auto-schweiz

24. November 2017 05:15; Akt: 23.11.2017 22:29 Print

Rechtsvorbeifahren auf Autobahnen: Was lange währt…

von François Launaz - Bislang hat sich der Bundesrat gewehrt, doch nun stimmt er einer Motion aus dem Nationalrat zu, die das Rechtsvorbeifahren auf Autobahnen erlauben will. Das könnte rund fünf bis zehn Prozent mehr Kapazität auf den Schnellstrassen bringen.

storybild

Rechtsüberholen ist nicht gleich Rechtsvorbeifahren. (Bild: zvg)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Unsere Strassen sind voll: Über 24'000 Staustunden wurden im vergangenen Jahr alleine auf Nationalstrassen gezählt. Das kostet unsere Volkswirtschaft jedes Jahr rund 2 Milliarden Franken, ganz abgesehen von einer Menge Nerven. Da ist jedes Mittel recht, um die bestehende Infrastruktur besser auszunutzen. Auch deshalb wird bereits seit einiger Zeit über die Möglichkeit der Legalisierung des Rechtsüberholens diskutiert. In den USA beispielsweise ist dies erlaubt, weshalb das Vorbeiziehen auf der «falschen» Fahrbahn auch in vielen Ländern Europas ein Thema wurde. Bis heute gilt aber vielerorts das Wiener Abkommen von 1968, welches solchen Bestrebungen einen klaren Riegel schiebt. Dort heisst es: Wo normalerweise auf dem rechten Streifen gefahren wird, muss links überholt werden.

Doch was ist, wenn man auf einer Autobahn rechts an einem anderen Fahrzeug vorbeifährt und anschliessend nicht wieder auf die linke Spur wechselt? Diesen Vorgang nennt man «Rechtsvorbeifahren», ohne Überholen also. Das ist in der Schweiz grundsätzlich auf Autobahnen in gewissen Situationen erlaubt, beispielsweise beim Beschleunigen auf Einfahrten und auch beim Fahren in parallelen Kolonnen. Doch der Grat zwischen erlaubtem Rechtsvorbeifahren und verbotenem Rechtsüberholen ist sehr schmal.

Die Verunsicherung bei den Automobilisten ist gross

Die unsichere Rechtslage wurde einmal mehr deutlich, als ein Autofahrer vor rund zweieinhalb Jahren wegen eben jenes Rechtsüberholens verurteilt wurde. Er hatte auf der A1 bei Bern in einem dreispurigen Bereich von der äussersten linken auf die ganz rechte Fahrspur gewechselt, ohne zu beschleunigen. Anschliessend stockte der Verkehr auf den beiden linken Spuren, während der Automobilist auf der Normalspur mit konstanter Geschwindigkeit an mehreren Autos vorbeifuhr. Weil er dabei beobachtet wurde, bekam er eine Geldstrafe und eine Busse von zusammen fast 2'000 Franken aufgebrummt. Doch er zog das Urteil an das Bundesgericht weiter und wurde freigesprochen, denn die Richter sahen kein verbotenes Rechtsüberholen vorliegen, sondern nur ein Rechtsvorbeifahren, trotz des Spurwechsels zuvor. Seitdem herrscht sowohl bei Strafverfolgungsbehörden als auch bei vielen Automobilistinnen und Automobilisten grosse Verunsicherung.

Nun ist es also am Gesetzgeber, diese Unklarheiten in der geltenden Rechtslage zu beseitigen. Und der Bundesrat hat tatsächlich ein Einsehen mit den Strassenbenützern. Eine Motion des Aargauer Nationalrats und TCS-Vizepräsidenten Therry Burkart, die eine entsprechende Klarstellung fordert, hat die Regierung nun zur Annahme empfohlen. Immerhin hatten 46 Nationalräte und damit fast ein Viertel der Grossen Kammer den Vorstoss ebenfalls unterzeichnet. Der parlamentarische Druck war auch deshalb so gross geworden, weil es seit der Jahrtausendwende zahlreiche Anläufe von verschiedenen Nationalräten gegeben hatte, das Rechtsüberholen oder -vorbeifahren zu legalisieren. Allein der heutige ACS-Zentralpräsident Thomas Hurter war mit zwei Motionen vergebens angelaufen.

Der Bundesrat ist einmal mehr gefordert

So hoffen wir nun, dass der Bundesrat möglichst zügig eine exakte Definition dessen festlegt, was künftig auf unseren Autobahnen erlaubt ist und was nicht. Denn Rechtsvorbeifahren kann angesichts immer vollerer Schnellstrassen und langer Kolonnen auf der linken Spur zu einer besseren Ausnutzung der vorhandenen Infrastruktur führen. Schätzungen gehen von fünf bis zehn Prozent Kapazitätssteigerung aus. Dies stellt keinen Ersatz für dringend benötige Ausbauten dar. Aber wenn wir Autofahrer mit dem Mittel des Rechtsvorbeifahrens verantwortungsvoll umgehen, könnte es in der Tat zur Verbesserung des Verkehrsflusses beitragen – zu unser aller Wohl.

François Launaz, Präsident auto-schweiz, Vereinigung Schweizer Automobil-Importeure

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Pendler am 24.11.2017 05:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gesetz anwenden oder anpassen

    Entweder wird endlich das permanente Linksfahren geahndet und empfindlich gebüsst, die Rechtslage wäre gegeben, bis hin zum Ausweisentzug, oder man gibt alle Spuren zum überholen frei.

    einklappen einklappen
  • Mani Motz am 24.11.2017 07:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Endlich

    Ein Schritt in die richtige Richtung.

  • Besnik am 24.11.2017 08:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu langsam Fahren

    Lam Fahrer sind das Problem. Zu lang und zu langsam Fahren in mittlere Spur.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Stefan Klauser am 04.12.2017 15:34 Report Diesen Beitrag melden

    Schlimm!

    Die linke Spur scheint eine ausgesprochen hohe Anziehungskraft zu besitzen.

  • Automobilist am 29.11.2017 08:23 Report Diesen Beitrag melden

    Schneller Linksfahrer

    Ich bin sicher, wenn die auch hier in den Beiträgen häufig vorkommenden "bekennenden" Drängler neu auf allen Fahrspuren ihr Unwesen treiben können, kann es nicht besser werden mit den unfallbedingten Staus. Schon heute sind Auffahkollisionen auf den Autbahnen die häufigste Unfallursache. Die Mehrheit will scheinbar das recht Überholen, das akzeptiere ich natürlich. Gut muss ich es aber nicht finden.

  • Don Pollo am 27.11.2017 22:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Linksfahrer

    Ich wäre schon froh, wenn diese elenden Mitte-, Linksfahrer mal endlich von der Polizei gebüsst würden. Wozu brauchen wir drei Spuren, wenn doch nur zwei benutzt werden.

  • E.Müller am 25.11.2017 17:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aber..

    Wie in den USA müsste dann jedoch auch die maximale Höchstgeschwindigkeit reduziert werden, damit gefahrlos rechts und links überholt werden kann...

  • denk doch am 25.11.2017 14:33 Report Diesen Beitrag melden

    Perspektivenänderung

    Warum nicht mit Bussen für strikte Links- oder Mittelspurfahrer? DAS würde das Problem lösen