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05. März 2017 09:21; Akt: 05.03.2017 09:21 Print

Der Schweizer «Mister E»

Sébastien Buemi ist Formel-E-Pilot der ersten Stunde und schloss die letzte Saison gar als Weltmeister ab. Was, ausser Strom, treibt den 28-jährigen Waadtländer sonst noch zu Höchstleistungen an?

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Die Boliden rauschen fast lautlos an den Zuschauern vorbei, und eine Akkuladung reicht noch nicht mal für die Dauer eines 50-Minuten-Wettkampfs, weshalb es in der Rennmitte zum Fahrzeugwechsel kommt. Und das soll Motorsport sein? Was wurde gespottet, als 2014 die erste Saison der Formel E in Peking startete! Sébastien Buemi, von Anfang an als Fahrer des Renault e.dams Team dabei, kann die Skepsis nachvollziehen – gerade, was den Sound angeht. «Aber das ist nun mal die Zukunft», meint er. «Das sieht man ja auch in der Formel 1, wo die V6-Turbos deutlich weniger Lärm produzieren als die früheren V8- und V10-Triebwerke.» Die rasante Entwicklung der Meisterschaft – von einer skurrilen Randerscheinung zum regelrechten Hype mit grosser Werks- und prominenter Fahrerbeteiligung in nur drei Saisons – überrascht aber selbst ihn. «Ich hätte nie gedacht, dass die Formel E so schnell so professionell werden würde.»

Tatsächlich scheint für Autohersteller mit E-Ambitionen kein Weg mehr an der Rennserie vorbeizuführen. Renault, Citroën-DS, Audi, BMW, der indische Mahindra-Konzern und Jaguar sind bereits an Bord, und wenn ab 2018 leistungsstärkere Batterien den Fahrzeugwechsel hinfällig machen, werden es noch viel mehr sein. Der Imagefaktor ist enorm: Dank der geringen Lärm- und Umweltbelastung darf die Meisterschaft inmitten pulsierender Metropolen wie Hongkong, Berlin und New York stattfinden. Sie erreicht damit nicht nur eingefleischte Motorsportfans, sondern potenziell jeden. Und, Ökobilanz-Einwände beiseite, darf sie auch für sich in Anspruch nehmen, den Übergang zur fossilfreien Mobilität zu beschleunigen. Denn keine andere Plattform sagt so klar und überzeugend: Emissionsloses Fahren bedeutet nicht Verzicht, es bedeutet Adrenalin, Spannung, Drama!

Der Technologietransfer, aus dem der Rennsport seit jeher seine Berechtigung bezieht, findet auch in der Formel E statt. «Mehr als in der Formel 1», betont Buemi, der es als Testpilot für Red Bull Racing wissen muss: «Die Entwicklungsarbeit, die in den Abtrieb eines Formel-1-Rennwagens investiert wird, findet ihren Weg niemals in die Serie.» Das Reglement der Formel E biete den Herstellern dagegen eine echte Chance, ihre Erkenntnisse für Strassenautos zu nutzen, weil die Aerodynamik aufgrund von Einheitschassis gegeben ist, während an Antriebsstrang und Batterie – den wichtigsten Komponenten eines E-Autos – getüftelt werden darf. «Motoreffizienz, Materialien und Akku-Management sind Themen, die auch einen Renault Zoe betreffen», erzählt er.

Ganz im Gegensatz zum Entwicklungstempo der Meisterschaft ist der Speed auf der Strecke mit höchstens 225 km/h eher verhalten. Dass die Monoposti lediglich 880 Kilo wiegen und 350 Kilo davon auf die hinter dem Fahrer platzierte Batterie entfallen, spricht allerdings für sich. «Einfach sind die Autos nicht zu fahren», bestätigt Buemi: «Die hecklastige Auslegung sorgt manchmal für Unruhe, und die Allwetterreifen bauen weniger Grip auf als Slicks.» Hinzu komme die Herausforderung, beim Bremsen möglichst viel Energie zurückzugewinnen und beim Sprinten möglichst wenig zu verbrauchen. Bei den Hybrid-Rennern der Langstrecken-WM – Buemi fährt in dieser prestigeträchtigen Serie schon seit 2012 für Toyota mit –, sei dies aber nicht viel anders. Ob sein Formel-E-Dienstwagen Renault Z.E. 16 auch in Sachen Fahrspass mit dem Le-Mans-Renner mithalten kann? Der Romand kommt ins Grübeln. Was die Kurvengeschwindigkeiten angehe, sicher nicht. Andererseits sei es toll, mitten in einer Stadt fahren zu können, gegen die besten Fahrer der Welt. «Grundsätzlich mag man ja vor allem das, bei dem man am erfolgreichsten ist», fügt er lachend hinzu.

Insofern hegt Buemi für die Formel E eine grosse Liebe – insbesondere nach der Enttäuschung, die er im letzten Sommer in Le Mans erfuhr, als sein Toyota mit sicherem Sieg vor Augen drei Minuten vor Rennende stehen blieb. Den Formel-E-Thriller im Titelkampf gegen Lucas di Grassi im Abt-Audi konnte er 2016 dagegen für sich entscheiden, und auch in der aktuellen, noch bis Ende Juli laufenden Saison ist er gut unterwegs. Was der 28-Jährige besser macht als Konkurrenten wie Nick Heidfeld oder Teamkollege Nico Prost? «Es steckt kein Geheimnis dahinter», antwortet er: «Ich habe ein tolles Team und ein tolles Auto, zu dem mein Fahrstil passt. Letztlich ist es immer eine Kombination.» Dass er im vergangenen Jahr Vater eines Sohnes wurde, habe ihn hinsichtlich der vielen Crashs, die auf Stadtkursen nun mal passieren, nicht langsamer gemacht: «Es klingt schlimm, wenn ich das sage, aber während eines Rennwochenendes vergesse ich, dass ich Vater bin. Ich bin so fokussiert auf meinen Job, dass ich alles andere ausblende.» Der einzige Unterschied gegenüber früher: «Wenn ich zu Hause bin, kriege ich weniger Schlaf.»

Privat ist Sébastien Buemi übrigens nicht elektrisch unterwegs.
«Noch nicht», wie er betont – schliesslich würden wir alle irgendwann Elektroautos fahren. Bislang betrage die Reichweite des Renault Zoé trotz Update auf 300 Kilometer aber noch zu wenig für seine regelmässigen Langstreckenfahrten, weshalb er lieber mit seinem Mégane R.S. oder einem von Toyota zur Verfügung gestellten Lexus unterwegs sei. Und auch auf der Rennstrecke mag er noch nicht auf Verbrennungsmotoren verzichten. «Ich möchte unbedingt Le Mans gewinnen», sagt er. Wenn er dieses Ziel erreiche plus ein zweites Mal den Formel-E-Titel gewinne, sei er glücklich. Mit Spannung erwartet er denn auch den Entscheid, ob es Zürich in den Rennkalender der elektrischen Meisterschaft schafft. Die Bewerbung liegt derzeit in London; die künftigen Austragungsorte werden im Juni bekannt. «Das würde mich als Schweizer Fahrer besonders stolz machen», so Buemi.

Alle wichtigen Infos zur Geneva International Motor Show findest du hier.

(nv)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Pack Man am 07.03.2017 14:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sumsum hat Zukunftspotenzial

    Gebt den Dingern einfach mal eine chance,die werden doch auch immer besser und schneller ect. Auch die Piloten müssen ja etwas drauf haben und wer weiss,vieleicht fährt da der nächste Weltmeister der Formel 1 jetzt schon mit;)

  • D.M. am 05.03.2017 13:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viel zu schlecht.

    Formel E ? Formel E ist das Auffangbecken für Fahrer die es in der F1 zu nichts gebracht haben...Ihr könnt mich Disliken wie Ihr wollt aber das ist sie nackte Wahrheit oder hat jemand von den Fahrern einen GP gewonnen ? Eben.

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  • andreas thommen am 05.03.2017 09:49 Report Diesen Beitrag melden

    ein guter Fahrer aber...

    das Problem ist nur, dass diese "Elektrowägelchen-Rundfahrten" absolut niemanden interessiert....

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Pack Man am 07.03.2017 14:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sumsum hat Zukunftspotenzial

    Gebt den Dingern einfach mal eine chance,die werden doch auch immer besser und schneller ect. Auch die Piloten müssen ja etwas drauf haben und wer weiss,vieleicht fährt da der nächste Weltmeister der Formel 1 jetzt schon mit;)

  • D.M. am 05.03.2017 13:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viel zu schlecht.

    Formel E ? Formel E ist das Auffangbecken für Fahrer die es in der F1 zu nichts gebracht haben...Ihr könnt mich Disliken wie Ihr wollt aber das ist sie nackte Wahrheit oder hat jemand von den Fahrern einen GP gewonnen ? Eben.

    • Pack Man am 05.03.2017 13:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @D.M.

      Hört,hört oder besser sumsum.Wird halt noch nicht soviel Lärm darum gemacht,wie in der Königsklasse,stinkt aber auch nicht so doll;)

    • Oliver am 06.03.2017 22:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @D.M.

      Ich finde hingegen die Formel E Rennen einiges spannender als die F1. Die Fahrer liegen näher beisammeb und selbst der Polefahrer kann wie auch Buemi passiert, 20 Meter vor dem Ziel stehenbleiben, wenn das Rennkonzept punkto Energieverbrauch nicht aufgeht. Und das eliminiert die finanzielle Überlegenheit einiger Teams wie in der F1 von Beginn her. Und das gefällt mir.

    • R.H. 1999 am 07.03.2017 08:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @D.M.

      Sie haben nicht unrecht. Jedoch war Buemi zur falschen Zeit in der Formel 1.

    • Pack Man am 07.03.2017 14:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @D.M.

      Sieh das doch mal positiv,DU könntest ja selber mitfahren.Vorrausgesetzt Du kannst fahren,halt nicht so gut wie die Jungs in der Formel 1.Sonst hätten wir ja schon von dir gehört,oder.Schumi hat doch auch mit Gocart angefangen,nichtwahr?!;)

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  • andreas thommen am 05.03.2017 09:49 Report Diesen Beitrag melden

    ein guter Fahrer aber...

    das Problem ist nur, dass diese "Elektrowägelchen-Rundfahrten" absolut niemanden interessiert....

    • Pack Man am 05.03.2017 10:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @andreas thommen

      Noch nicht;)

    • Wellendeller am 05.03.2017 10:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @andreas thommen

      Mich schon

    • E-Head am 05.03.2017 11:08 Report Diesen Beitrag melden

      E-Head

      Da täuscht du dich aber - seit Eurosport die Rennen überträgt kann man sie (meist) sogar Live verfolgen. Ob das Eurosport wohl nur für mich alleine macht....? Die Rennen sind äusserst spannend und sollten jeden (der nicht nur F1 toll findet....) Motorsportfän interessieren. Auf jedenfall mal einschalten!

    • antonzum am 05.03.2017 20:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @andreas thommen

      Denkste! Mich interessiert es wohl schon.

    • Oli am 06.03.2017 22:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @E-Head

      Kann ich zustimmen - bedingungslos. Schau mittlerweilen nur noch Formen E.

    • Pack Man am 07.03.2017 14:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @antonzum

      Wo kann ich so ein Rennen den mal anschauen?Bitte sei so nett und schreib zurück.Du bist ja auch ziemlich aktiv und schreibst oft bessere Kommentare wie ich.So werden vieleicht mehrere zum ersten mal auch schauen,was da so läuft/fährt;)

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