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Unschuldig im Knast

Vom Paradies in die Hölle

von Roman Neumann
Der Schweizer Ludwig Pereira wird im August 2014 verhaftet – zweieinhalb Jahre nachdem ein Kanadier ermordet aufgefunden worden war. Monatelang schmort er in Untersuchungshaft in Panama City. Eine Geschichte über einen Mann, dessen Vertrauen in die Justiz und die Schweiz bis in die Grundfesten erschüttert ist.

Und alle Hoffnung war verflogen: Wozu noch weiterkämpfen? Ludwig Vico Pereira, geboren am 19. Juli 1958, aufgewachsen in Basel, erwägt, sich den Schädel einzuschlagen. Dann wäre es überstanden.

Mit dem Kopf durch die Wand.

Wie sein Mithäftling, der seinen Schädel aus kurzer Distanz gegen die Gefängniswand rammte. Einem Fussballspieler beim Kopfball gleich, dieselbe Körperspannung. Einmal, zweimal, immer stärker, bis er zusammenbrach und sie ihn rausschleppten.

Er schreibt seinem Anwalt ein SMS. Wenn er, tippt Pereira ins Gerät, nicht in 48 Stunden draussen sei, bringe er sich um.

11 Monate später sitzt Pereira, drahtig, kariertes Hemd, in einem Café in Basel. Manchmal weicht er ins Spanische aus, wenn ihm die schweizerdeutschen Wörtern nicht mehr einfallen. Er bestellt ein Sinalco.

Erinnert er sich an die Zeit im Gefängnis, wird seine Stimme rau, sein Blick glasig. Dann scheint er tiefer einatmen zu wollen, als seine Lunge erlaubt. Als wolle er die Fesseln sprengen, die seine Brust zuschnüren und ihn – noch immer – gefangen halten.

Der Mord

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In Panama nennen sie ihn Luis. Oder El Suizo. Ludwig, das kommt dort keinem über die Lippen. Die Schweiz ist ihm zu eng. Zu klein. Zu kalt. Zu reguliert. Vor Jahrzehnten zieht er weg. Verdient sich seinen Lebensunterhalt mit Immobiliengeschäften zuerst in der Dominikanischen Republik, dann in Panama.

Dort lebt Edmund Moynan, nur Ed genannt, 68-jährig, reich, ein Lebemann mit lauter Stimme, verheiratet seit 27 Jahren. Einer, der schnell Freundschaften knüpft – aber ebenso schnell verliert. Ed redet gerne, trinkt gerne, liebt gerne.

Man kommt ins Geschäft, freundet sich vorsichtig an. Pereira wickelt für ihn einige Immobiliendeals ab. Bei einem neuen Projekt fragt er Moynan, ob er einsteigen wolle, 125‘000 Dollar braucht er. Ed zahlt, doch der Deal ist noch nicht unter Dach und Fach. Weitere 160‘000 Dollar fehlen.

Im November 2012 hat der 22-jährige Sohn von Pereira in der Schweiz einen Unfall. Er kauft sich sofort ein Flugticket, obwohl der Immobilien-Deal noch nicht abgeschlossen ist. Mit Ed vereinbart er, am Abend vor dem Abflug noch einmal zu telefonieren. Doch Ed geht nicht mehr ans Telefon.

Pereira fliegt in die Schweiz. Tage später erhält er einen besorgten Skype-Anruf von Moynans Frau.
Wo ist Ed?
Pereira ist ratlos.
Ob er wohl nach Panama City gefahren ist?
Pereira ist beunruhigt.

Er kehrt nach Panama zurück. Ein Zettel an seiner Tür, von der Polizei. Alle Nachbarn werden befragt, auch er. Ed bleibt verschwunden. In dessen Wohnung findet sich seine zerbrochene Brille, aber kein Abschiedsbrief, nichts. Keine Zeugen. Die Polizei ermittelt, befragt die Nachbarn. Zwei Nachbarn werden verhaftet, kurze Zeit später aber wieder freigelassen. Moynans Familie hängt Suchplakate auf. 1000 Dollar schreibt sie für Hinweise aus.

1000 Dollar! Lächerlich, sagt Pereira. Alle im Dorf haben den Kopf geschüttelt. Sogar mein Hund wäre mir mehr wert als das.

Ein halbes Jahr später, im März 2013, finden Parkwächter in einem nahegelegenen Nationalpark Ed Moynan. Sein stark verwester Körper weist eine Schusswunde im Kopf auf.

«Sogar mein Hund wäre mir mehr wert als das»

Die Verhaftung

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8. August 2014. Zwei Jahre sind seit dem Auffinden der Leiche vergangen. Sie passen ihn vor einem Einkaufszentrum ab: Sechs Beamte, Pistolen im Halfter, er müsse mitkommen, der Staatsanwalt wolle ihn sehen. Warum? Nur ein bisschen reden, danach könne er wieder gehen.

Handschellen klicken.

Die Polizisten fahren mit ihm im Auto herum, eine Irrfahrt, sechs Stunden lang. Es ist Freitagabend, kein Staatsanwalt wird ihn heute noch sehen. Er kriegt Panik, sein Herz rast. Sie fahren zu einem Doktor. Er erhält Beruhigungsmittel.

Im Haftbefehl wird später stehen, dass er verdächtigt werde, Edmund Moynan umgebracht zu haben, deshalb sei eine provisorische Verhaftung anzuordnen. Er habe das Land nach dem Mord verlassen, es bestehe Fluchtgefahr. Gezeichnet: Der Staatsanwalt. Er wird auf Interpol zur Fahndung ausgeschrieben – dabei ist Pereira längst wieder im Land.

Das Gefängnis

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Um 3 Uhr morgens landet Pereira im Untersuchungsgefängnis von Panama City. Es ist die Nacht des 9. Augusts 2014. Der Knast ist ein Loch, ein dreckiger, überfüllter Raum, ohne Tageslicht. 90 Männer sitzen und liegen hier drin, quetschen sich in den Zellengängen aneinander, es stinkt bestialisch, die Luft ist stickig. Die Wände sind mit Namen der lokalen Gangs vollgekritzelt, mit Parolen, mit Hakenkreuzen. Für 90 Häftlinge existiert eine Toilette, deren Spülung nicht funktioniert.

Pereira legt sich an den einzigen freien Platz. Neben die Toilette.

Am Morgen werden in Fett gebackene Weissmehlfladen in Kübeln gebracht. Dazu schwarzer kalter Kaffee. Die Meute prügelt sich darum. Pereira, schwach und eingeschüchtert, hält sich raus. Noch immer weiss er nicht, warum er im Gefängnis sitzt. Telefonieren darf er nicht.

Er bittet einen Mithäftling der im Knast das Sagen hat, um ein Telefongespräch. Der, ein Boss einer Drogengang, hat ein Handy. Das Gespräch dauert drei Minuten und kostet 100 Dollar – zu überweisen an einen Mittelsmann. Wer beim Telefonieren erwischt wird, wandert in die Sonderzelle. Pereira alarmiert seine Schwester. Sie überweist das Geld ins Nirgendwo.

Ab jetzt geht schief, was nicht schiefgehen darf.

Seine Schwester spricht kein Spanisch. Der erste Anwalt kennt das Strafrecht nicht und kostet 10’000 Dollar. Die Familie häuft Schulden an. Tage verstreichen. Ein weiterer Anwalt wird kontaktiert, der eine Vorauszahlung verlangt. Er zieht sich zurück, nachdem sein Honorar von 80‘000 Dollar nicht bezahlt werden kann. Niemand hilft.

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Man ist so hilflos, man fühlt sich so allein gelassen, sagt die Schwester.
Ohnmächtig, sagt Pereira.
Eine heile Welt ging kaputt, sagt die Schwester.

Der Schweizer Honorarkonsul in Panama besucht Pereira im Gefängnis. Seit sechs Tagen liegt er im Dreck, in den gleichen Kleidern. Toilettenartikel sind ein Luxus, den er nicht hat.
Zu essen gibt es kalten Reis mit Bohnen. Die Dusche spuckt schmutziges Wasser. Neue Insassen werden dort missbraucht.

«Eine heile Welt ging kaputt»

Pereira, mittlerweile seit Wochen drin, wird krank. Hohes Fieber. Als er bewusstlos wird, kommt er zum Gefängnisarzt. Den Staatsanwalt hat er noch immer nicht gesehen. Man hätte mich nach 48 Stunden anhören müssen, sagt er. So stehe es im Gesetz.

Herr Pereira, wie hält man das aus?
Etwas ist zerbrochen in mir, weint er.

Im Gefängnis verhält er sich instinktiv richtig. Einer der Häftlinge, ein alter Hase, sagt über ihn: «El Suizo, der weiss, wie man überlebt.» Unauffällig bleiben. Keine Feinde machen. Aber auch keine Freunde.

Dass er einen Mann umgebracht haben soll, wissen sie. Es stand in den Zeitungen. Es kümmert keinen. Pereira erklärt: Wenn du in den Knast kommst, spielt es keine Rolle, wie viele Männer du umgebracht hast. Aber wenn du eine Frau angerührt hast...

«Wenn du in den Knast kommst, spielt es keine Rolle, wie viele Männer du umgebracht hast»

Einmal bringen die Wärter einen jungen Mann herein. Ein Neuer. Er soll eine Frau vergewaltigt haben, heisst es. Die Häftlinge fallen über den armen Teufel her, brechen ihm die Knochen. Überall Blut.

Diese Schreie.
Pereira weint stumm.

Er vegetiert im Gefängnis vor sich hin. Spricht kaum, liegt nur herum. Versucht, sich zu schützen, wenn Schlägereien ausbrechen. Die anderen Häftlinge lassen ihn in Ruhe, empfinden so etwas wie Mitleid.

Die Freiheit

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Länger als ich, sagt Pereira, war keiner drin. Er habe Häftlinge kommen und gehen sehen. Nur er blieb. Richtete sich in einer Ecke ein. Normalerweise, sagt er wütend, normalerweise verbringt man einige Tage im Untersuchungsgefängnis. Danach folgt eine Anhörung und man wird in ein richtiges Gefängnis gebracht. Ich nicht. Ich blieb fast sechs Monate drin.

Mittlerweile haben seine Schwestern ein neues Anwaltsteam engagiert. Auch das verlangt 80'000 Dollar. Die Anwälte schreiben eine Beschwerde an den Oberstaatsanwalt. Fordern Beweise. Belege. Indizien. Zeugen. Fordern eine Untersuchung. Irgendwas, was die Inhaftierung rechtfertigen würde.

Pereira bleibt auch Weihnachten 2014 im Loch. Danach schreibt er das SMS an seinen Anwalt. Sein Leben, schreibt er, ist ihm nichts mehr wert.

Plötzlich wird der Staatsanwalt, der den Haftbefehl unterschrieben hatte, durch seine Chefin entlassen. Ungereimtheiten, Korruption.

Jetzt geht es schnell.

Pereira kommt am 15. Januar frei und steht mit wackligen Beinen vor dem Gefängnis. Seine Muskeln sind vom ständigen Liegen geschwächt.

Dieser Moment, sagt er. Dankbarkeit wie nie zuvor.
Freude, auf einem Stuhl sitzen zu können.
Glück, eine Mahlzeit von einem Teller mit Besteck essen können.
Und das Bett erst!

Das Gericht hält danach offiziell fest: «Es war nicht möglich, den Beschuldigten mit dem Verbrechen in Verbindung zu bringen.» Er werde provisorisch für unschuldig erklärt. Zudem habe ein Zeuge den Ermordeten nach der Abreise von Pereira noch bei einem Einkaufszentrum gesehen. Ludwig Pereira ist nach 22 Wochen Gefängnis frei.

Er reibt erschöpft seine Augen. Das bestellte Sinalco hat er immer noch nicht angerührt.

Der Jäger

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Damals, im August 2014, als bei Pereira die Handschellen klickten, stand ein Mann im Hintergrund und beobachtete die Szene. Carlos Sanad, Anwalt. Er ist Anwalt, Privatermittler und verteidigt Polizisten vor Gericht, wenn diese im Dienst die Waffe einsetzen mussten.

Ich hätte Pereira selbst verhaftet, stand mit Pistole und Handschellen schon bereit, diktiert er später den Medien. Sanad, grobschlächtig, Glatze, posiert auf Fotos gerne mit Waffen, Uniformen und Frauen. Am liebsten aber mit Waffen.

«Man hätte nur richtig ermitteln müssen»

Nur wenige Tage, nachdem ihn die Familie Moynan aus Kanada angeheuert hat, wird Pereira verhaftet. Kaum sitzt Pereira im Gefängnis, steckt der Anwalt den Medien, dass der Hauptverdächtige im Fall Moynan geschnappt sei. Die Schlagzeile geht um die Welt.

Welche Rolle spielten Sie in diesem Fall, Herr Sanad?
Sanad will nicht telefonieren. Er sendet ein E-Mail. Er sei, schreibt er, von der Familie Moynan eingesetzt worden und habe nach Überprüfung des Falles schnell gemerkt, dass der Staatsanwalt noch wichtige Punkte verbessern müsse. Dass es zwei Jahre dauerte, um Pereira zu verhaften sei der wuchernden Korruption im Lande geschuldet.

Bedauerliche Fehler in der Untersuchung seien gemacht worden, schreibt Sanad. Der Staatsanwalt habe nicht richtig ermitteln wollen. Die Kriminaltechniker seien nicht genügend geschult.

Halten Sie Pereira entgegen der Meinung des Gerichts immer noch für den Mörder, Herr Sanad?
Ja, er ist schuldig.

Man hätte nur richtig ermitteln müssen, der Staatsanwalt hätte alle Beweise anerkennen müssen. Überhaupt, in der Zwischenzeit seien neue Beweise aufgetaucht.

Welche neuen Beweise?

Carlos Sanad reagiert nicht mehr.

Die Schweiz

1Der Mord 2Die Verhaftung 3Das Gefängnis 4Die Freiheit 5Der Jäger

Ludwig Pereira ist vor allem eines: bitter enttäuscht. Natürlich, über den Staatsanwalt; natürlich, über die unfähige Justiz in Panama. Aber die Schweiz, das Schweigen des EDAs, das nagt an ihm.

Allein gelassen hat man uns, sagt die Schwester. Ich wusste nicht, wer mir hätte helfen können.

Dreimal sei er während seiner Haft von einem Honorarkonsul besucht worden, klagt Pereira. Warum pochte dieser nicht darauf, dass ich innert 48 Stunden angehört werde? Warum intervenierte das EDA nicht? Überlässt man einen Schweizer in Not einfach so seinem Schicksal?

Verbittert sei er. Menschenunwürdig, was die Schweiz getan habe.

Das EDA will keine Fragen zum konkreten Fall beantworten. Nur so viel: Herr Pereira sei im Rahmen des konsularischen Schutzes betreut und mehrmals im Gefängnis besucht worden.

Was hätten Sie erwartet, Herr Pereira?
Hilfe. Unterstützung, sagt er. Warum verlangt das EDA nicht nach konkreten Gründen zu meiner Verhaftung bei der Justiz in Panama? Warum empfiehlt es der Familie nicht einen seriösen Strafrechtsanwalt? Gehört das nicht zu den Aufgaben einer Botschaft?

Das EDA schreibt dazu: «Das EDA muss bei Hilfeleistungen im konsularischen Schutz die Souveränität und die Rechtsordnung des Empfangsstaats beachten. Daher kann es insbesondere nicht Haftentlassungen erwirken oder in Gerichtsverfahren intervenieren. Es urteilt zudem nicht über Schuld oder Unschuld; auch kann es keine Schadenersatzforderungen für seine Bürgerinnen und Bürger geltend machen.»

Pereira ist das zu wenig. Es wäre, sagt er, das Mindeste gewesen, wenn ihm das Konsulat Medikamente und Vitaminprodukte ins Gefängnis gebracht hätte. Heute plagen ihn Depressionen und posttraumatischer Stress. Und immer wieder diese Albträume. Er nimmt täglich Medikamente. Sertralin, Quetiapin, Alprazolam.

Er ist zurück nach Panama gereist, hat der Schweiz den Rücken gekehrt. Zurück ins Land, das ihn ins Gefängnis gesteckt hat.

Herr Pereira, haben Sie keine Angst?
Ich bin besorgt, sagt er. Aber ich will zurück zu meiner Freundin, zu meinen Freunden und Bekannten. Und ich will gegen das Justizverbrechen kämpfen, um von Panama eine Entschädigung zu erhalten.

Er lacht bitter.
Von der Schweiz kann ich schliesslich keine Hilfe erwarten.

«Überlässt man einen Schweizer in Not einfach so seinem Schicksal?»

Team

Autor: Roman Neumann
Fotos: ZVG, Facebook, Keystone

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