Ferrari der Woche

07. November 2017 04:41; Akt: 06.11.2017 09:11 Print

Was, bitt'schön, ist «Vetroresina»?

Als «Vetroresina» ist so ein Ferrari 308 GTB deutlich mehr wert. Aber warum eigentlich? Ein Erfahrungsbericht.

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Er wird dann schon ziemlich laut, so ab 4500/min. Und er ist ziemlich giftig im Ansprechverhalten, der 2,9-Liter-Achtzylinder. Gut, er wird von vier Weber-Doppelvergasern mit reichlich Lebenssaft versorgt, der mittig quer eingebaute Motor des Ferrari 308 GTB, den wir hier durch die Hügel des Berner Hinterlandes treiben. Unterdessen ist das Öl schön warm, es lassen sich auch alle Gänge schalten; zu Beginn der Tour ging es nur ungerade, 1 (unten links), 3, 5, die andern muss man gar nicht versuchen, die bringt man eh nicht rein (und der Rückwärtsgang will manchmal, manchmal aber auch nicht). Wenn man das liest, 227 PS bei 6400/min, maximales Drehmoment von 284 Nm bei 5000/min, über 1300 Kilo schon ohne Fahrer, dann erwartet man eigentlich nicht so viel, das kann heute ein anständiger Golf auch. Und dann geht das eben doch richtig gut , 6,1 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h gab Ferrari damals (optimistisch) an, eine Höchstgeschwindigkeit von 255 km/h.

Für Enzo Ferrari war immer klar gewesen: der Motor eines Automobils muss vorne sein. Schliesslich spannt man das Pferd ja auch nicht hinter den Wagen. Und eigentlich waren für ihn Fahrzeuge mit weniger als zwölf Zylindern so etwas wie Krüppel, man konnte sie nicht richtig ernst nehmen (genau so wie Aerodynamik etwas war für Hersteller, die keine Motoren bauen konnten). Doch über die Jahre, auch auf Anraten seines geliebten Sohnes Dino, beugte sich «il Commendatore» dem Willen seiner Ingenieure, liess auch kleinere Motoren konstruieren, sah ein, dass Renn- und Sportwagen mit Mittel- oder gar Heckmotor einfach schneller sind. Bei seinen Strassenautos blieb Enzo Ferrari aber lange störrisch - und das erste Serienauto mit Mittelmotor aus Maranello durfte dann auch den Namen Ferrari nicht tragen, sondern wurde als Dino bezeichnet.

Ein Fahrzeug von zeitloser Eleganz

Mitte der 70er Jahre war es dann aber doch so weit. Zuerst kam 1973 der 365 GT/4 BB mit Mittelmotor (dies aber immerhin noch mit zwölf Zylindern), 1975 wurde dann der Ferrari 308 GTB vorgestellt. Sowohl der 365er wie auch der 308er waren Entwürfe von Pininfarina, man sah auch auf den ersten Blick, dass der Achtzylinder (mit zwei obenliegenden Nockenwellen) der kleine Bruder des Zwölfenders war. Heute staunt man über die kompakten Masse des 308 GTB: Er ist nur gerade 4,23 Meter lang, 1,72 Meter breit und 1,12 Meter hoch. Und es war ein guter Wurf von Pininfarina: Während andere Mittelmotor-Fahrzeuge wie der Dino 308 GT4 (von Bertone, allerdings auch in 2+2-Konfiguration) oder der Lamborghini Urraco im Styling nicht besonders glücklich waren, schufen die Turiner mit dem kleinen Ferrari ein Fahrzeug von zeitloser Eleganz. Auch heute noch zieht der 308er Blicke auf sich - obwohl er in seiner ersten Version noch mit 14-Zoll-Rädern auskommen musste. Und nur einem Auspuff-Endrohr.

Ach, wie wunderbar es ist, einen solchen Wagen zu bewegen. Unser Exemplar stammt aus dem Jahr 1977 - und ist deshalb in verschiedener Hinsicht etwas Besonderes. Seine Karosse ist nämlich aus glasfaserverstärktem Kunststoff gefertigt. Von diesen frühen Versionen, unter Kennern als «vetroresina» bekannt, wurden je nach Quelle zwischen 400 und 600 oder auch 808 Stück bei Scaglietti gebaut. Doch der Aufwand mit diesem GFK-Aufbau über dem Gitterrohrrahmen war zu gross, zu teuer, der grosse Rest der bis 1980 gebauten 2897 308 GTB hatte dann eine profane Stahlkarosse. Selbstverständlich sind diese «vetroresina»-Modelle besonders gesucht, die Sammler zahlen bis zu 4 Mal mehr für diese Kunststoff-Ferrari als für die Stahl-Modelle. Gleichzeitig mit dem Stahl-308-GTB kam auch der 308 GTS auf den Markt, ein Targa mit herausnehmbarem Dachteil, von dem bis 1980 3291 Exemplare abgesetzt werden konnten. Die 308 GTBi/GTSi mit Bosch-K-Jetronic-Einspritzung waren dann nicht mehr ganz so erfolgreich wie ihre Vorgänger, was unter anderem daran lag, dass sie schwächer und folglich langsamer waren (bis 1983: 494 GTBi/1743 GTSi). Und sie hatten anstatt der aufwendigen, aus dem Rennsport stammenden Trockensumpfschmierung nur noch einen Nasssumpf.

Man schaltet wieder häufiger, gern mit Zwischengas

Unterdessen klacken die fünf Gänge schönst durch die Kulissenschaltung. Klar, wenn man sich die Drehmoment-Wände von modernen Turbos und Dieseln gewohnt ist, dann sind die 284 Nm maximales (und spitz zulaufendes) Drehmoment etwas öde. Doch man schaltet dann halt wieder öfter, gern mit Zwischengas (die Kupplung erfordert allerdings etwas Kraft), ein beherzter Tritt auf das Fahrpedal, dann geht das prächtig. Die Lenkung lässt an Präzision vermissen, aber daran gewöhnt man sich schnell, auch die Bremsen sind halt nicht das, was man sich von einem modernen Automobil gewohnt ist. Das Fahrverhalten mutet erstaunlich weich an, was aber sicher auch an den Reifen liegt, Ballon-Pneus im Vergleich zu den heutigen Niederstquerschnitt-Dingern. Von der sprichwörtlichen Giftigkeit der Mittelmotor-Sportagen haben wir auf unserer Ausfahrt nichts mitbekommen, aber man spürt halt schon, dass der Ferrari eine saubere Spur bevorzugt, dass es keinerlei elektronischen Helferlein gibt, die den klar übersteuernden 308 GTB dann auf der Spur halten würden. Und ja, weil es halt einen wunderbaren Lärm macht, ist man auch bei weitem nicht so schnell unterwegs wie man das Gefühl hat.

Unser «Vetroresina» ist in einem feinen Zustand, klar, gebraucht, sein ehemaliger Besitzer ist noch so manche Oldtimer-Rallye damit gefahren. Das Getriebe macht ein paar Geräusche, aber das ist auch gut so, so bleibt man aufmerksam, hört dem Wagen zu, spürt, wie er lebt, arbeitet. Die Bedienung ist so simpel, wie das einst halt war - man kann sich auf das Lenken, Schalten, Gasgeben und Bremsen konzentrieren. Und mehr braucht der Mensch zum vergnüglichen Autofahren bekanntlich nicht. Die Sitze sind bestens, bieten ausreichend Seitenhalt, sind auch auf längeren Strecken bequem - und das darf man sich in einem solchen Ferrari durchaus auch antun. Aber dann lieber über Pässe und Landstrassen, die Autobahn ist sein Ding nicht so, auch deshalb nicht, weil er gegen die modernen Längsdynamiker so alt aussieht, wie er halt ist. Viel Gepäck sollte man auf die Reise auch nicht mitnehmen, hinter dem Motor ist so etwas wie ein Schacht, aber da passt nicht viel mehr als ein Herrenhandtäschchen rein. Und vielleicht noch etwas Nachtwäsche für die Dame.

Dieser Ferrari 308 GTB «Vetroresina» wurde uns von der Oldtimergalerie in Toffen zur Verfügung gestellt. Er wird am 29. Dezember auf der «Classic Car Auction» in Gstaad versteigert. Mehr Ferrari gibt es immer auf www.radical-mag.com.

(pru)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • emf949 am 07.11.2017 07:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    308 GTB

    Ein Haufen Nachteile in dem sich verlieben kann.

  • Bruce am 07.11.2017 07:15 Report Diesen Beitrag melden

    Zwischengas!

    "Man schaltet wieder häufiger, gern mit Zwischengas" Das eh das einzig wahre Schalten! ;-) Sogar dann, wenn es gar nicht nötig ist. Den DSG-Quatsch spare ich mir.

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  • Langstreckenvollstrecker am 07.11.2017 07:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weiterentwicklung

    Echter Wahnsinn, wie sich die Auto-Technik weiterentwickelt hat. Heute werden diese Leistungswerte eines ehemaligen Supersportwagens von einem Familienkombi unterboten: 5er BMW Dieslkombi (und noch nicht mal der "stärkste") geht schneller von 0 auf 100 und ist nur dank Vmax Limiter etwa gleich schnell. Wahrscheinlich auch auf dem Nürburgring überlegen. Wie sagt Walter Röhrl so treffend: PS sind was für den Stammtisch, fahren tust Du mit dem Drehmoment...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • DN am 11.11.2017 06:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    richtige Übersetzung

    Vetroresina heisst richtig übersetzt Fiberglas....und ist somit kein schnöder 'Kunststoff'.

  • Magnum15 am 07.11.2017 15:30 Report Diesen Beitrag melden

    328GTS

    Rauscht wie beschrieben ueber's Land. Am liebsten faehrt mein 328GTS in den Backroads. Styling vom Ferrari absolut Top.

  • Autosammler am 07.11.2017 10:07 Report Diesen Beitrag melden

    Gewichter

    und wie gross war der Gewichts unterschied zwischen den Modellen

  • Bruce am 07.11.2017 07:15 Report Diesen Beitrag melden

    Zwischengas!

    "Man schaltet wieder häufiger, gern mit Zwischengas" Das eh das einzig wahre Schalten! ;-) Sogar dann, wenn es gar nicht nötig ist. Den DSG-Quatsch spare ich mir.

    • Rolf am 07.11.2017 07:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Bruce

      Völliger Blödsinn, was soll das bei einem synchronisierten Getriebe bewirken?

    • Tb am 07.11.2017 08:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Bruce

      Und bitte das Zwischengas und Zwischenkuppeln nicht vergessen!! Ich

    • Autosammler am 07.11.2017 10:09 Report Diesen Beitrag melden

      heute keine Wahl mehr

      leider bekommt man heute die guten Autos nicht mehr handgeschaltet. ich habe neu einen 911 Gt3, ich habe nur wegen dem Getriebe nicht die RS Version genommen die es nicht mehr manuell gibt

    • Bruce am 07.11.2017 13:42 Report Diesen Beitrag melden

      Die Auswahl ist noch da!

      @Autosammler: Toyota GT86, Subaru WRX, Nissan 370Z, Chevy Camaro, Aston Martin Vantage, Corvette Grand Sport, Lotus Exige etc. sind doch noch einige. Möglicherweise ist weniger die Auswahl als viel mehr der sprichwörtliche Tellerrand das Problem.

    • Point Man am 08.11.2017 11:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Rolf

      Es ist egal ob das Getriebe Synchroniesiert ist oder nicht. Bei Sportlicher Fahrweise ist Zwischengas ein Muss.

    • Burschi am 15.11.2017 06:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Rolf

      es bewirkt, dass das Getriebe ewig hält, da die Synchronringe kaum belastet werden

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  • emf949 am 07.11.2017 07:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    308 GTB

    Ein Haufen Nachteile in dem sich verlieben kann.