmerga in den Rücken fallen und mit dem IS zusammenarbeitet. Es herrscht tödliches Misstrauen, hüben wie drüben.

Der Krieg ist in Makhmur allgegenwärtig: Einschusslöcher, halbzerstörte Gebäude, leere Gassen. Vor einem Jahr entführte der IS Mädchen aus Makhmur, auch das ist hier unvergessen. Darauf angesprochen, treten einem älteren Herr Tränen in die Augen. Es seien zwei Mädchen gewesen, nicht einmal 17 Jahre alt, die der IS letztes Jahr mit einem Car geholt habe. «Jetzt sind sie wohl in Raqqa, in der so genannten Hauptstadt dieser Tiere», sagt er bitter. «Die Ärmsten wären besser tot.»

Angriff

Sarawar (14) und Shmao (15) aus Makhmur.

Der Kampf der Kurden

Giftgas-Attacke aus der IS-Stadt
Die Lokalnachrichten berichten vom Angriff auf Makhmur und das umliegende Gebiet. Insgesamt sieben Mal habe der IS aus der Umgebung der rund 80 Kilometer entfernten Stadt Hawija gefeuert, heisst es. Die Stadt am Fluss Zab, einem Nebenfluss des Tigris, ist mit ihren mehrheitlich sunnitischen 450'000 Einwohnern fest in IS-Hand. Sie liegt genau vor den Toren der umkämpften Erdölmetropole Kirkuk. In Käfigen vorgeführte Peshmerga-Kämpfer, aufgehängte Soldaten, erschossene Familien, die vor dem IS flüchten wollten – die Schreckensmeldungen aus Hawija reissen nicht ab. Ebenso wenig wie die Angriffe der IS-Kämpfer aus dieser Stadt: Nur einen Tag später kommt in Makhmur eine Frau bei einem Raketenangriff ums Leben. «Die Angriffe an der 120 Kilometer langen Makhmur/Gwer-Front nehmen zu», erklärt uns Generalleutnant Sirwan Barzani später. «Es gibt es jeden Tag Angriffe durch Mörser und Katjuscha-Raketenwerfer.»

Angriff

IS-Selbstmordattentäter rasen auch mit solchen Wagen in die Frontposten.

Keine Woche später schiesst der IS erneut Mörser- oder Artilleriegranaten auf die Frontabschnitte bei Makhmur. Diesmal mit Giftgas, Senf- oder Chlorgas, wie vermutet wird. Niemand wurde ernstlich verletzt. Experten befürchten, dass das nur «Tests» sind und der IS in der Handhabung von Chemiewaffenbeständen aus der Zeit Saddam Husseins schnell Fortschritte machen wird.

Angriff

Aufgehängte Leichen am Checkpoint vor der IS-Stadt Hawija.

Die Kurden

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«Wir danken Europa»
1200 Peshmerga sind im Krieg gegen den IS gefallen. Zwischen Herbst 2014 und Herbst 2015 wurden rund 6000 von ihnen in den Kämpfen gegen die Terroristen verletzt. 59 Peshmerga sind in den Händen des IS, ihr Schicksal ist ungewiss.

«Wir Peshmerga verteidigen nicht nur Kurdistan oder den Irak gegen den IS, sondern die ganze Welt», sagte General Ali Surchi, in dessen Stützpunkt wir übernachteten.

Das klingt bei Generalleutnant und Geschäftstycoon Sirwan Barzani etwas anders, als er uns vor dem Abflug zum Interview empfängt. Mit der Unterstützung aus der Luft habe man die Extremisten grösstenteils aus dem Nordirak vertrieben, allein in der Region Gwer seien 90 Prozent der Dörfer wieder unter Kontrolle der Peshmerga.

Die Kurden

Die Kurden sind das weltweit grösste Volk ohne Staat – wobei es «die» Kurden gar nicht gibt. Es gibt 30 und 40 Millionen Kurden im Irak, in Syrien und in der Türkei. Die drei Hauptdialekte ähneln dem Persischen. Die Mehrheit der Kurden gehört dem sunnitischen Islam an. Die ethnisch-sprachliche Identität steht meist stärker im Vordergrund als die Religion. Das hat auch mit dem Traum vom eigenen Staat zu tun. «Kurdistan» nennen Kurden ihr historisches Siedlungsgebiet. Das Kurdengebiet im Irak ist formal kein eigener Staat, hat aber de facto eine eigene Armee.

«Wir danken Europa, wir danken unseren Koalitionspartnern. Alles, was bis heute getan wurde, ist aussergewöhnlich. Der IS ist geschwächt, doch er bleibt gefährlich.» Barzani wiederholt, was wir an der Front hörten: «Wir brauchen dringend mehr moderne Waffen am Boden, um dem IS vor allem an der irakisch-syrischen Grenze weiter Paroli bieten zu können.»

Es brauche panzerbrechende Waffen, Munition, Technik und Know-how bei der Minenräumung und Schutzmaterial gegen Chemiekampfstoffe. «Unsere Munitionslager leeren sich», sagt Barzani.

«Forderungen absolut verständlich»

Sind die neuen Waffenforderungen der Kurden berechtigt? Ja, finden Irak- und Sicherheitsexperten. «Die Peshmerga hatten immer das Problem, kein schweres Material zu haben. Dass sie mehr davon möchten, ist absolut verständlich», sagt Guido Steinberg, Experte für islamistischen Terrorismus. Wenn es der Westen ernst meine mit dem Kampf gegen den IS, seien Waffenlieferungen ein richtiger Weg: «Nur ein offensiver Schritt mit angemessen bewaffneten Truppen bringt letzten Ende etwas gegen eine Terrorgruppierung.»

Die Forderungen der irakischen Kurden stossen bei den Koalitionspartnern nicht auf taube Ohren: Deutschland prüft, ob es neben den bereits gelieferten 20'000 Gewehren, 60 panzerbrechenden Abschusssystemen und 200 Panzerfäusten im Wert von 13 Millionen Euro erneut Waffenhilfe leisten kann.

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Ein Restunbehagen bleibt: Niemand weiss, wo die gelieferten Waffen ankommen, eingesetzt und später landen werden. Es gebe keine Anhaltspunkte, dass die Kurden ihr Versprechen nicht einhielten und Waffen an Dritte weitergeben würden, beruhigen Deutschland und die USA. Medienberichte, wonach Waffen an Kämpfer der in der Türkei verbotenen Arbeiterpartei PKK gegangen seien, bestätigten sich nicht.

Letztlich lautet das Gebot der Stunde: Vertrauen haben in die Kurden, die bislang verlässlichsten Partner in der Region. «Als sich der IS 2014 im Irak ausgebreitet hat und dabei mit aller Brutalität vorgegangen ist, waren es vor allem die Kurden, die Widerstand geleistet haben», sagt Roland Popp, Sicherheitsexperte an der ETH Zürich. «Aus moralischer Sicht kann ich es deswegen verstehen, dass man die Kurden mit Waffen versorgen will. Es gibt ein Recht auf Selbstverteidigung. Das ist in diesem Fall gegeben, auch wenn es politisch sehr schwierig ist.»

«Stiefel ohne Schuhbändel aus Bagdad»

Eine enorme Belastung ist die Beziehung zur irakischen Zentralregierung. General Barzani bestätigt mehr oder weniger, was Peshmerga-Ausbildner Mike sagte: «Von den internationalen Waffenlieferungen haben bisher nur wenige die Front erreicht.» Das Material bleibe in Bagdad hängen, wo es von korrupten Beamten weiterverkauft werde. «Dann gibt es auch Schikanen: Die Peshmerga erwarteten einmal eine Ladung Kampfstiefel aus Bagdad. Die kamen auch – ohne Schuhbändel.»

General Barzani drückt es diplomatischer aus: «Bis heute gibt es immer wieder Schwierigkeiten mit der Regierung in Bagdad, obwohl die Peshmerga Teil der irakischen Armee sind.» Tatsächlich fährt Bagdad gegenüber Arbil einen ambivalenten Kurs: Einerseits will es die Kurden nicht mit guten Waffen ausrüsten, weil diese bei einem möglichen Zukunftskonflikt um die Unabhängigkeit von Kurdistan gegen die Zentralregierung verwendet werden könnten. Andererseits braucht Bagdad die – im Gegensatz zur irakischen Armee – hoch motivierten Peshmerga im Kampf gegen den IS. Gerade beim längst anstehenden Sturm auf Mosul sollen diese mithelfen.

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Der IS im Irak 2015

«Ich gebe zu viel Geld aus»

Kommt hinzu, dass Bagdad dem Nordirak wegen Streitereien um Ölexporte immer wieder den Geldhahn zudreht, indem es die Mittel aus dem nationalen Budget nicht auszahlt. Eine Folge: Die Peshmerga erhalten keinen Sold. «Im Juni erhielten sie den Januar-Lohn. Seither haben sie kein Geld aus Bagdad gesehen. Das sind Männer mit Jobs, die freiwillig zu ihren Schichten an der Front erscheinen und kaum noch verdienen», sagt General Barzani. Der Geschäftstycoon finanziert deswegen vieles an der 120 Kilometer langen Makhmur/Gwer-Front aus der eigenen Tasche, «wie andere gute Generäle auch», wie er betont. «Gewehre, Unterkünfte, Material, Kleidung, Essen. Ich gebe zu viel Geld aus.» Er hofft, dass Bagdad den Peshmerga auf Druck der USA mehr Mittel zur Verfügung stellen wird. «Wir warten.»

Der Krieg geht ans Geld. Umso mehr, weil die Lage derzeit stagniert. Die Peshmerga konnten zwar die Kontrolle über das Sinjar-Gebirge zurückgewinnen und den IS in Kirkuk zurückdrängen, doch die sunnitisch dominierte Metropole Mosul ist weiterhin fest in der Hand der Extremisten.

Bewegung gibt es seit Juni auf keiner Seite. General Ali Surchi von der Makhmur/Gwer-Front sagte im Interview dennoch: «Wir verfolgen eine zunehmend offensive Taktik. Denn jetzt sind uns der Gegner und seine Kampfweisen vertraut.»

Die Kurden

Die beiden altgedienten Peshmerga-Generäle Sirwan Barzani und Ali Surchi an der Makhmur/Gwer-Front.

Vision vom eigenen Land

Doch der General und Politiker weiss um die desolate Lage im Rest des Landes. Bagdad konnte Tikrit erobern, hat aber Ramadi an den IS verloren. «Es gibt Versuche der irakischen Regierung, Ramadi wiederzuerobern oder auch Faludscha einzukesseln», sagt Sicherheitsexperte Popp. Doch wie sich die Versuche in militärische Erfolge umsetzen lassen, ob man die stark geschwächte irakische Armee oder kampfkräftige schiitische Milizen in solchen sunnitischen Hochburgen einsetzt – das ist nur einer der unzähligen delikaten Zankäpfel der Zentralregierung.

Das Land ist zerrissen, verschiedenste Gruppierungen und Stämme streiten über konfessionellen Gräben um Land und Einfluss, und der IS herrscht weiter über riesige Wüstenflächen im Westen und Teile des kriegsversehrten irakischen Zentralgürtels.

Der vereinte Irak scheint Illusion geworden, gleichzeitig ist für die irakischen Kurden die Vision eines unabhängigen Kurdenstaats noch nie so nahe gerückt. Sie nutzen die Gunst der Stunde, indem sie sich in den zwischen Kurden und Arabern lang umstrittenen Gebiete in der ölreichen Kirkuk-Region ausbreiten.

Darüber hinaus ist kein grösserer kurdischer Expansionshunger zu erwarten, da sind sich die Experten Steinberg und Popp einig. Oder in den Worten von General Surchi: «Alle Gebiete von Kurdistan unterstehen jetzt dem Schutz der Peshmerga – auch die Millionen Flüchtlinge, die aus dem ganzen Land zu uns gekommen sind, seien es Araber, Jesiden oder Turkmenen. In die arabischen Gebiete wollen wir nicht vordringen, weil wir keine Probleme zwischen Kurden und Arabern schaffen wollen.»

Stifte, Waffen und Pudding

Im «Kurdistan» von General Surchi, einem hohen Funktionär der KDP (Kurdistan Democratic Party), gibt es derzeit genügend weitere Probleme: autoritäre Strukturen, Behördenkorruption und einen tief in die Gesellschaft reichenden Streit zwischen den beiden Parteien KDP und PUK (Patriotic Union of Kurdistan), der sich in den 1990er-Jahren zu einem traumatisierenden Krieg in der autonomen Region ausgewachsen hatte und bis heute in den Reihen der Peshmerga weiterschwelt.

In den Büros von General Surchi und Generalleutnant Sirwan Barzani sind jeweils zwei Fahnen zu finden – eine irakisch rot-weiss-schwarze und die rot-weiss-grüne der autonomen Region Kurdistan. Wann wird nur noch die Kurdenflagge hier hängen? «Natürlich ist ein unabhängiges Kurdistan unser Ziel. Wir wollen es aber nicht mit Gewalt durchsetzen. Verhandlungen brauchen viel Zeit», sagt Ali Surchi. Ähnlich klingt Sirwan Barzani: «Wir wollen für unseren alten Traum lieber mit dem Stift als mit der Waffe kämpfen. Der Irak als Staat mag zwar auf einem Grund stehen, der so fest ist wie Pudding. Doch jetzt geht der Kampf gegen den IS vor.»

Zerstrittenheit als Merkmal

Zwischen den irakischen, türkischen und syrischen Kurden herrscht aus ideologischen Gründen immer wieder Zerstrittenheit. Doch allein auch bei den irakischen Kurden, deren autonomes Gebiet seit 2005 in der irakischen Verfassung anerkannt ist, stehen sich zwei verfeindete Parteien gegenüber: die Demokratische Partei Kurdistans (KDP) und die Patriotische Union Kurdistans (PUK). Mitte der 1990er-Jahre brach zwischen ihnen ein Krieg aus, den die Kurden Birakujî (= Brudermord) nennen. Tausende starben.

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«Alle Gebiete von Kurdistan unterstehen jetzt dem Schutz der Peshmerga »

Team

Autorin: Ann Guenter
Videos: Roland Schäfli
Umsetzung: Stefano Paccagnella
Fotos: Ann Guenter / Rawand Mziri / Peshmerga

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