Matra-Simca Bagheera

16. September 2017 11:00; Akt: 16.09.2017 11:00 Print

Flotter Dreiplätzer aus Frankreich

Mehr Überhol-Prestige bot Mitte der 70er-Jahre kaum ein Auto seiner Preisklasse. Der Bagheera sah fast aus wie ein Maserati, war aber deutlich weniger teuer.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Eigentlich hätten wir den Matra-Simca Bagheera ja gern silber- oder noch besser gelb lackiert fotografiert. Schliesslich wurde der Mittelmotorsportwagen im Mai 1975 unrühmlich zum Empfänger der «Silbernen Zitrone» des ADAC gekürt. Dazu hatte eine 1,55 Meter lange Mängelliste geführt, in der ein Besitzer seinen eigentlich noch neuwertigen Wagen mit allen seinen Fehlern dokumentierte. Doch unser Fotoauto ist goldfarbig. Ein gutes Omen? Schliesslich hatte ja alles so gut angefangen damals!

1969 startete das Projekt als M 550, 1973 wurde der Bagheera dem staunenden Publikum vorgestellt: ein Grossseriensportwagen mit drei Sitzen, Mittelmotor und eleganter Fastback-Karosserie aus Kunststoff. Unter der Polyesterbeplankung gab es ein Stahlgerippe, unter der Heckklappe drehte der Motor aus dem Simca 1100, respektive Simca Rallye 2, der mit Weber-Vergasern auf 84 PS gebracht wurde. Die Räder waren ringsum einzeln aufgehängt, verzögert wurde mit Scheibenbremsen.

Begeistert empfangen

Die Autojournalisten waren begeistert, bestätigten dem Coupé eine Spitze von über 185 km/h und zeitgemässe Ökonomie. Und es waren viele Tests, die damals veröffentlicht wurden, kaum ein Magazin liess sich die Fahrt im flachen Sportwagen entgehen.

Am Erfolg konnte kaum gezweifelt werden, doch dann holten einige Unterlassungssünden den schicken Franzosen ein. Verarbeitungsmängel und fehlender Rostschutz am Stahlblech-Gerippe sorgten für Undichtigkeiten und Unzuverlässigkeit. Dass man an den Motor kaum herankam, machte die Sache noch schlimmer.

Viele Bagheera-Besitzer litten unter den Problemen, einen traf es aber besonders schlimm: Axel Bier aus Berlin. Er stellte den Wagen schliesslich nach 10 Monaten ein, um das Ergebnis der Schlichtungsverhandlung vor Gericht abzuwarten. Er war kein Einzelfall, aber auch andere Hersteller, darunter Volkswagen und Ford, hatten damals riesige Qualitätsprobleme. Für den Bagheera aber war die negative Presse verheerend, die Verkaufszahlen sackten ab.

Viele Jahre später

Fast 44 Jahre alt ist der goldfarbene Matra-Simca, der uns zur Probefahrt einlädt. Man sieht ihm die Jahre nicht an, was sicherlich daran liegt, dass die bisherigen Besitzer dem Dreisitzer einiges an Unterhalts- und Restaurierungsarbeiten angedeihen liessen.

Der Einstieg erfolgt problemlos und man lässt sich in den weich gepolsterten Fahrersitz fallen. Instrumente und Schalter sind komplett um das unten abgeflachte Kunststoff-Lenkrad, das sich so gummiartig anfühlt, gruppiert. Dass Matra mit Flugzeugen Erfahrung hatte, beweist ein Blick auf die Hauptinstrumente, die einen eher an Höhenmeter und künstlichen Horizont erinnern als an Drehzahlmesser und Tachometer. Wo sonst werden die Drehzahlen denn schon vierstellig angezeigt?

Ergonomisch geht die Einrichtung aber in Ordnung, die zwei Beifahrer haben viel Raum nach vorn, sollten aber nicht zu breit sein, wenn man bei 1,43 Metern Innenbreite wirklich zu dritt sitzen will.

Der flache Sportwagen lenkt behände ein und umrundet Kurven mit relativ geringer Seitenneigung, obschon dafür kaum Komfort geopfert werden muss. Trotz wenig Hubraum macht der Bagheera richtig Laune und man versteht, dass er den Händlern 1974 fast aus den Händen gerissen wurde. An Prestigewert war der Kunststoff-Dreisitzer damals kaum zu schlagen, und auch heute noch fällt der goldene Sportwagen auf wie ein bunter Hund.

Weitere Informationen und viele Bilder zum Matra-Simca Bagheera gibt es auf www.zwischengas.com.

(jcg)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • leser am 16.09.2017 12:59 Report Diesen Beitrag melden

    bin positiv überrascht

    wow ... tolles Design für die damalige Zeit. und mal richtig viele Informationen und gute Fotos. diesmal ein wirklich gelungener Artikel.

    einklappen einklappen
  • emf949 am 16.09.2017 13:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Matra : glorreiche Geschichte und unrühmliche Ende

    Baghera, Murena, Espace und Avantime. Viele gute Ideen aber katastrophale Industrialisierung. Die Karosserie aus Plastik macht immer einen guten Eindruck aber darunter steckt das Rost.

  • Dani am 16.09.2017 23:29 Report Diesen Beitrag melden

    Ja, Früher

    Die Dreierbank bot Platz für so manches...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Gino am 17.09.2017 21:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Trotzdem toller Wagen

    Hatte auch einen, nur fünf Monate lang, kostete mich viel Lehrgeld, aber war trotzdem eine "geile" Karre.

  • 123 GT am 17.09.2017 10:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Polyester vs. Stahl

    Der Fahrer eines gelben Bagheera hat in den frühen 1980er Jahren seinen Wagen gegen das Heck meines an einer roten Ampel stehenden Volvo einem Härtetest unterzogen. Der Volvo hat gewonnen und fährt heute noch ;-)

  • küro am 17.09.2017 08:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schöner wagen

    war ein tolles auto, aber nicht ganz billig im unterhalt. würde ihn aber sofort wieder kaufen, war halt nicht der übliche einheitsbrei.

  • Ken-Guru am 17.09.2017 07:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Debakel ohne Ende

    So eine Gurke hatte ich mir als Neulenker 1984 auch gebraucht gekauft. Der Bagheera wurde von meiner Werkstatt des Vertrauens, gleich als Debakel entlarvt und ich habe den Wagen nach wenigen Wochen verschrotten lassen, da man ihn nicht mit gutem Gewissen hätte weiterverkaufen können. So viel Geld, habe ich vorher und nachher nie mehr mit einem Fahrzeug in den Sand gesetzt, zum Glück.

    • Börsianer am 17.09.2017 16:55 Report Diesen Beitrag melden

      @Ken-Guru

      Wenn Du heutzutage Geld in den Sand setzen möchtest, muss Du nur eine Gurke auf Wolfsburg kaufen.

    einklappen einklappen
  • D aus Z am 17.09.2017 00:21 Report Diesen Beitrag melden

    Mein erstes Auto...

    Mein erstes Auto war ein Bagheera. Ich habe den Wagen Ende der 80er so im Alter von 20 Jahren für CHF 3500 gekauft. Das Auto hatte immer wieder Defekte, stand oft in der Werkstatt - aber er punktete mit seiner Optik, dem Sound und einem einem showmässig einmaligen Auftritt der so manchen Blick auf sich zog...:-)